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Aktueller Online-Flyer vom 12. Dezember 2017  

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Krieg und Frieden
Eine Petition: "Wir sind israelische Reservisten"
"Wir verweigern den Dienst bei der Armee"
Von Jael Iven Or

Immer wenn die israelische Armee die Reservisten – sie sind ehemalige Soldaten – einberuft, gibt es unter den zum Krieg Einberufenen Andersdenkende, Verweigerer und unerlaubt Abwesende/Deserteure. Auch jetzt, da Israel wieder Soldaten nach Gaza geschickt hat und Reservisten einberufen worden sind, weigern sich Dutzende, der Einberufung Folge zu leisten:
 
Wir sind mehr als 50 Israelis, die einmal Soldaten gewesen sind und die sich jetzt weigern, zu den Reservisten zu gehören. Wir lehnen die israelische Armee und das Wehrgesetz ab. Das geschieht zu einem Teil darum, weil wir die gegenwärtige militärische Operation ablehnen. Die meisten, die unterzeichnet haben, sind allerdings Frauen und hätten nicht am aktiven Kampf teilnehmen müssen. Für uns ist die Armee aus viel weiter reichenden Gründen als der “Operation Protective Edge” oder sogar der Besetzung makelbehaftet. Wir bedauern die Militarisierung Israels und die diskriminierende Politik der Armee. Ein Beispiel dafür ist, dass Frauen oft auf untergeordnete Sekretariats-Posten verbannt werden. Ein weiteres ist das Siebsystem, das Mizrachi (Juden, deren Familien aus arabischen Ländern stammen) dadurch diskriminiert werden, dass verhindert wird, dass sie in den angesehensten Einheiten der Armee repräsentativ vertreten sind. In der israelischen Gesellschaft bestimmen die Einheit und die Stellung [(in) der Armee] weitgehend die Berufslaufbahn im zivilen Leben nach dem Militärdienst.
 
Für uns sind die gegenwärtige militärische Operation und die Art und Weise, in der die Militarisierung die israelische Gesellschaft beeinflusst, untrennbar miteinander verbunden. In Israel ist der Krieg nicht nur Politik mit anderen Mitteln, sondern er ersetzt die Politik. Für Israel ist die Lösung eines politischen Konflikts immer eine Lösung im Sinne physischer Macht; kein Wunder, dass Israel anfällig für nie endende Teufelskreise tödlicher Gewalt ist. Und wenn die Kanonen dröhnen, wird Kritik nicht mehr gehört.
 
Diese Petition zu formulieren hat lange gedauert, jetzt ist sie jedoch wegen der brutalen militärischen Operation, die in unserem Namen stattfindet, besonders dringlich. Zwar sind Kampfsoldaten gewöhnlich diejenigen, die den heutigen Krieg führen, ihre Arbeit wäre jedoch ohne die vielen Verwaltungsrollen, in denen die meisten von uns Dienst leisten, nicht möglich. Wenn es also einen Grund gibt, gegen die Kampfoperationen in Gaza zu sein, gibt es auch einen Grund, gegen den israelischen Militärapparat als Ganzen zu sein. Das ist die Botschaft dieser Petition.
 
Wir waren Soldaten in vielen verschiedenen Einheiten und Stellungen im israelischen Militär. Diese Tatsache bedauern wir jetzt, weil wir während unseres Dienstes erfahren haben, dass Soldaten, die in den besetzten Gebieten operieren, nicht die Einzigen sind, die die Kontrollmechanismen über das Leben der Palästinenser durchsetzen. In Wahrheit geht es dabei um das gesamte Militär. Aus diesem Grund verweigern wir jetzt die Erfüllung unserer Pflichten als Reservisten und wir unterstützen alle diejenigen, die sich einer Einberufung widersetzen.
 
