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Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2017  

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Literatur
70 Zeitzeugen vermitteln 40 Jahre Deutsche Demokratische Republik
"DDR - Meilenstein der Geschichte"
Von Volker Bräutigam

Im nunmehr zehnten Band der Reihe "Spuren der Wahrheit" griffen 70 Zeitzeugen zur Feder, setzten sich an den Computer, um mit Herzblut ihren Kindern, Enkeln, den nachfolgenden Generationen zu vermitteln, was für sie das Leben in 40 Jahren Deutsche Demokratische Republik ausmachte. Kaum einer euphorisch, sondern vorherrschend sachlich, oft kritisch, manchmal auch emotionsgeladen, zum Teil humorvoll, persönlich, einfühlsam, meist detailgetreu, gelegentlich verallgemeinernd - spürt man bei allen Autoren das dringende Verlangen, sich mit den eigenen Erlebnissen und Wahrnehmungen in der DDR so auseinanderzusetzen, dass dieses kleine nicht auf seine Fehler reduziert wird, dass das Positive nicht in Vergessenheit gerät. Willy H. Wahl von http://www.seniora.org hat Volker Bräutigam gebeten, "einige Gedanken anlässlich dieser Neuerscheinung aufschreiben, keine Rezension, sondern eine Gegenstimme zur unsäglichen Propaganda zur DDR als “Unrechtsstaat”. Vor einigen Jahren hatte ich die Gelegenheit, mit meiner Frau und Volker auf seinem Boot in See zu stechen - unter DDR-Flagge! Ein wunderschönes Erlebnis."
 
