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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Krieg und Frieden
Rede des DGB-NRW-Vorsitzenden zur Besetzung der Niederlande 1940
Dank an die KollegInnen, die Deutsche retteten
Von Andreas Meyer-Lauber

Andreas Meyer-Lauber, Vorsitzender des DGB NRW hat auf einem Treffen mit Gewerkschaftern in den Niederlanden, die während des Zweiten Weltkriegs von den Truppen Hitlers schon am 10. Mai 1940 besetzt wurden, am 8. Mai eine eindrucksvolle Rede in Aalten gehalten, die wir hier im Wortlaut wiedergeben:

Hollands General Winkelmann verlässt nach Übergabeverhandlungen das Schulhaus Rotterdam
Quelle: wikpedia/ Bundesarchiv
 
Liebe Kolleginnen und Kollegen, es ist mir eine große Ehre, am 8. Mai 2015 hier sprechen zu dürfen. In diesem Jahr steht für uns das Gedenken und Erinnern im Vordergrund. Heute feiern wir den 70. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Dem Sieg der Alliierten über die Wehrmacht, dem Sieg über das Nazi-Regime, verdanken wir, dass wir heute hier stehen können und dass freie Gewerkschaften wieder möglich wurden – in den Niederlanden und allen anderen von Deutschland besetzten Ländern, aber auch in Deutschland selbst.
 
In der Wahrnehmung vieler Deutscher war der 8. Mai lange Zeit kein Tag der Befreiung, sondern dessen Gegenteil. Das änderte sich erst langsam. Es war auch eine Frage des steigenden Alters der Tätergeneration. Vor dreißig Jahren, am 8. Mai 1985, hielt Bundespräsident Richard von Weizsäcker in Bonn eine zu diesem Zeitpunkt äußerst bemerkenswerte Rede. Er sagte:
 
„Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. […] Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.“ Das war eine Zäsur, das war ein wichtiger Meilenstein in der Auseinandersetzung um die Deutung dieses Tages: gegen die Ewiggestrigen, gegen die Reaktionäre, gegen die alten und neuen Nazis, für die der 8. Mai einen Tag der Niederlage darstellt. Sie haben auch nach der Weizsäcker-Rede immer wieder versucht, eine Umdeutung der Geschichte zu erreichen und die Verbrechen des Nationalsozialismus zu relativieren.
 
Wir gedenken heute der Opfer des Nazi-Regimes. Wir gedenken der Einwohner der Niederlande, die durch Kriegshandlungen und während der Besatzungszeit verfolgt und ermordet wurden. Wir gedenken der ermordeten Jüdinnen und Juden. Wir gedenken derer, die wegen ihrer Überzeugung getötet wurden, darunter Christen, Sozialdemokraten, Kommunisten und viele Gewerkschafter. Wir gedenken der von den Nazis verfolgten und ermordeten Sinti und Roma, der Homosexuellen, der so genannten „Asozialen“, der psychisch Kranken.
 
Die Niederlande haben seit dem 10. Mai 1940 entsetzlich unter dem deutschen Besatzungsregime gelitten. Hunderttausende wurden verschleppt und mussten Zwangsarbeit in Deutschland leisten. Der größte Teil der niederländischen Juden (und auch der in die Niederlande geflohenen deutschen Juden) wurde im Lager Westerbork interniert und schließlich in Auschwitz und Sobibór zu Tode gequält und ermordet. Wir alle kennen Anne Frank, die dieses Schicksal teilte. 

Anne Frank, jüdisches deutsches Mädchen, das 1934 mit seinen Eltern in die Niederlande auswanderte, um der Verfolgung durch die Nazis entgehen, aber kurz vor Kriegsende im KZ Bergen-Belsen dem Holocaust zum Opfer fiel.


Anne Frank
NRhZ-Archiv
Wir wissen auch, dass dieser 70. Jahrestag wohl der letzte runde Jahrestag ist, zu dem wir noch eine größere Zahl Überlebender unter uns haben. Es gilt, deren Erinnerungen und deren Vermächtnis für künftige Generationen zu bewahren, um nie wieder zuzulassen, dass sich ein Zivilisationsbruch ereignet, der mit Auschwitz vergleichbar ist. Hier in Aalten überlebten die Onderduikers nur, weil es so viele mutige Menschen gab, die ihnen Unterschlupf und
Versteck gewährten, und die sich dafür selbst in Lebensgefahr begaben. Sjaak van der Velden hat die Details eindrücklich dargestellt. Es waren politische Flüchtlinge und Gewerkschafter, es waren Menschen, die Schutz vor Verfolgung und Massenmord suchten, und sie fanden hier Aufnahme.


