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Aktueller Online-Flyer vom 16. Dezember 2017  

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Lokales
Fraktionen Freie Wähler, Grüne und Linke zum Kölner Opernflop
Opern- und Schauspielhaus-Eröffnung verschoben
Von Peter Kleinert

Nachdem die ursprünglichen Kölner Pläne zum Abriss und Neubau durch ein Bürgerbegehren verhindert wurden, sollte das unter Denkmalschutz stehende Schauspielhaus zusammen mit dem Opernhaus zwischen 2012 und 2015 saniert werden. Eine gemeinsame Eröffnung wurde für den 7. November angekündigt. Dieser Termin ist nun geplatzt. Dazu die Presseerklärungen der Stadtratsfraktion Freie Wähler, der Grünen und der Linken und eine "Chronik der Blamage" des Kölner EXPRESS. 

Kölner Opern- und Schauspielhaus - Vorplanungsmodell
NRhZ-Archiv
 
Immer wenn ein komplexes Vorhaben mit großem Prestigewert in Gang gesetzt wird, geschieht dies durch eine ausgeprägte Projekt-Euphorie. Diese funktioniert so, dass alle Befürworter das Projekt über den grünen Klee loben ("einzigartig für die Stadt", "unübertroffen weltweit", "ein kulturpolitisches Juwel", usw.) und die Kritiker zum Schweigen verdonnert werden ("Bedenkenträger", Erbsenzähler", Kulturbanausen", "Nestbeschmutzer", etc.).
 
So war es auch beim geplanten Vorhaben Operneröffnung am 7. November in der kulturpolitischen Debatte in Köln. "Im Kulturausschuss war es förmlich in jeder Sitzung mit Händen zu greifen", sagte dazu Andreas Henseler, Ratsmitglied der Freien Wähler in einer Presseerklärung seiner Fraktion am 23. Juli. "Die ängstlichen Fragen des rot-grünen Damen-Duos der Ausschuss-Spitze nahmen immer groteskere Formen an. In gleichem Maß wurden die Antworten der Leiterin der Gebäudewirtschaft immer virtuoser. Sie schaffte es, sich nie eindeutig festzulegen ("nach heutigem Stand...", "voraussichtlich...", "wenn nicht etwas ganz besonderes passiert...") und trotzdem die Fragestellerinnen zu beruhigen. Letzteres war einfach, weil diese auch beruhigt werden wollten".
 
Auf diese Weise stieg die Zuversicht, das Premierenprogramm wurde mit viel Beifall der staunenden Öffentlichkeit vorgestellt und ein Beschleunigungsprogramm mit Abstrichen (Kinderoper) und Risiken (Kostensteigerungen) genehmigt. Auf einen Plan B wurde verzichtet, um den Druck im Kessel auf alle Beteiligten zu erhöhen. Ansonsten, so die Befürchtung, wären alle Beteiligten nicht hinreichend auf den Termin eingeschworen gewesen.
 
"Management by Pizarro", so Andreas Henseler. "Der verbrannte vor der Eroberung des Inka-Reichs bekanntlich seine Schiffe, um seine Männer zu motivieren". Im 21. Jahrhundert empfiehlt es sich jedoch, einen Plan B wenigstens verdeckt zwischen Oberbürgermeister und Kulturdezernentin abzustimmen. Bleibt abzuwarten, ob er heute verkündet wird. Es ist kein
Hexenwerk - das Schauspiel bleibt zunächst im Depot I, für die Oper gibt es ein abgespecktes Programm an verschiedenen Standorten, und der Eröffnungstermin wird um ein Jahr verschoben.
 
Für die Stadt ist das ein Flop, aber keine Katastrophe. Es wäre eher ein Wunder gewesen, wenn Köln sich nicht in die Reihe der Städte mit aus dem Ruder laufenden Großprojekten – wie Hamburg mit seiner Elbphilharmonie, Stuttgart mit seinem Bahnhof und Berlin mit seinem Flughafen - eingereiht hätte. Der Mechanismus "Euphorie gegen Verstand" ist schließlich ein nationales Phänomen.
 
In Köln kann man auf dem Rathausplatz den nächsten Fall - allerdings mit größerem Katastrophenpotential - beobachten: das Vorhaben Archäologische Zone/Jüdisches Museum."
 
Fraktion der Grünen: Vor der Sommerpause wurde der 7. 11. genannt
 
Unter dem Stichwort Projektorganisation und Terminplanung verhieß der letzte Monatsbericht zur Bühnensanierung schon Bedenkliches. Nichts desto trotz wurde noch grünes Licht für die Eröffnung der Bühnen am 7. November gegeben – auch bei der Vorstellung der Spielpläne von Oper und Schauspiel direkt vor der Sommerpause.
 
„Dass vier Wochen später nun der Termin um eine Spielzeit verschoben wird, ist dramatisch, eine Katastrophe für die Bühnen. Wir haben immer gehofft, dass der 7. November zu halten sein würde. Dass dem nicht so ist, erschüttert mich. Es ist zu hoffen, dass der schon lange von der Politik eingeforderte „Plan B“ für die kommende Spielzeit tatsächlich bereits vorliegt und umgesetzt werden kann. Alles andere wäre unverantwortlich! Gerade die von der Politik beschlossene enge Begleitung des Projektes durch einen Projektsteuerer, Politik und Verwaltung, ein engmaschiges Controlling und Berichtswesen, sollte vor bösen Überraschungen dieser Art schützen“, so Brigitta von Bülow, stellvertretende Fraktionsvorsitzende und Kulturpolitische Sprecherin.
 
