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Aktueller Online-Flyer vom 02. Juli 2016  

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Literatur
„Meine Flucht nach Hause“ - Josef Ben-Eliezer
Zwischen Rebellion und Gebet
Buchtipp von Harry Popow

Wie dicht beieinander liegen mitunter Begeisterung und nachfolgende bittere Enttäuschung? Wie ermutigend sind hohe Gedankenflüge und wie lähmend kann der Absturz vor dem Sieg über sich selbst sein? Vor allem in einer vom Markt getriebenen Gesellschaft, wo du genötigt bist, sich anzupassen oder zu rebellieren. Und doch muss man beide Pole akzeptieren, sie wahrnehmen als menschliche Höhen und Tiefen, vor denen niemand gefeit ist. Du hast die Wahl: Entweder sich wehren oder wie ein Schaf anpassen? Rebellieren, etwas tun oder gar nur beten?
 
Es geht um den Leidens- weg eines Jungen, eines Juden und seiner sehr ernsthaften Suche nach dem Sinn des Lebens, nach menschlichem Glück und Frieden für alle Menschen. „Meine Flucht nach Hause“, so der Titel eines erregenden, mit ermutigender Offenheit geschriebenen 144-seitigen Buches von Josef Ben-Eliezer aus dem Neufeld Verlag. (Englische Übersetzung Ingrid von Heiseler.)
 
Der Autor (1929-2013) wurde als Josef Nacht in Frankfurt am Main als Sohn osteuropäischer Juden, die aus Polen stammten, geboren. Zunächst wollte er seine Geschichte nur für seine Angehörigen aufschreiben (er war verheiratet, hatte sieben Kinder und zahlreiche Enkel), doch auf Drängen der Familie wurde sie 2015 veröffentlicht, zwei Jahre nach dem Tod des 84-jährigen.
 
Josef Ben-Eliezer, so nennt er sich später, teilt seine Erinnerungen in fünfzehn Kapitel. Darin berichtet er von seiner Kindheit, von der Flucht vor dem nahenden Holocaust im faschistischen Deutschland, von Aufenthalten in Polen, im lebensrettenden Sibirien, in Samarkand, Teheran und Palästina. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges besuchte er Israel, beteiligte sich von 1947 bis Ende 1948 am bewaffneten Kampf gegen die Araber und nahm mit Empörung Misshandlungen der israelischen Soldaten gegenüber Palästinensern wahr. Sein innerer Aufruhr mündete in der Frage, ob die Israelis wirklich fähig waren, „anderen genau dasselbe anzutun, was man uns im vorangegangenen Krieg angetan hatte?“ 
 
Er wechselte ruhelos seine Wohnorte zwischen Deutschland, Israel und Paris. Er betont, er sei kein überzeugter Zionist gewesen, aber er wolle etwas, was „größer ist als ich.“ Auf Seite 62 notiert er: „Warum begann ich, gegen die jüdische Religion zu rebellieren? Ich denke, dass mein Bild von einem strengen Gott, der dazu da ist, uns zu strafen, viel dazu beitrug.“
 
Interessant für heutige Leser - mehr als die äußeren Umstände seiner „Flucht nach Hause“ - sind die inneren Beweggründe und Motive seiner fortwährenden Suche nach Glück und Frieden, nach dem Sinn des Lebens. So schlägt er einen faktenreichen Bogen von seinen Erlebnissen bei Flucht, Krankheit, Hunger, Leid und Tod der Mutter bis zu Erkenntnissen über deren gesellschaftliche Ursachen und politische Zusammenhänge. Das festzustellen ist insofern wichtig, da, wie Thomas Mann in seinem Aufsatz über „Die Kunst des Romans“ schrieb, man „von äußerem Leben das innere in die stärkste Bewegung bringe; denn das innere ist eigentlich der Gegenstand unseres Interesses“. (S. 286 in „Es geht um den Menschen...“, Verlag Progress, Moskau 1976)
 
Mehrfach stellt er in seinem Verhältnis zu Freunden und Bekannten fest, dass jene oftmals materiellen Dingen und dem Spaß am Leben nachjagen, er sich aber dem Drang nach politischen Erkenntnissen und politischer Bildung hingezogen fühlt, um seinen „Horizont“ zu erweitern. Bereits mit 16 Jahren stellte er sich die Frage nach dem Sinn des Lebens. Darüber suchte er das Gespräch mit anderen, vertrauliche, voller Toleranz und Mitgefühl für Andersdenkende. Auf Seite 116 schreibt der nicht religiös gebundene Autor, bezugnehmend auf Gläubige: „Ich beschloss, ihnen einfach als Menschen zu begegnen … sei offen! Sagte ich mir.“
 
