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Aktueller Online-Flyer vom 28. August 2016  

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Wirtschaft und Umwelt
Währungsexperte schlägt parallele Alternativwährung für Griechenland vor
"Plan B möglich"
Von Bernard Lietaer

Im Rahmen der AEMS Sommerschule an der Wiener Universität für Bodenkultur stand auch der Fall Griechenland im Fokus. Bernard Lietaer, Ex-Notenbanker, Finanz- und Geldexperte und mit der griechischen Situation gut vertraut, erläuterte, warum er es bedauert, dass Griechenland nicht über eine dritte Alternative abstimmen durfte: eine Parallelwährung, die es dem Land erlaubt hätte, alle Binnenmarkt-Transaktionen mit einer Neo-Drachme abzuwickeln, um so die regionale Wirtschaft des Landes zu stärken. Für ihn ist klar: Es gibt alternative Währungssysteme, und ohne das jetzige Geldsystem abzuschaffen oder zu verändern, kommen wir aus dem Dauerkrisenstatut nicht heraus und wird Nachhaltigkeit nicht möglich. Den Medien wirft er vor, Alternativen systematisch zu verschweigen. Hier ein Interview mit ihm, das wir wie dieses Foto mit Dank von N21-Press übernommen haben.

Bernard Lietaer
Quelle: N21
 

N21: Herr Lietaer, Sie haben heute des Öfteren von einem "Square of Power" gesprochen.

Bernard Lietaer: Der Begriff "Square of Power" (Quadrat der Macht) wurde erstmals von einem schottischen Historiker verwendet und meint den "Money Nexus". Es geht um die Finanzinstitutionen, die unser Geldsystem dominieren und überwachen. Auf Seiten der Regierungen sind es das Parlament und das Finanzamt. Das Parlament entscheidet über die Steuern, die erhoben werden. Das Finanzamt treibt sie ein. Auf der Seite des Finanzsystems stehen die Institution der "öffentlichen Schulden" und die Zentralbank. Die Zentralbank wurde 1623 in Schweden erfunden. 1690 wurde dann die Bank von England gegründet. Die wichtigste Aufgabe der Zentralbanken ist es, darauf aufzupassen, dass es nur eine einzige Währung gibt. Das nützt vor allem den privaten Banken. Viele Menschen denken ja, dass die Zentralbanken eine öffentliche Institution sind. Dem ist aber nicht so. Das beste Beispiel dafür ist die "Federal Reserve Bank" in den USA, sie ist nicht föderal, denn sie befindet sich im Besitz von Privatbanken, sie verfügt über keine Reserven, mit denen sie Geld besichert, und ist keine echte Bank.

Das "Square of power" greift ein, wenn irgendetwas oder irgendjemand den Status Quo in Frage stellt. Als vor fünf Jahren das griechische Steuersystem in der Krise war und die anderen Institutionen in Schwierigkeiten gerieten, sah sich das "Square of power" genötigt einzugreifen, um sicherzustellen, dass wieder Steuern gezahlt werden. Und genau das passiert jetzt. Das "Square of Power" ist ein wirklich brillant konzipiertes System, das immer wieder dafür sorgt, dass alles bleibt, wie es ist.























Wem nützt das?

Denen, die die Macht darüber haben, und das seit 360 Jahren.

Gibt es keine Ausnahmen?

Doch. Es gab Gesellschaften mit zwei Währungen. Eine wurde für den Handel mit patriarchalischen Ökonomien gebraucht und die zweite für den Alltag der Menschen. Das waren alles matrifokale Gesellschaften.

Herr Lietear, Sie haben gesagt, um Nachhaltigkeit zu erreichen, muss das Geldproblem gelöst werden?

Ohne das geht es nicht, denn unser Geldsystem ist die Ursache für fast all unsere Probleme. Seine negativen Effekte sind hundert Prozent prognostizierbar, weil systemischer Art. Diese sind:
* Unser Geldsystem ist instabil und Ursache für die wiederkehrenden  
  Finanzkrisen. Zwischen 1970 und 2010 gab es 245 systemische Krisen.
* Das sind mehr als zehn Krisen pro Jahr. 2007 war die jüngste.
* Es verstärkt die Konjunkturzyklen, denn es verhält sich prozyklisch.
* Es ist kurzsichtig, denn es ignoriert, dass das Zinseszins-Prinzip nicht
* durchhaltbar ist.
* Es verteilt Geld und Vermögen von unten nach oben.
* Es zerstört das Vertrauen der Menschen zueinander.
Selbst Dennis Meadows, der Autor des Buches 'Grenzen des Wachstums' [1], dachte lange Zeit, das Geldsystem habe keinen Einfluss auf die Probleme, die er beschreibt. Er hatte die Theorie der Mainstream-Ökonomie übernommen, dass Geld nur ein Mittel ist, das den Tausch erleichtert, und war blind für die systemischen Folgen des Geldes und ihres Einflusses auf die Umwelt.

