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Aktueller Online-Flyer vom 14. Dezember 2018  

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Globales
Fast jede Partei in Israel möchte als zionistisch angesehen werden
Lauter Zionisten
Von Uri Avnery

Oft fragen mich Leute: „Sind Sie Zionist?“ Meine Standardantwort ist: „Es kommt darauf an, was Sie unter Zionismus verstehen.“ Das meine ich ganz ernst. Der Ausdruck Zionismus kann sehr Unterschiedliches bedeuten. Wie zum Beispiel auch der Ausdruck Sozialismus. François Hollande ist Sozialist. Auch Josef Stalin war Sozialist. Haben sie irgendeine Ähnlichkeit miteinander?
 

Theodor Herzl
NRhZ-Archiv
ALS ICH jung war, machte in Deutschland ein Witz die Runde: „Ein Zionist ist ein Jude, der einen zweiten Juden um Geld bittet, um einen dritten Juden in Palästina anzusiedeln.“ Mein Vater war ein solcher Zionist. Das war natürlich vor der Machtergreifung der Nazis. Ich habe den Verdacht, dass diese Definition heutzutage auf viele amerikanische Zionisten zutrifft. 
Der Gründer der Zionistischen Bewegung Theodor Herzl wollte eigentlich nicht auf den Hügel Zion in Jerusalem. Er mochte Palästina überhaupt nicht. Im ersten Entwurf der Bibel des Zionismus "Der Judenstaat" schlug er wegen seines gemäßigten Klimas Patagonien als bevorzugten Standort für den jüdischen Staat vor. Auch darum, weil Patagonien nach einer Völkermord-Kampagne Argentiniens nur noch spärlich besiedelt war.
Als sich die Bewegung gen Zion wandte, bedeutete Zionismus verschiedenen Leuten immer noch sehr Unterschiedliches. Einige wollten, dass das Land nur ein spirituelles Zentrum der Juden würde. Andere wollten, dass es ein sozialistisches Utopia werden solle. Wieder andere wollten, dass es eine nationalistische Bastion würde, die sich auf militärische Stärke gründete.   
Die Erneuerung der hebräischen Sprache, die zu einem so wesentlichen Teil unseres Lebens geworden ist, gehörte durchaus nicht zum zionistischen Projekt. Herzl, der ursprünglich den Ehrgeiz hatte, ein großer deutscher Schriftsteller zu werden, dachte, wir würden deutsch sprechen. Andere hätten lieber Jiddisch als Landessprache gehabt. Der fanatische Wunsch, Hebräisch zu verjüngen kam von unten.
Nicht einmal der Wunsch, einen jüdischen Staat zu gründen, war einhellig. Einige glühende Zionisten wie Martin Buber träumten von einem bi-nationalen Staat, einem Staat, der zur Hälfte arabisch und zur Hälfte jüdisch wäre. „Praktische“ Zionisten wollten den zionistischen Traum durch geduldiges Besiedeln des Landes verwirklichen, „revisionistische“ Zionisten wollten sofort eine internationale „Charta“ zu Wege bringen.
Religiöse Zionisten wollen einen Staat, der sich auf die jüdische Religion gründet und von ihr beherrscht wird. National-religiöse Zionisten glauben, dass Gott die Juden ihrer Sünden wegen ins „Exil“ geschickt habe, und wollten Gott durch ihre Taten dazu zwingen, den Messias gleich zu schicken.
Atheistische Juden erklären, die Juden seien eine Nation und nicht vor allem Angehörige einer Religion und wollen mit dem jüdischen Glauben nichts zu tun haben. 
Und so weiter.
 