„Die vorgetragene Begründung, dass durch die Baubeschleunigung keine geregelten Bauabläufe mehr möglich waren und die Qualität nicht hätte gesichert werden können, lässt viele Fragen offen. Hätte der Projektsteuerer nicht vorzeitig eingreifen müssen? Wieso wurde die Entscheidung der Verschiebung so kurzfristig vor der Eröffnung getroffen, dass selbst die Intendanten davon überrascht wurden? Und es stellt sich die Frage nach der Verantwortung. Diese hat die Verwaltung bis heute nicht übernommen, und der Oberbürgermeister stellt sich weder der Politik, noch der Presse.“
 
Neben der Schadensbegrenzung und der Erstellung eines tragfähigen Konzeptes für die kommende Spielzeit steht nun vor allem eine Ursachen- und Fehleranalyse an - auch als Voraussetzung dafür, dass die Sanierung zeitnah zu einem erfolgreichen Abschluss geführt wird. „Hoffen wir, dass hier die Kölner Kreativität und Flexibilität greift, damit das Kölner Opern- und Schauspielpublikum die versprochenen Aufführungen auch in dieser Spielzeit genießen kann“, so Brigitta von Bülow.
 
DIE LINKE: Längeres Interim für unkonventionelle Inszenierung nutzen!
 
Frau Laugwitz-Aulbach informierte heute Morgen die Vertreter und Vertreterinnen der Politik über das Desaster auf der Baustelle am Offenbachplatz. Die vereinbarten Termine können bei Weitem nicht eingehalten werden. Die Kosten, die sich daraus entwickeln, bleiben weiter unbekannt.
 
Gisela Stahlhofen, kulturpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, kritisiert die Informationspolitik der Verwaltung: "Wir sind enttäuscht, dass wir erst mit dem heutigen Tag von den großen Schwierigkeiten auf der Baustelle erfahren. Es ist traurig, dass wir den Termin nicht halten können. Aber eine schnelle Fertigstellung verbunden mit dramatischen Kostensteigerungen ist für DIE LINKE keine Alternative."
 
Nun muss schnellstens eine neue Interimspielstätte gefunden werden, damit der Spielbetrieb 2015/16 in irgendeiner Form stattfinden kann.
 
Jörg Detjen, Fraktionssprecher DIE LINKE ergänzt: "Nun kann aber für die Oper eine kurzfristige Anmietung einer Interimspielstätte sehr teuer werden. Hier muss der Kostenrahmen gewahrt bleiben. Der Rechnungsprüfungsausschuss hat den Termin seit dem Wechsel der Projektleitung zunehmend kritisch betrachtet."
 
Im Ausschuss Kunst und Kultur wurde immer wieder vergeblich ein Plan B eingefordert. Auch heute gab es dazu keine befriedigenden Antworten.
 
Gisela Stahlhofen erklärt: "Die erneute Verzögerung der Wiedereröffnung bietet auch große Chancen hin zu einer dauerhaften, stärkeren Dezentralisierung. Die Interimspielstätte in Mülheim hat bereits jetzt eine unglaublich positive Wirkung gehabt. Sie hat die Lebensqualität im Rechtsrheinischen erhöht und viel zur Vertrauensbildung in der Keupstrasse beigetragen."
 
Gisela Stahlhofen weiter: "Oper und Schauspiel haben in der schwierigen Zeit des Interims ihre Improvisationsfähigkeit unter Beweis gestellt und spannende Kulturerlebnisse ermöglicht. Die Ankündigung der Opernintendantin Frau Dr. Meyer, das unfertige Opernhaus bereits in der Spielzeit 2015/16 mit improvisierten Stücken zu bespielen, zeugt von diesem Pioniergeist, den wir in Köln brauchen."
 

EXPRESS.de vom 22.7.: Eine Chronik der Blamage

2003: Die Bühnen sind marode. Eine Studie beziffert die Kosten einer Vollsanierung auf 130 Mio Euro.
2007: Der Rat beschließt die Sanierung der Oper und den Neubau des Schauspiels für 230 Mio Euro.
2009: Die Kostenberechnungen explodieren auf 364 Mio Euro – Planungsstopp!
2010: Eine Initiative mit der damaligen Intendantin Karin Beier sammelt 30.000 Unterschriften gegen den Schauspiel-Neubau.
2011: Der Rat gibt nach, beschließt die Sanierung für maximal 253 Mio Euro.
2012: Die Arbeiten beginnen.
2014: Es wird klar: Das Projekt wird 23 Mio Euro teurer. Experten sagen voraus, dass auch der Zeitplan kippen wird.

Die Experten haben leider Recht gehabt. (PK)


Online-Flyer Nr. 521  vom 29.07.2015

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Von Kostas Koufogiorgos
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