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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
"Desertec" für 400-Milliarden Euro von Deutschland in Nordafrika geplant
Ein gescheitertes Energie-Schlüsselprojekt
Von Hans Georg

Mit "Desertec" ist eins der ehrgeizigsten polit-ökonomischen Projekte Deutschlands in Nordafrika vorläufig gescheitert. Desertec, seit 2003 in Planung und seit 2009 von deutschen Spitzenkonzernen wie RWE oder der Deutschen Bank vorangetrieben, sollte die Versorgung der EU mit Sonnen- und Windenergie aus den nordafrikanischen Wüstengebieten organisieren; dazu waren der Bau von Solarkraftwerken und Windparks in Nordafrika sowie der Bau von Unterwasserkabeln von dort nach Europa geplant.
 

"Desertec"-Planungskarte
Außerdem hieß es, die Bemühungen um die energiepolitische Nutzung der nordafrikanischen Staaten könne in eine allgemeine politische Anbindung der Region an die EU münden - nach dem Vorbild der Integration Westeuropas mit Hilfe der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Das äußerst ehrgeizige Projekt ist allerdings bald auf eine Reihe von Schwierigkeiten gestoßen, die nach und nach mehrere Konzerne zur Beendigung ihrer Unterstützung veranlasst haben; in der vergangenen Woche ist Desertec schließlich in der bisherigen Form beendet worden. Das Vorhaben besteht jetzt nur noch als Beratungsfirma dreier Konzerne fort.
 
Das 400-Milliarden-Euro-Projekt
 
"Desertec" ging ursprünglich auf langjährige, staatlich geförderte Planungen zur Gewinnung von Sonnen- und Windenergie in Nordafrika zurück. Der Grundgedanke bestand darin, Solarkraftwerke und Windparks dort zu errichten, wo die Dauer bzw. die Intensität von Sonnenschein und Wind maximale Werte erreichen - etwa in den Wüstengebieten der Sahara bzw. in den Küstengebieten Nordwestafrikas. Der erzeugte Strom sollte mit Unterwasserkabeln zum Verbrauch nach Europa geleitet werden. Um die Realisierbarkeit des Gedankens zu prüfen, gründete sich im September 2003 ein Netzwerk von Wissenschaftlern, Ökonomen und Politikern namens "Trans-Mediterranean Renewable Energy Cooperation" (TREC). Etwa ein Drittel der Mitglieder kam aus Deutschland; wichtige Studien, die die Wirtschaftlichkeit des Vorhabens untermauern konnten, wurden vom "Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt" (DLR) mit Geldern des Bundesumweltministeriums durchgeführt. Auf den Ergebnissen von TREC basierend, gründete sich am 20. Januar 2009 zunächst die "Desertec Foundation" mit Sitz in Deutschland; ihr folgte am 30. Oktober 2009 die "Dii GmbH" ("Desertec Industrial Initiative"). Diese war ein Konsortium überwiegend deutscher Großkonzerne wie E.ON, RWE oder Munich Re, die aus einer Realisierung des Projekts Profite ziehen wollten. Die Rede war von einem Gesamt-Investitionsvolumen von bis zu 400 Milliarden Euro. Die Dii gab an, bis zu 15 Prozent des europäischen Strombedarfs aus Sonnen- und Windkraftwerken in Nordafrika decken zu können (german-foreign-policy.com berichtete [1]).
 
Grüne Abhängigkeiten
 
Von Beginn an erfreute sich Desertec staatlicher Unterstützung - etwa bei der Verhandlung von Energieabkommen mit ausgewählten Staaten Nordafrikas, die den Rahmen für das Vorhaben bilden sollten.[2] Hintergrund waren weitgespannte politische Erwägungen. Im Sommer 2011 hieß es in einem Beitrag in der Zeitschrift "Internationale Politik", Desertec dürfe "nicht bloß unter energie- und klimapolitischen Aspekten betrachtet", sondern solle "zugleich als ein integrations- und geopolitisches Schlüsselprojekt diskutiert werden". Wie die frühere Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl als Instrument zur Integration Westeuropas gedient habe, so könne "der grüne Energiesektor" heute "als Instrument zur Gestaltung gegenseitiger Abhängigkeiten der Länder diesseits und jenseits des Mittelmeers dienen" - also zur festen Anbindung Nordafrikas an die EU. Die Autoren sprachen von "einer 'Mediterranen Solarunion' supranationalen Zuschnitts": "Derart betrachtet, wird Desertec zum Schlüsselprojekt einer umfassenden Nachbarschaftspolitik".[3]
 
