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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Lokales
Adriana Stern nimmt Vorwurf des Antisemitismus gegen Werner Rügemer zurück
Antisemitismus-Vorwurf als Lügengespinst entlarvt
Von Werner Rügemer

Die Kölner Schriftstellerin Adriana Stern hatte mich in einem Artikel „Die verschroben antisemitische Weltsicht des Werner Rügemer“ des Antisemitismus angeprangert. Ich habe 14 Behauptungen herausgegriffen, widerlegt und Frau Stern aufgefordert, eine Unterlassungs-Verpflichtungs-Erklärung (so heißt das juristisch) zu unterzeichnen. Frau Stern hat dies am 14.1.2015 vorfristig und vollständig getan, sie hat nicht in einem einzigen Punkt versucht, sich zu rechtfertigen. Im Fall einer Wiederholung hat sie sich zur Zahlung einer Vertragsstrafe verpflichtet, deren Höhe ich festlegen kann.


Werner Rügemer
NRhZ-Archiv
Frau Stern ist Mitglied des Verbandes deutscher Schriftsteller VS (Teil der Gewerkschaft verdi) und Redakteurin des online-Magazins Aviva, verbunden mit der Stiftung „Zurückgeben“, die jüdische Frauen in Kunst und Wissenschaft fördert. Der Artikel war seit 2009 auf der website hagalil.com gepostet, die sich als „deutsch-jüdisches Nachrichtenmagazin mit Redaktionen in München und Tel Aviv“ präsentiert. Der Artikel ist nun von der website gelöscht und bei google entlistet.

Ein Bürgermeister stützt sich auf Stern
 
Bis vor kurzem hatte ich gedacht, dass der Artikel so strohdumm und lügenhaft ist, dass kein verantwortlicher Mensch ihn ernstnimmt. Doch ich wurde eines besseren bzw. schlechteren belehrt: Die Gewerkschaft verdi, Bezirk Südwestfalen, hat im November 2014 eine Veranstaltung mit mir zum Thema „Freihandel und Arbeitsrechte“ abgesagt, und zwar auf Druck des Bürgermeisters von Sprockhövel, Ulli Winkelmann (CDU-Grüne-Koalition). Er hatte sich auf den Stern-Artikel gestützt. Auf den hatte ihn der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Thomas Schmitz, hingewiesen, der auch die anderen Fraktionen im Stadtrat von Sprockhövel informierte. Weder verdi noch Schmitz noch Winkelmann hatten bei mir rückgefragt.
In welchem Staat leben wir, in dem irgendein Denunziant den Knopf „Antisemitismus“ drückt und (fast) alle wie in Sprockhövel plappern wie die Marionetten nach und treffen auf dieser Grundlage Entscheidungen?
Ich habe nach der Absage die Stadtratsfraktionen angeschrieben, ob sie den Amtsmißbrauch ihres Bürgermeisters billigen oder kritisieren. Aus diesem arrogant-dumpfen Provinzmilieu kam keinerlei Reaktion, außer vom Vertreter der Linkspartei: Sie hat für den 18. Februar mit mir einen politischen Aschermittwoch in der Nachbarstadt Hattingen angesetzt.
Deshalb bin ich jetzt rechtlich gegen Stern aktiv geworden. Und Herrn Bürgermeister Winkelmann habe ich wegen Amtsmissbrauchs (ungeprüfte Weitergabe einer Verleumdung an andere) verklagt, eine Klage auf Schadenersatz kommt danach.
 
