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Aktueller Online-Flyer vom 16. Dezember 2017  

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Lokales
Sie steht auf der Seite der Geknechteten, der Gedemütigten, der Verfolgten
Wer ist Evelyn Hecht-Galinski?
Von Ken Jebsen

Als ich gebeten wurde, an dieser Stelle eine Laudatio auf Evelyn Hecht-Galinski zu halten, stellte ich mir spontan die Frage: Wer ist Evelyn Hecht-Galinski? Um es kurz zu machen, ich weiß es nicht. Ich muss es aber auch nicht wissen. Was ich wissen muss, und was ich definitiv weiß ist, wer Evelyn Hecht-Galinski nicht ist. Evelyn Hecht-Galinski ist keine Mitläuferin. Sie ist keine Ja-Sagerin. Sie duckt sich nicht weg, wenn es um gesellschaftliche Verantwortung geht. Sie überlässt Menschenrechte nicht den offiziell dafür Verantwortlichen.


Evelyn Hecht-Galinski mit Ken Jebsen am 19.7.2014 bei der bundesweiten Montagsmahnwache für den Frieden in Berlin am Potsdamer Platz
Foto: arbeiterfotografie.com

Evelyn Hecht-Galinski ist ein furchtbar anstrengender Mensch. Das wurde mir klar, als ich ihr und ihrem Mann zum ersten Mal begegnete. Wir trafen uns vor etwa drei Jahren in ihrer Geburtsstadt, Berlin. Evelyn hatte mich angerufen, nachdem auch ich mir als Pressevertreter das Prädikat Antisemit eingefangen hatte. Diese Art Auszeichnung wird heute quasi automatisch an all jene vergeben, die nicht bereit sind, Menschen und Völkerrechtsverbrechen an Arabern im allgemeinen und Palästinensern im speziellen all jenen zu verzeihen, die aufgrund der Geschichte ihrer Großeltern immer noch davon ausgehen, moralisch vor allem über jenen zu stehen, die sie für ihre eigenen Verbrechen anklagen.

Evelyn Hecht-Galinski gehört zu diesen Anklägern. Was sie für viele schwer erträglich macht ist die Tatsache, dass die Frau nicht müde wird, den Finger in die Wunde zu legen. Diese Wunde kann man konkret benennen. Palästina und sein Volk. Die Palästinenser. Palästinenser sind Menschen. Ich bin mir nicht sicher, ob sich das bis ins Kanzleramt rumgesprochen hat.

Evelyn Hecht-Galinski ist die Tochter von Heinz und Ruth Galinski. Ruth Galinski starb vor wenigen Tagen. Mutter und Tochter hatten, gelinde gesagt, nicht das beste Verhältnis und dafür gab es diverse Gründe. Entscheidend waren die politischen Aktivitäten von Evelyn. Ihr Kein-Blatt-vor-den-Mund-nehmen, wenn etwas so gar nicht koscher war.

Während die Mutter sich öffentlich nie auf die Seite der Unterdrückten schlug, machte und macht ihre Tochter bis heute den Mund auf. Evelyn Hecht-Galinski ist und bleibt ein Störenfried, wenn es darum geht, Menschenrechtsverbrechen und Menschenrechtsverbrecher zu benennen. Dass für sie dabei vor allem der Apartheidstaat Israel im Fokus steht, versteht sich von selbst. Evelyn Hecht-Galinski wurde als Kind jüdischer Eltern geboren. Ihr Vater Heinz Galinski baute nach 1945 die jüdische Gemeinde in der Ex-Reichshauptstadt wieder auf. Er war über 40 Jahre der Kopf dieser Gemeinde. Im Land der Täter.