Ich sage das nur, um deutlich zu machen, welchen großen Einfluss das "Square auf Power" auf Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit hat und wie effizient es dafür sorgt, dass gar nicht erst über Alternativen diskutiert wird. Ein gutes Beispiel dafür ist auch Island. Über Island wurde nur während der Krise diskutiert und seitdem wird darüber nicht mehr geredet.
Man findet nichts darüber. Denn was ist dort passiert? Das Bankensystem ist dort zusammengebrochen, aber man hat die Banken nicht gerettet, sondern die verantwortlichen Banker ins Gefängnis gesteckt. Die Medien schweigen darüber. Es ist fast unmöglich, darüber Informationen zu finden. Das ist unglaublich.

Sprechen wir über Griechenland: Was würden Sie tun, wenn Sie Tsipras wären?

Mir das vorzustellen, fällt mir schwer. Ich habe einen Höllenrespekt vor Tsipras. Der Arme. Er zahlt für die Fehler seiner Vorgänger. Die Geschichte ist nicht fair. Wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre, hätte ich bei der Abstimmung eine dritte Option zur Abstimmung gestellt. Die Option, zwei Währungen parallel zu nutzen. Den Euro und die Neo-Drachme. Die Einführung einer Parallelwährung geht heute in nur drei Tagen. Jede Familie hat ein
Handy. Das kann man als Bankkonto verwenden und als Bezahlsystem. Dieser Plan B wäre möglich gewesen und Varoufakis war das bekannt. Schließlich gibt es in Großbritannien genau genommen auch zwei Währungen, das britische Pfund und den Euro.

Wäre der Bitcoin als Ersatzwährung auch in Frage gekommen?

Ich bewundere den Bitcoin als ein brillantes System. Als Währung ist der Bitcoin aber keine gute Idee. Er hat die gleichen Fehler wie unser heutiges Geldsystem, ist intransparent und mehr Spekulationswerkzeug als Tauschmittel.

Viele Menschen haben in das jetzige Geldsystem kein Vertrauen mehr. Sie wünschen sich ein anderes System. Warum können wir nicht unsere eigene Währung machen?

Aber das könnten wir selbstverständlich. Zunächst ist wichtig zu verstehen, dass es heute schon hunderte und tausende von Parallelwährungen gibt, die für die unterschiedlichsten Zwecke genutzt werden. Zum Beispiel das Free und Flight Miles System, das seit 45 Jahren im Umlauf ist. Fünfzehn Tausend Milliarden Miles sind im Umlauf. Mehr als alle Dollars und Euros zusammen. Es funktioniert sehr gut, ist stabil, einfach zu Handhaben und kostet nur einen Bruchteil unseres Geldsystems. Die Kritik, die ich an diesen kommerziellen Währungen habe, ist nur die, dass sie nichts für die Gesellschaft tun, sondern einfach nur Anreize sind, mit bestimmten Airlines zu fliegen. Aber ob wir mit dieser oder jener Fluggesellschaft fliegen, ändert nichts und ist ökologisch eher bedenklich. Vor der letzten Krise habe ich in einem Dutzend Ländern mehr als 5000 solcher alternativen Tauschsysteme identifiziert, die von Menschen für die unterschiedlichsten Zwecke erschaffen und genutzt wurden. Manche scheiterten, andere sind sehr erfolgreich und stabil. Seit der Krise hat sich dieser Prozess noch mal erheblich beschleunigt. Alleine in Frankreich entstehen wöchentlich neue Währungen. Es wäre ein Vollzeitjob diese Entwicklung zu verfolgen. Die Frage, die sich stellt, lautet: Können wir diese Entwicklungen und die neuen Technologien, die den Einsatz alternativer Währungen so einfach machen, für spannendere und wichtigere Dinge nutzen? Und die Antwort ist ja.

Dann sind also Regionalwährungen eine gute Alternative?

