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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Krieg und Frieden
Betrachtung anlässlich des israelischen Massakers in Gaza
Sind Gaza und Warschauer Ghetto vergleichbar?
Von Elias Davidsson

Ein Vergleich von Gaza mit dem Warschauer Ghetto ist nicht nur angemessen sondern erforderlich. Wie Wissenschaftler wissen, bedeutet ein Vergleich nicht Gleichsetzung und damit nicht, dass zwei Objekte sich wie eineiige Zwillinge gleichen, sondern sie auf gemeinsame Merkmale hin zu untersuchen. Wissenschaftler vergleichen Phänomene, Prozesse, Umstände, um sie besser zu verstehen und sie Gruppen, Familien und Sammelbegriffen zuzuordnen.


Montage: arbeiterfotografie.com

Wie sollen wir das heutige Phänomen Gaza einordnen? Einige bezeichnen Gaza als ein quasi-staatliches Gebiet von Palästina, das vom Staat Israel angegriffen wird. Andere bezeichnen Gaza als das größte Gefängnis der Welt. Beides hat etwas für sich. Aber beide Vergleiche hinken. Ein Staat, dessen Bürger staatenlos sind, der keine anerkannten Grenzen hat (Israel hat nie seine eigenen Grenzen definiert) und der sich keine Waffen zur Verteidigung beschaffen darf, ist kein souveräner Staat. Gaza kann etwa mit den Bantustans verglichen werden, die nur von Süd-Afrika als Staaten anerkannt wurden. Aber auch das ist nur ein oberflächlicher Vergleich. Gaza als das größte Gefängnis der Welt zu bezeichnen, ist richtig im Hinblick auf die Behinderung der Bewegungsfreiheit der Bewohner von Gaza, aber der Vergleich hinkt, da ein Gefängnis für Straftäter bestimmt ist, die von einem Gericht verurteilt wurden. Das trifft selbstverständlich auf die Bevölkerung von Gaza nicht zu.

Der Vergleich mit dem Warschauer Ghetto scheint mir zwingend, da es sieben gemeinsame Merkmale gibt:

1. Ein sehr kleines Territorium.
2. Durch Stacheldraht von außen her umzäunt und überwacht.
3. Die Bevölkerung des Gebietes ist vom Gutdünken einer feindlichen Besatzungsmacht abhängig, was Nahrungsmittel, Elektrizität, Wasser, Telefon, Medikamente usw. betrifft.
4. Die Bevölkerung hat eigene Vertreter gewählt.
5. Die Bevölkerung versucht von der Außenwelt durch Tunnel Waffen und das Nötigste zum Überleben zu erhalten.
6. Die Besatzungsbehörde hat keine Absicht, die Lebensbedingungen der belagerten Bevölkerung zu verbessern, sondern diese vielmehr durch allerlei Maßnahmen zu verarmen und in die Verzweiflung zu treiben.
7. Kein Staat ist bereit, die belagerte Bevölkerung zu schützen.


Protest in Tel Aviv im Juli 2014 (Quelle: twitter.com/Elizrael)

Aus dem Vergleich ergibt sich nicht unbedingt, dass die Israelis mit den Bewohnern von Gaza so umgehen werden wie die Nazis mit den Bewohnern des Warschauer Ghettos, aber wir dürfen nicht die Äußerung des ehemaligen Ministers Yitzhak Rabin vergessen, er würde sich wünschen, dass Gaza im Meer versinkt. Rabin galt seiner Zeit noch als gemäßigter Zionist. Heute wird auf der Straßen Israels offen zum Völkermord aufgerufen. Sollen wir uns bis zur physischen Umsetzung dieses Aufrufes davor hüten, Gaza mit dem Warschauer Ghetto zu vergleichen? Sind die gemeinsamen Merkmale nicht schon jetzt zwingend genug? (PK)

Vorab-Veröffentlichung aus der Quartalsschrift DAS KROKODIL, Ausgabe 10 (September 2014) – Grundsatzschrift über die Freiheit des Denkens – bissig – streitbar – schön und wahr und (manchmal) satirisch.



Mehr dazu und wie es sich bestellen lässt, hier: http://www.das-krokodil.com/


Elias Davidsson ist Komponist, Musiker und Menschenrechtsaktivist. Er wurde 1941 in Palästina als Sohn jüdischer Eltern geboren, die ihre Heimat Deutschland im Rahmen des zwischen Nazis und Zionisten geschlossenen Ha'awara-Abkommens verlassen hatten und nach Palästina ausgewandert waren. 1962 ging er nach Island. Als Rentner kehrte er in die Heimat seiner Eltern zurück. Im Zentrum seines politischen Betätigungsfelds steht das Thema Menschenrechte und Terrorismus.


Online-Flyer Nr. 470  vom 07.08.2014

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