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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
Interview mit dem Generalsekretär des Deutschen Naturschutzrings (DNR)
Umweltverbände sind mittelstandsorientiert
Von Marion Busch

Mit minimalem Ressourcenverbrauch, Nullwachstum und im Frieden miteinander leben - das ist die Vision einer Gesellschaft, in der die Menschen vielleicht glücklicher sind als heute. Das setzt aber voraus, dass das Gemeinwohl in den Vordergrund rückt und die Individuen sich umeinander kümmern, sagt der Generalsekretär des Deutschen Naturschutzrings (DNR)
Helmut Röscheisen. Marion Busch hat ihn für "Umwelt aktuell" interviewt.
 

Dr. Helmut Röscheisen
Quelle: www.dnr.de/
Marion Busch: Zeit ihres Lebens und seit fast 35 Jahren beim DNR haben Sie sich für den Naturschutz engagiert. Was war rückblickend der größte Erfolg?
 
Helmut Röscheisen: Da will ich keinen einzelnen besonders herausstellen. In der Anfangs- phase des Dachverbands galt es, die unklaren Strukturen zu beseitigen, dann haben wir die Nachwuchsförderung eingeführt, die ZukunftsPiloten, und zahlreiche Leitbilder für den Sportbereich entwickelt. Unter anderem habe ich den ökologischen Verkehrsclub Deutschland (VCD) mitgegründet. Ganz wichtig war, dass wir in Politik und Gesellschaft Flagge gezeigt haben.
 
Der Dachverband hat natürlich eine Gesamtbotschaft im Interesse seiner Mitgliedsverbände, das ist auch im Grundsatzprogramm klar festgelegt. Und eska nn nicht sein, dass einzelne Mitgliedsverbände, auch wenn sie noch so groß sind, diese Botschaft, die von der großen Mehrheit der Mitgliedsverbände getragen wird, nicht nach außen artikulieren. Etwa bei der Olympiabewerbung Münchens. In dem Fall muss sich die klare Minderheit der Mehrheit beugen. Das ist Demokratie.
 
Und was war die härteste Nuss?
 
Zum Beispiel, dass die Wachstumsdebatte, die alles überlagert mit der Frage, ob wir unsere Wirtschaftsweise und den Lebensstil so weiterführen können wie bisher, kein wichtiges Thema in vielen Verbänden innerhalb des DNR ist. Das finde ich enttäuschend, weil das eine der zentralen Herausforderungen für die Zukunft ist.
 
Ein weiteres Defizit: Die Umweltverbände sind mittelstandsorientiert. Wichtige Teile der Bevölkerung werden nicht integriert. Dazu zählen Menschen mit Migrationshintergrund, davon haben wir ganz wenige bei uns. Dazu zählen aber auch die Menschen, die am unteren Ende der sozialen Leiter stehen. Und das wirkt sich bei bestimmten Themen aus wie der Wachstumsdebatte. Da geht man sehr, sehr zögerlich ran. Das ist schade.
 
Mit Blick in die Zukunft - was ist die größte Herausforderung für Mensch und Natur?
 
Ich habe es schon angedeutet, für mich ganz klar die Wachstumsdebatte. Wie zukünftig gewirtschaftet wird, angesichts knapper Ressourcen, angesichts der nach wie vor vorhandenen Zerstörung der biologischen Vielfalt. Hier muss ein gravierendes Umdenken erfolgen. Und da sind vor allem die Umweltverbände gefordert, aber das sehe ich momentan, von Ausnahmen abgesehen, nicht.
 
Wie sieht Ihre Vision einer umweltgerechten Gesellschaft aus?
 
Vorneweg, da es leider wieder um sich greift, die Vermeidung von Kriegen, Zerstörung. Ich sehe da nur die Möglichkeit, dass wir auf UN-Ebene eine Eingriffsmöglichkeit schaffen müssen, die in Extremfällen - und die gibt es leider immer mehr – dazwischen gehen kann. Man kann ein Abmetzeln ganzer Stämme und Völker nicht einfach so hinnehmen.
 
