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Aktueller Online-Flyer vom 23. September 2019  

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Globales
Wie wird die Geschichte Mahmoud Abbas beurteilen?
Ein Führer ohne Ruhm
Von Uri Avnery

Zum ersten Mal bin ich Mahmoud Abbas Anfang 1983 in Tunis begegnet. Ich wusste, dass er in der PLO-Führung für israelische Angelegenheiten zuständig war. Die PLO-Delegierten Said Hamami und Issam Sartawi, mit denen ich seit 1974 in ständigem Kontakt stand, sagten mir, dass er die Leitung habe. Bei meinem ersten Treffen mit Jasser Arafat in Beirut während der Belagerung war er jedoch nicht anwesend.

 


Mahmoud Abbas
NRhZ-Archiv

 

Ich kam damals mit General Matti Peled und Jaakow Arnon nach Tunis und gehörte zu einer offiziellen Delegation des Israelischen Rates für israelisch-palästinensischen Frieden, den wir 1975 gegründet hatten. Vor dem eigentlichen Treffen mit Arafat wurden wir gebeten, uns mit Abu Mazen (so wird Abbas genannt) zu treffen und mit ihm über unsere Ideen zu sprechen, um Arafat dann einen einverständlichen detaillierten Vorschlag zu unterbreiten. Genauso wurde auch bei den vielen Treffen verfahren, die noch folgen sollten.
Abu Mazen war ganz anders als Arafat. Arafat war extravagant, spontan und extrovertiert. Abu Mazen ist eher verschlossen, introvertiert, vorsichtig und sorgfältig. Mein erster Eindruck war, ich hätte einen Schulmeister vor mir.
Als Arafat (wie ich glaube) ermordet worden war, gab es offenbar zwei Kandidaten für seine Nachfolge: Mahmoud Abbas und Farouk Kaddoumi. Beide gehörten zur Gründergeneration der PLO. Kaddoumi war weit extremer: Er glaubte nicht, dass Israel jemals Frieden schließen werde, und er bewunderte das syrische Regime von Hafez al-Assad. Die Führung der PLO wählte Abbas. 
ALS ABBAS die „Macht“ (in Anführungsstrichen) übernahm, fand er sich in einer fast unmöglichen Situation wieder.
Arafat hatte die Stellung der Palästinensischen Behörde unter der Besetzung durch Israel als kalkuliertes Risiko hingenommen.
Zuerst einmal glaubte er Jitzchak Rabin, wie wir alle es taten (und wie ich ihm riet). Wir alle glaubten, dass Rabin auf dem besten Weg war, einen palästinensischen Staat neben Israel zu akzeptieren. Innerhalb von fünf Jahren sollte der Staat Palästina zu einer Tatsache werden. Damals konnte niemand den Mord an Rabin, die Feigheit Schimon Peres’ und den Aufstieg Benjamin Netanjahus vorhersehen.
Rabin hatte sich zuvor schon dem Druck seiner „Sicherheitschefs“ gebeugt und wichtigen Teilen der Oslo-Vereinbarung eine Absage erteilt, darunter der freien Passage zwischen dem Westjordanland und dem Gazastreifen.
In diese Situation kam Abu Mazen: Rabin war tot, die Oslo-Vereinbarung war nur noch ein Schatten ihrer selbst und das Besatzungs- und Siedlungsunternehmen war in vollem Gange.
Von Anfang an war es eine fast hoffnungslose Aufgabe: eine zweifelhafte Autonomie unter Besetzung. Gemäß dem Oslo-Handel, der längstens fünf Jahre gelten sollte, war der größere Teil des Westjordanlandes („Gebiet C“) unter direkter und vollständiger Kontrolle Israels und die israelische Armee durfte auch in den beiden anderen Gebieten („A“ und „B“) operieren. In Oslo war zusätzlich ein weiterer Rückzug Israels vorgesehen, der jedoch niemals ausgeführt wurde.
Die unter diesen Umständen abgehaltenen palästinensischen Wahlen führten zu einem Sieg der Hamas. Dazu trug auch die Konkurrenz zwischen den Kandidaten der Fatah bei. Als Israel und die USA die Hamas daran hinderten, die Macht zu übernehmen, nahm die Hamas den Gazastreifen mit Gewalt ein. Die israelische Führung war voller Schadenfreude: Die alte römische Maxime divide et impera erfüllte sehr gut ihren Zweck.
Seitdem haben alle israelischen Regierung alles in ihrer Macht Stehende getan, um Abbas an der „Macht“ zu halten und ihn gleichzeitig zu einem bloßen Handlanger herabzuwürdigen. Die Palästinensische Behörde, die anfänglich als Embryo des palästinensischen Staates gedacht war, wurde jeder wirklichen Autorität beraubt. Ariel Scharon nannte Abu Mazen ein „gerupftes Hühnchen“. 

