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Aktueller Online-Flyer vom 14. Dezember 2017  

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Kommentar
Was hat die islamische Republik Iran je getan, um Israel zu schaden?
Der Wiener Vertrag
Von Uri Avnery

Und was ist, wenn das ganze Drama nur ein Täuschungsmanöver war? Was ist, wenn das hinterlistige Persien nicht einmal im Traum daran gedacht hätte, eine Atombombe zu bauen, sondern die Drohung nur dazu benutzt hätte, seinen wahren Zielen näher zu kommen?
Was ist, wenn Benjamin Netanjahu überlistet worden und unwissentlich zum Hauptkollaborateur der iranischen Ambitionen geworden wäre? Das klingt verrückt? Nicht unbedingt. Wir wollen uns einmal die Tatsachen ansehen.

Iran-Hasser Netanjahu
NRhZ-Archiv
 
DER IRAN IST eine der ältesten Mächte in der Welt und hat Tausende von Jahren Erfahrung. Einmal besaßen die Perser ein Reich, das die zivilisierte Welt umfasste, darunter auch unser kleines Land. Ihr Ansehen als kluge Händler sucht seinesgleichen.
Sie sind viel zu klug, um eine Atombombe zu bauen. Was sollten sie auch damit? Sie würde riesige Summen verschlingen. Sie wissen, dass sie sie niemals einsetzen könnten. Ebenso wenig wie Israel sein großes Arsenal.
Netanjahus Albtraum von einem iranischen nuklearen Angriff auf Israel ist eben das: der Albtraum eines unwissenden Dilettanten. Israel ist eine Atommacht mit der Ausrüstung zu einem massiven Zweitschlag. Wie wir sehen, sind die iranischen Führer hartgesottene Realisten. Würden sie es auch nur im Traum wagen, die unvermeidliche Rache Israels heraufzubeschwören, eine Rache, die ihre drei Jahrtausende alte Kultur vom Angesicht der Erde vertilgen würde?
(Wenn dieses Potential mangelhaft ist, sollte Netanjahu wegen krimineller Fahrlässigkeit angeklagt und verurteilt werden.)
Selbst wenn die Iraner die ganze Welt täuschten und eine Atombombe bauten, würde nichts weiter geschehen, als dass ein „Gleichgewicht des Schreckens“ geschaffen würde, eines wie das, das die Welt auf der Höhe des Kalten Krieges zwischen den USA und der Sowjetunion rettete.
Die Leute, die Netanjahu umgeben, tun so, als glaubten sie, die iranischen Mullahs wären, anders als die damaligen Sowjets, Verrückte. Seit ihrer Revolution 1979 hat die iranische Führung jedoch keinen einzigen wichtigen Schritt gemacht, der nicht vollkommen rational gewesen wäre. Verglichen mit den Fehlern Amerikas in der Region (von denen Israels ganz zu schweigen) war die iranische Führung völlig rational.
Deshalb tauschten sie vielleicht ihre nicht vorhandenen Atom-Pläne für ihre sehr realen politischen Pläne ein: der Hegemon der islamischen Welt zu werden.
Wenn das stimmt, verdanken sie Netanjahu sehr viel.
 