WAS BEDEUTET nun Zionismus heute? Das Wort wird heute in Israel häufig gebraucht, ohne dass man viel darüber nachdenkt. Fast jede Partei möchte als zionistisch angesehen werden und brandmarkt ihre Gegner als antizionistisch; das ist in der israelischen Politik eine tödliche Beschuldigung. Nur kleine Minderheiten am Rande lehnen die Ehre ab: Kommunisten auf der einen Seite und Ultraorthodoxe auf der anderen. (Letztere glauben, es sei eine große Sünde, ohne Gottes ausdrückliche Erlaubnis in großer Zahl ins Land Israel einzuwandern.) 
Für viele Israelis bedeutet Zionismus nichts anderes als israelischen Patriotismus. Wenn man möchte, dass Israel als „jüdischer Staat“ (was das auch bedeuten mag) existiert, ist man Zionist. Man muss auch glauben, dass Israel ein Teil des weltweiten „jüdischen Volkes“ und sein Führer, etwas Ähnliches wie eine Kommandozentrale, ist. In aktueller Terminologie: „der Nationalstaat des jüdischen Volkes“.  
Im tieferen Sinne bedeutet Zionismus vielleicht den innigen Glauben, dass die Juden der ganzen Welt schließlich nach Israel kommen werden, und zwar entweder, weil sie es selbst so wollen, oder vom Antisemitismus hierher getrieben werden. Der unvermeidliche Sieg des Antisemitismus in allen Ländern der Welt wird für selbstverständlich gehalten. Deshalb begegnet man hier in Israel jeder realen oder nur in der Vorstellung vorhandenen Welle des Antisemitismus – wie der gegenwärtigen in Frankreich – mit heimlicher Genugtuung („Das haben wir euch ja schon immer gesagt!“).
 
UND WO stehe nun ich?
Ein paar Jahre vor der Gründung des Staates Israel erklärte eine Gruppe junger Leute in diesem Land, die meisten waren Künstler und Schriftsteller, dass sie keine Juden, sondern Hebräer seien. Man gab ihnen den Spitznamen „die Kanaaniter“.
Ihre frohe Botschaft war, dass die Hebräisch sprechenden jungen Leute in diesem Land nicht zur weltweiten jüdischen Gemeinde gehörten, sondern eine von ihr getrennte neue hebräische Nation seien. Sie wollten mit den Juden nichts zu tun haben. Einige ihrer Verlautbarungen klangen eindeutig antisemitisch. Sie verstanden die hebräische Nation als eine Fortsetzung – nach der kurzen Pause von ein paar tausend Jahren – des ursprünglichen vorbiblischen kanaanitischen Volkes. Daher der Spitzname.
Vier Jahre später gründete ich eine weitere Gruppe. Sie hatte den Spitznamen „Kampfgruppe“. Auch wir proklamierten, wir seien eine neue hebräische Nation. Aber im Gegensatz zu den Kanaanitern erkannten wir an, dass diese neue Nation zum jüdischen Volk gehört, ähnlich wie die Australier zur angelsächsischen Kultur gehören.
Wir widersprachen den Kanaanitern auch in einem anderen wichtigen Punkt ihrer Doktrin. Die Kanaaniter leugneten die Existenz einer arabischen Nation oder arabischer Nationen überhaupt. Wir erkannten nicht nur den arabischen Nationalismus an, sondern wir erklärten, dass die arabische Nation bei der Schaffung einer neuen semitischen Region die natürliche Verbündete der hebräischen Nation sei.
Bald darauf wurde der Staat Israel gegründet. Vor vierzig Jahren wurde ich im Verlauf eines Beleidigungsprozesses von dem Richter aufgefordert, meine Haltung zum Zionismus zu bestimmen.
In meiner Antwort erfand ich den Ausdruck „Postzionismus“. Die zionistische Bewegung, sagte ich, ist eine historische Bewegung, die unglaubliche Leistungen vollbracht hat: eine vollkommen neue Gesellschaft, eine antik-neue Sprache, eine neue Kultur, ein neues Wirtschaftssystem, neue Gesellschaftsmodelle wie Kibbuz und Moschaw. Aber der Zionismus beging auch ernst zu nehmende Fehler, besonders dem arabisch-palästinensischen Volk gegenüber.
Das ist jedoch Geschichte, sagte ich. Mit der Schaffung des Staates Israel hat der Zionismus seine Aufgabe erfüllt. Israelischer Patriotismus muss an seine Stelle treten. Wie ein Gerüst, das abgebaut wird, wenn das neue Gebäude fertig dasteht, hat der Zionismus die Zeit seiner Nützlichkeit überlebt und sollte ausrangiert werden.
Das glaube ich auch heute noch.
 