Ich würde sogar noch weiter gehen wollen und behaupte, es ist völlig unmöglich, in Regionen eine gute Entwicklung ohne Regionalwährung zu haben. Unser Geldsystem führt zwangsläufig dazu, dass der Reichtum aus den Regionen abfließt. Es gibt einen Fall, der dies beweist. Die Region, die heute Ghana genannt wird. Im frühen 19. Jahrhundert war diese Region unter britischer Kontrolle und es gab dort eine eigene Währung. Denn es gab auch damals schon Regionalentwicklungsstrategien. Aus der Sicht der Briten hatte das den großen Nachteil, dass die Bewohner dieser Regionen nichts bei den Briten gekauft haben, weil sie nichts von ihnen brauchten. Um das zu ändern war es nicht erforderlich ein Gesetz zu machen, dass die Bewohner gezwungen hätten, bei den Briten zu kaufen, oder die Armee zu schicken. Es war völlig ausreichend, ihnen die britische Währung aufzuzwingen. Sie haben verfügt, dass jede Familie ihre Abgaben nur mit Shilling bezahlen darf. Daraufhin waren alle Familien gezwungen, eine Abgabe zu zahlen, die nur in Shilling akzeptiert wurde. Die BewohnerInnen waren daraufhin gezwungen, in einen Wirtschaftsaustausch mit den Briten zu treten. In nur fünf Jahren waren das traditionelle Geldsystem und die Region wirtschaftlich am Ende. Wenn wir wollen, dass sich Regionen gut entwickeln, dann geht das nur, wenn diese Regionen eine eigene Währung haben. Das globale Geldsystem sorgt nämlich
zwangsläufig dafür, dass der Wohlstand aus den Regionen abfließt. Wir brauchen also zwingend Parallelwährungen, um all diese Probleme zu lösen.

Das System zerstört sich also selber?

Ja. Aber es zerstört eben nicht nur sich selber, sondern auch vieles andere. Deshalb habe ich begonnen, darüber zu schreiben. Mein erstes Buch ist übrigens 1999 in Deutsch erschienen, es hieß "Das Geld der Zukunft". Mein Ziel war schon damals zu vermeiden, dass wir in die Lage kommen, in der wir heute sind. Ich habe vorausgesagt, dass es vier Megatrends gibt, die uns
zwingen werden, das Geldthema neu zu denken: Der demografische Wandel, die steigende Arbeitslosigkeit, der Klimawandel und die Instabilität des Geldsystems. Und ich habe damals auch den Zeitpunkt vorausgesagt, wann das jetzige System an seine Grenzen stößt. Meine Prognose lautete: vor 2020. Sieht ganz so aus, als ob auch das zutrifft. (PK)

[1] http://www.nachhaltigkeit.info/artikel/entstehung_des_berichtes_541.htm
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Bernard_Lietaer


Bernhard Lietear [2] ist einer der renommiertesten Geldexperten der Gegenwart und Autor zahlreicher Bücher über Geld und Geldsysteme. 2004 erschien das Buch "Regionalwährungen. Neue Wege zu nachhaltigem Wohlstand", das er gemeinsam mit der kürzlich verstorbenen Margret Kennedy veröffentlichte. Bernard Lietaer machte nicht nur eine brillante akademische Karriere, er ist mit dem Thema Geld und Währungen auch ganz praktisch aufs intimste vertraut. Als leitender Angestellter bei der Belgischen Zentralbank war er verantwortlich für die Einführung des ECU, des Konvergenzmechanismus‘, der zur europäischen Einheitswährung führte. 1992 kürte ihn die Business Week zu einem Top-Weltwährungshändler. Lietaer war Berater multinationaler Konzerne, von Entwicklungsländern und er war Präsident eines elektronischen Zahlungssystems. Heute ist er Research Fellow am Center for Sustainable Resources der University of California in Berkeley und wirbt weltweit für eine Reform des Geldsystems und für die Einführung von Parallelwährungen.

N21, woher wir diesen Artikel mit Dank übernommen haben, ist ein neues, von
Journalisten und Wissenschaftlern gemeinsam entwickeltes Medium, das alle Aspekte der Nachhaltigkeit täglich neu beleuchtet und dabei den Schwerpunkt auf Lösungen legt: "Wir haben das Ziel, diese wichtigen Zukunftsthemen und ihre Zusammenhänge sichtbar zu machen, und in seiner ganzen Breite mehr Menschen nahe zu bringen."





Online-Flyer Nr. 522  vom 05.08.2015

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