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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
Die Makkabäer errichteten einen jüdischen Staat, der 200 Jahre Bestand hatte
"Meine ruhmreichen Brüder"
Von Uri Avnery

Als ich 15 und Mitglied der Untergrundorganisation Irgun (nach heutigen Kriterien einer waschechten Terroristenorganisation) war, sangen wir „(In der Vergangenheit) hatten wir die Helden Bar Kochba und die Makkabäer/ Jetzt haben wir neue Helden/ Die nationale Jugend“ - nach der Melodie eines deutschen Marschliedes. Warum haben wir uns damals unsere Helden in der fernen Vergangenheit gesucht?
 

Der Makkabäeraufstand, Bildfeld an der großen Knesset-Menora (1)
 Quelle: wikipedia
 
Wir brauchten dringend nationale Helden als Vorbilder. 18 Jahrhunderte lang hatten Juden nicht mehr gekämpft. Antisemiten behaupteten, sie wären eine Rasse von Feiglingen. Sie waren in der Welt zerstreut und sahen keinen Grund, für Kaiser und Könige zu kämpfen, von denen die meisten sie verfolgten. (Einige Juden kämpften allerdings. Der erste echte Held der neuen zionistischen Einheit in Palästina war einer der wenigen jüdischen Offiziere in der Armee des Zaren gewesen: Josef Trumpeldor. Er hatte 1905 einen Arm im russisch-japanischen Krieg verloren und starb in einem Gefecht mit Arabern in Palästina. Also suchten wir uns die Makkabäer, die Zeloten und Bar Kochba aus.
 
DIE MAKKABÄER, denen zu Ehren wir diese Woche das Chanukka-Fest feierten, revoltierten 167 AC gegen „die Griechen“. Howard Fast nannte sie in seinem berühmten Roman „Meine ruhmreichen Brüder“.
In Wirklichkeit waren „die Griechen“ Syrer. Als die Generäle Alexanders des Großen dessen Reich unter sich aufteilten, bekam Seleukos Syrien und die Länder östlich davon. Gegen dieses Mini-Reich erhoben sich die Makkabäer.  
Es war nicht nur ein national-religiöser Kampf gegen eine Herrschaft, die den Juden ihre hellenistische Kultur aufzwingen wollte, sondern es war auch ein grausamer Bürgerkrieg. Der Hauptkampf der Makkabäer galt den „Hellenisierern“, der gebildeten modernistischen, griechisch sprechenden jüdischen Elite, die zur zivilisierten Welt gehören wollte. Die Makkabäer waren fundamentalistische Anhänger der Religion aus alter Zeit.  
Wenn wir einen heutigen Begriff verwenden, waren sie die ISIS ihrer Zeit. Das aber hat man uns in der Schule nicht gelehrt (und lehrt es auch heute nicht). 
Die Makkabäer (oder mit ihrem dynastischen Namen die Hasmonäer) errichteten einen jüdischen Staat, den letzten in Palästina, der 200 Jahre Bestand hatte. Im Unterschied zu ihren Nachfolgern und Nachahmern besaßen sie viel politischen Scharfsinn. Schon während ihres Aufstandes stellten sie eine Verbindung zu der aufsteigenden Römischen Republik her und sicherten sich deren Unterstützung.
Die Makkabäer gewannen allerdings durch eine Laune des Schicksals. Ihr Aufstand war ein sehr riskantes Abenteuer und sie verdankten ihren Sieg am Ende dem Umstand, dass das seleukidische Reich in innere Schwierigkeiten geraten war.
Die Ironie dieser Geschichte ist, dass die hasmonäischen Könige selbst völlig hellenisiert wurden und sogar griechische Namen trugen.
 
DER NÄCHSTE große Aufstand begann im Jahr 66 AD. Im Unterschied zum Makkabäer-Aufstand war er vollkommen verrückt.
Die Zeloten gehörten verschiedenen miteinander konkurrierenden Gruppen an. Diese blieben bis zum bitteren Ende untereinander uneinig. Ihr „der große Aufstand“ genannter Aufstand war auch eine fanatisch national-religiöse Angelegenheit.
Damals erfüllten messianische Ideen die Luft in Palästina. Das Land saugte aus allen möglichen Richtungen religiöse Ideen auf – es waren hellenistische, persische und ägyptische Ideen – und mischte sie mit jüdischen Traditionen. In dieser fieberhaften Atmosphäre entstand das Christentum; und das Buch Hiob und andere späte Bücher der hebräischen Bibel wurden verfasst.
Jüdische Fanatiker erwarteten jeden Augenblick die Ankunft des Messias und sie taten etwas, das uns heute unglaublich erscheint: Sie erklärten dem Römischen Reich, das damals auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, den Krieg. Das ist, als würde heutzutage Israel gleichzeitig den USA, China und Russland den Krieg erklären. Selbst Benjamin Netanjahu würde es sich zweimal überlegen, ehe er das täte.
Es dauerte ein Weile, ehe die Römer ihre Legionen gesammelt hatten, und das Ende war vorauszusehen: Die jüdische Gemeinschaft im Land wurde zermalmt, der Tempel wurde (vielleicht versehentlich) verbrannt und die Juden wurden gewaltsam aus Jerusalem und vielen weiteren Orten in Palästina vertrieben.
Die Zeloten glaubten immer an ihren Gott. Im belagerten Jerusalem, in dem die Menschen ohnehin schon Hunger litten, verbrannten sie einander den Weizen, denn sie waren sicher, Gott werde sie versorgen. Aber, so schien es, Gott war mit etwas anderem beschäftigt.
Auf dem Höhepunkt der Belagerung Jerusalems wurde der verehrungswürdige Rabbi Jochanan ben Sakkai von seinen Schülern in einem Sarg aus der Stadt geschmuggelt und die Römer gestatteten ihm, in Jawne eine Religionsschule zu eröffnen. Diese wurde zum Zentrum einer neuen Art antiheroischen Judentums.
 
