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Aktueller Online-Flyer vom 19. November 2017  

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Kommentar
Solange die USA Israel beschützen, kann es tun, was ihm gerade einfällt
Der Zauberlehrling
Von Uri Avnery

Man kann es sich aussuchen: Benjamin Netanjahu ist entweder unglaublich schlau oder unglaublich dumm. Nehmen wir einmal die Iranpolitik. Tatsächlich haben wir keine große Auswahl. Netanjahu hat keine andre Politik. Nach ihm stellt der Iran für Israel eine tödliche Gefahr dar. Wenn er eine Atombombe bekommt, was Gott verhüten möge, dann wird er sie benutzen, um Israel zu vernichten. Das muss mit allen Mitteln verhindert werden, vorzugsweise durch eine bewaffnete Intervention Amerikas. Das mag zwar falsch sein (wie ich glaube), aber es ist logisch. Was hat Netanjahu also getan?


 
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JAHRELANG beunruhigte er die Welt. Jeden Tag schickte er den Schrei aus: Rettet Israel! Verhindert die Zerstörung des jüdischen Staates! Verhindert einen zweiten Holocaust! Hindert den Iran daran, DIE Bombe zu bauen.
Die Welt nahm davon keinerlei Notiz. Sie war mit anderem beschäftigt. Es gibt jederzeit überall haufenweise Krisen: Wirtschaftsdepressionen. Seuchen. Erderwärmung.
Aber Netanjahu ließ nicht ab. Er benutzte jedes Podium – von dem der Knesset bis zu dem des Kongresses der Vereinigten Staaten –, um seine Botschaft hinauszuposaunen.
Zu guter Letzt horchte die Welt auf. Also gut, die Juden warnen vor der iranischen Bombe? Dann wollen wir mal etwas dagegen tun. Nicht irgendetwas. Nein. Wir wollen alle großen Mächte dieser Welt zusammenbringen, um den Iran dazu zu zwingen, mit diesem Unsinn aufzuhören.
Und das taten sie. Die USA, Russland, China, Britannien, Frankreich und Deutschland, so gut wie die ganze Welt, befahlen dem Iran, Verhandlungen aufzunehmen.
Es gab nur ein einziges Thema: den Iran daran hindern, DIE Bombe zu bekommen. Nichts anderes spielte eine Rolle. Im Vergleich mit diesem riesigen Thema war alles andere unbedeutend.
Und dann geschah etwas Unerwartetes. Das politische System des Iran ersetzte seinen großmäuligen Präsidenten durch einen ganz anderen: einen Mann der leisen Töne, einen überaus vernünftigen Politiker. Die Verhandlungen begannen und der Iran schickte einen Mann noch leiserer Töne, einen überaus vernünftigen Diplomaten, damit er die Verhandlungen führe. Die Außenminister der Welt waren entzückt.
Nach ein bisschen Ziererei nahm der Iran die Vereinbarung an. Die Welt bekam mehr oder weniger alles, was sie wollte: Lange Zeit keine Bombe. Zulassung sehr zudringlicher Inspektionsprozeduren. (Sie sind eigentlich nicht nötig. Neueste Spionagetechniken können schnell jede Bewegung in Richtung Bombe ausfindig machen.)
 
ALLE WAREN glücklich. Alle, das heißt, alle außer Netanjahu. Er war wütend.
Was ist das für eine Vereinbarung?
Die Iraner werden die Bombe bekommen. Wenn nicht jetzt, dann in 15 Jahren. Oder in 25. Oder in 50.
Die Iraner werden mogeln! Perser mogeln immer! Sie können nicht anders! Es liegt ihnen im Blut! (Sie sind nicht wie wir, die heimlich Dutzende von Atombomben gebaut haben. Nach dem Holocaust haben wir das Recht dazu, so was zu machen.)
Und überhaupt, selbst wenn die Iraner nicht die Bombe bekommen, so werden sie doch legitimiert. Und sie bekommen Geld. Sie werden Terroristen gegen Israel unterstützen, zum Beispiel die Hisbollah und die Hamas. (Nicht sehr überzeugend, nachdem Netanjahu nichts als die Konzentration auf DIE Bombe gefordert hatte.)
Die riesige israelische Propagandamaschinerie wurde in Bewegung gesetzt. Die schreckliche Vereinbarung wird von jedem Dach herunter beschimpft. Natürlich wussten wir die ganze Zeit über, dass Barack Obama ein Antisemit ist, ebenso wie John Kerry. Jetzt haben wir den Beweis dafür.
Eigentlich ist das Spiel vorüber. Eine von der ganzen Welt unterzeichnete Vereinbarung kann Bibi nicht einfach wegpusten. Sie bleibt bestehen, selbst wenn der US-Kongress dagegen stimmt und das Veto des Präsidenten außer Kraft setzt. Die Welt ist der Marotten Netanjahus müde. Der Mann hat bekommen, was er gewollt hatte, was will er also nun noch?
Ich glaube, dass die Iraner die Bombe ohnehin nicht sehr begehrt haben. Allem verfügbaren Anschein nach löste die Vereinbarung in den Straßen von Teheran großen Jubel aus. Die vorherrschende Stimmung schien zu sein: „Allah sei Dank, endlich sind wir den ganzen Unsinn los!“
 