Dann natürlich eine Gesellschaft, deren Wirtschaftsweise sich dadurch auszeichnet, ohne Wachstum und mit einem Minimum an Ressourcen- und Naturverbrauch auszukommen und in der sich die Menschen gerade deswegen wohlfühlen und vielleicht glücklicher sind als heute. Das setzt voraus, dass man viel mehr miteinander kommuniziert, dass die Gemeinwohlorientierung der Menschen wieder mehr im Vordergrund stehen muss. Und dazu gehört auch, sich um andere zu kümmern, sowohl in der näheren als auch in der weiteren Umgebung.
 
Und für die Weiterentwicklung des Dachverbands – was wünschen Sie sich da in Zukunft?
 
Ich hoffe, dass von mir auch mit angestoßene Projekte wie die ZukunftsPiloten noch mehr Früchte tragen, dass junge Menschen, die dann vielleicht ganzheitlicher und mehr an das Gemeinwohl denken, an entscheidende Stellen kommen und Verbandsegoismen überwinden. Ich wünschte, dass die Organisationsinteressen eher zurückgestellt werden und die eigentlichen Problemlösungen in den Vordergrund rücken.
 
Für den DNR und seine Mitgliedsverbände bedeutet das, darauf zu achten, dass sich die Anzahl der tatsächlich Aktiven vergrößert. Dass es viel zu wenig Menschen gibt, und zwar nicht nur in Umweltverbänden, die wirklich aktiv sind, sehe ich als großes Defizit. Die meisten Mitglieder sind eher passiv, zahlen ihren Beitrag und das war es. Damit mehr Menschen sich aktiv engagieren, sind aber die Voraussetzungen zu schaffen. Und das bedeutet auch ein anderes Miteinander zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen.
 
Was könnte da ein Ansatz sein?
 
Dass man sich nicht abkapselt, dass das eigene Karrieredenken und die Fortentwicklung nicht im Vordergrund stehen und man sich manchmal auch selbst infrage stellt. Die Nachwuchsarbeit muss gezielt gefördert werden, damit Leute mitwirken können.
 
Ganz wichtig dabei ist Transparenz: dass man die Entscheidungsstrukturen klarmacht, nicht Dinge verheimlicht oder Informationen nicht gibt, um andere auszuschließen. Denn das ist eine der größten Stärken der Umweltverbände, die eigene Glaubwürdigkeit. Dafür müssen sie nach außen dokumentieren, wie Entscheidungen fallen, wo das Geld herkommt, wie sie sich finanzieren und was mit diesem Geld geschieht. Da gibt es noch großen Aufklärungsbedarf,
weil natürlich die Bevölkerung zu Recht erwartet, dass die Umweltverbände, die ja auch einflussreicher geworden sind als früher, zeigen, wie sie arbeiten und vom wem sie finanziert werden.
 
Welche Pläne hat der Privatmann Röscheisen?
 
Ich versuche natürlich weiter, das ein oder andere Sinnvolle anzustoßen. Und das soll auch ein bisschen Spaß machen. Also unnötigen Verbände-Hickhack tue ich mir nicht mehr an, sondern ich würde da und dort noch ein bisschen mithelfen, wo ich wirklich inhaltlich noch etwas bewegen kann. Und da ich bald auch Opa werde, habe ich natürlich auch auf privater Ebene noch die ein oder andere Aufgabe zu erfüllen. Es wird also ein Mix zwischen Privat- und Gemeinwohlinteressen sein. (PK)
 
Dr. Helmut Röscheisen ist Generalsekretär des Deutschen Naturschutzrings. Der Diplom-Kaufmann, Verwaltungswissenschaftler und Assessor ist seit vier Jahrzehnten im Naturschutz tätig. Kontakt: Tel. +49 (0)30 / 6781775-70, E-Mail: helmut.roescheisen@dnr.de, www.dnr.de
 
Das Interview haben wir mit Dank von http://www.dnr.de/publikationen/umwelt-aktuell/112014/helmut-roescheisen-ueber-naturschutz.html übernommen.
 


Online-Flyer Nr. 485  vom 19.11.2014

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