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Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
In der ersten Phase war die palästinensische Seite zahlenmäßig klar überlegen
Die Nakba, wie sie wirklich war
Von Uri Avnery

Vor drei Wochen war der Nakba-Tag – der Tag, an dem Palästinenser innerhalb und außerhalb Israels ihrer „Katastrophe“ gedenken, des Exodus von mehr als der Hälfte des palästinensischen Volkes aus den Gebieten, die Israel im 1948er Krieg besetzte. Jede der beiden Seiten hat ihre eigene Version dieses folgenschweren Ereignisses. Nach der arabischen Version kamen die Juden aus dem Nichts, griffen ein friedliebendes Volk an und vertrieben die Menschen von ihrem Land.

Führung unter Ben-Gurion und eine disziplinierte Militärmacht, rechts Konrad
Adenauer
NRhZ-Archiv
 
Nach der zionistischen Version hatten die Juden den Kompromissplan der Vereinten Nationen angenommen, die Araber jedoch hatten ihn abgelehnt und begannen einen blutigen Krieg. Während des Krieges wurden sie von den arabischen Staaten überzeugt, sie sollten ihre Häuser verlassen, um dann mit den siegreichen arabischen Armeen dorthin zurückzukehren.
Beide Versionen sind völlig unsinnig – eine Mischung aus Propaganda, Legende und verdrängten Schuldgefühlen.
Im Krieg war ich Mitglied einer mobilen Kommandoeinheit, die an der gesamten Südfront aktiv war. Ich war Augenzeuge dessen, was sich ereignete.
Während des Krieges schrieb ich ein Buch ("In den Feldern der Philister") und gleich danach ein zweites ("Die Kehrseite der Medaille"). Sie erschienen zusammen auf Deutsch unter dem Titel "In den Feldern der Philister". Ich schrieb auch in der ersten Hälfte meiner Autobiografie ("Optimistisch"), die letztes Jahr auf Hebräisch erschienen ist, ein Kapitel über diese Ereignisse. Ich werde zu berichten versuchen, was wirklich geschah.
 
ZUERST EINMAL müssen wir uns davor hüten, mit den Augen von 2015 auf 1948 zu blicken. So schwierig es sein mag: Wir müssen uns in die damalige Realität versetzen. Wenn wir das nicht tun, werden wir das, was sich tatsächlich ereignete, nicht verstehen können.
Der Krieg von 1948 war einzigartig. Er war das Ergebnis historischer Ereignisse, die nirgendwo eine Parallele hatten. Ohne dass wir uns Rechenschaft über den historischen, psychologischen, militärischen und politischen Hintergrund ablegen, ist es unmöglich zu verstehen, was damals geschah. Weder die Vernichtung der Ureinwohner Amerikas durch die weißen Siedler noch die verschiedenen kolonialen Völkermorde ähneln dem.
 
Die unmittelbare Ursache war die UN-Resolution im November 1947 über die Teilung Palästinas. Sie wurde von vornherein von den Arabern abgelehnt. Sie betrachteten die Juden als Eindringlinge aus dem Ausland. Die jüdische Seite nahm die Resolution an, aber David Ben-Gurion brüstete sich später damit, dass er nicht die Absicht gehabt habe, sich mit den Grenzen von 1947 zufriedenzugeben.
Als der Krieg Ende 1947 anfing, gab es im von den Briten regierten Palästina etwa 1.250.000 Araber und 635.000 Juden. Sie lebten in enger Nachbarschaft miteinander, aber in den Städten (Jerusalem, Tel-Aviv-Jaffa, Haifa) in getrennten Vierteln und nebeneinander in benachbarten Dörfern.
Der Krieg von 1948 bestand eigentlich aus zwei Kriegen, die sich zu einem vereinigten. Von Dezember 1947 bis Mai 1948 war es ein Krieg zwischen der arabischen und der jüdischen Bevölkerung innerhalb Palästinas und von Mai bis zum Waffenstillstand Anfang 1949 war es ein Krieg zwischen der neuen israelischen Armee und den Armeen der arabischen Länder, vor allem Jordaniens, Ägyptens, Syriens und des Irak.
 