ABER DIE nicht vorhandene Bombe hat in Israel schon enormen Schaden angerichtet. Viel schlimmeren, als wenn sie in irgendeiner dunklen Höhle existieren würde.
Alle Israelis sind sich einig, dass der eine oberste Vermögenswert, den Israel besitzt, seine besondere, beispiellose Beziehung zu den USA ist. Sie ist einzigartig.
Einzigartig und unbezahlbar. Militärisch gesehen, bekommt Israel das modernste Waffensystem für so gut wie umsonst. Nicht weniger wichtig ist, dass Israel keinen Krieg länger als ein paar Tage führen kann, ohne dass über eine Luftbrücke Munition und Ersatzteile aus den USA ins Land gebracht werden.
Aber das ist nur ein kleiner Bestandteil unserer nationalen Sicherheit. Wichtiger ist zu wissen, dass niemand Israel bedrohen kann, ohne sich mit der gesamten Macht der Vereinigten Staaten anzulegen. Das ist ein Respekt einflößender Schirm, um den uns die ganze Welt beneidet.
Außerdem weiß jedes Land in der Welt, dass es, wenn es etwas von Washington DC, besonders vom US-Kongress, haben will, besser erst einmal in Jerusalem vorbeischaut und dort bezahlt. Wie viel ist das wert?
Und dann noch das Veto. Nicht das kleine Veto, das Obama benutzen wird, um ein Votum des Kongresses gegen die Vereinbarung mit dem Iran aufzuheben, sondern das große Veto, das Veto, das jede einzelne Resolution des UN-Sicherheitsrates blockiert, selbst die Resolutionen, in denen Israel für zum Himmel schreiende Aktionen getadelt wird: eine 49 Jahre währende Besetzung. Hunderttausende, die als Siedler gegen internationales Recht verstoßen. Fast tägliches Töten.
Israel verurteilen? Aber niemals. Sanktionen gegen Israel? Dass ich nicht lache. Solange die allmächtigen USA Israel beschützen, kann es tun, was ihm gerade einfällt.
Alles das ist jetzt infrage gestellt. Vielleicht ist es schon zu spät und der Schaden ist schon eingetreten wie bei einem verborgenen Riss im Fundament eines Hauses. Das Ausmaß des Schadens wird vielleicht erst in den kommenden Jahren sichtbar.
Ein weiterer verborgener Riss ist die Kluft zwischen Israel und einem großen Teil der Juden in aller Welt, besonders denen in den USA. Israel erhebt den Anspruch, der „Nationalstaat des jüdischen Volkes“ zu sein. Alle Juden in der Welt schulden ihm bedingungslosen Gehorsam. Ein mächtiger Apparat „jüdischer Organisationen“ überwacht die Vasallen. Wehe dem Juden, der es wagt, Einwände gegen ihn zu erheben.
Damit ist es aus. Eine Kluft innerhalb des Weltjudentums hat sich aufgetan, die wahrscheinlich nicht überbrückt werden kann. Wenn die amerikanischen Juden zwischen ihrem Präsidenten und Israel wählen müssten, würden viele lieber zu ihrem Präsidenten halten oder sie würden sich einfach ausklinken.
Wer ist der Antisemit, dem es gelungen ist, all dies Übel zu bewirken? Kein anderer als der Ministerpräsident Israels in eigener Person.
 