Wiederholt fragt er sich, warum können die Menschen nicht friedlich und harmonisch miteinander auskommen? Ein Verwandter von ihm, ein Leninist, hilft ihm, die Ursachen von Holocaust, Krieg und Gewalt zu durchschauen. Josef wird selbst aktiv, indem er u.a. russische klassische Literatur (Dostojewski, Tolstoi, die er in Hebräisch findet) liest und sich in Kursen mit dem Marxismus/Leninismus vertraut macht. Seine persönlichen Erlebnisse mit den Eltern im lebensrettenden Sibirien nach der Flucht aus dem von Faschisten überfallenen Polen sowie die nach 1945 beginnende verstärkte antikommunistische Hetze wegen „tyrannischer Ungerechtigkeiten“ in der Sowjetunion ließen Josef Ben-Eliezer innerlich auf Abstand zu seinen bisherigen theoretischen Erkenntnissen gehen. Man wolle schließlich einen „wahren Kommunismus“. Zunehmend verlor er auch den Glauben, dass der Mensch sich ändern könne. Teil eines jeden sei „das Ego, Eigensinn und übermäßige Empfindsamkeit“. (S. 119)
 
Er schreibt von einem „Durchbruch“, als er in einer christlichen Gemeinschaft, im Bruderhof, 1958 in Deutschland plötzlich eine „Erleuchtung“ bekommt, seinen Mittelpunkt im Denken und Handeln findet und ab sofort an Gott glaubt. Es ist sein Kniefall vor „Gott“, vor dem, den er als nicht berufen und schon gar nicht für mitverantwortlich hielt, das Schicksal der Menschheit zu beeinflussen. Er wundert sich selbst über diesen Umschwung, gibt aber nicht auf, in den Werkstätten der Bruderhöfe zu arbeiten und als Seelsorger zu helfen und Rat zu geben.
 
Glaubhaft liest sich der sprachlich sachliche Stil dieses Lebensberichtes, der durch seine Konkretheit und Offenherzigkeit geradezu besticht. . So, wenn der Autor die von ihm erlebten jüdischen Gesänge, „die zu Herzen gehen“ beschreibt und die jüdischen Rituale. Seine Liebe gehört den Verwandten und Bekannten. Er empfindet ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Auch wenn diese Erinnerungen aus heutiger Sicht geschrieben wurden, so wirkt es seltsam, von „indoktrinären“ Erziehungsmethoden (siehe Aufenthalt in Sibirien) und von „Gehirnwäsche“ in einem Internat von Jerusalem zu sprechen. Das hat der Autor als Jugendlicher sicher anders empfunden und bezeichnet.
 
Bleibt die Frage: Muss ein Mensch erst Entwürdigung, Hunger, Niedertracht, gar Krieg und menschliche Wunden ertragen, bevor er imstande ist, sich nach einem neuen Gedankengebäude für ein menschliches und humanes Miteinander zu sehnen und danach zu streben? Womit sich jemand als Glücksuchender geistig rüstet, ist Privatsache. Unabhängig davon spielt das Buch ohne Zweifel dem im Neoliberalismus hochgejubelten ICH sowie der Dominanz der Privatheit in die Hände. Weltabgewandtheit! Jeder mache das Seine! Nicht rütteln am Gefüge des Kapitalismus! Glauben und beten statt rebellieren. Leser werden die Abhandlung spannend finden und ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen. Wer wollte das ernsthaft abstreiten: Gebete allein stillen deinen Hunger nicht und verändern schon gar nicht die Welt zum Besseren.
 
Etwas tun für sich... Ist das alles??? Der Philosoph Wolfgang Fritz Haug schrieb einst: „Individuen müssen die Grenzen ihres Berufes, ihrer fachlichen Spezialisierung und zugleich die der Privatheit überschreiten, um Intellektuelle zu werden. Intellektueller ist nicht bloß ein weiteres Steinchen im horizontalen Mosaik der Berufe.“ (Aus „junge welt“ vom 2./3. Mai 2009, Seite 10, „Rückkehr kritischer Potenz“)
(PK)

Ergänzung zur Rezension:

