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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Medien
Pressefreiheit als freie Bahn für Dummheit und Ignoranz:
Eine Gesellschaft, der nichts mehr heilig ist
Von María De Stéfano Zuloaga de Lenkait

Beleidigende Hetzerei spricht nicht für eine angebliche Aufklärung des Westens. Im Gegenteil. Sie gehört keineswegs zur praktischen Vernunft der Freiheit, sondern sie zeigt eine Andersartigkeit und Hasshaltung, die eine offene demokratische pluralistische Gesellschaft verhöhnt. Eine Fremden- und Islamfeindlichkeit gehört nicht zu Deutschland, schon gar nicht zu Europa. Sie ist inakzeptabel und an den Pranger zu stellen. Muslime leben friedlich in Deutschland. Europäische Islamhasser wie Thilo Sarrazin und seine bösen Bücher wurden einmal medial angeheizt.
 

Mumia Abu-Jamal – junge Welt-Kolumnist
Quelle: KAOS Film- und Video-Team
Eine Dummheit und eine hochgefährliche Verantwor-tungslosigkeit zugleich, denn "so wird das beginnende Miteinander der Kulturen und Religionen zerstört; es wird zu einem giftigen Nebeneinander". Heribert Prantls warnende Ansicht in der Süddeutschen Zeitung ist völlig zutreffend und zu beachten. Man fragt sich nun, wer Interesse daran hat. Stefan Kornelius bemerkt: "US-Staatschef Barack Obama etwa wurde gescholten, dass er quasi als einzig Aufrechter nicht bei dem Trauermarsch zugegen war. Warum Obama nicht kam? Die Worte des Sprechers aus dem Weißen Haus (Montag 8.1.) legen nahe, dass die Gefährdung als zu hoch eingeschätzt worden war." ("Wo ist das Volk?" von Stefan Kornelius, SZ, 14.1.)
 
Nach dem Attentat am 7.1. in Paris lenkten offizielle Medien sofort die öffentliche Aufmerksamkeit einseitig gegen islamische Täter, auch wenn nicht einmal klar war und bisher noch immer nicht ist, was dahinter steckt. Das Versagen der französischen Behörden ist zu grotesk, zu massiv, um es als pure Fahrlässigkeit zu bezeichnen: Die Täter waren vorher der Polizei bekannt und registriert. Die Amerikaner hatten sie auf eine Liste gesetzt, und sie hatten die entsprechenden Behörden in Frankreich vor ihnen gewarnt, aber die Warnungen wurden nicht ernst genommen. Die französischen Behörden wussten sogar, dass die Freundin von dem Geiselnehmer mit der Frau des Attentäters telefonierte und genau wie oft. So Ulrich Wickert in der Günther Jauch-ARD-Sendung am 11. Januar. Ist es dann nicht plausibel, sich zu fragen, ob die französischen Behörden statt fahrlässig, sogar gezielt vorsätzlich handelten, weil sie die Attentäter für eine verdeckte Operation brauchten und benutzt haben? Die schlüssige Frage bleibt offen, um welche Operation es sich dabei handelte und mit welchem Zweck. Die Operationen der USA/CIA sind für ihre Niederträchtigkeit bekannt. Nach der verheerenden Verbindung der USA bzw. Israels mit der Sarkozy-Regierung und ihrer rechten Ecke ist eine kriminelle Kollaboration auf dieser Ebene gut vorstellbar.
 
Das Attentat von Paris war kein Attentat "gegen die Freiheit oder die Demokratie", wie es manche Redaktionen banal und abwegig verbreiten. Jede Freiheit hat Grenzen, die Grenzen der praktischen Vernunft und des persönlichen Kriteriums. Auch die Pressefreiheit. Die Freiheit, etwas Unvernünftiges zu veröffentlichen, besteht, ja. Aber das bedeutet nicht, dass es weise und ratsam sei, der Dummheit und Ignoranz freie Bahn zu lassen. New York Times und Washington Post haben sich geweigert, beleidigende Karikaturen von Religionen zu veröffentlichen. Beide renommierte amerikanische Zeitungen kennen und achten am höchsten die Pressefreiheit und wissen umso mehr, behutsam mit ihr umzugehen, damit der Respekt vor Religionen gewahrt bleibt, der Respekt vor religiösen Menschen in den USA, egal ob sie Muslime, Christen oder Juden sind. Gerade dieser Respekt scheint bei europäischen Redaktionen verloren gegangen zu sein, was eine dekadente Gesellschaft kennzeichnet, die zügellos glaubt, sich alles erlauben zu dürfen, eine Gesellschaft, der nichts mehr heilig ist.
 
