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Aktueller Online-Flyer vom 15. Dezember 2017  

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Kultur und Wissen
Tipp für den KernFilm "Wer rettet wen?" von Herdolor Lorenz und Leslie Franke
„Die Krise als Geschäftsmodell"
Von Ulrich Kriest

Zentrale Begriffe wie „Rettungsschirm“ oder „Systemrelevanz“ sind inzwischen ebenso bekannt wie die Namen „Lehman Brothers“, „Goldman Sachs“, oder Mario Draghi. Seit sechs Jahren fließen Milliarden Steuergelder, um je nach Lage die hochverschuldeten Griechen, Spanier, Portugiesen oder Iren zu retten, indem der Ausstieg aus der Euro-Zone verhindert wird. Natürlich sind diese Zahlungen an Bedingungen geknüpft, die letztlich auf einen Abschied vom europäischen Sozialmodell hinauslaufen.

Von einer Zwangsräumung betroffen
Alle Fotos aus "Wer rettet wen?"
 
In bester Brecht-Manier fragen die Hamburger Filmemacher Leslie Franke und Herdolor Lorenz von der "KernFilm"-Produktion(1) in ihrem Kampagnenfilm: Wen haben die Milliarden gerettet? Wie konnte es dazu kommen, dass demokratisch nicht legitimierte Instanzen wie die Troika aus Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds Sparmaßnahmen einzufordern, die auf die Privatisierung öffentlicher Güter, die Deregulierung des Arbeitsmarktes und den Abbau öffentlicher Sozialleistungen hinauslaufen? Wenn gilt: Die Retter sind die Täter, wie es der Film formuliert, sind wir alle dann Zeugen der Machtübernahme des Finanzkapitals, das es meisterhaft versteht, Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren? Wurden wir Zeugen eines Staatsstreichs?
 
Die Filmemacher haben sich auf Spurensuche begeben, haben Experten befragt und zu erklären versucht, welche Logik hinter einem Wort wie „Derivat“ steckt. Der Befund des Films ist eindeutig und eindrucksvoll: Soziale Rechte werden durch das Recht auf Schulden ersetzt. Schüler werden zu Dienstleistungsempfängern, Patienten zu Kunden. Wie lebt es sich in Griechenland, wo das öffentliche Gesundheitssystem zusammengebrochen ist und ein Drittel der Bevölkerung ohne Krankenversicherung da steht? Wie lebt es sich im Herzogtum Lauenburg, wo Investoren mit Slogans wie „Hier wird der Fiskus zum Fisküsschen!“ angelockt werden sollen. Ist Oskar Lafontaine seinerzeit als Finanzminister gescheitert, weil er frühzeitig versucht hat, den Weltkapitalmarkt zu regulieren?
 
Der Film hat den unmissverständlichen, aber wenig hoffnungsvollen Untertitel: „Die Krise als Geschäftsmodell auf Kosten von Demokratie und sozialer Sicherheit“. Und stellt fest, dass die Finanzindustrie den Regeln zur ihrer Kontrolle bislang stets einen Schritt voraus gewesen ist, weil sie flexibel und supranational agieren kann.
 
Aber es geht dem Film nicht um das ohnmächtige Bebildern von Verschwörungstheorien, sondern um praktische Formen solidarischen Handelns, wenn gezeigt wird, wie Ärzte und Anwälte in Griechenland und Spanien sich ehrenamtlich für Kranke und von Zwangsräumung Bedrohte engagieren. Oder wenn der Blick nach Ecuador geht, wie sich sogenannte Schuldenaudits als politische Alternative erwiesen haben. Oder nach Island, wo die Bürger in mehreren Volksabstimmungen die Bankenrettung verweigert haben.

Schließung des öffentlichen Fernsehens in Griechenland. Redakteure verbrennen die EU-Flagge
 
Der durch eine ungewöhnliche Form von Crowdfunding durch Organisationen wie Attac, Greenpeace und ver.di möglich gewordene Film versteht sich explizit als Hilfsmittel zur Aufklärung. Seine Premiere wurde vor dem Kinostart am 11. Februar 2015 an einem Aktionstag europaweit gefeiert. Nach „Wer rettet wen?“ schaut man mit anderen Augen nach Griechenland, wo die Wähler entschieden gegen die Troika votiert haben. (PK)
 
(1) Die KernFilm-Produktion GmbH ist eine Plattform für dokumentarisch arbeitende Filmschaffende mit gesellschaftlichem Engagement. Die Firma entstand 1985 als Filmproduktion der Autoren und Firmengründer Leslie Franke und Herdolor Lorenz. Mehr über sie und ihre Filmarbeeit unter http://www.kernfilm.de/
 
Ulrich Kriest hat diese Filmkritik für den FILMDIENST geschrieben, von dem wir sie mit Dank übernommen haben. Seit 1947 begleitet der FILMDIENST wie kein anderes Magazin kritisch den internationalen Filmbetrieb. Herausragende Porträts von Filmschaffenden stehen neben Filmrezensionen, spannende Debatten neben aufschlussreichen Interviews, Hintergrundberichte neben allen Neuigkeiten aus der Filmwelt – das alles in einer unverwechselbaren Optik. Dazu 10-12 Seiten über sehenswerte Filme im TV. Mehr unter http://www.filmdienst.de/
 
 


Online-Flyer Nr. 498  vom 18.02.2015

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