Frau Sterns Erfindung „jüdischer Banken“
 
Im Folgenden schildere ich anhand einiger der von Frau Stern jetzt zurückgezogenen Behauptungen, wie sie ihr Lügengespinst hinfantasiert hat.
So hat sie behauptet, ich hätte die gegenwärtige Bank Sal. Oppenheim als „jüdische Bank“ und den 2005 verstorbenen Bankchef Alfred von Oppenheim als „jüdischen Bankier“ dargestellt, ebenso hätte ich von „Elite-Juden“ gesprochen: All dies ist falsch. Sie bezog sich dabei auf mein Buch „Der Bankier. Ungebetener Nachruf auf Alfred von Oppenheim“ (Nomen-Verlag 2006, erscheint immer noch in teilweise geschwärzter Auflage), in dem alle diese Begriffe nicht vorkommen.
Die prosemitische Fantastin unterstellte mir ferner, der „jüdische Bankier“ Alfred von Oppenheim sei an Arisierungen beteiligt gewesen – richtig ist dagegen, dass Alfred von Oppenheim kein Jude war. Und er konnte schon deshalb nicht an den Arisierungen beteiligt gewesen sein, weil er, 1934 geboren, bei Kriegsende 11 Jahre alt war. Daß die Bank dem NS-Regime als kriegswichtig galt und sich an Arisierungen beteiligte, und zwar im Zusammenspiel mit der Dresdner Bank, ist dagegen belegt, ebenso, dass sie sich nach 1945 das Image der verfolgten jüdischen Bank hinbastelte.
Frau Stern verstieg sich sogar soweit, dass sie mir die absurden Behauptungen unterstellte, die Stadtsparkasse Köln sei „jüdisch unterwandert“. Ihre auf Antisemitismus eingerastete Fantasie lief dabei offensichtlich so: Rügemer kritisiert die Stadtsparkasse, weil die zusammen mit der Bank Oppenheim die Stadt Köln bei den Immobilienprojekten KölnArena/Rathaus und Messehallen geschädigt hat, und wenn Rügemer das kritisiert, dann kann er in seinem antisemitischen Wahn das nur tun, weil die Stadtsparkasse jüdisch ist. Oder so ähnlich.
Es geht aber noch absurder. Stern unterstellte mir die Behauptung, dass Karstadt ein „jüdisches Warenhaus“ sei und deshalb unter der Regie von Thomas Middelhoff zahlreiche Beschäftigte entlassen habe. In Wirklichkeit ist ja das Gegenteil der Fall: Karstadt war an Arisierungen jüdischer Kaufhäuser beteiligt. Ähnlich unterstellte Frau Stern mir, dass ich die Bank Goldman Sachs deswegen kritisiert habe, weil sie eine „jüdische Bank“ und deshalb für die Finanzkrise mitverantwortlich sei. Natürlich hatte ich bei der Darstellung der Finanzkrise auch Goldman Sachs als Mitverursacher genannt, aber sie auch nicht indirekt irgendwie als jüdisch bezeichnet. Solche Banker sind sowieso überall dieselben Kriminellen, ob sie atheistisch, christlich, jüdisch oder muslimisch sind.
 
Wie sich Frau Stern das Alte Testament zurechtbiegt
 
Frau Stern unterstellte mir mit Bezug auf meinen Artikel „Ein Besuch in der Kölner Synagoge“, ich hätte Juden mit dem antisemitischen Klischee als „glatzköpfig“ bezeichnet. Ich hatte aber nur beiläufig den glatzköpfigen Security-Mitarbeiter am Eingang der Synagoge erwähnt („beim Fahrradabstellen rüffelte mich ein junger glatzköpfiger Aufpasser an“), aber weder ihn noch andere habe ich als Juden bezeichnet. Solches Sicherheitspersonal steht heute auch an Supermärkten und Discos. Da es sich um eine Veranstaltung der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit handelte, war sowieso ein gemischtes Publikum anwesend. Die Begriffe Jude und jüdisch kommen mit Bezug auf die Anwesenden im Artikel nicht vor.
Ich hatte erwähnt, dass an der Frontseite des Synagogenraums groß der David-Stern prangte und dass David im Alten Testament als brutaler Kriegsherr gegen Andersgläubige geschildert wird – was einen Kontrast darstelle gegenüber dem Motto der Synagogen-Veranstaltung „Woche der Brüderlichkeit“. Stern polemisierte dagegen, dass ich die Thora falsch gelesen hätte, und dass darin König David gar nicht erwähnt werde und dass im Gegensatz zu meiner Darstellung „Der Ewige, Euer Gott“ verkündet habe „Liebet denn den Fremdling“. In meiner Erwähnung Davids sah sie wiederum ein Zeichen für Antisemitismus.
Doch ich hatte mich gar nicht auf die Thora mit den 5 Büchern Moses bezogen, sondern auf das Alte Testament. In der Thora, in der es um den Auszug der Juden aus Ägypten geht, steht gar nichts zu König David. Und die Aufforderung „Liebet denn den Fremdling“ stammt gerade nicht von David, der viel später lebte, sondern von dem „Ewigen, Eurem Gott“.
Offensichtlich hat Frau Stern Angst, die Wirklichkeit der Bibel anzuerkennen. König David, der zum Gründungsmythos des Staates Israel gehört, war ein Berserker und liebte keineswegs die Fremdlinge. Frau Stern müsste nur das Alte Testament lesen. Nach dem Sieg über die Moabiter mussten sich die Gefangenen auf den Boden legen: „Jeweils zwei Schnurlängen wurden getötet, und jeweils eine Schnurlänge ließ er am Leben“, 2. Buch Samuel 8,2. „Und die Frauen sangen im Reigen und sprachen: Saul (=der Vorgänger Davids) hat tausend erschlagen, David aber zehntausend“, 1. Buch Samuel 18,7. David unterwarf in grausamen Kriegszügen mehrere Nachbarstämme. König Saul verlangte für die Heirat seiner Tochter von David „hundert Vorhäute von Philistern“, 1. Buch Samuel 18,25. Daraufhin: „David zog hin mit seinen Männern und erschlug unter den Philistern zweihundert Mann. Und David brachte ihre Vorhäute dem König in voller Zahl“, 2. Buch Samuel 18,27.
 