Im Kolonialstil
 
Desertec ist schon bald als neokoloniales Projekt kritisiert worden. "In nahezu allen potentiellen Exportstaaten der arabischen Welt" bestehe "die Sorge vor neokolonialen Asymmetrien", hieß es im Sommer 2009 in einer Analyse der "Stiftung Wissenschaft und Politik" (SWP): "Es wird befürchtet, dass vor allem europäische Unternehmen profitieren, während für den südlichen Mittelmeerraum letztlich nur überteuerter Solarstrom herausspringt."[4] Entsprechend äußerte sich wenig später der algerische Energieminister Chakib Khelil: "Wir wollen nicht, dass die Ausländer kommen, um ihre Kraftwerke bei uns zu installieren, und von uns verlangen, den Strom zu ihren Preisen zu kaufen." Selbst EU-Energiekommissar Günther Oettinger sah sich, als er in Verhandlungen mit den nordafrikanischen Regierungen steckte, gezwungen, die Kritik aufzunehmen: Dass das Projekt in Europa und ohne Absprache mit den betroffenen Ländern entwickelt worden sei, sei in der Tat "Kolonialstil", bestätigte er; man müsse das ändern.[5]
 
Krisenschäden
 
In den knapp fünf Jahren seit ihrer Gründung ist die "Dii GmbH" zunehmend auf Schwierigkeiten gestoßen [6] - allerdings nicht wegen des "Kolonialstils" von Desertec, der in den Mitgliedstaaten der EU weitgehend widerspruchslos hingenommen worden ist. Als zentraler Problemfaktor hat sich vielmehr die Eurokrise erwiesen: Weil die industrielle Entwicklung wie der private Konsum in den Krisenländern vor allem Südeuropas stagnieren oder sogar zurückgehen, ist die Stromnachfrage in der EU nicht im erwarteten Umfang gewachsen. Gleichzeitig ist durch den beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien ein Überangebot entstanden, das lediglich durch Ausfuhren abgebaut werden kann: Spanien exportiert mittlerweile Strom nach Marokko. Entsprechend hat es, ohnehin erheblich krisengeschwächt, keinerlei Interesse, sich durch übermäßige Unterstützung von Desertec Konkurrenz heranzuziehen. Verhandlungen mit Madrid über den Bau weiterer Unterwasserkabel aus Nordafrika durch die Meerenge von Gibraltar nach Europa stecken deshalb seit geraumer Zeit fest. Ohnehin lässt die krisenhafte Entwicklung Nordafrikas Investitionen dort als allzu riskant erscheinen, vor allem seit die NATO mit ihrem Luftkrieg Libyen zerstörte. Libyen versinkt in Chaos und Bürgerkrieg und droht inzwischen auch seine Nachbarstaaten Tunesien und Ägypten mit in den Abgrund zu reißen.[7]
 
Grenzen der Expansion
 
Weil eine Lösung nicht in Sicht ist und die deutsche Solarindustrie, gegenüber der Konkurrenz aus China zuletzt empfindlich ins Hintertreffen geraten [8], ohnehin schwächelt, hat die Dii GmbH jetzt die Reißleine gezogen. Bereits in den vergangenen Jahren sind immer mehr Gesellschafter, darunter Siemens und E.ON, abgesprungen; letzte Woche hat die Dii nun beschlossen, sich in Zukunft darauf zu beschränken, Dienstleistungen für ihre verbliebenen Gesellschafter bei konkreten Projekten in Nordafrika und Mittelost durchzuführen. Der Dii gehören nur noch RWE, Acwa Power aus Saudi-Arabien und die "State Grid Corporation of China" (SGCC) an, der weltweit größte staatliche Stromversorger. Der Transfer in Nordafrika produzierter Öko-Energie nach Europa - ursprünglich der eigentliche Kern des Projekts - steht nicht mehr auf ihrem Programm. Damit sind nicht nur Investitionsvorhaben in dreistelliger Milliardenhöhe, sondern auch ehrgeizige deutsche Polit-Pläne zur energiepolitischen Anbindung Nordafrikas an die EU zumindest vorläufig gescheitert. Berlins Expansionspläne in südlicher Richtung stoßen derzeit auf ökonomischer Ebene an ihre Grenzen. (PK)
 
 
[1] S. dazu Ergänzungsraum und Solarkolonien.
[2] S. dazu Ein ausgezeichneter Partner (II).
[3] Oliver Gnad, Marcel Viëtor: Mehr als Wüstenstrom. Desertec als Pilotprojekt einer integrierten Energiepolitik. Internationale Politik, Juli/August 2011.
[4] Isabelle Werenfels, Kirsten Westphal: Solarstrom aus der Wüste: Sinnvoll und machbar? SWP-Aktuell 38, Juli 2009.
[5] EU-Kommissar Oettinger kritisiert Desertec wegen Kolonialstil. www.iwr.de 14.06.2014.
[6] S. dazu Kampf um den Wüstenstrom.
[7] S. dazu Libyens Freunde im Norden und Vom Westen befreit (II).
[8] S. dazu Abstiegskämpfe.
 
 
Diesen Text haben wir mit Dank übernommen von
http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58972


Online-Flyer Nr. 481  vom 22.10.2014

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