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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Literatur
Religion: Unvermutete Einsichten
Christentum in kulturellen Zusammenhängen
Von Beate Grazianski

Geradezu sinnlich erfahrbar wurde mir bei der Lektüre des Buches von Renate Schoof, was mein Kopf wusste: Dass es schon sehr lange Menschen gab, als die Schöpfungs-Erzählung vom Paradiesgarten als idealem Ort erdacht wurde. Großreiche führten furchtbare Kriege, Länder wurden verwüstet, Menschen versklavt und geknechtet. Dazu wird für den Paradiesapfel, von dem nicht gegessen werden darf, eine ungewohnte Interpretation angeboten, wobei die Autorin hier dem spannenden Ansatz des katholischen Theologen Georg Baudler folgt (u.a. in “Erlösung vom Stiergott. Christliche Gotteserfahrung im Dialog mit Mythen und Religionen“).
 
Es ist ein Buch voller sprechender Bilder und intelligenter Texte über die Lebens- und Einweihungswege von Moses und Jesus Christus, wie auch über biblische Frauen. Als hilfreich empfand ich die Einbettung des Alten und Neuen Testaments in kulturelle Zusammenhänge, das Benennen altägyptischer, sumerischer und griechischer Einflüsse.
Unaufgeregt und einleuchtend gelingt es Renate Schoof zudem, das Frauenbild des Alten und des Neuen Testaments von den diskriminierenden Ausdeutungen der „Kirchenväter“ zu befreien und vom Kopf auf die Füße zu stellen. Einige der im Buch gezeigten alten Kunstwerke sind kaum bekannt, andere sehen wir im Kontext des Buches in ganz neuem Licht.
So begegnen wir zum Beispiel der Urmutter Eva in ungewöhnlichen Haltungen. Nachvollziehbar kann etwa die sich auf Ellbogen und Knien fortbewegende Eva Mythos und Naturwissenschaft völlig unverkrampft miteinander versöhnen; ein Bild, das der Künstler Gislebertus im 12. Jahrhundert für eine burgundischen Kathedrale schuf. Verblüffend auch eine Eva von Lucas Cranach, die an Göttinnen alter Kulturen erinnert, deren Attribut der Apfel war. Auf einem nur zwei Jahre später datierten Bild Cranachs bietet eine ganz anders empfundene Eva mit zärtlicher Geste Adam den mythischen Apfel an.
Durch Fokussierung auf bestimmte Aspekte und deren Zusammenschau erzählen diese und viele andere Bilder ihre ganz eigenen Geschichten. Der Autorin gelingt es dabei, die Betrachterin/ den Betrachter von üblichen, gleichsam eingeschliffenen Sichtweisen zu befreien. Mir war, als würde mir eine jahrhundertealte frauenfeindliche Brille abgenommen.
Besonders hervorzuheben ist das Kapitel „Die drei Marien im Neuen Testament“, in dem Maria, die Mutter, und Maria, die verstehende Freundin, sowie Maria Magdalena, die Gefährtin und engste Vertraute, ebenfalls auf eine weiterführende ungewöhnliche Weise gesehen und interpretiert werden.
Der Autorin ist es gelungen, Seiten am Christentum zu entdecken und Einsichten zu vermitteln, die ich so nicht erwartet, ja nicht einmal für möglich gehalten hätte. Ein wichtiges Buch, weit mehr als eine anregende Lektüre. (PK)

Renate Schoof: „Geheimnisse des Christentums - Vom verborgenen Wissen alter Bilder“, Patmos Verlag, Ostfildern 2014, 214 S., € 19.99.

Beate Grazianski ist Lehrerin i.R. und lebt in Lübeck.
 


Online-Flyer Nr. 493  vom 14.01.2015

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