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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
Erstmals in Deutschland eine "Genital Autonomy"-Konferenz
Besonders gefeiert eine iranischstämmige Frau
Von Meike Beier

Zwei Tage lang, am 8. und 9. Mai, haben sich in Frankfurt am Main Fachleute, Betroffene und Aktive unterschiedlichen Geschlechts aus 11 Ländern auf Einladung von "intaktiv e.V. - eine Stimme für genitale Selbstbestimmung" während der erstmalig in Deutschland ausgerichteten "Genital Autonomy"-Konferenz engagiert, verschiedene Aspekte von Eingriffen an den Genitalien sowie der genitalen Unversehrtheit und Selbstbestimmung von Jungen, Mädchen und Intersexuellen diskutiert und neue Netzwerke geknüpft.

Ein Teil der Referent/innen und Teilnehmer/innen der Konferenz
Quelle: intaktiv e.V.
 
Referent/innen und Teilnehmer/innen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Finnland, der Türkei, USA, Kanada und dem Iran tauschten sich im Haus der Jugend in Frankfurt am Main intensiv zum Thema "Genital Autonomy: Myths and Multiple Standards" aus. Dabei wurde das grundsätzliche Verständnis deutlich, dass Ethik universell ist und daher in Bezug auf das Recht auf genitale Selbstbestimmung nicht nach Alter, Geschlecht, Religion oder Kultur der betroffenen Person differenziert werden kann.
 
Der jüdische Referent Shemuel Garber erläuterte die wechselseitige Abhängigkeit von kulturellen, religiösen und medizinischen Rechtfertigungen für die männliche Beschneidung insbesondere aus Sicht der amerikanischen Juden. Den häufig gegenüber Aktivisten für die genitale Selbstbestimmung von Jungen geäußerten Vorwurf des Antisemitismus wies er klar zurück; vielmehr seien Juden in der Bewegung im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sogar überrepräsentiert.
 
Der türkische Autor Kaan Göktaş entkräftete die Legitimation der Vorhautamputation im Islam. Weder werde sie im Koran gefordert, noch gebe es Belege, dass Mohammed oder seine frühen Anhänger und Nachkommen beschnitten worden wären. Da es zudem Koransuren gäbe, die körperliche Modifikationen als sündhaft bezeichneten, hält er die Hadithen zur Beschneidung für nachträglich eingefügt.
 
Dr. Michel Garenne vom epidemiologischen Institut Pasteur in Paris legte dar, dass es für einen Schutz vor HIV-Infektion durch eine Amputation der Vorhaut keinen Beweis auf demographischer, d. h. gesamtgesellschaftlicher, Ebene gibt. Bei anderen Interventionen wie etwa der Cholera-Impfung habe eine ähnliche Beweislage nicht für eine Empfehlung durch die WHO ausgereicht.
 
Susana Rocha Teixeira (Terre des Femmes) machte deutlich, dass die betroffenen Kulturen beim Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung nicht als "anders" ausgegrenzt werden dürfen und dass auch der Trend zu genitalen Schönheitsoperationen in den Industrienationen thematisiert werden müsse. Im Anschluss an den Vortrag der britischen Psychologin Dr. Ann-Marie Wilson wurde diskutiert, ob weibliche Genitalverstümmelung wirksam bekämpft werden kann, ohne gleichzeitig gegen männliche Genitalverstümmelung vorzugehen, da beiden Praktiken die gleichen psychosozialen Mechanismen zugrundeliegen und die gleichen ethischen Argumente entgegenstehen.
 
Zum Thema Intersexualität setzte der Film "Intersexion" u. a. mit der Erklärung von Hida Viloria ein bewegendes Zeichen, dass es das größte Geschenk ihrer Eltern gewesen sei, sie nach der Geburt nicht operativ "normalisieren" zu lassen. Der deutsch-französische Wissenschaftler Simon Zobel betonte die Variationsbreite der geschlechtlichen Zuordnung und der Formen von menschlichen Genitalien. Angesichts dessen erschien eine Differenzierung des Rechtes auf genitale Selbstbestimmung nach Geschlechtern noch unhaltbarer und geradezu absurd.
 

Die iranischstämmige Mina Ahadi bei
ihrem Vortrag
Quelle: intaktiv e.V.
Unumstrittener Höhepunkt der Konferenz war jedoch der Vortrag von Mina Ahadi, Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime, die für ihr engagiertes Auftreten für die genitale  Unversehrtheit von Mädchen und Jungen im muslimisch geprägten Kulturkreis und ihre mutige Arbeit im Allgemeinen mit stehenden Ovationen gefeiert wurde.
 
"intaktiv e.V. – eine Stimme für genitale Selbstbestimmung" ist ein gemeinnütziger Verein, der sich basierend auf dem Leitsatz aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, dass “alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren” sind, für das Recht aller Menschen einsetzt, selbst darüber zu entscheiden, welche nicht unmittelbar medizinisch notwendigen Eingriffe an ihren Genitalien vorgenommen werden. Dieses Ziel will der Verein vor allem durch gesellschaftliche Aufklärung erreichen. (PK)
 
Dr. Meike Beier ist Vorstandsmitglied bei "intaktiv e.V. – eine Stimme für genitale Selbstbestimmung" in Mainz


Online-Flyer Nr. 510  vom 13.05.2015

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