Ein paar Bemerkungen nicht über dieses Buch, sondern als kleines Gedankenleporello aus Anlass dieser Buchveröffentlichung. Ich öffne es als ein „Wessi“, der familiäre und politische Kontakte in die DDR bis zu deren Ende pflegte und sich regelmäßig und gerne in der „Zone“ aufhielt, also sein Leben in beiden deutschen Staaten leben durfte.
Der gesellschaftliche Diskurs über die DDR wird heute nicht nur vom Standpunkt des (vorläufigen) Gewinners im Kampf der Systeme akzentuiert. Es ist zugleich der Standpunkt des erbarmungslos bornierten Rechthabers, der alle Argumente niederzumachen sucht, die seinen Zwangsvorstellungen und seinem absoluten Herrschaftsanspruch entgegenstehen. Und es ist der Standpunkt eines kriminellen Straßenräubers, der das Eigentum seines Überfallopfers zusammenraffte und den Darniederliegenden wegen seiner Mittellosigkeit auch noch verhöhnt.
Zu allen entsprechenden Formen der Meinungsmache seien mir einige Widerworte erlaubt. Die unsägliche Forderung, den Staat DDR als „Unrechtsstaat“ auszugeben, weil er ein Zwangssystem organisiert habe, in dem das Recht des Individuums nichts galt, ist eine propagandistische Chimäre. Was machte die „Stasi“ Schlimmes, das nicht die westdeutschen Geheimdienste um ein Vielfaches schlimmer trieben? Welche erbarmungslose Ausforschung und Bespitzelei, die nicht die westlichen Geheimdienste in noch größerem Umfang vollführten, nur filigraner und perfektioniert, unauffälliger? Welche widerwärtigen Morde und Attentate auf politische Gegner des Systems, die nicht ihre Entsprechung im Westen gehabt hätten?
DDR-Bürger konnten regimekritische Bemerkungen nicht äußern, ohne schwerwiegende Nachteile für sich, ihre Familie und ihren Alltag befürchten zu müssen. Falls das wirklich ein Alleinstellungsmerkmal der DDR war: Heute können sie ihre Meinung frei äußern. Bloß haben sie nichts davon, denn es hört ihnen niemand zu. Es gab keine schrankenlose Reisefreiheit in der DDR. Heute können die Bürger in alle Welt reisen – falls sie das Geld dafür haben. Und?
Systemgegner der DDR kamen dort in Haft. Dokumentiert ist nicht, um wie viele Fälle es sich handelt, westliche Schätzungen liegen jedoch bei 200 000. Unsäglich. Und wie verhält es sich - blicken wir bitte einmal auf den deutschen Staat westlich des Zauns und auf die Zeit nach 1956 - mit den 280 000 Kommunistinnen und Kommunisten, die nach dem Parteiverbot entweder in westdeutsche Zuchthäuser wanderten, verfemt ins soziale Elend gestürzt wurden oder sich zur Emigration gezwungen sahen?
Waren die sogar im Jahre 2004 noch durchgeführten 1,4 Millionen Überprüfungen auf "Verfassungstreue" der BRD, die insgesamt 11.000 Verfahren wegen "Verdachts verfassungsfeindlicher Bestrebungen" und die annähernd 2.000 ausgesprochenen Berufsverbote ein bundesrepublikanischer Nachweis für besondere Rechtsstaatlichkeit? Wie viel rechtsstaatliches Bewusstsein bewies die Bonner Republik bei der strikten Überwachung, geheimdienstlichen und polizeilichen Verfolgung und gesellschaftlichen Ächtung von abertausenden DKP-Mitgliedern und dem Drangsalieren ihrer Angehörigen (unter Missachtung des Grundrechts auf Schutz der Wohnung, des Briefgeheimnisses, der Unverletzlichkeit der Würde des Menschen usw.)?
Mit unserer Geschichte kann man nicht zürnen, man muss aus ihr lernen. Aber die "double standards", das heute übliche verlogene Messen mit zweierlei Maß, die sollten uns empören.
Die Mauertoten und die Todesopfer an den Sperranlagen? Grauenhaft, in einem Vierteljahrhundert starben auf diese gewaltsame Weise an die 200 Menschen. Staatlich verordnetes Unrecht, fraglos. Sind die in nur einem Dutzend Jahren an den Außengrenzen des großdeutschen Europa gewaltsam gestorbenen 20.000 Mitmenschen keine Opfer staatlichen Unrechts?
Mit welchen Mitteln hätte wohl die Bundesrepublik reagiert, wenn die DDR in der Lage gewesen wäre, Millionenbeträge aus dunklen Kanälen hervorzuholen und mit hohen Kopfprämien tausende Ärzte und Ingenieure aus dem Westen in den Osten zu locken, die Gefahr eines Zusammenbruchs der Gesundheitsfürsorge heraufzubeschwören und die Wirtschaft vor den Kollaps zu steuern?
Denkt niemand beim Urteilen über den Mauerbau mehr darüber nach, dass zuvor die DDR auch materiell ausgesaugt wurde (westlicher, offiziell geduldeter Schwarzmarktkurs: Für eine DM gab es bis zu 6 Mark der DDR! Butter aus dem Osten ließ sich zum dreifachen des Einkaufspreises im Westen wieder verkaufen, Fleisch- und Wurstwaren zum fünffachen, Schallplatten mit klassischer Musik sogar zum neunfachen; der Warenschmuggel von Ost nach West erlebte in jener Zeit eine nie gekannte und später nie mehr erreichte Hochblüte).