Brigitte Queck, Publizistin aus Potsdam, schreibt zu Recht: <<Jedem halbwegs Gebildeten in der Welt müsste klar sein, dass die Verunglimpfung des Propheten Mohammed in den Augen der Muslime das Schlimmste, also ein todeswürdiges Verbrechen ist.
Ein Sich-Berufen auf freie Meinungsäußerung durch französische Karikaturisten ist nicht hinnehmbar! Denn ein Lächerlich-Machen des Begründers einer Weltreligion setzt bewusst auf Provokation eines ganzen, weltweit anerkannten Kultur- und Religionskreises und schürt Hass und Missachtung zwischen Muslimen und Vertretern anderer Religionen und Weltanschauungen.
Bezüglich Deutschlands ist zu vermerken:
Würden wirkliche Toleranz und Verständnis hinsichtlich aller Religionen und Weltanschauungen von Politikern und Medien in Deutschland beachtet, sowie kein bewusstes Gegeneinander-Ausspielen von Ausländern und Deutschen durch die Bezahlung von höchst unterschiedlichen Löhnen geduldet und betrieben werden, gäbe es weder Pegida noch Ausländerfeindlichkeit.>>
 
Der Auslöser der Gewalt in Paris waren groteske Karikaturen, die bei der jüdischen Gemeinde in New York an die Nazi-Hetzerei gegen die Juden erinnerten. („Günther Jauch“ ARD-Fernsehsendung am 11.1.15) Soll die Pressefreiheit heute in einer offenen pluralistischen demokratischen Gesellschaft so grenzenlos verachtend wie im Dritten Reich ausgeübt werden? Dieser Punkt sollte thematisiert und nicht unter den Teppich gekehrt werden. Chef-Redakteure sind gefragt, sich dazu zu äußern. Der Innenminister Thomas de Mazière hat sich dazu schon in aller Weisheit ausgesprochen. r erkennt die Grenzen der Freiheit. Ihm ist völlig zuzustimmen. Gerade die Vernunft und eine solide aufgeklärte Bildung erlauben das Kriterium eines Chefredakteurs, um die richtige Entscheidung darüber zu treffen, was ratsam zu veröffentlichen ist und was nicht. Unsere deutsche Gesellschaft ist pluralistisch und multikulturell: Christen, Muslime und Juden leben nebeneinander mit Nicht-Gläubigen, alle gemeinsam und friedlich. Deutschland ist das europäische Land, das am besten dieses friedliche Miteinander zeigt. Deshalb ist der Bundeskanzlerin Angela Merkel ebenso vollkommen zuzustimmen, wenn sie erklärt, der Islam habe einen festen Platz in der deutschen Gesellschaft. „Unser früherer Bundespräsident Christian Wulff hat gesagt, der Islam gehört zu Deutschland. Und das ist so, dieser Meinung bin ich auch.“ So die Bundeskanzlerin. Im ZDF-Spezial am 11.1. hat der Bundespräsident a.D., Christian Wulff, diesen Standpunkt bekräftigt: Der Islam ist Teil Deutschlands. Man kann ruhig hinzufügen: Der Islam ist Teil Europas. Angela Merkel ist die Bundeskanzlerin aller in Deutschland lebenden Menschen. Unabhängig von der Religion seien alle herzlich willkommen, die sich zu den deutschen Gesetzen bekennen und auch Sprachkenntnisse hätten. Angela Merkel ist fest entschlossen, ein gutes Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland und Europa zu unterstützen. Die politische Führung Berlins manifestiert sich für den Zusammenhalt mit den moslemischen Bewohnern in Deutschland und bricht damit die islamophobe Szene, die manche Redaktionen fördern.
 
Dr. Sabine Schiffer, Leiterin des Institutes für Medienverantwortung mahnt: "Medienverantwortliches Handeln wäre eine kritische Berichterstattung, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt. ... Wir sollten uns öfter die Frage stellen, warum wir die Möglichkeiten der Freiheit so wenig nutzen, um wirklich kritische Fragen jenseits des Mainstreams zu stellen." ("Da wurden kaum Gegenfragen gestellt". Interview mit Sabine Schiffer von Markus Bernhardt, junge Welt, 9.1.)
 