Andreas Meyer-Lauber im Gespräch mit Marc Rosendahl (l.), Organisationssekretär DGB-Region Niederrhein
Quelle: DGB NRW
 
Ich möchte heute den Dank der deutschen Gewerkschaften überbringen. Wir danken den Alliierten, die uns unter großen Opfern befreit haben. Wir danken allen Menschen, die sich nicht haben beugen lassen und Widerstand gegen das Nazi-Regime leisteten – sei es im Großen, sei es im Kleinen. „Wer auch nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt“,
so steht es im Talmud. Niederländische Gewerkschafter und andere Einwohner der Stadt Aalten haben in diesem Sinne die ganze Welt gerettet, und wir sind froh darüber.
 
Nach der Befreiung von der Nazibarbarei haben die Mütter und Väter des deutschen Grundgesetzes einen Satz an die erste Stelle der Verfassung gesetzt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Und auch in der Verfassung des Königreichs der Niederlande steht im ersten Artikel: „Niemand darf wegen seiner religiösen, weltanschaulichen oder
politischen Anschauungen, seiner Rasse, seines Geschlechtes oder aus anderen Gründen diskriminiert werden.“
 
Diese Sätze stehen in unseren Verfassungen nicht aus Versehen an allererster Stelle. Sie müssen für alle Menschen gleichermaßen Geltung haben. Wer fliehen muss, braucht und verdient unsere Solidarität. In den letzten Wochen sind erneut über 1000 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken, und die Europäische Union macht sich der unterlassenen
Hilfeleistung schuldig. Dafür können wir uns als Europäer ganz einfach nur schämen. Wer das Mittelmeer als todbringende Risikozone für Flüchtlinge einplant, verletzt die Werte Europas bereits an seinen Grenzen.
 
Wir fordern die Europäische Union auf, die Menschen zu retten, die beim Versuch, über das Mittelmeer zu uns zu fliehen, in Lebensgefahr geraten. Das Mittelmeer darf nicht wegen unterlassener Hilfeleistung der Europäischen Union ein Massengrab für Flüchtlinge sein. Ein Seenotrettungssystem, das von allen EU-Staaten gemeinsam finanziert wird, ist überfällig. Wir brauchen Regelungen, die Flüchtlingen die Chance auf soziale und wirtschaftliche Teilhabe in der Europäischen Union eröffnen. Als Gewerkschaften liegt uns besonders am Herzen, dass wir ihnen helfen, Arbeit zu finden. Dazu brauchen sie Sprachkurse, die Anerkennung ihrer beruflichen Qualifikation und berufliche Ausbildung.
 
Flüchtlinge kommen in die Europäische Union, um sicher und ohne Angst leben zu können. Doch gerade in den letzten Monaten versuchen Rechtspopulisten und Rechtsextremisten Stimmung gegen sie zu machen und Ressentiments und Ängste zu schüren. Unterkünfte für Flüchtlinge werden attackiert und angezündet. Asylsuchende werden beleidigt, eingeschüchtert und mit Gewalt bedroht. Gegen die menschenverachtende rechte Ideologie setzen wir mit Entschlossenheit unsere demokratische Überzeugung: Nur weltoffene Gesellschaften und die aktive Förderung einer Kultur des Willkommens in unseren Ländern bieten zuverlässig Gewähr gegen ein erneutes Aufblühen rechtsextremistischer Umtriebe.
 
Hier muss die Politik ihrer Verantwortung nachkommen – und hier sind Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, alle Demokratinnen und Demokraten gefordert, klar und eindeutig Stellung zu beziehen: Wir wehren uns gegen den zunehmenden Rechtspopulismus, wir lassen Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus, Fremdenhass und Intoleranz keinen Raum!
 
Ich möchte erneut meinen tiefen Respekt vor dem Mut der niederländischen Kollegen ausdrücken und erneut unseren herzlichen Dank aussprechen! Verbunden damit möchte ich nun die Gedenktafel überreichen, die künftig am Museum der Onderduikers ihren Platz finden wird. In der Inschrift heißt es: „70 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus und nach Beendigung des 2. Weltkrieges erinnert der Deutsche Gewerkschaftsbund Nordrhein-Westfalen an die selbstlose Hilfe für die bedrohten Menschen und bedankt sich bei den niederländischen Gewerkschaften FNV und CNV. Unser ganz besonderer Dank gilt den niederländischen Familien, die unsere Kolleginnen und Kollegen in ihren Häusern und Wohnungen aufgenommen haben.“ (PK)
 
Es folgte die Überreichung der Gedenktafel an den Wethouder der Gemeinde Aalten, Henk Rijks, und an die Direktorin des Museums, Dr. Gerda Brethouwer.


Online-Flyer Nr. 510  vom 13.05.2015

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