DIE LEKTION aus der Katastrophe, die die Zeloten verursacht hatten, wurde jedoch nicht gelernt. Weniger als 70 Jahre danach begann ein Abenteurer mit Namen Bar Kochba („Sohn eines Sterns“) einen weiteren Krieg mit dem Römischen Reich, einen Krieg, der noch schwachsinniger war als der davor.
Anfänglich gewann Bar Kochba, ebenso wie die Zeloten, einige Siege, nämlich bevor die Römer ihre Kräfte hatten sammeln können. Damals unterstützen ihn die wichtigen Rabbiner. Aber durch sein größenwahnsinniges Wesen verlor er ihre Unterstützung. Man erzählte von ihm, er habe zu Gott gesagt: „Du brauchst mir nicht beizustehen, aber behindere mich wenigstens nicht!“
Die unausweichliche Niederlage Bar Kochbas war eine noch größere Katastrophe als die vorangegangene. Die Juden wurden massenweise in die Sklaverei verkauft und einige wurden den Löwen in der römischen Arena zum Fraße vorgeworfen. Eine Legende erzählt, Bar Kochba habe mit bloßen Händen einen Löwen im Kampf getötet.
Der grundlegende zionistische Glaubenssatz jedoch, die Juden seien mit Gewalt aus Palästina vertrieben worden und das sei der Beginn der Diaspora (des „Exils“) gewesen, ist eine Legende. Die jüdische Landbevölkerung blieb im Land und trat zuerst zum Christentum und später zum Islam über. Die meisten heutigen Palästinenser sind wahrscheinlich Nachkommen dieser jüdischen Bevölkerung, die an der Scholle festgehalten hatte. In seiner Jugend untermauerte David Ben-Gurion diese Theorie.
Tatsächlich entstand die jüdische Religion um 500 vor Christus im babylonischen Exil. Von Anfang an lebte die Mehrheit der Juden außerhalb Palästinas: in Babylon, in Ägypten, auf Zypern und in vielen weiteren Ländern rund ums Mittelmeer. Palästina blieb ein wichtiges religiöses Zentrum und spielte eine wichtige Rolle beim Übergang des Judentums in eine Diaspora-Religion, die sich im Prinzip auf den Talmud gründete.
 
DAS CHANUKKA-Fest symbolisiert den grundlegenden Wandel des Judentums nach der Zerstörung des Tempels – und den Gegenwandel, den in moderner Zeit die Zionisten bewirkten.
Die Rabbiner waren gegen den Heldenkult, ob er nun gottesfürchtig war oder nicht. Sie setzten die Schlachten der Makkabäer herab und fanden einen anderen Grund, das Chanukka-Fest zu feiern. Anscheinend hatte sich ein großes Wunder ereignet und das war viel bedeutsamer als militärische Siege: Als der Tempel, nachdem er von den „Griechen“ entweiht worden war, neu geweiht wurde, reichte das übrig gebliebene heilige Öl eigentlich nur für einen Tag. Aber dank göttlichem Eingriff reichte die kleine Menge Öl für eine ganze Woche. Chanukka wurde diesem großen Wunder gewidmet. (Das Wort Chanukka bedeutet Einweihung, Weihe.)
Das Buch der Makkabäer, das von Kampf und Sieg erzählt, wurde nicht in die hebräische Bibel aufgenommen. Das hebräische Original ging verloren.
(Chanukka war wie Weihnachten ursprünglich das heidnische Fest der Wintersonnenwende, ebenso wie Pessach und Ostern sich auf die heidnische Feier der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche gründen.)
Die jüdischen Weisen waren entschlossen, ein für allemal das Streben nach Aufständen und militärischen Abenteuern auszumerzen. Chanukka wurde nicht nur zu einem harmlosen Fest des heiligen Öls, sondern die Zeloten und Bar Kochba wurden in rabbinischen Schriften entweder nicht genannt oder ihr Ansehen wurde geschmälert. Diese Schriften, und besonders der Talmud, formten von da an und formen bis in unsere Tage Judentum und jüdisches Leben. Juden sollten Gott und nicht menschliche Helden anbeten.
Bis der Zionismus auf der Bildfläche erschien. Er ließ die alten Helden auferstehen und machte sie rückwirkend zu Zionisten. Die Makkabäer, die Zeloten und Bar Kochba wurden unsere Vorbilder. Der Massenselbstmord der Zeloten nach dem Großen Aufstand auf dem Berg Massada wurde als ruhmreiche Tat gefeiert und man lehrte – und lehrt noch heute - Generationen von Kindern, sie zu bewundern.
Heute haben wir nationale Helden im Überfluss und wir brauchen diese alten Mythen nicht mehr. Aber Mythen sterben langsam, wenn überhaupt. Doch die Zahl der Historiker und ihresgleichen, die vorsichtig Zweifel an der Rolle der nationalen Helden in der jüdischen Geschichte äußern, nimmt zu. (Ich war mit einem Essay, den ich vor etwa vier Jahrzehnten schrieb, vielleicht der erste.)
 
