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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Inland
Ein überraschendes Forschungsergebnis aus der Universität Erlagen
Gesundheitsprobleme durch Sommerzeit?
Von Franz Alt, Peter Kleinert, DIW und Oekonews

"Eine aktuelle Expertenanhörung im EU-Parlament zeigt glasklar den zwingenden Handlungsbedarf auf", konnte ich in der jüngsten Ausgabe der Sonnenseite von Franz Alt lesen. Und weiter: "Der Chronobiologe Till Roenneberg fordert sie schon immens lange, eine Abschaffung der Sommerzeit in Europa. Sie sei der Auslöser für den "sozialen Jetlag"- Herz- Kreislauferkrankungen, Schlafmangel, gestörter Biorhythmus, Verkehrsunfälle, Herzinfarkte, Depressionen, Selbstmorde, etc. können Auswirkungen der Umstellung sein. Sie sollen tausende Menschenleben fordern und Milliardenkosten verursachen. Einst wurde die Sommerzeit aus Gründen des Energiesparens eingespart - diesen Effekt bringt sie schon lange nicht mehr!

 
Nicht alleine - wie bisher angenommen - ältere Menschen und Schulkinder sind die Hauptleidtragenden der zweimal im Jahr vorgenommenen Zeitumstellungen von Winter- auf Sommerzeit, wie am vergangenen Sonntag, und dann wieder von Sommer- auf Winterzeit.
 
Eine wesentlich größere Dimension von Problemfällen und Opferzahlen muss aufgrund jener Expertenanalysen befürchtet werden, die aufgrund von Langzeitstudien die Zeitumstellung - und hier speziell jene auf die Sommerzeit - als teils extrem gefährlich darstellen, da alleine schon das chronische Schlafdefizit bei einer enormen Zahl an Menschen in Europa dramatische Auswirkungen zeigt.
 
Das aktuelle, gleich von drei (!) Parlamentsausschüssen einberufene, Hearing im Europaparlament bestärkte nun alle Befürchtungen, dass nämlich bisher noch nie eine seriöse wissenschaftliche Überprüfung der vielen Studien und Statistiken vorgenommen wurde, die neben den Pros auch die inzwischen wesentlich größere Zahl an Contras gebührend berücksichtigt - was zu einer möglicherweise grob fahrlässigen bis verantwortungslosen Fortschreibung der Zeitumstellungen führte.
 
Die Zeitumstellungen wurden bereits 1975 europaweit eingeführt, mit dem primären Ziel, durch die längere Tageslichtdauer Energie zu sparen - ein Irrglaube, wie sich längst herausgestellt hat.
 