Frau Stern als Geschichts-Klitterin
 
Stern sieht in meiner Darstellung von Paul Silverberg weitere Zeichen des Antisemitismus. Silverbeg war in der Weimarer Republik der einflußreichste Industrielle des Rheinlands: Chef von Rheinbraun, Mitglied in über 60 Aufsichtsräten (Flick, RWE…), stellvertretender Präsident des Reichsverbandes der Deutsche Industrie, Mitglied im Berliner und Kölner Herrenclub, Präsident der IHK Köln, Adenauer-Freund. Er wetterte schon Mitte der 1920er Jahre modern neoliberal gegen den unfähigen „Fürsorgestaat“, gegen die Lohnforderungen der Gewerkschaften; nur die Unternehmen könnten die Gesellschaft leiten. Ab 1929 plädierte er wie zunehmend auch andere Industrielle für die Einbeziehung von Hitlers NSDAP in die Regierung.
Stern konstruiert daraus: Rügemer hat den „Elite-Juden“ Silverberg so dargestellt, dass der Nationalsozialismus ihm nicht geschadet habe, außerdem habe er sich ja ins komfortable Schweizer Exil zurückziehen können. Ich hatte allerdings das Gegenteil geschrieben: „Silverberg konnte es dann nicht verstehen, dass er ab März 1933 innerhalb von zwei Monaten wegen seiner ihm nun vorgeworfenen Eigenschaft als Jude von seinen bisherigen Geschäftsfreunden gnadenlos abserviert, aller Funktionen enthoben wurde. Dass er sich für Hitler eingesetzt hatte, half ihm nichts.“
Auch anderer Stelle fantasiert Stern, dass etwas nicht sein darf, obwohl es so ist. Ein Mensch, den sie als Juden ansieht, ist nach ihrer Vorstellung immer moralisch rein, immer Opfer böser Mächte. So hatte ich geschrieben, dass Franz von Papen nach der geheimen Unterredung am 4.1.1933 mit Hitler in der Kölner Villa des Bankiers Kurt von Schröder auch den benachbarten Paul Silverberg aufsuchte. Das durfte für Stern nicht sein, sie schrieb: Hat Rügemer „dies erfunden, weil Silverberg sonst nicht ins Bild des sich am Nationalsozialismus bereichernden Juden passt?“ Der Besuch ist allerdings gut dokumentiert, weswegen Frau Stern der Unterlassungsforderung auch nicht widersprochen hat. Ich gebe zu: In diesem Dschungel überschneiden sich die vorherrschende deutsche mit der jüdischen Geschichtsverleugnung. Da kann eine wie Frau Stern leicht losfantasieren. 
 
So zeigt sich, wie lügenhaft in Deutschland ein Antisemitismus-Vorwurf konstruiert werden kann, wie er trotzdem jahrelang auf websites gepostet, von Google gelistet und von „verantwortlichen“ Politikern zur Grundlage genommen wird, um die von ihnen ansonsten so hoch gehaltene Meinungs- und Versammlungsfreiheit einzuschränken. Aber es zeigt sich auch, wie einfach es ist, das Lügengebäude in sich zusammenbrechen zu lassen. Zumindest dafür meinen Dank, Frau Stern! (PK)

Werner Rügemer lebt in Köln, wurde sehr bekannt durch sein Buch "Colonia Corrupta" (2002, 7. Auflage 2012), ist Lehrbeauftragter an der Universität Köln, beschäftigt sich mit den Hinter- und Abgründen von Wirtschaft und Politik weltweit. Eins seiner Bücher ist "Der Bankier. Ungebetener Nachruf auf Alfred von Oppenheim", das Adriana Stern für ihre Unterstellungen missbraucht hat.
Zur Buchmesse 2014 erschien (zusammen mit Elmar Wigand): "Die Fertigmacher. Die Bekämpfung von Gewerkschaften und Betriebsräten als professionelle Dienstleistung", Papyrossa-Verlag 2014. www.werner-ruegemer.de
Er ist Vorstandsmitglied der aktion ./. arbeitsunrecht, gehört zum wissenschaftlichen Beirat von attac Deutschland und hat die Initiative Gemeingut in BürgerInnenhand (gib) mit gegründet. Mitglied im Deutschen Schriftstellerverband (ver.di), im PEN-Zentrum Deutschland und Initiator eines Aufrufs gegen das Freihandelsabkommen TTIP aus Arbeitnehmersicht. 2008 erhielt er den Kölner Karls-Preis der Neuen Rheinischen Zeitung.



Online-Flyer Nr. 495  vom 28.01.2015

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