NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

zurück  
Druckversion

Kultur und Wissen
Grundsatzreferat auf der Konferenz des Kinneret College im Jordan-Tal
„Der Felsen unserer Existenz"
Von Uri Avnery

„Zuerst einmal will ich Ihnen dafür danken, dass Sie mich eingeladen haben, bei dieser bedeutenden Konferenz eine Rede zu halten. Ich bin weder Professor noch Doktor. Tatsächlich ist der höchste akademische Grad, den ich jemals erreicht habe, der der SGK (Siebte Grundschulklasse). Wie viele andere Angehörige meiner Generation habe ich mich von Jugend auf sehr stark für Archäologie interessiert. Ich werde zu erklären versuchen, warum das so ist.
 

Mosche Dajan 1978
Foto: Karl H. Schumacher;
White House photo
WENN SICH einige von Ihnen fragen, welche Beziehung ich zur Archäologie haben mag, wird Ihnen Mosche Dajan einfallen. Nach dem Krieg im Juni 1967 war Dajan zu einem nationalen, ja sogar internationalen Idol geworden. Auch seine Besessenheit von der Archäologie war bekannt. Mein Magazin Haolam Haseh (Diese Welt) stellte Untersuchungen über seine Aktivitäten an und fand heraus, dass sie höchst zerstörerisch waren. Im ganzen Land begann er allein zu graben und Artefakte zu sammeln. Das Hauptziel der Archäologie ist ja nicht einfach die Entdeckung von Artefakten, sondern auch ihre Datierung, denn sie will ein Bild von der fortlaufenden Geschichte einer Ausgrabungsstätte zusammensetzen. Dajans blindwütiges Graben schuf Chaos. Die Tatsache, dass er dafür Gerätschaften der Armee einsetzte, machte die Sache nur noch schlimmer.
Dann deckten wir auf, dass sich Dajan die Artefakte, die er gefunden hatte (und die nach dem Gesetz dem Staat gehörten), nicht nur widerrechtlich aneignete und in seinem Haus aufstellte, sondern dass er auch als internationaler Händler Gegenstände „aus der persönlichen Sammlung Mosche Dajans“ verkaufte.
Dass ich diese Tatsachen veröffentlichte und darüber in der Knesset sprach, bescherte mir eine einzigartige Auszeichnung: Damals ermittelte ein Meinungsforschungsinstitut jedes Jahr die „am meisten gehasste Person“ in Israel. In jenem Jahr sprach man mir diese Ehre zu. 
 
DABEI GING es nicht vor allem um Dajans Moral, sondern um etwas sehr viel tiefer Liegendes: Warum beschäftigten sich damals Dajan und so viele von uns mit Archäologie, einer Wissenschaft, die viele andere als ziemlich langweilig betrachten?
Sie besaß für uns eine hintergründige Faszination.
Diese Generation von Zionisten war die erste, die im Land geboren worden war (ich allerdings war noch in Deutschland geboren). Für ihre Eltern war Palästina keine konkrete Heimat, sondern es war ein Land, von dem sie in den Synagogen Polens und der Ukraine geträumt hatten. Für ihre im Land geborenen Söhne und Töchter war es ihre natürliche Heimat.
Sie sehnten sich nach Wurzeln. Sie zogen in jeden Winkel, verbrachten Nächte am Lagerfeuer und erkundeten jeden Hügel und jedes Tal.
Der Talmud und alle die anderen religiösen Texte langweilten sie. Talmud und andere Schriften hatten jahrhundertelang die Juden in der Diaspora aufrechterhalten, aber hier im Land weckten sie kein Interesse mehr. Die neue Generation machte sich die hebräische Bibel mit großer Begeisterung zueigen, allerdings nicht als religiöses Buch (wir waren fast alle Atheisten), sondern als ein Meisterstück hebräischer Literatur, dem kein anderes gleichkam. Sie waren auch die erste Generation, deren Muttersprache das verjüngte Hebräisch war, und sie verliebten sich in die lebendige, konkrete Sprache der hebräischen Bibel. Die sehr viel anspruchsvollere, abstrakte Sprache des Talmud und anderer späterer Schriften stieß sie ab.
Die Vorgänge, von denen die Bibel erzählte, hatten in dem Land stattgefunden, das sie kannten. Die in der Bibel dargestellten Schlachten waren in den Tälern, die sie kannten, geschlagen worden, die Könige waren an den Orten gekrönt und begraben worden, die ihnen vertraut waren. 
Nachts hatten sie die Sterne von Megiddo betrachtet, dem Ort, an dem die Ägypter die erste in der Geschichte bezeugte Schlacht geschlagen hatten (und wo nach dem christlichen Neuen Testament die letzte Schlacht – die Schlacht von Armageddon – stattfinden wird). Sie standen auf dem Karmel, wo der Prophet Elias die Baals-Priester abgeschlachtet hatte. Sie hatten Hebron besucht, wo Abraham von seinen beiden Söhnen, den Vorvätern der Araber und der Juden Jischmael und Isaak, begraben wurde. 
 