Führende Medien in Deutschland haben sich verantwortungslos verhalten, indem sie die Pegida-Demonstrationen und unbegründete Ängste aufblasen. Solche Demonstrationen von frustrierten Leuten sind unerwünscht und unangebracht. Es gibt kein Verständnis für die Pegida-Demonstranten, die sich als Opfer gerieren. Deshalb die scharfe Kritik der Politik an den Organisatoren der Pegida-Bewegung. Viele deutsche Politiker verurteilen die Aufmärsche. Besonders scharf griff Justizminister Heiko Maas (SPD) die Organisatoren der Demonstrationen an: "Hätten die Organisatoren einen Rest von Anstand, würden sie diese Demonstrationen einfach absagen." Die vielen Gegenkundgebungen beweisen, dass die Pegida-Botschaften im Dunkeln bleiben. Alt-Kanzler Helmut Schmidt hat zu Recht die Fremdheit von Pegida erkannt: Das ist nicht Deutschland.
 
Deutschland ist Gott sei Dank nicht Amerika. Durch ihren aktuellen Zerfall sind die Vereinigten Staaten uns fremd geworden. Kein Patriot Act à la americaine ist einzuführen, also keine Ausnahme-Gesetze, sondern unsere Rechtsordnung ist zu bewahren.
 
Die Nichtverfolgung eines Verbrechers durch die US-Justiz aufgrund eines dominanten Rassismus im Land ist besorgniserregend. Diese gerichtliche Unterlassung kennzeichnet erneut die USA als Staat ohne Rechtsstaatlichkeit, wo es keinen legalen Schutz für den Menschen und für die Opfer gibt. Rassismus entschuldigt keineswegs die Untätigkeit der amerikanischen Justiz. Im Gegenteil, er fordert die Justiz umso mehr heraus, rechtmäßig zu handeln. US-Präsident Obama und sein Justizminister Eric Holder sind verpflichtet, gemäß der US-amerikanischen Gesetzgebung zu handeln, aber sie handeln nicht. Dadurch werden sie zu Komplizen oder zu Begünstigenden solcher Verbrechen und ihrer bekannten Autoren. Es handelt sich um abscheuliche Verbrechen, um inhumane Straftaten aus rassistischen Motiven. Derselbe US-Justizminister Eric Holder, der in seinem Land nicht gesetzmäßig zu handeln weiß, wagt es, sich in Paris mit europäischen Innenministern zu treffen aus Anlass der Reaktionen nach dem Anschlag von Paris!
 
Keine entsprechende Anklage zu erheben, weil der Fall vor Gericht aussichtslos wäre, ist keine Rechtfertigung für einen pflichtbewussten Justizminister, für einen Staatsanwalt, der verpflichtet ist, nach dem geltenden Gesetz zu handeln. Ob die Anklage mit einer Verurteilung endet oder nicht, steht auf einem völlig anderen Blatt wie in jedem Strafprozess.
 
Eine halbe Million Kinder waren zwischen 1990 und 1996 im Irak allein durch Unterernährung und mangelhafte medizinische Versorgung infolge der Sanktionen gestorben. Öffentlich mit diesem unmenschlichen Tatbestand konfrontiert verteidigte die damalige US-Außenministerin Madeleine Albright vor der internationalen Presse die Sanktionspolitik: "Wir glauben, es ist den Preis wert." In diesem Zusammenhang ist die harsche Kritik seitens eines zunehmenden Anteils Europäer verständlich, die die Demonstration einiger führender westlicher Staatschefs am 11.1. als eine große Heuchelei bezeichnen. Die Attentäter von Paris sind das Produkt westlicher Politik. (Ruben Wickenhäuser, junge Welt, 14.1.)
 
Besonders die Anwesenheit vom israelischen Premier Netanjahu war eine Zumutung, eine Provokation für alle friedlichen anständigen Menschen, denn er ist verantwortlich für den kriminellen Einsatz der israelischen Armee gegen Gaza mit der totalen Zerstörung ganzer Wohngebiete, von Schulen und Krankenhäusern und tausender Toten. Seine Anwesenheit in Paris war doch eine Heuchelei, ein Wagnis des gewissenlosen Israeli, dessen Anwesenheit allein die Gefährdung der europäischen Staatschefs in Paris ansteigen ließ. <Der französischen Regierung wäre es ohnehin lieber gewesen, wenn Netanjahu zu Hause geblieben wäre, wie er es zunächst angekündigt hatte. Das Büro des Premiers bestätigte, dass es einen entsprechenden Vorstoß von Präsident François Hollande gegeben habe... manche prominenten israelischen Kommentatoren verbargen kaum ihre Genugtuung über die Terrorakte in Paris und riefen zum verstärkten "Clash of Civilisations" zwischen "westlichem Liberalismus" und fanatischem Islam" auf. Ganz so weit ging Netanjahu dann aber doch nicht.> (Leitartikel "Ungebetener Gast" von Knut Mellenthin, junge Welt, 13.1.) Die arabisch-islamische Welt ist sich dessen voll bewusst. Ein Partner der USA hat kaltblütig mit unvorstellbarer, unmenschlicher Brutalität in Gaza jedes Vertrauen zerstört. Der US-Präsident Obama steht seit langem vor dem Problem, wie er jetzt ein zügelloses Israel bremst. Bisher hat er es nicht gekonnt oder gewollt. Netanjahu ist ein Fall für den internationalen Strafgerichtshof in Den Haag geworden. Sanktionen, Druckmittel gegen Israel sind längst überfällig, mit oder ohne Zustimmung der USA.
 
