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Aktueller Online-Flyer vom 06. Dezember 2016  

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Krieg und Frieden
US-Verteidigungsministerium und dessen Vision künftiger bewaffneter Konflikte
„Win in a Complex World“
Von Wolfgang Effenberger

Anfang Oktober zeigten auf der Konferenz der „Association of the United States Army“ (AUSA) hohe Offiziere und Vertreter des US-Verteidigungsministeriums die Vision künftiger bewaffneter Konflikte und stellten das Dokument Army Operating Concept (AOC) „Win in an Complex World 2020-2040“(1) vor – umschwirrt von Lobbyisten der Waffenindustrie, deren Firmen die neuesten Waffensysteme präsentierten.

Obamas Auftritt in Westpoint am 28.5.14
NRhZ-Archiv
 
Diese Veranstaltung veranlasste Bill Van Auken und David North zu einem geharnischten Artikel im Sprachrohr des „Internationalen Komitees der Vierten Internationale“ (IKVI): „US-Armee entwirft Blaupause für dritten Weltkrieg.“(2) Beide Autoren schließen aus dem Text des Dokuments auf äußerst bedrohliche Implikationen.
 
Was enthält nun dieses Dokument?
 
Nach dem Credo der Strategen wird die Armee in unbekannter Umgebung operieren: „Der Feind ist unbekannt, die Geographie ist unbekannt und die Koalitionen sind unbekannt.“(3) Das kann doch nur heißen, dass die USA ihre Verbündeten wechseln werden, wie seinerzeit Lord Nelson je nach Windrichtung die Segelstellung. Unverblümt wird zugegeben, dass es bei den kommenden Militäreinsätzen um die Veränderungen der geopolitischen Landschaft aufgrund von Konkurrenz um Macht und Reichtum gehen wird. Jedes Land auf dem Globus, das sich dem Hegemon USA widersetzt, wird die harte Führungshand der USA zu spüren bekommen. Dafür soll die US-Armee entsprechende Fähigkeiten entwickeln. Künftigen Gegnern soll es unmöglich gemacht werden, auf eine US-Aggression effektiv zu reagieren.
 
Diese Entwicklung ist aber nicht neu! In dem kürzlich erschienenen Buch „Wiederkehr der Hasardeure“ - Kapitel „Amerikas Griff zur Weltmacht“ – wird anhand der Vorläufer des neuen TRADOC-Pamphlets die Stringenz und Kontinuität des amerikanischen Hegemoniestrebens deutlich herausgearbeitet.(4) So sind erste Ansätze der neuen Doktrin schon im „Training and Doctrine Command-Pamphlet 525-5“ (vom 1. August 1994) zu lesen. In diesem Dokument wird eine dynamische Ära, eine Welt im Übergang beschrieben. Anstatt den Kommunismus zu bekämpfen, werde man im 21. Jahrhundert gegen nationalen und religiösen Extremismus vorgehen müssen. Hatte man im 20. Jahrhundert dauerhafte Verbündete, so seien sie im 21. Jahrhundert nur noch Verbündete auf Zeit. Die US-Armee solle sich darauf einstellen und zwei Prämissen beachten: „den rapiden technischen Wandel und die Neuordnung der Geostrategie.“(5) Das moderne Kriegstheater setzt auf weiterentwickelte Technik wie Kampfroboter und Drohnen sowie auf „Non-Nation Forces“ – Söldnerarmeen, die sich an keine Gesetze halten müssen und nach dem gemessenen Erfolg bezahlt werden.
 
„Der Weg in den beabsichtigten Krieg führt nach 525-5 über die gezielte Destabilisierung des Staates, bei dem man zum eigenen Vorteil einen „Regime Change“ herbeiführen will. Ein wichtiges Instrument dabei: Die „Operations other than War“ (OOTW) – gemeint sind Operationen vom Finanz- über den Cyberkrieg, den Einsatz verdeckter Spezialeinheiten bis zum Drohnenkrieg und alle Facetten von Schattenkriegen Auf der untersten Stufe der Dynamik ist dann wohl die „Demokratie-Förderung“ im Stil des „National Endowment for Democracy“ anzusiedeln.
 
In der Ukraine sind die in 525-5 beschriebenen Eskalationsstufen gut zu beobachten: Aufruhr (Majdan), Krise (Slawjansk) und Konflikt (Krim). Die letzte Stufe wäre dann der Krieg, der uns bis jetzt gottlob erspart worden ist.
 
In den weiterentwickelten Tradoc-Pamphleten bis 525-7-7 (vom 22. Februar 2010) wird die Rolle der Streitkräfte für das 21. Jahrhundert umrissen, das „Jahrhundert des weltweiten Krieges widerstreitender Ideologien“.
 