DIE LEIDENSCHAFTLICHE Anhänglichkeit an das Land war durchaus nicht vorherbestimmt. Das Land Palästina hatte bei der Entstehung des modernen politischen Zionismus in Wirklichkeit keine Rolle gespielt.
Wie ich bereits erwähnte, dachte der Gründervater Theodor Herzl nicht an Palästina, als er das erfand, was später Zionismus genannt wurde. Er hasste Palästina und sein Klima. Besonders hasste er Jerusalem, das ihm als faulige und schmutzige Stadt erschien.
Im ersten Entwurf seiner Idee, den er für die Familie Rothschild verfasste, war Patagonien in Argentinien das Land seiner Träume. Dort hatte in jüngster Zeit ein Völkermord stattgefunden, sodass das Land fast menschenleer war.
Erst die Gefühle der jüdischen Massen in Osteuropa zwangen Herzl, seine Bemühungen in Richtung Palästina umzulenken. In seinem grundlegenden Buch „Der Judenstaat" ist das diesbezügliche Kapitel nicht einmal eine Seite lang und trägt den Titel: „Palästina oder Argentinien“. Die arabische Bevölkerung wird darin überhaupt nicht erwähnt.
 
ALS DIE zionistische Bewegung ihre Gedanken dann schließlich in Richtung Palästina lenkte, wurde die Geschichte dieses Landes zu einem heiß diskutierten Thema.
Der Anspruch der Zionisten gründete sich ausschließlich auf die biblischen Geschichten vom Auszug aus Ägypten, von der Eroberung Kanaans, von den Königreichen Sauls, Davids und Salomons und den Ereignissen jener Zeiten. Da fast alle Gründerväter erklärte Atheisten waren, konnten sie sich ja schlecht auf die „Tatsache“ berufen, Gott persönlich habe dem Samen Abrahams das Land versprochen. 
Deshalb begann mit der Ankunft der Zionisten in Palästina eine fieberhafte archäologische Suche. Das Land wurde nach realen, wissenschaftlichen Beweisen durchkämmt, Beweise dafür, dass die biblischen Geschichten nicht nur Mythen, sondern wahre echte Geschichte waren. Christliche Zionisten hatten schon vorher damit angefangen.
Die Suche nach archäologischen Stätten setzte ein. Die oberen Schichten der Osmanen und Mamelucken, Araber und Kreuzfahrer, Römer und Griechen und Perser wurden aufgedeckt und entfernt, um die alten Schichten der Kinder Israels freizulegen und damit zu beweisen, dass die Bibel recht hat.
Riesige Anstrengungen wurden unternommen. Der selbsternannte Bibelgelehrte David Ben-Gurion leitete diese Bemühungen. Der Armeechef und Sohn eines Archäologen Jigael Jadin, der selbst Archäologe war, suchte antike Stätten ab, um zu beweisen, dass sich die Eroberung Kanaans tatsächlich ereignet hätte. Aber leider fand sich kein Beweis dafür.
Als die Überreste der Knochen von Bar Kochbas Kämpfern in Höhlen in der Judäischen Wüste gefunden worden waren, wurden sie auf Befehl Ben-Gurions in einer großen Militär-Zeremonie beigesetzt. Die unbestrittene Tatsache, dass Bar Kochba die vielleicht größte Katastrophe vor dem Holocaust in der jüdischen Geschichte verursacht hatte, wurde schöngefärbt.
 
UND WAS ist dabei herausgekommen?
So unglaublich es klingen mag: Vier Generationen engagierter Archäologen mit glühender Überzeugung und riesigen Geldmitteln hatten genau das Folgende zustande gebracht:
Nichts.
Seit dem Anfang der Bemühungen wurde bis zum heutigen Tag kein einziger Beweis der biblischen Geschichte gefunden, kein einziger Hinweis darauf, dass der Auszug aus Ägypten, die Grundlage der jüdischen Geschichte, sich jemals ereignet hätte. Ebenso wenig ein Hinweis auf die 40 Jahre dauernde Wüstenwanderung, kein Beweis der Eroberung Kanaans, wie sie im Buch Josua lang und breit beschrieben wird. Der mächtige König David, dessen Königreich – so steht es in der Bibel – sich von der Sinai-Halbinsel bis in den Norden Syriens erstreckte, hat keine Spur hinterlassen. (Kürzlich wurde eine Inschrift mit dem Namen David entdeckt, aber ohne Hinweis drauf, dass dieser David ein König gewesen wäre.) 
Zum ersten Mal taucht Israel unbestritten in archäologischen Funden in assyrischen Inschriften auf. Darin wird eine Koalition örtlicher Königtümer erwähnt, die versuchten, das assyrische Vorrücken nach Syrien aufzuhalten. Unter anderen wird König Ahab von Israel als Führer eines beträchtlichen Militärkontingents genannt. Ahab regierte von 871 bis 852 AC das heutige Samaria (im Norden des besetzten Westjordanlandes). Gott liebte ihn nicht, allerdings beschreibt ihn die Bibel als Kriegshelden. Ahab bezeichnet den Eintritt Israels in die belegte Geschichte.   
 