WAS HAT die Islamische Republik in den letzten 45 Jahren ihrer Existenz jemals getan, um Israel zu schaden?
Es stimmt schon. Im Fernsehen kann man Massenversammlungen in Teheran sehen, auf denen israelische Fahnen verbrannt werden und wo „Tod für Israel“ geschrien wird. Sie nennen uns nicht gerade schmeichelhaft „den kleinen Satan“ als Ergänzung zum „großen Satan“ Amerika.
Das ist schrecklich – aber was tun sie sonst noch?
Nicht viel. Vielleicht unterstützen sie die Hisbollah und die Hamas ein wenig, die allerdings nicht ihre Geschöpfe sind. Irans wahrer Kampf gilt den Machthabern in der islamischen Welt. Sie wollen die Länder der Region zu iranischen Vasallen machen, wie diese es vor 2400 Jahren waren.
Das hat sehr wenig mit dem Islam zu tun. Der Iran benutzt den Islam wie Israel den Zionismus und die jüdische Diaspora (und wie Russland in der Vergangenheit den Kommunismus) als Werkzeug seiner imperialen Bestrebungen.
Was jetzt in dieser Region geschieht, ähnelt den „Religionskriegen“ im 17. Jahrhundert in Europa: Ein Dutzend Länder bekämpften einander im Namen der Religion unter den Flaggen Katholizismus und Protestantismus, aber tatsächlich benutzten sie die Religion dazu, ihre sehr irdischen imperialen Pläne vorwärtszubringen.
Die USA zerstörten unter der Führung einer Gruppe von neo-konservativen Narren den Irak, der viele Jahrhunderte als Bollwerk der arabischen Welt gegen die Expansion des Iran gedient hatte. Jetzt weitet der Iran seine Macht unter der Flagge der Schia über die gesamte Region aus.
Der schiitische Irak ist jetzt zum großen Teil ein iranischer Vasall (wir werden noch auf Daesh zu sprechen kommen). Das Überleben der Führung des sunnitischen Syriens, das von einer kleinen halb-schiitischen Sekte regiert wird, hängt vom Iran ab. Im Libanon ist die schiitische Hisbollah eine enge Verbündete mit wachsender Macht und wachsendem Ansehen. Ebenso die Hamas in Gaza, die vollkommen sunnitisch ist. Und die Huthi-Rebellen im Jemen, die alle Saiditen (eine Schule der Schia) sind.
Der status quo in der arabischen Welt wird durch eine Gruppe korrupter Diktatoren und mittelalterlicher Scheichs verteidigt wie den Herrschern von Saudi Arabien, Ägypten und den Öl-Potentaten am Golf.
Dem Iran und seinen Verbündeten gehört eindeutig die Zukunft, Saudi-Arabien und seine Verbündeten gehören der Vergangenheit an.
Übrig bleibt Daesh, der sunnitische „Islamische Staat“ in Syrien und im Irak. Auch dies ist eine aufsteigende Macht. Anders als der Iran, dessen revolutionärer Schwung sich schon vor langer Zeit erschöpft hat, strahlt Daesh (IS, ISIS) revolutionäre Leidenschaftlichkeit aus und zieht Anhänger aus der ganzen Welt an.
Daesh ist der wahre Feind des Iran – und Israels.
 
PRÄSIDENT OBAMA und seinen Beratern wurde das vor einiger Zeit klar. Ihre neue Verbindung mit dem Iran gründet sich teilweise auf diese Tatsache.
Mit dem Heraufkommen Daeshs haben sich die Gegebenheiten vor Ort vollkommen verändert. Der Wandel bestätigt die alte britische Maxime: Der Feind in dem einen Krieg kann im nächsten durchaus zum Verbündeten werden und umgekehrt. Obama ist weit davon entfernt, naiv zu sein, wenn er eine Allianz gegen den neuen und sehr gefährlichen Feind aufbaut. Diese Allianz sollte logischerweise Baschar Assads Syrien einschließen, aber noch scheut sich Obama, das laut zu sagen.
Obama und seine Berater glauben außerdem, dass sich der Iran, wenn die lähmenden Sanktionen aufgehoben werden, aufs Geldverdienen konzentrieren wird und das seinen nationalistischen und religiösen Eifer noch mehr dämpfen wird.
(Netanjahu denkt, dass die Amerikaner „naiv“ wären. Immerhin haben es die USA für eine naive Nation ganz geschickt angestellt, zur einzigen Supermacht der Welt zu werden.)
Ein Nebenerzeugnis der Situation ist, dass Israel wieder mit der gesamten politischen Welt auf Kriegsfuß steht. Den Wiener Vertrag haben nicht nur die USA, sondern alle führenden Weltmächte unterzeichnet. Das schafft anscheinend die Situation, die in einem sehr beliebten israelischen Lied besungen wird: „Die ganze Welt ist gegen uns/ Aber das kümmert uns einen Dreck…“
Netanjahu ist leider im Gegensatz zu Obama in der Vergangenheit stecken geblieben. Er dämonisiert weiterhin den Iran, anstatt sich mit ihm im Kampf gegen Daesh zusammenzutun, das für Israel sehr viel gefährlicher ist als der Iran. 
Man muss nicht bis zu Kyros dem Großen (im 6. vorchristlichen Jahrhundert) zurückgehen, um sich klarzumachen, dass der Iran ein enger Verbündeter sein kann. Bei den Beziehungen zwischen Nationen geht Geografie vor Religion. Vor noch nicht allzu langer Zeit war der Iran Israels engster Verbündeter in der Region. Wir schickten Chomeini sogar Waffen für den Kampf gegen den Irak. Die Mullahs hassen Israel nicht so sehr aus religiösen Gründen, sondern wegen unserer Allianz mit dem Schah.
Die gegenwärtige iranische Regierung hat seitdem längst ihren revolutionären religiösen Schwung verloren. Sie handelt ihren nationalen Interessen gemäß. Was zählt, ist die Geografie. Eine kluge israelische Regierung würde die nächsten zehn oder mehr Jahre eines garantiert atomwaffenfreien Irans nutzen, um die Allianz zu erneuern, besonders die gegen Daesh. 
Das könnte bedeuten, dass die Beziehungen zu Assads Syrien, der Hisbollah und der Hamas neu überdacht werden müssten.
 