Trotz der aufgeblähten Monstrosität von IS/ISIS/ISIL steht der Kampf gegen den internationalen Terror merkwürdigerweise in der Priorität weit unten. Als wichtigste Gegner werden die Konkurrenzmächte China und Russland genannt. Russland wird beschuldigt, imperial zu handeln und sein Territorium auszudehnen. Ein grotesker Vorwurf angesichts der Ausdehnung der NATO und der farbigen Revolutionen in den ehemaligen Sowjetrepubliken – mit dem aber die Notwendigkeit der Stationierung amerikanischer Bodentruppen in Mitteleuropa begründet wird. An zweiter Stelle stehen gegnerische „regionale Mächte“ – z.B. der Iran.
 
Da alle vorausgegangenen Strategiepapiere bis zum letzten Punkt und Komma umgesetzt worden sind, sollte man dem neuen Dokument größte Aufmerksamkeit schenken. Ebenso Obamas Rede in Westpoint. Dort feierte der Friedensnobelpreisträger am 28. Mai 2014 vor applaudierenden Kadetten die Doktrin eines amerikanischen Exzeptionalismus.
 
Demnach bilden die Vereinigten Staaten eine Art Vorbild für den Rest der Welt; aufgrund ihrer kulturellen, historischen, politischen und religiösen Einzigartigkeit hätten sie sich gleichsam dem Auftrag und der Verpflichtung zu stellen, führende Ordnungsmacht zu sein.
„Ich glaube an den amerikanischen Exzeptionalismus mit jeder Faser meines Seins“, tönte der US-Präsident vor seinen Soldaten. „Was uns jedoch exzeptionell macht, ist nicht unsere Fähigkeit, uns über internationale Normen und den Rechtsstaat hinwegzusetzen, es ist unsere Bereitschaft, diese durch unsere Handlungen zu bekräftigen“ – Handlungen, die seit 1945 mehr als 20 Millionen Menschen das Leben gekostet haben. Allein im 21. Jahrhundert wurden sieben Länder völlig oder teilweise zerstört, und die damit verbundenen Flüchtlingsströme nehmen kein Ende.
 
Die Vereinigten Staaten wünschen sich ein „atlantisches Europa“, es soll zwar ökonomisch integriert, friedfertig und stabil sein, doch eben auch unfähig, in strategischen und diplomatischen Bereichen selbstständig zu agieren, und schon gar nicht in politischer Opposition zu den USA – Brzezinski spricht von tributpflichtigen Vasallen.(6) Diesen Eindruck verstärken so manche in die transatlantischen Netzwerke eingebundene Politiker und Leitmedienjournalisten. Hier sei auf die Mitgliederliste des von Joseph Fischer 2007 gegründeten „European Council on Foreign Relations“ verwiesen – dort findet sich neben Cem Özdemir, Daniel Cohn Bendit und Karl Theodor von und zu Guttenberg auch der Megaspekulant George Soros. Die einstige Überschrift der Webseite ließ Unheilvolles ahnen: „EU versus Russia.“
 
Interessanterweise ist Helmut Schmidt nicht auf der Liste zu finden – er mahnt: „Es gibt für die Mehrheit der kontinentaleuropäischen Nationen in absehbarer Zukunft weder einen strategischen noch einen moralischen Grund, sich einem amerikanischen Imperialismus willig unterzuordnen. Wir sollten nicht zu willfährigen Ja-Sagern degenerieren.(7)“ (PK)
 
1) http://www.tradoc.army.mil/tpubs/pams/tp525-3-1.pdf 7. Oktober 2014
(2) http://www.wsws.org/de/articles/2014/10/15/pers-o15.html vom 15. Oktober 2014
(3) http://www.tradoc.army.mil/tpubs/pams/tp525-3-1.pdf 7. Oktober 2014
(4) Wolfgang Effenberger/Willy Wimmer: "Wiederkehr der Hasardeure", Höhr-Grenzhausen 2014, S. 407f.
(5) Doctrine Command-Pamphlet 525-5 vom 1. August 1994
(6) Zbigniew Brzezinski: "Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft", 4. Aufl. 2001, Frankfurt a. Main, S. 92
(7) Schmidt, Helmut: "Zwischenruf". Heute-Journal im ZDF am 4. März 2008
 
Wolfgang Effenberger, Jahrgang 1946, wurde mit 18 Jahren Zeitsoldat, studierte Bauingenieurwesen und erhielt als junger Pionieroffizier Einblick in das von den USA vorbereitete "atomare Gefechtsfeld" in Europa. Nach dem Ausscheiden aus der Bundeswehr Studium der Politikwissenschaft sowie Höheres Lehramt (Bauwesen/Mathematik). Er lebt als freier Buchautor bei München. 


Online-Flyer Nr. 482  vom 29.10.2014

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