BEUNRUHIGT das die Welt? Eigentlich nicht.
Wir Israelis denken, wir wären der Nabel der Welt. Aber das muss nicht so sein.
Während Israel von der iranischen Bombe besessen ist, ereignen sich große Veränderungen in unserer Region. Die fast 13 Jahrhunderte währende Kluft zwischen sunnitischen und schiitischen Muslimen ist plötzlich überall wieder aufgebrochen. Diese Kluft, die fast so alt wie der Islam selbst ist, wurde durch die künstliche Ordnung, die das bekannte kolonialistische Sykes-Picot-Abkommen während des Ersten Weltkrieges errichtete, zugeschüttet.
Was jetzt geschieht, ist ein politisches Erdbeben. Die Landschaft verändert sich auf dramatische Weise. Berge verschwinden und neue erheben sich. Die Schiiten-Achse vom Iran durch den Irak und Syrien bis zur Hisbollah im Libanon überholt den sunnitischen Block von Saudi-Arabien und den Golfstaaten. Libyen und Jemen werden durcheinandergeschüttelt, Ägypten greift auf seine glorreiche pharaonische Vergangenheit zurück und mitten darin erhebt eine neue Macht ihr Haupt: das islamische Kalifat (auf Arabisch: Daisch/Daesh), das muslimische Jugendliche aus aller Welt anzieht.
Mitten in diesem rasenden Sturm steht Netanjahu als ein Mann der Vergangenheit, als jemand, dessen Wahrnehmung vor Jahrzehnten geformt wurde, damals, in einer anderen Welt. Anstatt dass er sich mit der neuen Welt beschäftigt, mit ihren großen Gefahren und großen Möglichkeiten, fummelt er mit einer nicht existierenden Bombe herum.
Die USA und die anderen Westmächte ändern vorsichtig ihre Grundhaltung. Sie fürchten Daesh in angemessener Weise. Sie erkennen, dass ihre Interessen sich denen des Iran nähern und sich von denen Saudi-Arabiens entfernen. Das neue Atomabkommen passt gut in dieses Muster. Netanjahus ständiges Unruhestiften dagegen nicht. 
 
WIRD DARÜBER in Israel gesprochen? Natürlich nicht. Es geht immer nur um die Bombe, die Bombe, die Bombe. Die kleinen Streitigkeiten zwischen den Muslimen werden mehr oder weniger ignoriert.
Sunniten, Schiiten – sie sind alle gleich. Antisemiten. Holocaustleugner. Israelhasser.
Aber es gibt großartige Möglichkeiten. Saudi-Arabien und seine Golf-Alliierten deuten ebenso wie Ägypten an, dass sie mit Israel kooperieren könnten. Das tun sie natürlich vollkommen im Geheimen. Keiner von ihnen kann Israel öffentlich die Hand reichen, solange die arabischen Massen jeden Tag im Fernsehen die Untaten der Siedler, die Tötungen durch die Besatzungsarmee und die Demütigung der palästinensischen Brüder mit ansehen müssen. Wie ein schweres Gewicht, das einem Schwimmer ans Bein gebunden ist, ihn in die Tiefe zieht, so hält uns die Besetzung davon ab, auf die Veränderungen in der Region zu reagieren.
In letzter Zeit gab es zunehmend lauter werdende Gerüchte über geheime Verhandlungen zwischen Netanjahu und der Hamas über einen acht- oder zehn Jahre dauernden Waffenstillstand, der auf eine inoffizielle Friedensvereinbarung hinauslaufen würde. Sie würde einen winzigen palästinensischen Ministaat schaffen und Mahmoud Abbas und den Hauptteil des palästinensischen Volkes, die sich für den arabischen Friedensplan engagieren, noch mehr isolieren.
Und das alles wofür? Für die Vergrößerung der Siedlungen und vielleicht für die Annektierung eines weiteren Teils des Westjordanlandes („Gebiet C“).
Ist der Mann also schlau oder nur dumm? Ist er ein Zauberer oder nur ein Zauberlehrling?
(PK)
 
Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein neues Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ hat eine unserer Mitarbeiterinnen für die NRhZ rezensiert.
Für die Übersetzung dieses Buches und von Avnerys Artikeln aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie hat auch ein neues eBuch bei Amazon veröffentlicht: "Ira Chernus, Amerikanische Nationalmythen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft". Alle ihre eBücher findet man unter http://www.amazon.com/s/ref=nb_sb_noss?url=search-alias%3Daps&field-keywords.
http://ingridvonheiseler.formatlabor.net
 


Online-Flyer Nr. 525  vom 26.08.2015

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