ABER DERGLEICHEN weitreichende Überlegungen sind dem Geist Netanjahus fremd. Zwar ist er der Sohn eines Historikers, aber ihm gehen alle historischen Kenntnisse und jede historische Intuition ab.
Der Kampf wird jetzt in Washington DC fortgesetzt. Dort ist Netanjahu Sheldon Adelson, dem Eigentümer der Republikanischen Partei, fest als Söldner verpflichtet.
Es ist ein trauriger Anblick: Der Staat Israel, der immer die unerschütterliche Unterstützung beider amerikanischer Parteien genossen hat, ist jetzt zum Anhängsel der reaktionären Führung der Republikaner geworden. 
Ein noch traurigerer Anblick ist die israelische politische und Medienelite am Tag nach der Unterzeichnung des Vertrages in Wien. Es war kaum zu glauben.
Fast alle politischen Parteien schlossen sich Netanjahus Politik an und wetteiferten miteinander bei der Demonstration erbärmlicher Loyalität. Vom „Oppositionsführer“, dem jämmerlichen Jitzchak Herzog, bis zum wortgewandten Jair Lapid eilten alle dem Ministerpräsidenten in seiner entscheidenden Stunde zu Hilfe.
Die Medien waren sogar noch schlimmer. Fast alle bekannten Kommentatoren, die linken wie die rechten, liefen gegen den „katastrophalen“ Vertrag Amok und überschütteten einhellig den armen Obama mit Abscheu und Verachtung, so, als läsen sie von einer von der Regierung vorbereiteten „Liste der Argumente“ (die es tatsächlich gab) ab. 
Das war nicht eben die beste Stunde der israelischen Demokratie und der vielgelobten „jüdischen Intelligenz“. Es war lediglich ein Beispiel von widerwärtiger, nur allzu verbreiteter Gehirnwäsche. Einige würden es Presstitution nennen.
Eines von Netanjahus Argumenten ist, die Iraner können und werden die naiven Amerikaner betrügen und die Bombe bauen. Er ist sicher, das sei möglich. Nun ja, er muss es wissen. Wir haben es ja schließlich so gemacht oder etwa nicht? (PK)
 
Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein neues Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ hat eine unserer AutorInnen für die NRhZ rezensiert.
Für die Übersetzung dieses Buches und von Avnerys Artikeln aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie hat ein neues eBuch bei Amazon veröffentlicht: "Ira Chernus, Amerikanische Nationalmythen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft". Alle ihre eBücher findet man unter http://www.amazon.com/s/ref=nb_sb_noss?url=search-alias%3Daps&field-keywords.
http://ingridvonheiseler.formatlabor.net
 
 


Online-Flyer Nr. 520  vom 22.07.2015

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