Dennoch versuchte dieser Mann vor allem, beide Länder - Deutschland und das neu gegründete Israel - miteinander zu versöhnen. Das Überlebens-Motto dieses Mannes, der ein KZ überlebt hatte, wirkt bis heute in seiner Tochter nach. Heinz Galinski sagte einmal: „Ich habe Auschwitz nicht überlebt, um zu neuem Unrecht zu schweigen.“

Wer heute Probleme mit Evelyn Hecht-Galinski hat, und das sind eine Menge Leute, vor allem aus dem öffentlichen Leben, Menschen, die politische Ämter bekleiden und sich gern als Moralapostel inszenieren, wer also mit Evelyn Hecht-Galinski Probleme hat, der hat im Kern auch mit dem Motto ihres Vaters Probleme. Der schweigt. Zu neuem Unrecht.

Evelyn Hecht-Galinski hingegen nicht. Sie macht den Mund auf. Da wo es weh tut. Im öffentlichen Raum. Nicht hinter vorgehaltener Hand. Ihre Kritik richtet sich vor allem an all jene, die den Staat Israel gewähren lassen, wenn dieser nach Lust und Laune nicht-jüdische Menschen mordet und diese Barbarei der Welt dann als Selbstverteidigung verkauft.

Die Meisten von uns haben nicht einmal ansatzweise den Mumm, sich diesen Verbrechen zumindest verbal entgegen zu stellen. Sie zu benennen. Stattdessen schweigen sie, ducken sich weg, oder aber erklären sich vor dem eigenen Gewissen für nicht zuständig.

Nicht so die Frau, die auch in aller Ruhe an ihrem Wohnsitz im Freiburger Raum ihre Rente genießen könnte. Hier auf ihrem Hausberg, dem "Hochblauen", ist es derart schön, dass es ein Leichtes wäre, alles, was an Unrecht auf diesem Planeten geschieht, zu verdrängen. Spaß zu haben. Das Leben zu genießen.

Evelyn Hecht-Galinski aber lässt sich nicht einlullen vom hart erarbeiteten Wohlstand, den sie und ihr Mann zur Verfügung haben. Sie gibt sich die Kante, wie man salopp sagen könnte, und beginnt den Tag, jeden Tag, mit dem konsequenten Konsum politischer Radiosendungen. Dann folgt die Tageszeitung und im Anschluss werden im Fernsehen die Nachrichtensender dieser Welt auf ihren Wahrheitsgehalt - oder besser ihre Propaganda - abgegrast.

All diese Informationen gären in der Menschenrechtsaktivistin, denn genau das ist Evelyn Hecht-Galinski, auch wenn ihre bezahlten Widersacher sie gern spöttisch „Die Tochter“ oder „Die Hausfrau“ nennen. Beides stimmt. Evelyn Hecht-Galinski ist eine Tochter. Und sie ist eine Hausfrau. Aber das hinderte sie nicht daran, etwas zu entwickeln und nach außen wirken zu lassen, was man bei professionellen, sprich offiziellen Kämpfern für das Recht auf die Würde des Menschen, vergeblich sucht:

Courage

Courage ist ein Wort aus dem Französischen. Es steht für Mut und Beherztheit. Mut ist gerade in diesen Tagen und speziell in Deutschland eine derart mangelnde Eigenschaft, dass man eher sechs Richtige im Lotto erzielt, als sie im Alltag zu erleben. Nicht, dass die Menschen nicht bereit wären, für etwas auf die Straße zu gehen und die eigene Gesundheit zu riskieren. Das neue iPhone 6 hat das Licht der Welt erblickt. Menschen übernachten nur spärlich bekleidet vor den Apple-Shops. Es gibt ihn schon, den Willen, durchzuhalten. Sich einzusetzen in diesem Land.

Beherztheit

Beherztheit setzt voraus, dass Menschen ein Herz haben. Ein Herz, das nicht nur den Blutkreislauf des Ichs am rotieren hält. Von welchem politischen Kopf bitte schön können wir spontan sagen, dass er für Herz oder Mut steht? Gauck? Von der Leyen? Merkel, Obama, Netanjahu? Wir alle kennen die Antwort. Unsere politischen Führer sind eher Verführer, und unsere Presse hält die Fresse. Immer dann, wenn es darauf ankommt.

