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Globales
Wie kam es zu den 7000 bis 8000 "Ermordeten" für das Haager Tribunal?
"Das Massaker von Srebrenica"
Von George Pumphrey

Seit Juli 1995 beherrscht "das Massaker von Srebrenica" das Bild der Bürgerkriege, die zum Zerfall Jugoslawiens führten, insbesondere zum bosnischen Bürgerkrieg. Serben werden seitdem im Haager "Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien" des "Völkermords" an (je nachdem) 7000 bis 8000 bosnischen-muslimischen Männern angeklagt und gelten in der westlichen Öffentlichkeit als die Kriegsverbrecher per se.
 
In einem Artikel über die selektive Justiz des Haager Tribunals, schrieb die US-amerikanische Journalistin und Jugoslawien-Spezialistin Diana Johnstone,dass ein Grundprinzip "das für jede Suche nach Gerechtigkeit unabdingbar ist, über Bord geworfen wurde", nämlich "je schwerwiegender die Beschuldigung, um so größer die Notwendigkeit von handfesten Beweisen. Ansonsten werden Beschuldigungen zu Instrumenten einer Lynchjustiz".(1)
 
Ein grundsätzliches Dilemma des Haager Tribunals wurde deutlich, als die International Herald Tribune 1998 berichtete, dass erst 460 Leichen ausgegraben wurden und die Ermittler des Tribunals nun die Aufgabe hätten "die restlichen [7.500] Leichen zu finden." (2) Mit anderen Worten: Serben wurden des Massenmords an 8000 Kriegsgefangenen bezichtigt, und nun mussten 8000 Leichen gefunden werden, um den Beweis dafür zu liefern.
 
Die Anklage gegen Serben wegen Völkermords beruht ausschließlich auf dem Vorwurf einer 'Massenhinrichtung von 7000 bis 8000 Kriegsgefangenen'. Wie aber kam es zu dieser Zahl? Auf der Suche nach Wahrheit – und Gerechtigkeit – sollte zunächst diese Frage beantwortet werden.
 
Ein Zahlenspiel
 
Am 11. Juli 1995 wurde die Stadt Srebrenica den Serben übergeben. Bei ihrem Einmarsch in die Stadt trafen die serbischen Truppen auf keinerlei Widerstand, da die Mehrheit der muslimischen Soldaten bereits geflohen war.
Zwei Monate später, am 13. September, gab das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) in einer Presseerklärung, gezeichnet von Jessica Barry und Angelo Gnaedinger, diese Information: "Der Direktor der operativen Abteilung Westeuropa des IKRK, Angelo Gnaedinger, besuchte Pale und Belgrad vom 2. bis zum 7. Sept., um von offiziellen bosnisch-serbischen Stellen Informationen über den Verbleib von 3000 Personen aus Srebrenica zu erhalten, die nach Zeugenaussagen von bosnisch-serbischen Sicherheitskräften festgenommen worden seien. Das IKRK verlangte Details über alle Todesfälle und bestand darauf, so schnell wie möglich Zugang zu den Gefangenen zu bekommen (bisher konnten sie nur 200 Gefangene besuchen). Das IKRK hat sich auch an die Regierung von Bosnien Herzegowina [die muslimische Seite im bosnischen Bürgerkrieg] gewandt, mit der Bitte um Informationen bezüglich der 5000 Personen, die von Srebrenica geflohen waren und von denen ein Teil [das muslimisch kontrollierte] Zentralbosnien erreicht hat." (3)


Presseerklärung des Internationalen Komitees des Rotes Kreuzes  
Quelle: IKRK

Zwei Tage später (am 15. September), brachte die New York Times einen Bericht der Associated Press über diese Presseerklärung des Internationalen Roten Kreuzes. In der Version der New York Times sah die Bilanz nun etwas anders aus. Das Rote Kreuz habe berichtet, dass aus Srebrenica, "etwa 8000 Muslime vermisst werden." Zu den Vermissten werden auch "etwa 3000, hauptsächlich Männer, gezählt, die nach Zeugenaussagen von Serben festgenommen worden sein sollen. Nach dem Zusammenbruch von Srebrenica sammelte das Rote Kreuz 10.000 Namen von vermissten Personen." Nach Aussage der Sprecherin des Roten Kreuzes, Jessica Barry, seien zusätzlich zu den Gefangenen weitere 5000 Personen "einfach verschwunden".(4)
 