Mag heute niemand mehr berücksichtigen, dass dieser fürchterliche Mauerbau in Berlin und die menschenverachtenden Sperranlagen durchs ganze Land auf Druck aus Moskau entstanden und letztlich einen Krieg der USA gegen die Sowjetunion auf deutschem Boden verhindern halfen?
Ich habe in der DDR viele Menschen gekannt, aber nicht einen, der Sorgen gehabt hätte, seinen Arbeitsplatz zu verlieren und keine Zukunft mehr zu haben. Nicht einen, der sich Gedanken hätte machen müssen, wie er seine Arztnebenkosten bezahlen, die Kindergartenrechnung begleichen, die Wohnungsmiete aufbringen solle.
Ich kannte Bäuerinnen mit einer Fünf-Tage-Woche und einem Acht-Stunden-Tag, Gymnasiasten, die auf dem Land wohnten und zur Schule gingen, Mütter, die nach der Geburt und dem Babyjahr das Recht zur Rückkehr auf ihren eigenen alten Arbeitsplatz hatten, nicht nur auf einen „vergleichbaren“. Ich kannte Frauen, die nicht einen Gedanken an Gleichstellungsfragen verschwenden brauchten, weil sie eine Souveränität besaßen, um die sie heute beneidet würden - wenn bundesdeutsche Frauen das politische Bewusstsein dafür hätten.
Ich sah ein Bildungssystem, das dem des Westens weit überlegen war, wusste, dass der Durchschnitts-DDR-Bürger pro Jahr 11 gute Bücher las, während sich im Westen gerade mal der Trend zum Zweitbuch entwickelte.
Ich erlebte eine Recycling-Wirtschaft, die aus der Not eine ökologische Tugend zu machen verstand, von der wir heute Meilen entfernt sind mit unserem betrügerischen Grünen Punkt und Gelben Sack.
Und das wichtigste von allem: Ich erlebte friedenswillige Menschen in einem Staat, der seine Armee nicht zu Mord und Totschlag in fremde Länder schickte und fremde Städte bombardieren ließ.
Wenn ich zu jährlich längeren Aufenthalten in die DDR fuhr, traf ich Freunde und Bekannte wieder, die sich selbst nach einem Jahr beim Wiedersehen an kleine Details von meinem westlichen Alltag, Familie, Freunden und Kollegen erinnern konnten, die ich ihnen erzählt hatte. Es gab in der DDR eine gegenseitige Zugewandtheit, mitmenschliches Interesse und Solidarität, von denen wir im bundesdeutschen kalten, entsolidarisierenden Alltag Lichtjahre entfernt sind.
Nach der Selbstauflösung der DDR ging das Volksvermögen von mehr als 620 Milliarden DM an die von Carsten Rohwedder geführte Treuhand-Anstalt über. Rohwedder entwickelte den Plan, dieses Vermögen an die DDR-Bürger auszuzahlen, in Anteilen von je 30 000 DM pro Kopf. Der Plan war kaum geboren, da kam Rohwedder bei einem bis heute nicht aufgeklärten Attentat ums Leben. Seine Nachfolgerin Birgit Breuel verwarf Rohwedders Konzept, ließ die Vermögenswerte der DDR von westdeutschen Firmen plündern und erzielte letztlich Treuhandschulden von mehr als 180 Milliarden DM (die heute in schwarzen "Nebenhaushalten" versteckt sind).
Die DDR sei „marode“ gewesen, sagen die begnadet Bornierten heute dazu und übersehen auch noch großzügig, dass die Bundesrepublik derzeit bereits mehr als 2 Billionen Euro Schulden angesammelt hat, während das reine Geldvermögen in privater Hand auf fünf Billionen wuchs.
Ich habe ein kleines Vorderkajütboot aus Holz. Es wurde auf einer DDR-Werft in der Nähe von Schwerin gebaut. Noch heute ist es schön, stabil, zuverlässig, ein richtiger „Hingucker“. Trotz unsäglicher Auseinandersetzungen mit Wasserschutzpolizei und den Wasser- und Schifffahrtsbehörden und einem bis in die zuständigen Ministerien für Verkehr und für Justiz hinaufgetriebenen Schriftwechsel fahre ich mein Boot unter der Flagge der DDR. Unter dem Symbol eines deutschen Staates, der im Unterschied zu allen vor und nach ihm keine Kriege führte. Und der, bei allem staatlichen Unrecht, größeren Frieden nach innen kannte, als er der Bundesrepublik vergönnt ist.
Diese BRD darf sich ihrer zwei Millionen Kinder in Armut schämen, denen oft das Geld für eine warme Mahlzeit fehlt. Ihrer sieben Millionen Empfänger von „Stütze“. Und darf stolz sein auf ihre 120 Multimilliardäre und 800 000 Multimillionäre (Geldvermögen, ohne Immobilien und Unternehmensbeteiligungen!).
Ich bin ein „Wessi“, aber ich bleibe bei der Flagge der DDR. Die schwarzrotgoldenen Farben eines kriegs- und bürgerkriegsführenden Unrechtsstaates sind an Bord meines Schiffes tabu. (PK)

DDR - Meilenstein der Geschichte (Aus der Reihe "Spuren der Wahrheit")
Horst Jäkel (Hrsg.)
ISBN: 978-3-89819-410-5
452 Seiten, Preis: 20.00 €
http://gnnverlag.de/produkt-uebersicht/neuerscheinungen/ddr-meilenstein-der-geschichte/

Volker Bräutigam schreibt regelmässig für die Zeitschrift Ossietzky, Nachfolgerin der "Weltbühne", die dem deutschen Journalismus zu Beginn des vorigen Jahrhunderts zur Ehre gereichte. Ossietzky orientiert sich strikt an diesem Vorbild. (s.a. ossietzky.net)


Online-Flyer Nr. 488  vom 10.12.2014

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