Evelyn Hecht-Galinski nicht. Sie steht für einen Typ von Mensch, der auch dann noch den aufrechten Gang wagt, wenn aus allen Rohren auf ihn geschossen wird. Und das immer häufiger aus Stellungen, die man eher als pro Hecht-Galinski gedeutet hätte.

Der Verrat lauert in diesen Tagen an jeder zweiten Ecke, nur Evelyn Hecht-Galinski kann nicht klein beigeben. Sie ist nicht in der Lage, um des lieben Friedens willen, sich dem kollektiven gesellschaftlichen Selbstbetrug und dem Verfall der politischen Werte anzuschließen. Das ist ihre eigentliche Leistung. Evelyn Hecht-Galinski ist alles, nur keine Verräterin an den universellen Menschenrechten. Für sie ist die Würde eines jeden Menschen nicht verhandelbar. Sie macht auf diesem Gebiet keine Ausnahmen. In der aktuell beliebtesten Disziplin auf diesem Planeten versagt die Frau völlig. Evelyn Hecht-Galinski hat noch nicht einmal im Ansatz das Talent, zu heucheln.


Ken Jebsen
Foto: arbeiterfotografie.com

Ich weiß nicht, wer Evelyn Hecht-Galinski ist, dazu kenne ich diese Frau zu wenig. Genau genommen erst drei Jahre. Immer, wenn wir uns treffen oder miteinander sprechen, überrascht sie mich mit einer Mischung aus Lebenslust, Kampfgeist und einer Prise Sarkasmus.

Evelyn Hecht-Galinski lässt keinen Zweifel an der Tatsache, wo sie in der Stunde der Bewährung im Dritten Reich gestanden hätte. Sie hätte da gestanden, wo sie jetzt auch steht. Auf der Seite der Geknechteten, der Gedemütigten, der Verfolgten.

Anders als im Dritten Reich ist ihr Widerstand heute gegen himmelschreiendes Unrecht, das in den Staub Treten eines ganzen Volkes, der Palästinenser, kein Kampf, der im Untergrund erfolgen sollte. Evelyn Hecht-Galinski agiert bewusst ebenerdig. Ihre einzige Deckung ist ihre moralische Überzeugung.

„Es gibt keine moralische Vollkommenheit - für niemanden, in keinem Land.“ Dieser Satz stammt von Richard von Weizsäcker und war Teil seiner 1985 gehaltenen Jahrhundert-Rede im Deutschen Bundestag. Es ging im Kern um das Gewissen dieser Nation. Das Eingeständnis von Schuld als Garant für das Bemühen, Unrecht und Willkürherrschaft überall auf der Welt zu erkennen, zu benennen und zu verurteilen.

Evelyn Hecht-Galinski kennt diese Rede natürlich. Aber anders als die meisten, die sie offensichtlich nur phonetisch vernommen haben, ohne den Inhalt zu verinnerlichen, beschloss sie, der Botschaft Weizsäckers Taten folgen zu lassen. Taten, die immer dann nötig wurden, wenn Un-Taten vorangegangen waren. Seit über 45 Jahren wird an den Palästinensern chronisches Unrecht verübt.

Evelyn Hecht-Galinski gehört in Deutschland zu den wenigen Personen, die dieses Unrecht und jene, die es permanent begehen, benennen, anklagen und verbal attackieren. Schonungslos. Ohne nachgeschobenes Verständnis für eine Sondersituation.

All jene, die damit nicht zurechtkommen, plagt weniger die Penetranz, mit der Evelyn Hecht-Galinski ihren Kampf verfolgt, vielmehr schmerzt sie die Erkenntnis, dadurch der eigenen Untätigkeit gewahr zu werden. Ein Schmerz, der aufgrund von unterlassener Hilfeleistung eintritt.