DIE GANZE Frage ist jetzt wegen des Beschlusses der neuen gemeinschaftlichen Wahlliste der Arbeitspartei und Zipi Livnis Gruppe, sich offiziell „das zionistische Lager“ zu nennen, wieder aufgetaucht.
Auf der pragmatischen Ebene ist das ein kluger Schachzug. Die rechtsgerichteten Parteien beschuldigen die Linke immer, sie sei unpatriotisch, ja sogar verräterisch, die fünfte Kolonne. In unserem Fall wird die Linke beschuldigt, antizionistisch zu sein. Darum erscheint es als sinnvoll, wenn die neue gemeinschaftliche Liste sich zionistisch nennt. Sie ist nicht „eine“ zionistische Partei, sondern „die“ zionistische Partei.   
(Derselben Logik folgend, nannte sich einmal eine sehr gemäßigte französische Partei „Radikale Partei“. Das Wort „demokratisch“ ist in den offiziellen Namen einiger kommunistischer Länder aufgetaucht. Und die deutschen Faschisten nannten sich „Nationalsozialisten“.) Die Partei ist sich ihrer ständigen Anhänger sicher und hofft, die Fehlbenennung werde neue Stimmen einbringen.
Ein negativer praktischer Aspekt des Namens der Arbeitsliste ist, dass er automatisch die arabischen Bürger ausschließt. Für Araber an allen Orten der Welt ist Zionismus das Synonym für das Böse: Der Zionismus nahm ihnen das Land weg. Der Zionismus vertrieb die arabischen Palästinenser und führte die Naqba aus und der Zionismus heute diskriminiert die arabischen Bürger Israels in allen Lebensbereichen.
Trotzdem stimmten – allerdings waren es sehr wenige – arabische Bürger bei der letzten Wahl für die Arbeitspartei und diese kümmern sich so oder so nicht um den Zionismus als Namen. Alle arabischen politischen Kräfte des Landes, darunter die kommunistische Hadasch-Partei, die auch einige jüdische Mitglieder hat, vereinigten sich in dieser Woche zu einer gemeinsamen arabischen Liste und man erwartet, dass diese fast alle arabischen Stimmen ernten wird.
(Übrigens ist das eine der Ironien der israelischen Politik. Die „Unser-Heim-Israel“-Partei Avigdor Liebermans, die manche als faschistisch betrachten, wollte die Araber aus der Knesset vertreiben. Dieser Partei war klar, dass keine der drei arabischen Listen die 3,25%-Prozent-Hürde nehmen würde, und deshalb sorgte sie dafür, dass ein Gesetz erlassen wurde, das die Schwelle zum Eintritt in die Knesset auf dieses Niveau anhob. Das Ergebnis war, dass sich alle arabischen Parteien, die eigentlich einander hassen, zu einer gemeinsamen Liste zusammentaten, die wohl 10 oder mehr Prozent erreichen wird.)
Außer den Orthodoxen wird das die einzige Partei sein, die sich selbst zu einer antizionistischen Partei ernannt hat. Alle anderen Parteien, vom weit rechtsgerichteten national-religiösen Jüdischen Heim bis zur weit linksgerichteten Meretz-Partei, erklären sich zu überzeugten Zionisten.
Deshalb ist es ein recht gelungener Streich, dass Herzog und Livni sich mit dem begehrten Markenzeichen davonmachen. (PK)
 
Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein neues Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ hat eine unserer AutorInnen für die NRhZ rezensiert.
Für die Übersetzung dieses Buches und Avnerys Artikel aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie hat ein neues eBuch bei Amazon veröffentlicht: "Ira Chernus, Amerikanische Nationalmythen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft". Alle ihre eBücher findet man unter http://www.amazon.com/s/ref=nb_sb_noss?url=search-alias%3Daps&field-keywords
http://ingridvonheiseler.formatlabor.net
 
 


Online-Flyer Nr. 496  vom 04.02.2015

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