Die NATO-USA-Macht und ihre ungeheuerliche Mentalität ist gewiss eine unberechenbare Bestie geworden. Durch ihren unkontrollierten Wahnsinn, Gewalt, Terror und Mord anzustiften, um Regierungswechsel ("Regime-Changes") nach ihrem Gusto zu erreichen, haben sich die USA-NATO als eine extrem böse Macht erwiesen. Zuerst im Irak, dann in Jugoslawien und zuletzt in Libyen, Syrien, erneut im Irak und jetzt in der Ukraine. Ihre Skrupellosigkeit und Bosheit sind maßlos. Kann man der Regierung einer solchen bösen destruktiven Macht trauen? Diese Frage ist sachlich und gründlich von deutschen Medien zu beantworten angesichts der bekannten Fakten, die nicht zu leugnen sind. Wer bewaffnet den islamistischen Fundamentalismus? Wer finanziert ihn? Wer hat ihn gefördert? Deutsche Medien kennen die Antwort. Und deutsche Verantwortungsträger auch: Es sind die Regierung der USA und ihre Vasallen, Saudi-Arabien, Katar sowie bestimmte NATO-ergebene Regierungen arabischer Länder. Die Urheber von Terror sind bekannt, aber deutsche Medien und Politiker wollen sie decken, denn sie sind noch nicht in der Lage, die verfehlte Außenpolitik Deutschlands und Europas richtigzustellen.
 
Berlin sollte sich umgehend von der US-Diktatur und den US-Verbrechern emanzipieren. Der Bundesjustizminister Heiko Maas schätzt die Lage richtig ein: "Terrorismus darf niemals dazu führen, dass wir unsere Grundrechte und unseren Rechtsstaat nachhaltig beschädigen." Der deutsche Justizminister weist auf den Urheber des Terrorismus nicht direkt hin, obwohl die ganze Welt weiß, wer den Terror finanziert, aber der Bundesjustizminister erkennt öffentlich die Notwendigkeit an, die UN-Resolutionen gegen den Terror umzusetzen. (SZ-Interview mit dem Justizminister, 15.12.14)
 
Solche UN-Sicherheitsrats-Resolutionen müssen medial thematisiert werden. Symptomatisch für die allgemeine Lage werden sie aber in Politik-Diskussionen über den Terror ignoriert. Wieso? Die Resolution 2170 des UN-Sicherheitsrat Mitte Juli 2014 fordert alle Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen auf, den "Strom ausländischer Kämpfer, die Finanzierung oder andere Unterstützung von islamischen extremistischen Gruppen im Irak und Syrien" zu unterbinden. Ausdrücklich erwähnt werden der "Islamische Staat" (IS), die Al-Nusra-Front und "andere extremistische Gruppen". Die Resolution verurteilt Menschenrechtsverletzungen von "extremistischen Gruppen in Irak und Syrien". Die von westlichen Staaten gemachte Unterscheidung in "moderate" und "terroristische" Kampfverbände in Syrien ist als absurd und grotesk zurückzuweisen. Jeder, der Waffen gegen den Staat einsetzt und Zivilisten tötet, handelt terroristisch. Eine zweite Resolution (Nr. 2187) des UN-Sicherheitsrats gegen den Terror vom 24.9.14 bekräftigte einstimmig die vorhergehende erste.
 
Politische Bemühungen müssen darauf abzielen, solche UN-Resolutionen umzusetzen. Es ist ein Schritt voran, dass der deutsche Justizminister Heiko Maas ausdrücklich darauf besteht, Terrorfinanzierung ist zu bestrafen genauso wie Kämpfer zu bewaffnen, um ein Land zu destabilisieren. Syrien und Irak zeigen im extrem den corpus delicti des Westens.
 