Das moralische Versagen des Einzelnen, die eigene Feigheit, wird immer erst durch das Auftauchen einer Lichtgestalt zum schattenwerfenden Phantomschmerz der eigenen Existenz. Ja, Evelyn Hecht-Galinski operiert ohne Narkose am Gewissen dieses Landes, indem sie uns allen den Spiegel der latenten Mutlosigkeit und Ignoranz vorhält.

Ich bin stolz darauf, diese Frau zu kennen, denn sie facht auch in mir immer wieder das an, was man Kampfgeist nennt. Dieser Geist ist geil! Ich habe von Evelyn Hecht-Galinski gelernt: Gebe nicht klein bei, wenn das, für das du kämpfst, unter dem Banner des Humanismus verteidigt wird.“

Ich weiß nicht, wer Evelyn Hecht-Galinski ist, aber ich behaupte, man kann sie als Teil des  politischen Gewissens in diesem Land bezeichnen. Ginge es nach mir, würde diese Frau im Schloss Bellevue schon morgen exakt jenes Amt antreten, das aktuell durch einen Militärseelsorger entweiht und in den Schmutz gezerrt wird.

Hatte diese Republik je eine Bundespräsidentin? Träumen wir weiter und ahnen wir, wohin die erste Dienstreise dieser Frau ginge. In die besetzten Gebiete. „Ich habe meine Eltern nicht überlebt, um chronischem Unrecht einfach weiterhin tatenlos zuzusehen“, könnte ihr Eröffnungssatz sein, ein Satz, der im Nahen Osten dann für einen fairen Neuanfang stehen könnte. Dieser Neuanfang wäre Evelyn Hecht-Galinski absolut zuzutrauen. Er würde zu ihrer Vita passen.

Evelyn Hecht-Galinski erinnert uns permanent als mahnende und anprangernde Menschenrechtsaktivistin ohne offiziellen Auftrag daran, dass wir unsere ethischen Grundsätze zu besetzten Gebieten haben machen lassen, da wir wider besseren Wissens das tun, was auch schon unsere Großeltern getan haben. Wir schweigen.

Evelyn, ich danke Dir für deinen Mumm und dein Mundwerk. Du kennst in deinem Bemühen keine Pause und steckst selbst Tiefschläge weg, an denen ein Muhammad Ali in die Knie gegangen wäre. Ich weiß, es ist völlig sinnlos, dir zu raten, dich ab und an zu schonen. Du bist auf diesem Gebiet, wenn es um den Kampf für Freiheit, Menschenwürde, das Recht auf Selbstbestimmung geht, einfach beratungsresistent. Alles, was ich mir wünsche ist, dass du zumindest einen Tag in der Woche versuchst, dich ausschließlich mit Dingen zu beschäftigen, die so gar nichts mit dem Schmutz dieser Welt zu tun haben.

Das Leben ist AUCH schön. Selbst an Orten wie Gaza haben Jahrzehnte der Besatzung, der Bombenteppiche und des willkürlichen Terrors gegenüber der Zivilbevölkerung etwas nicht ersticken können. Die unbezwingbare Kraft des Lebens an sich. Evelyn, das, was du in Deutschland leistest, wird auch in Gaza und den besetzten Gebieten wahrgenommen. Es wird der Tag kommen, da wird es in Gaza eine Evelyn-Hecht-Galinski-Straße geben.

Ich weiß nicht, wer Evelyn Hecht-Galinski ist. Aber das spielt keine Rolle. Wichtiger ist, dass Du weißt, dass die Menschen in Gaza wissen, wer Du bist. Du bist eine Palästinenserin. Mit jüdischen Wurzeln, und einem deutschen Pass. Oder simpler: Du bist ein Mensch. Als Mensch hast du für deine gelebte Menschlichkeit den Karlspreis verdient, da du nie bereit warst, zu bestehendem Unrecht zu schweigen.

Wir alle danken Dir. (PK)

Online-Flyer Nr. 478  vom 01.10.2014

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