WENN MAN SICH die extreme Gefahr der Situation Abu Mazens klarmachen will, braucht man sich nur an den letzten historischen Präzedenzfall von Autonomie unter Besatzung zu erinnern: an Vichy.
Als die Deutschen im Sommer 1940 Nordfrankreich überrannten und Paris besetzten, ergaben sich die Franzosen. Frankreich wurde in zwei Teile geteilt: Der Norden mit Paris kam unter direkte Besetzung der Deutschen, dem Süden war Autonomie zugesprochen worden. Der greise Held des Ersten Weltkrieges Marschall Henri Petain wurde zum Führer des nicht besetzten Gebietes ernannt. Zu dessen Hauptstadt wurde die Provinzstadt Vichy erklärt.
Ein einziger französischer General widersetzte sich der Ergebung. Charles de Gaulle floh mit einer kleinen Gruppe von Anhängern nach London. Dort versuchte er die Franzosen durch Radiosendungen zum Widerstand anzustacheln. Die Wirkung war unerheblich.
Gegen alle Erwartungen setzten die Briten den Krieg fort („Gut also, dann eben allein!“) und das deutsche Regime in Frankreich wurde unvermeidlich immer strenger. Geiseln wurden hingerichtet, Juden deportiert, Vichy wurde zunehmend ein Synonym für Kollaboration mit dem Feind. Allmählich gewann die Resistance an Boden. Am Ende marschierten die Alliierten in Frankreich ein, die Deutschen besetzten das Gebiet von Vichy und wurden besiegt, de Gaulle kehrte als Sieger zurück. Petain wurde zum Tode verurteilt, jedoch nicht hingerichtet.
Die Meinungen über Petain waren und sind noch immer geteilt. Einerseits hatte er Paris vor der Zerstörung bewahrt und das französische Volk vor vielen Grausamkeiten der Nazis geschützt. Nach dem Krieg erholte sich Frankreich schnell, während andere Länder in Schutt und Asche lagen.
Andererseits wird Petain von vielen als Verräter betrachtet, als ehemaliger Held, der während des Zweiten Weltkrieges mit dem Feind kollaborierte und Kämpfer der Resistance und Juden den Nazis ausliefert. 

NATÜRLICH können unterschiedliche historische Situationen nicht miteinander gleichgesetzt werden. Israelis sind strenge Besatzer, aber sie sind keine Nazis. Abu Mazen ist ganz gewiss kein zweiter Petain. Aber in einigen Punkten kann der Vergleich doch zutreffen.
Wenn man eine Politik beurteilen will, kann man die Frage stellen: Welche Alternativen gibt es?
Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass der palästinensische Widerstand alle möglichen Formen erprobt hat und sich alle als fehlerhaft erwiesen haben.
Anfänglich träumten ein paar Palästinenser von zivilem Ungehorsam im indischen Stil. Er hatte überhaupt keinen Erfolg. Palästinenser sind keine Inder und die Besatzungsarmee, die kein wirksames Gegenmittel gegen zivilen Ungehorsam hat, schoss einfach und zwang damit die Palästinenser, zur Gewalt zu greifen.
Gewalt hatte keinen Erfolg. Die israelische Seite ist militärisch unendlich überlegen. Mit Hilfe von Informanten und Folter werden regelmäßig  palästinensische Untergrundzellen enttarnt, die letzte in dieser Woche.
Viele Palästinenser hoffen auf eine Intervention der internationalen Gemeinschaft. Die wurde von aufeinander folgenden US-Regierungen verhindert, denn diese dienten alle - auf Verlangen des jüdischen Establishments in den USA - der Besetzung. Sympathisanten der palästinensischen Sache, z. B. die internationale Boykott-Bewegung (BDS), sind viel zu schwach, als dass sie daran etwas ändern könnten.
Die arabischen Länder können sehr gut Erklärungen abgeben und Pläne vorschlagen, aber die wenigsten sind bereit, den Palästinensern auf irgendeine wirksame Weise beizustehen.
Was bleibt da übrig?  Verzweifelt wenig. 