IN DER ersten und entscheidenden Phase war die palästinensische Seite zahlenmäßig eindeutig überlegen. Arabische Dörfer beherrschten fast alle Fernstraßen, Juden konnten sich nur in flüchtig gepanzerten Bussen und unter dem Schutz Bewaffneter bewegen.  
Die jüdische Seite hatte jedoch eine geeinte Führung unter Ben-Gurion und stellte eine geeinte disziplinierte Militärmacht auf, während die Palästinenser nicht in der Lage waren, eine geeinte Führung und eine geeinte Armee aufzustellen. Das erwies sich als ausschlaggebend.
Auf beiden Seiten gab es keinen tatsächlichen Unterschied zwischen Kämpfern und Zivilisten. Arabische Dorfbewohner besaßen Gewehre und Pistolen und stürzten sich auf die Szene, wenn eine vorbeifahrende jüdische Wagenkolonne angegriffen wurde. Die meisten Juden waren in der Hagana, der bewaffneten Untergrund-Verteidigungs-Truppe, organisiert. Die beiden „terroristischen“ Organisationen, die Irgun und die Stern-Gruppe, schlossen sich der Einheitstruppe an.  
Auf beiden Seiten wussten alle, dass dies ein Existenzkampf war.
Auf jüdischer Seite bestand die unmittelbare Aufgabe darin, die arabischen Dörfer entlang der Fernstraßen zu beseitigen. Das war der Beginn der Nakba.
Von Anfang an warfen Gräueltaten einen finsteren Schatten. Wir sahen Fotos von Arabern, die in Jerusalem mit den abgeschlagenen Köpfen unserer Kameraden paradierten. Es gab Gräueltaten, die von unserer Seite begangen wurden. Sie erreichten im berüchtigten Massaker von Deir Jassin einen Höhepunkt. Die in der Nähe Jerusalems gelegene Ortschaft Deir Jassin wurde von einer Irgun-Stern-Truppe angegriffen. Viele ihrer männlichen Einwohner wurden getötet und die Frauen wurden im jüdischen Teil Jerusalems zur Schau gestellt. Zwischenfälle wie diese schufen die Atmosphäre des Existenzkampfes.  
Durchweg war es ein ethnischer Kampf zwischen zwei Seiten, die beide das ganze Land als ausschließlich ihr eigenes Heimatland beanspruchten und die die Berechtigung der Ansprüche der jeweils anderen Seite leugneten. Lange bevor der Ausdruck „ethnische Säuberung“ weite Verbreitung fand, wurde er während dieses Krieges bereits in die Praxis umgesetzt. Nur wenige Araber blieben in den Gebieten, die die Juden eroberten, und überhaupt keine Juden blieben in den wenigen Gebieten, die von den Arabern erobert wurden (den vier Kibbuzim des Ezion-Blocks, der Jerusalemer Altstadt).
Mit Herannahen des Mai und der Erwartung, dass die arabischen Armeen in den Konflikt eintreten würden, versuchte die jüdische Seite eine Zone zu schaffen, aus der alle nicht jüdischen Bewohner entfernt wurden.
Man muss verstehen, dass die arabischen Flüchtlinge nicht „das Land verließen“. Wenn die Dörfer – im Allgemeinen nachts – beschossen wurden, nahmen die Männer ihre Familien und flohen ins nächste Dorf, das dann auch beschossen wurde, und so weiter. Am Ende befand sich eine Waffenstillstands-Grenze zwischen ihnen und ihren Häusern.
 