Um zu verhindern, dass über die ab 2016 für die nächsten 15 Jahre neu zu regelnde EU-Richtlinie wieder ohne ernsthafte Überprüfungen und seriöse Evaluierungen entschieden wird, geht Seniorenbund-Generalsekretär und Europaabgeordneter Becker jetzt in die Initiative und wird, mit nationaler und internationaler Unterstützung, politisch aktiv. Wichtig ist für ihn nicht, ob wir jetzt voll auf "Sommerzeit" umstellen, für das ganze Jahr, oder die normale Zeit behalten sondern dass es eine Einigung darüber gibt, ob eine Umstellung überhaupt notwendig ist. Er fordert eine sofortige wissenschaftliche Prüfung der schwerwiegenden Vorwürfe gegen die Sommerzeit - mehr dazu wollte er noch vergangene Woche im Rahmen eines Pressegesprächs in Wien berichten." (Quelle: Oekonews)
In einer ausführlichen Pressemitteilung hatte einige Tage vorher das Institut für Deutsche Wirtschaft (DIW) über die diesem Text zugrunde liegenden Forschungsergebnisse des Wissenschaftlers Daniel Kühnle von der Universität Erlangen berichtet:
"Wenn die Uhren beim Übergang auf die Sommerzeit um eine Stunde vorgestellt werden, sinkt die Lebenszufriedenheit der Menschen in der ersten Woche nach der Umstellung. Das belegt eine Studie, die kürzlich Ökonomen der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg auf Basis von Daten der Längsschnittbefragung Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) sowie einer britischen Langzeitstudie erstellt haben. „Vor allem das Wohlbefinden von Eltern kleiner Kinder leidet unter der alljährlichen Umstellung auf die Sommerzeit“, sagt Daniel Kühnle, einer der Autoren. Werden die Uhren im Herbst wieder zurück gestellt, habe das hingegen keine messbaren Auswirkungen auf die Zufriedenheit. Die Studie wurde jetzt als SOEPpaper 744 veröffentlicht.
Die Umstellung der Zeit wurde 1916 erstmals eingeführt. “Diese großartige Reform erhöht für Millionen Menschen in diesem Land die Chancen für ein gesundes und glückliches Leben “, sagte später Winston Churchill in einer Lobesrede auf William Willett, der in Großbritannien die Idee der Zeitumstellung aufgebracht hatte.
Die von Churchill gepriesene Chance hat jedoch auch einen Preis, wie nun eine für die Menschen in Deutschland und Großbritannien repräsentative Studie auf Basis von Daten des SOEP sowie der Britischen Langzeitstudie „Understanding Society“ (zuvor British Household Panel) zeigt. Die Berechnungen der Autoren Daniel Kühnle und Christoph Wunder belegen: In beiden Ländern geht die Zufriedenheit der Befragten in der Woche nach der Zeitumstellung zurück. Besonders stark sinkt die Zufriedenheit von Eltern kleiner Kinder. In der zweiten Woche nach der Zeitumstellung erreicht die Lebenszufriedenheit wieder ihr ursprüngliches Niveau. Umgerechnet bedeutet das für Deutschland: Das Einkommen der Haushalte müsste in der ersten Woche nach der Umstellung auf die Sommerzeit um etwa zehn Prozent steigen, um den geschätzten Rückgang der Zufriedenheit zu kompensieren.
Dass die Zufriedenheit nach der Zeitumstellung vorübergehend zurückgeht, erklären die Wissenschaftler nicht allein durch die körperliche Anpassung an einen neuen Tagesrhythmus. „Menschen erleben es als Belastung, wenn ihre frei verfügbare Zeit beschränkt wird“, erklärt Studien-Autor Daniel Kühnle. „Das gilt besonders für Mütter und Väter, die ohnehin wenig Zeit für sich haben“.
Die Forscher plädieren gleichwohl nicht dafür, die Zeitumstellung abzuschaffen. Sie schlagen vielmehr vor, Menschen für die durch die Zeitumstellung verlorene Stunde mit mehr Zeitsouveränität zu „entschädigen“. „Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, in der Woche nach der Zeitumstellung mehr zeitliche Flexibilität am Arbeitsplatz zu ermöglichen“, sagt Daniel Kühnle.  
Für ihre für Deutschland und Großbritannien repräsentative Untersuchung hatten die Nürnberger Ökonomen die Daten von 29.653 im SOEP befragten Frauen und Männern ausgewertet, die von 1984 bis 2004 erhoben worden waren. Darüber hinaus analysierten sie die Angaben von 8.950 Teilnehmenden der vergleichbaren Haushaltspanelstudie „Understanding Society“ (gestartet als British Household Panel), die von 2009 bis 2012 erhoben worden waren. In die Studie flossen die Angaben derjenigen Befragten ein, die zwei Wochen vor und nach der Zeitumstellung befragt worden waren." (PK)


Quellen:
http://www.diw.de/de/diw_02.c.242689.de/pressemitteilungen.html?id=diw_01.c.499136.de


Kontakt zum Autor und Forscher: E-mail: daniel.kuehnle@wiso.uni-erlangen.de. Daniel Kühnle ist Wissenschaftler an der Uni Erlangen, die Berichte über seine Forschungsergebnisse ebenso wie oekonews.at | holler 2015 und Franz Alt auf seiner "Sonnenseite" http://www.sonnenseite.com/de/umwelt/sommerzeit-umstellung-ein-gesundheitliches-problem.html veröffentlicht hat, auf der wir den ersten Artikel zu diesem Thema entdeckt hatten.
 


Online-Flyer Nr. 504  vom 01.04.2015

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