ALLES DIESES sind negative Beweise, die die Vermutung nahelegen, dass die frühe biblische Geschichte erfunden worden sei. Zwar wurde praktisch keinerlei Spur der frühen biblischen Geschichte gefunden – beweist das denn aber, dass Alles Erfindung ist?
Vielleicht nicht. Aber jedenfalls gibt es einen realen Nachweis.
Ägyptologie ist eine wissenschaftliche, von der Archäologie Palästinas getrennte Disziplin. Aber die Ägyptologie beweist unwiderleglich, dass die biblische Geschichte vor König Ahab tatsächlich Erfindung ist.
Bisher wurden viele Zehntausende ägyptischer Dokumente entziffert und die Arbeit geht noch weiter. Nachdem die Hyksos aus Asien 1730 AC Ägypten erobert hatten, gaben sich die Pharaonen von Ägypten große Mühe, die Geschehnisse in Palästina und Syrien sorgfältig zu beobachten. Jahr um Jahr berichteten ägyptische Spione, Händler und Soldaten sehr genau über alle Ereignisse in jeder Stadt in Kanaan. In keinem einzigen dieser Berichte ist die Rede von irgendetwas, das den biblischen Ereignissen auch nur im Entferntesten ähnelt. (Eine einzige Erwähnung „Israels“ auf einer ägyptischen Stele soll sich auf ein kleines Gebiet im Süden Palästinas beziehen.)
Selbst wenn man gerne glauben möchte, dass die Bibel reale Ereignisse nur vergrößere, so ist es doch eine Tatsache, dass auch nicht die kleinste Erwähnung des Auszugs aus Ägypten, der Eroberung Kanaans oder auch König Davids gefunden wurde.
Sie haben einfach nicht stattgefunden.
 
IST DAS von Bedeutung? Ja und nein.
Die Bibel ist keine reale Geschichte. Sie ist ein monumentales religiöses und literarisches Dokument, das im Laufe der Jahrhunderte ungezählte Millionen Menschen inspiriert hat. Sie hat das Bewusstsein vieler Generationen von Juden, Christen und Muslimen geprägt.
Geschichte ist jedoch etwas anderes. Geschichte erzählt uns, was wirklich geschehen ist. Die Archäologie ist ein Werkzeug der Geschichte, und zwar ein unschätzbares Werkzeug dafür, dass Menschen erfahren und verstehen, was einmal geschehen ist.
Es sind unterschiedliche Disziplinen und niemals werden die beiden miteinander übereinstimmen. Für die Religiösen ist die Bibel ein Gegenstand des Glaubens. Für die Nichtgläubigen ist die hebräische Bibel ein großartiges Kunstwerk, vielleicht das größte überhaupt. Archäologie ist etwas vollkommen anderes: ein Gegenstand nüchterner, bewiesener Tatsachen.
In israelischen Schulen wird die Bibel so gelehrt, als wäre sie ein Geschichtsbuch. Das bedeutet, dass israelische Kinder nur die Inhalte der biblischen Kapitel, die entweder buchstäblich wahr oder erdacht sind, kennenlernen. Als ich das einmal in einer Knesset-Rede kritisierte und forderte, dass die tatsächliche Geschichte des Landes im Laufe der Zeitalter gelehrt würde, darunter auch die Kapitel der Kreuzzüge und der Mamelucken, gab mir der damalige Bildungsminister den Namen „der Mamelucke“.
Ich glaube immer noch, dass jedes israelische und jedes palästinensische Kind in diesem Land dessen wirkliche Geschichte mit allen ihren Schichten von den frühesten Tagen bis auf den heutigen Tag kennenlernen sollte. Es ist die Grundlage des Friedens, des wahren Felsens unserer Existenz. (PK)
 
 
Uri Avnery hat dieses Grundsatzreferat auf der Konferenz des Kinneret College über den „Felsen unserer Existenz: die Verbindung zwischen Archäologie und Ideologie“ vorgetragen. Er ist - geboren am 10. September 1923 in Deutschland - israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist und war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein neues Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ hat eine unserer AutorInnen für die NRhZ rezensiert. Für die Übersetzung dieses Buches und des hier vorliegenden Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie hat gerade ihr neues eBuch bei Amazon veröffentlicht: "Ira Chernus, Amerikanische Nationalmythen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft". Alle ihre eBücher findet man unter http://www.amazon.com/s/ref=nb_sb_noss?url=search-alias%3Daps&field-keywords
http://ingridvonheiseler.formatlabor.net
 
 


Online-Flyer Nr. 492  vom 07.01.2015

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP


Männerbünde
Aus dem KAOS-Kunst- und Video-Archiv
FOTOGALERIE


Schwarzer Freitag für H&M
Von Arbeiterfotografie