„Womit sich jemand als Glücksuchender geistig rüstet, ist Privatsache. Unabhängig davon spielt das Buch ohne Zweifel dem im Neoliberalismus hochgejubelten ICH sowie der Dominanz der Privatheit in die Hände. Weltabgewandtheit! Jeder mache das Seine! Nicht rütteln am Gefüge des Kapitalismus! Glauben und beten statt rebellieren. Leser werden die Abhandlung spannend finden und ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen. Wer wollte das ernsthaft abstreiten: Gebete allein stillen deinen Hunger nicht und verändern schon gar nicht die Welt zum Besseren. 
Etwas tun für sich... Ist das alles???“
Antworten auf diese Frage finden sich im Nachtrag in Josef Ben-Eliezers, "Meine Flucht nach Hause". 
Auszug aus dem Nachtrag (SS. 133-135)
Aus der Rezension: „Leser werden […] ihre eigenen Schlüsse […] ziehen.“
 
Der fortdauernde Konflikt in Israel war eine besondere Sorge, die Josef sehr nahe ging, dazu die schmerzlichen Erinnerungen an seine eigene Rolle in den frühesten Jahren dieses Konflikts. Er sah vor seinem geistigen Auge immer noch die Gesichter der Menschen von Lod, die seine Einheit aus ihren Häusern vertrieben hatte, und, wenn er noch weiter in der Zeit zurückging, die Geschichte seines eigenen Volkes, als es während des Krieges aus seinen Häusern in Polen vertrieben worden war.
1997, fast fünfzig Jahre nach der Räumung von Lod, kam er mit dem Palästinenser Jakoub Munayer dort in Berührung, dessen Familie im Aufstand von 1948 unter israelischen Soldaten gelitten hatte. Nach einem kurzen Briefwechsel reiste Josef nach Lod und lernte Jakoub und seinen Sohn Salim kennen.
Josef bat Jakoub um Verzeihung für das, was damals geschehen war [woran er als 19jähriger israelischer Soldat teilgenommen hatte], und dieser erfüllte seine Bitte mit Wärme und Verständnis. Danach erzählten die Männer einander ihre Erlebnisse und tauschten Erinnerungen aus. Am Ende dieser Begegnung fanden sie gemeinsam zur vollkommenen persönlichen Versöhnung. Josef machte von dieser persönlichen Begegnung niemals viel Wesens. Für ihn war es ein bescheidener Versuch, Frieden zwischen zwei Menschen zu schließen und dem Schwall der täglichen Geschichten über Spannungen, Feindseligkeiten, Selbstmordattentäter und Racheangriffe etwas entgegenzusetzen. Später sagte er, er hoffe sehr, dass derartige Begegnungen eine Kettenreaktion in Gang bringen könnten. „Gewalt fordert Gewalt, aber wenn man einen anderen Prozess in Gang setzt, indem man eine Hand ausstreckt und Vergebung und Versöhnung findet, dann kann sich das ausbreiten. Wir alle können das in unseren Beziehungen zueinander tun: um Vergebung bitten und eine bessere Welt aufzubauen versuchen.“   [Video davon: https://www.youtube.com/watch?v=kQHyKY_Z-T4]
 
Die Tatsache, dass Josef eine derartige Reise (damals war er 68) unternahm, und andere ähnliche Unternehmungen veranschaulichen, wie sehr ihn seine Leidenschaft für Gerechtigkeit immer wieder antrieb. Immer suchte er und ruhte sich nie aus oder erlaubte sich zu glauben, er wäre „angekommen“. […]
Im übertragenen Sinn war Josef ein Vater nicht nur für seine eigenen Kinder, sowohl innerhalb des Bruderhofs als auch darüber hinaus. Sein weiser Rat und die Demut, mit der er ihn erteilte, machten ihnen zu einem vertrauenerweckenden Mentor, Ratgeber und „Beichtvater“ für Freunde und Bekannte von New York über Europa und bis in den Nahen Osten. (Nur zwei Monate vor seinem Tod begann er zwei junge Amerikaner zu betreuen, die ein Jahr lang Freiwilligendienst in Bethlehem taten.) 
(PK)
 
Josef Ben-Eliezer: „Meine Flucht nach Hause“. Gebundene Ausgabe: 144 Seiten, Format 13,5 x 21cm, Neufeld Verlag Schwarzenfeld; www.neufeld-verlag.de, Auflage: 1. Auflage 2015 (26. Januar 2015), Preis: 12,90 Euro, Sprache: Deutsch, ISBN-10: 3862560597, ISBN-13: 978-3862560592
 
Erstveröffentlichung dieser Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung
 
Mehr über den Rezensenten: http://cleo-schreiber.blogspot.com


Online-Flyer Nr. 514  vom 10.06.2015

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