ALLES DAS bestätigt wohl die Redensart: „Nichts ändert sich so sehr wie die Vergangenheit.“ Oder in Goethes Worten: „Was ihr den Geist der Zeiten heißt,/ Das ist im Grund der Herren eigner Geist,/ In dem die Zeiten sich bespiegeln.“
Der Zionismus war eine große spirituelle Revolution. Er nahm sich eine alte ethnisch-religiöse Diaspora vor und formte sie in eine moderne Nation nach europäischem Stil um. Um das zu bewirken, musste er zuerst einmal die Geschichte umformen.
Der Zionismus konnte sich auf die Werke einer neuen Generation jüdischer Historiker gründen, die von Heinrich Graetz angeführt wurden. Dieser malte, von den deutschen nationalistischen Historikern seiner Zeit beeinflusst, ein neues Bild der jüdischen Vergangenheit. Graetz starb einige Jahre vor dem Ersten Zionistischen Kongress; sein Einfluss war jedoch sehr stark und ist es bis heute geblieben.
Die Deutschen ließen Hermann den Cherusker wiederauferstehen und errichteten ihm eine riesige Statue im Teutoburger Wald, an dem Ort seines großen Sieges über die Römer. Dieser Sieg hatte kurz vor dem jüdischen Großen Aufstand stattgefunden. Entsprechend ließen die frühen Zionisten die jüdischen Helden wiederauferstehen und kümmerten sich dabei nicht um die Katastrophen, die diese ausgelöst hatten. Viele große und kleine europäische Völker taten dasselbe. Es entsprach dem Zeitgeist.
Drei Generationen israelischer Kinder wurden vom Kindergarten an mit diesen Mythen aufgezogen. Diese Kinder sind fast vollständig von der Weltgeschichte abgeschnitten. Sie lernen, dass die Griechen das Volk waren, dessen Joch die Makkabäer abschüttelten, aber sie lernen so gut wie nichts über griechische Philosophie, Literatur und Geschichte. Das schafft ein sehr enges, egozentrisches Bewusstsein, das gut für Soldaten, aber nicht so gut für Menschen geeignet ist, die Frieden schließen müssen.
Diese Kinder lernen überhaupt nichts über die Geschichte der Araber, des Islam und des Koran. Der Islam ist für sie eine primitive, mörderische Religion, deren Anhänger darauf versessen sind, Juden zu töten.
Das autonome orthodoxe Schulsystem bildet die Ausnahme. Dort wird nichts außer dem Talmud gelehrt und deshalb ist es immun gegen den Heldenkult, allerdings auch gegen die Weltgeschichte (außer der Geschichte der Pogrome natürlich).
Die große politische Veränderung, die wir brauchen, muss von einer großen Veränderung unserer historischen Perspektive begleitet werden.
Für die Einschätzung der Rolle der jüdischen Helden des Altertums ist wohl eine weitere Revision fällig. (PK)
 
(1) Die Knesset-Menora ist ein etwa fünf Meter hohes Bronzemonument in Form eines siebenarmigen Leuchters, des Wappensymbols Israels, vor der Knesset, dem israelischen Parlament in Jerusalem. Die 1949 bis 1956 geschaffene Menora mit ihrem umfangreichen Bildprogramm ist ein Denkmal für die geschichtliche Identität Israels.
 
Uri Avnery, geboren am 10. September 1923 in Deutschland, ist israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist. Er war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein neues Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ hat eine unserer AutorInnen für die NRhZ rezensiert. Für die Übersetzung dieses Buches und des hier vorliegenden Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie hat gerade ihr neues eBuch bei Amazon veröffentlicht: "Ira Chernus, Amerikanische Nationalmythen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft"
Alle ihre eBücher findet man unter http://www.amazon.com/s/ref=nb_sb_noss?url=search-alias%3Daps&field-keywords
http://ingridvonheiseler.formatlabor.net
 
 
 
 
 
 
 


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