DER PALÄSTINENSISCHE Exodus war kein geradliniger Prozess. Er änderte sich von einem Monat zum anderen, von einem Ort zum anderen und von einer Situation zur anderen.
Einige Beispiele: Die Bevölkerung von Lod wurde durch wahllosen Beschuss in die Flucht getrieben. Als Safed erobert wurde, geschah – so der Kommandant – Folgendes: „Wir vertrieben sie nicht, wir öffneten nur einen Korridor, durch den sie fliehen konnten“.
Bevor Nazareth besetzt wurde, unterschrieben die Stadtoberhäupter eine Kapitulationsurkunde und den Stadtbewohnern wurde daraufhin Leben und Eigentum garantiert. Dem jüdischen Kommandanten, einem kanadischen Offizier namens Dunkelman, wurde dann mündlich befohlen, sie zu vertreiben. Er weigerte sich und verlangte einen schriftlichen Befehl; der kam aber nie. Deswegen ist Nazareth heute eine arabische Stadt.      
Als Jaffa erobert wurde, flohen die meisten Einwohner mit dem Schiff nach Gasa. Diejenigen, die nach der Kapitulation übrig geblieben waren, wurden auf Lastwagen verladen und auch auf den Weg nach Gasa geschickt.
Zwar wurde ein großer Teil der Vertreibung von militärischer Notwendigkeit diktiert, es gab aber sicherlich einen unbewussten, halbbewussten oder bewussten Wunsch, die arabische Bevölkerung loszuwerden. Der „lag“ der zionistischen Bewegung sozusagen „im Blut“. Lange bevor ihr Gründer Theodor Herzl über Palästina auch nur nachdachte, schlug er im ursprünglichen Entwurf seines bahnbrechenden Buches "Der Judenstaat" vor, seinen jüdischen Staat in Patagonien (Argentinien) zu gründen und er schlug tatsächlich vor, alle Ureinwohner dazu zu bringen, das Land zu verlassen.  
Nachdem die arabischen Armeen im Mai in den Krieg eingetreten waren, wurden die Ägypter 22 km vor Tel Aviv aufgehalten. Die Vereinten Nationen ordneten einen einmonatigen Waffenstillstand an, den die israelische Seite dazu nutzte, sich zum ersten Mal mit schweren Waffen (Artillerie, Panzern, Luftwaffe) auszurüsten, die Stalin Israel verkauft hatte. Im sehr heftigen Kampf im Juli verschob sich das Gleichgewicht und die israelische Seite gewann die Oberhand.
Danach wurde die politische Entscheidung - die von der militärischen unterschieden werden muss - getroffen, die arabische Bevölkerung zu entfernen. Militärischen Einheiten wurde befohlen, auf alle Araber, die versuchten, in ihre Dörfer zurückzukehren, bei ihrem Auftauchen zu schießen.
Der entscheidende Zeitpunkt kam am Ende des Krieges, als entschieden wurde, dass die Flüchtlinge nicht in ihre Häuser zurückkehren durften. Es gab keine offizielle Entscheidung. Nicht einmal die Idee tauchte auf. Massen von jüdischen Flüchtlingen aus Europa, Überlebende des Holocaust, überfluteten das Land und nahmen die Orte ein, die die Araber verlassen hatten.
Die zionistische Führung war sicher, dass die Flüchtlinge innerhalb einer oder zweier Generationen vergessen sein würden. Das geschah nicht.
 
WIR SOLLTEN daran denken, dass alles das nur ein paar Jahre nach der Massenvertreibung der Deutschen aus Polen, der Tschechoslowakei und den Baltischen Staaten geschah, einer Vertreibung, die als ganz natürlich akzeptiert wurde.
Die Nakba wurde aufgrund des Charakters aller Beteiligten, Tätern wie Opfern, zu einer griechischen Tragödie aufbereitet.
Jede Lösung des „Problems“ muss mit einer aufrichtigen Entschuldigung Israels für die Rolle, die es in der Nakba gespielt hat, anfangen.
Zur praktischen Lösung muss die symbolische Rückkehr wenigstens einer vereinbarten Anzahl von Flüchtlingen in israelisches Gebiet gehören, dazu eine Wiederansiedlung der Mehrheit der Flüchtlinge im Staat Palästina, sobald er zustande gekommen ist, und großzügige Entschädigungen für die, die beschließen zu bleiben, wo sie sind, oder die anderswohin auswandern wollen. (PK)
 
Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein neues Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ hat eine unserer AutorInnen für die NRhZ rezensiert.
Für die Übersetzung dieses Buches und Avnerys Artikel aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie hat ein neues eBuch bei Amazon veröffentlicht: "Ira Chernus, Amerikanische Nationalmythen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft". Alle ihre eBücher findet man unter http://www.amazon.com/s/ref=nb_sb_noss?url=search-alias%3Daps&field-keywords
http://ingridvonheiseler.formatlabor.net
 
 
 
 


Online-Flyer Nr. 514  vom 10.06.2015

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