Einer Regierung wie der der USA und jedet einzelnen ihrer Komparsen, die gewaltsame Elemente bewaffnen und finanzieren, ist einfach nicht zu trauen. Von niemandem. Solche Regierungen stellen sich auch gegen die Beschlüsse des UN-Sicherheitsrates und sollten deshalb mit Sanktionen bestraft werden.
 
Der Kolumnist Mumia Abu-Jamal geht mit den USA hart ins Gericht: <Es ist jetzt ein Jahrzehnt her, dass die USA anfingen, mit ihrem "Kreuzzug gegen die Mächte des Bösen" gen Osten zu ziehen. Dabei verursachten sie ein Desaster nach dem anderen und schufen sich unzählige neue Feinde in aller Welt. US-Regierungen haben unentwegt Diktaturen in der arabischen Welt gestützt,.... Dabei säuselten die USA immer etwas von "Demokratie" und "Gerechtigkeit" - Worte, die jedoch gegenstandslos wurden, sobald die von ihnen auserwählten Verbündeten brutal über ihre eigenen Völker herfielen und sie wie äußere Feinde bekämpften.
 
Die israelische Armee wurde hochgerüstet und gegen die Palästinenser in Marsch gesetzt, um sie dann mittels sogenannter Friedensverhandlungen zu unterwerfen. Eine perfide Strategie, die selbst dem verräterischen Vichy-Regime in Frankreich (1940-1944) noch die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte. Und während die USA über eine Billion US-Dollar dafür ausgaben, die Schar ihrer einheimischen Verbündeten in den jeweiligen Ländern auf ihre Politik einzuschwören, brodelt es an der sozialen Basis wie heiße Lava in einem Vulkankrater, und wütende gesellschaftliche Kräfte wenden sich mit Verachtung und Hass gegen ihre Herrscher. ... Die Kronen des Neokolonialismus sitzen nur locker auf den Häuptern der US-Vasallen. Dafür wurden Milliarden und Abermilliarden US-Dollar vergeudet, mussten Tausende Soldaten sterben... am Ende erloschen auch die Hoffnungen der Menschen in den überfallenen und besetzten Ländern. ... Kriege haben die Eigenart, sich auf eine völlig unerwartete Weise gegen die Länder zu wenden, von denen sie ausgingen. Genau das haben wir jetzt in Frankreich gesehen, und möglicherweise werden wir Vergleichbares demnächst auch in den USA erleben.> ("Das Gesetz des Krieges" - Kolumne von Mumia Abu-Jamal, junge Welt, 12.1.)
 
Krieg und Kriegsgefahr beunruhigen viele, weit über die politische Linke hinaus. Der ehemalige CDU-Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung Willy Wimmer schreibt, das Thema "Frieden statt NATO" der 20. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz <<ziele "auf Herz und Verstand der Bevölkerung". Der Januar müsse "in diesen Fragen verantwortlich beginnen und den notwendigen Kontrapunkt" zur "angeblichen Sicherheitskonferenz", die vom 6. bis 8. Februar 2015 in München stattfindet, setzen. Denn dort solle nur "die Politik der schiefen Ebene fortgesetzt werden." ... Das sehenden Auges politisch herbeigeführte Abrutschen in die Verschärfung von Krise und Kriegsgefahr ist nicht gestoppt.>>("Kontrapunkt gesetzt" von Arnold Schölzel, junge Welt, 12.1.)
 
Oskar Lafontaine ruft in seiner Grundsatz-Rede dazu auf, über Menschlichkeit aufzuklären, das Bewusstsein von dem zu schaffen, was nötig für eine Änderung ist. Lafontaine fordert die Schaffung einer neuen europäischen Sicherheitsarchitektur unter Einschluss Russlands. Bei den Reaktionen von Medien und Politikern auf die Attentate in Paris stellte er die Tatsache fest, dass es in der Debatte "an klaren Begriffen" fehlt. Man könne keine Diskussion führen, ohne zu fragen: "Wo ist Terror, und was ist Terrorismus?" Interventionen und terroristische Kriege seien "die Grundlage für die Ausbreitung weltweiten Terrors". Die Linke dürfe sich nie an einem Interventionskrieg beteiligen. Wer dazu schweige, dass etwa der US-Drohnenkrieg von deutschem Boden aus gelenkt werde, sollte sich an dieser Debatte nicht beteiligen. Letztlich könne Frieden nur erreicht werden, wenn eine Gesellschaft entstehe, die tatsächlich demokratisch sei, in der die Mehrheit der Bevölkerung bestimme, in der Ausbeutung ein Ende habe. („Frieden statt NATO“ von Oskar Lafontaine, junge Welt, 8.1. und "Kontrapunkt gesetzt" von Arnold Schölzel, junge Welt,12.1.)
 