Die Armee macht einen wesentlichen Teil des Lebens der Israelis aus. Sie ist die Macht, die in den 1967 besetzten Gebieten über die dort lebenden Palästinenser herrscht. Solange sie in ihrer gegenwärtigen Struktur besteht, beherrschen uns ihre Sprache und ihr Denken: Wir scheiden den militärischen Kategorien gemäß die Welt in Gut und Böse. Das Militär dient als führende Autorität in den Entscheidungen darüber, wem in der Gesellschaft mehr oder weniger Wert zugemessen wird, wer verantwortlicher für die Besetzung ist, wem gestattet ist, seinen Widerstand dagegen auszudrücken, und wem nicht, und wenn ja, auf welche Weise jemand diesen Widerstand ausdrücken darf. Das Militär spielt eine zentrale Rolle bei der Planung jeder Aktion und jedes Vorschlags, die in der Nation diskutiert werden. Das erklärt, dass es überhaupt keine reale Auseinandersetzung über nichtmilitärische Lösungen des Konflikts gibt, in den Israel mit seinen Nachbarn verstrickt ist. 
 
Die palästinensischen Bewohner des Westjordanlandes und des Gazastreifens sind ihrer bürgerlichen Rechte und ihrer Menschenrechte beraubt. Sie leben in einem anderen Rechtssystem als ihre jüdischen Nachbarn. Das ist nicht ausschließlich die Schuld der Soldaten, die in diesen Territorien operieren. Deshalb sind nicht nur diese Soldaten zur Verweigerung verpflichtet. Viele von uns haben die Besetzung logistisch und bürokratisch unterstützt. Dabei haben wir erkannt, dass das gesamte Militär dazu beiträgt, die Palästinenser zu unterdrücken.
 
Viele Soldaten, die nicht aktiv kämpfen, denken nicht an Widerstand, weil sie glauben, dass ihre oft routinierten und banalen Tätigkeiten nichts mit den Ergebnissen der Gewalt andernorts zu tun haben. Viele nicht banale Handlungen, z. B. Entscheidungen über Leben oder Tod von Palästinensern, die in Büros getroffen werden, die viele Kilometer vom Westjordanland entfernt sind, sind geheim und deshalb ist es schwierig, sie zum Thema einer öffentlichen Debatte zu machen. Bedauerlicherweise haben wir uns nicht schon früher geweigert, die Aufgaben zu erledigen, die uns aufgetragen worden sind, und auf diese Weise haben auch wir zu den gewalttätigen Aktionen des Militärs beigetragen.
 
Während unserer Militärzeit waren wir Zeugen von diskriminierendem Verhalten des Militärs (oder hatten selbst Anteil daran), z. B. der strukturellen Diskriminierung von Frauen. Diese beginnt mit der Auslese gleich zu Beginn und der Zuteilung von Rollen. Sexuelle Belästigung war für einige von uns alltägliche Realität. Es geht auch um die Einwanderer-Aufnahme-Zentren, die von der Hilfe uniformierter Militärs abhängen. Einige von uns haben mit eigenen Augen gesehen, wie die Bürokratie mit voller Absicht Technikstudenten in technische Stellungen drängt, ohne ihnen die Möglichkeit zu geben, andere Dienste zu versehen. In Kursen wurden wir gemeinsam mit Leuten trainiert, die wie wir aussahen und wie wir redeten, und wir wurden nicht mit anderen gemischt und sozialisiert, wie die Armee zu tun behauptet.
 
Das Militär versucht sich als eine Institution darzustellen, die soziale Mobilität ermöglicht, als Sprungbrett in die israelische Gesellschaft. Wir halten es nicht für zufällig, dass diejenigen, die aus Familien mit mittlerem und hohem Einkommen stammen, in Elite-Geheimdienst-Einheiten landen und von da aus oft Stelllungen in gut bezahlenden Technik-Firmen bekommen. Wir halten es nicht für zufällig, dass Soldaten aus einer Waffen-Wartungs- oder Quartiermeister-Einheit desertieren oder das Militär verlassen - viele durch die Notwendigkeit getrieben, ihre Familien finanziell zu unterstützen -, „Drückeberger“ genannt werden. Das Militär errichtet ein [ideales] Bild des „guten Israelis“; in Wirklichkeit bezieht dieser seine Macht dadurch, dass er andere unterjocht. Die zentrale Stellung des Militärs in der israelischen Gesellschaft und das ideale Bild, das die schafft, wirken bei der Auslöschung der Kulturen und Kämpfe der Mizrachi, Äthiopier, Palästinenser, Russen, Drusen, Ultraorthodoxen, Beduinen und Frauen zusammen.
 