ABU MAZEN glaubt – oder tut so, als glaubte er – an die Möglichkeit eines „internationalen Drucks“. Viele israelische Friedensaktivisten, die an ihrem eigenen Volk verzweifelt sind, kamen zu demselben Schluss.
Mit sehr viel Geduld sammelt Abbas allmählich Punkte bei der UNO. In dieser Woche wurde die palästinensische Fahne neben den Fahnen der Mitgliedsstaaten am UNO-Hauptquartier gehisst. Das hebt zwar den Nationalstolz der Palästinenser (Ich erinnere mich an ein ähnliches Ereignis in unserer eigenen Vergangenheit), aber wirklich geändert hat es gar nichts.  Vielleicht hofft Abbas auch, dass der zunehmende Gegensatz zwischen Präsident Obama und Ministerpräsident Netanjahu die Amerikaner dazu bringen wird, das nächste Mal, wenn eine Resolution gegen die Besetzung herauskommt, kein Veto dagegen einzulegen. Ich zweifele jedoch daran, dass das geschehen wird. Aber wenn es geschieht, wird die israelische Regierung eine solche Resolution einfach ignorieren. Dasselbe wird geschehen, wenn es Abbas gelingt, einige israelische Offiziere wegen Kriegsverbrechen beim Internationalen Strafgerichtshof zu verklagen. Israelis glauben nur an „Tatsachen vor Ort“.
Ich vermute, Abu Mazen weiß das alles. Er versucht Zeit zu gewinnen. Er versucht einen gewaltsamen Aufstand zu verhindern, von dem er glaubt, dass nur die Besatzung davon profitieren wird, da dann die von den Amerikanern trainierten palästinensischen „Sicherheitskräfte“ zur Zusammenarbeit mit der Besatzungsarmee eingesetzt würden. Das könnte in den Abgrund führen.
Er hat nur einen Trost: Die Hamas-Regierung im Gazastreifen ist offenbar zum selben Schluss gekommen und hält nun so etwas wie einen Waffenstillstand ("hudna") mit Israel. 

EINER DER Hauptunterschiede zwischen jüdischen Israelis und Arabern ist ihre Haltung hinsichtlich der Zeit. Jüdische Israelis sind ihrem Wesen nach ungeduldig, Araber sind nur allzu geduldig. Araber bewundern das Kamel, das ein Tier mit unendlicher Geduld ist. Die Araber haben eine sehr lange Geschichte, während die Israelis fast gar keine haben.
Ich vermute, dass Abu Mazen glaubt, dass den Palästinensern zum jetzigen Zeitpunkt wenig zu tun übrig bleibt. Deshalb verfolgt er eine Politik der Schadensbegrenzung: die Besetzung aushalten, gewaltsame Auseinandersetzungen, bei denen die Palästinenser unterliegen würden, vermeiden und abwarten, dass sich die Situation ändert. Diese Art Strategie liegt den Arabern; sie wird „sumud“ genannt.
Die Besetzung ist jedoch nicht einfach nur vorhanden. Sie ist aktiv und nimmt den Arabern das Land weg, um rücksichtslos israelische Siedlungen zu bauen und zu erweitern.
Auf die Dauer ist es eine Schlacht des Willens und der Ausdauer. Wie schon gesagt wurde: eine Schlacht zwischen einer unaufhaltsamen Kraft und einer unnachgiebigen Masse. 

WIE WIRD die Geschichte Abbas beurteilen?
Das zu entscheiden ist noch viel zu früh.
Ich glaube, dass er nicht weniger, als es Arafat war, ein wahrer Patriot ist. Aber er ist in Gefahr, gegen seinen Willen in eine Petain-ähnliche Situation hineinzuschlittern.
Ich glaube auf keinen Fall, dass er korrupt ist oder dass er eine kleine Klasse von Bonzen repräsentiert, die unter und von der Besatzung reich werden.
Die Geschichte hat ihn in eine Situation versetzt, die faktisch unmöglich ist. Er zeigt großen Mut bei dem Versuch, sein Volk unter diesen Umständen zu führen.
Es ist keine ruhmreiche Rolle. Dies ist keine Zeit für Ruhm.
Die Geschichte wird seiner vielleicht als eines Mannes gedenken, der unter katastrophalen Umständen sein Bestes getan hat.
Ich für meinen Teil wünsche ihm jedenfalls alles Gute. (PK)

 

Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein neues Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ hat eine unserer Mitarbeiterinnen für die NRhZ rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Buches und von Avnerys Artikeln aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie hat auch ein neues eBuch bei Amazon veröffentlicht: "Ira Chernus, Amerikanische Nationalmythen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft". Alle ihre Bücher findet man unter http://www.amazon.com/s/ref=nb_sb_noss?url=search-alias%3Daps&field-keywords.
http://ingridvonheiseler.formatlabor.net

 

 

 

 



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