Die neueste deutsche Bereitschaft, in NATO-Kriege zu ziehen, ist besorgniserregend. Eine aufklärerische Haltung gegen Krieg ist höchst erforderlich bei der ganzen europäischen Gesellschaft. Oskar Lafontaine spricht für alle Menschen in Deutschland und Europa.
 
Von einem "aufgeklärten Westen" gegenüber einem "unaufgeklärten Islam" zu schreiben oder zu sprechen, ist eine eklatante Manifestation von Arroganz und Selbstgefälligkeit des Westens. Eine fehlende selbstkritische Betrachtung der westlichen Geschichte ist das Problem. Unaufgeklärt bleiben so die Defizite der westlichen Zivilisation. Sie werden zu wenig bewusst: Der Zeit der Aufklärung zum Trotz hat der Westen eine hässliche Geschichte von Plünderung, Raub und geplantem Mord an anderen Völkern und Menschen durch die Kreuzfahrten, die gewaltsame Kolonisierung, die Sklaverei, die Vernichtung und Ausrottung der Völker in Übersee, vor allem der Einheimischen von Nordamerika, Australien und Teilen von Afrika. Diese massenmörderische Geschichte ging weiter im 20. Jahrhundert mit dem Ersten und Zweiten Weltkrieg und geht weiter mit neuen Angriffskriegen im 21. Jahrhundert. Sind diese grausamen bösen Taten Zeichen von Aufklärung? Wo sind die christlichen Kirchen hinsichtlich dieser massenmörderischen Attentate der sogenannten christlichen Welt?
 
Der Individualismus des christlichen Abendlandes hat sich in einen ekelhaften Egoismus verwandelt. Ein extremer Egoismus einer Gesellschaft, die ihren Sinn für Mitmenschlichkeit verloren hat. Als eine säkulare Religion bildet der Islam eine soziale Ethik für alle Menschen auf der Basis der Gleichheit und Brüderlichkeit. Einfacher als das Christentum ist der Islam eine soziale Vorstellung des Lebens für jeden Menschen. Allerdings sind die Menschen des Islam nicht anders als die Menschen der Christenheit. Sie alle sind Menschen mit ihren Gefühlen, ihren Tugenden und ihren Mängeln, mit ihrer menschlichen Unvollkommenheit. Bedenken wir nur: Was für eine Reaktion brachten die Verbrechen von Nazi-Deutschland in Russland, Polen, London und Frankreich! In Frankreich entstand eine gnadenlose Résistance, die alle gewalttätigen Mittel ergriff, den unerwünschten Besatzer zu bekämpfen und hinauszuwerfen. So gewaltsam und mörderisch war der französische Widerstand, dass ihn die Nazi-Besatzer als "terroristisch" einstuften. Die Bomben auf Dresden, Köln, Berlin, Hamburg und andere deutsche Städte waren barbarische anglo-amerikanische Reaktionen auf barbarische Nazi-Anschläge auf London und Coventry. Ein elementarer primitiver menschlicher Instinkt ist, Rache auszuüben: Irrationale instinktive Rache. Dies ist leider bei Menschen des Islams nicht anders als bei Menschen des Christentums. Solange wir die eigenen Verbrechen des Westens nicht einsehen und nicht stoppen wollen, ist die sogenannte westliche Zivilisation Ziel von Hass und Attentaten, etwas, das sie selbst durch ihre Verbrechen und extreme Bosheit gegen andere Menschen gesät hat. Die Spirale der Gewalt ist zu durchbrechen. Aktueller denn je klingt heute die berechtigte selbstkritische Frage des Bürgermeisters von New York, Rudolph Giuliani, nach dem 9/11: "Was haben wir falsch gemacht?" Diese Einsicht sollte eine aufgeklärte deutsche Presse erhellen und leiten. (PK)
 
 
Luz María de Stéfano Zuloaga de Lenkait war chilenische Rechtsanwältin und Diplomatin. Seit dem Putsch gegen Salvador Allende und dem Beginn der Militärdiktatur in Chile lebt sie in Deutschland.


Online-Flyer Nr. 494  vom 21.01.2015

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