Wir alle haben uns auf dieser oder jener Ebene an dieser Ideologie beteiligt und am Spiel „der gute Israeli“, der dem Militär treu dient, teilgenommen. In den meisten Fällen förderte unser Militärdienst unsere Stellung in der Universität und auf dem Arbeitsmarkt. Wir haben Beziehungen angeknüpft und von der innigen Annahme des israelischen Konsenses profitiert. Aber aus den oben genannten Gründen waren diese Vorteile ihren Preis nicht wert.
 
Dem Gesetz nach sind noch einige von uns in der Reserve-Armee registriert (anderen ist es gelungen, Ausnahmebewilligungen zu bekommen, oder sie wurden ihnen bei ihrer Entlassung zugesagt) und das Militär hat unsere Namen und Informationen über uns gespeichert und es hat die legale Möglichkeit, uns zum „Dienst“ abzukommandieren. Aber wir wollen auf keinen Fall daran teilnehmen.
 
Es gibt viele Gründe, warum Menschen sich weigern, in der israelischen Armee zu dienen. Auch bei uns gibt es Unterschiede im Hintergrund und in der Motivation, diesen Brief zu schreiben. Nichtsdestoweniger unterstützen wir diejenigen gegen Angriffe, die sich der Einberufung widersetzen: die Schüler einer Sekundarschule, die einen Brief geschrieben haben, in dem sie ihre Verweigerung erklärten, die Ultraorthodoxen, die gegen das neue Einberufungsgesetz protestieren, die Verweigerer unter den Drusen und alle diejenigen, deren Gewissen, persönliche Situation oder wirtschaftliches Wohl ihnen den Kriegsdienst nicht gestatten. Unter dem Vorwand eines Diskurses über „Gleichheit“ werden diese Menschen gezwungen, dafür zu zahlen. Das muss ein Ende haben.
 
Yael Even Or
Efrat Even Tzur
Tal Aberman
Klil Agassi
Ofri Ilany
Eran Efrati
Dalit Baum
Roi Basha
Liat Bolzman
Lior Ben-Eliahu
Peleg Bar-Sapir
Moran Barir
Yotam Gidron
Maya Guttman
Gal Gvili
Namer Golan
Nirith Ben Horin
Uri Gordon
Yonatan N. Gez
Bosmat Gal
Or Glicklich
Erez Garnai
Diana Dolev
Sharon Dolev
Ariel Handel
Shira Hertzanu
Erez Wohl
Imri Havivi
Gal Chen
Shir Cohen
Gal Katz
Menachem Livne
Amir Livne Bar-on
Gilad Liberman
Dafna Lichtman
Yael Meiry
Amit Meyer
Maya Michaeli
Orian Michaeli
Shira Makin
Chen Misgav
Naama Nagar
Inbal Sinai
Kela Sappir
Shachaf Polakow
Avner Fitterman
Tom Pessah
Nadav Frankovitz
Tamar Kedem
Amnon Keren
Eyal Rozenberg
Guy Ron-Gilboa
Noa Shauer
Avi Shavit
Jen Shuka
Chen Tamir
 
 
Jael Iven Or ist israelische Journalistin und Aktivistin. Während ihres Dienstes bei der Armee hat sie für die Rekrutierungsabteilung der israelischen Armee Anwärter beurteilt. Zurzeit lebt sie in New York City. Sie hat diese "Petition for Israeli soldiers and reservists", die man hebräisch bei Lo-Meshartot.org. findet, am 23. Juli veröffentlicht. (PK)
 


Online-Flyer Nr. 470  vom 06.08.2014

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