Die NYT/AP addierten also nicht nur die 3000 Muslime, die in Srebrenica bei der Ankunft der bosnisch serbischen Truppen gefangen genommen wurden, zu den 5000 muslimischen Männern, die, laut IKRK, aus Srebrenica vor der Ankunft der bosnisch-serbischen Truppen geflohen waren. Die NYT/AP deklarierten sie als "einfach verschwunden" und verschwiegen, dass "ein Teil" von ihnen bereits Zentralbosnien erreicht hatte und das IKRK die bosnisch-muslimische Regierung um Informationen über die Gruppe der 5000 gebeten hatte.
 
Die Behauptung, 8000 muslimische Bosnier seien "vermisst" und von den Serben in Srebrenica hingerichtet, beruht bis heute auf der Addierung dieser beiden Gruppen.

Die New York Times hatte in ihrer Ausgabe vom 15. September nicht nur die Erklärung des Roten Kreuzes verfälscht wiedergegeben, sie hatte auch vergessen, was sie selbst zwei Monate zuvor publiziert hatte. Am 18. Juli 1995, nur wenige Tage nach der Übergabe von Srebrenica, hatte die NYT nämlich berichtet, dass “3000 bis 4000 bosnische Muslime, die nach dem Fall von Srebrenica von UNO- Beamten als vermisst betrachtet wurden", durch die feindlichen serbische Linien hindurch die Sicherheit des von der bosnischen Regierung kontrollierten Gebiets erreicht hätten.(5)
 
Ähnlich die Londoner Times am 2. August 1995: “Tausende von vermisst geglaubten bosnisch-muslimischen Soldaten von Srebrenica, die im Zentrum der Berichte über Massenhinrichtungen durch Serben standen, sollen sich wohlbehalten im Nordosten von Tuzla aufhalten." Das Rote Kreuz habe von Quellen in Bosnien gehört, dass es sich dabei um bis zu 2000 bosnische Soldaten handle, die von Srebrenica "ohne Wissen ihrer Familien" angekommen seien. Die bosnisch [muslimische] Regierung habe jedoch dem Roten Kreuz zur Verifizierung den Zutritt zu diesem Gebiet verwehrt. (6)
 
Zwei Wochen bevor die Vertreter des Roten Kreuzes, Angelo Gnaedinger und Jessica Barry, ihre Zahlen an die Presse gaben, brachte ein anderer Sprecher des Internationalen Roten Kreuzes in Genf, Pierre Gaultier, ein wichtiges Detail zur Sprache. In einem Interview mit der "Jungen Welt" vom 8.8.95 erklärte er, das Rote Kreuz habe eine Vermisstenliste mit insgesamt etwa 10.000 Namen. Allerdings könnte es "gut sein, dass darunter viele Doppelnennungen sind". Bevor die Prüfung der Doppelzählungen nicht abgeschlossen sei, könnten noch keine genauen Angaben gemacht werden. Die Arbeit des IKRK werde aber "noch komplizierter", weil die bosnische Regierung ihm mitgeteilt habe, "dass sich mehrere Tausend Flüchtlinge durch die feindlichen Linien geschlagen und sich wieder in die bosnisch-muslimische Armee eingegliedert haben." Obwohl diese Personen nicht als vermisst gälten, "können sie aber auch nicht aus den Vermisstenlisten gestrichen werden".(7)
 
Da seit fast 20 Jahren die Zahl derer, die als vermisst (und deshalb hingerichtet) geführt werden, konstant bei 7000 bzw. 8000 blieb, kann wohl davon ausgegangen werden, dass die bosnisch-muslimische Regierung dem Roten Kreuz bis heute die Namen jener "mehreren Tausend" vorenthält, die die muslimischen Linien "sicher erreicht hatten".
 
Auf einen weiteren Aspekt hatte Prof. Milivoje Ivanisevic von der Universität Belgrad hingewiesen. Er hatte die Vermisstenliste des IKRK geprüft und entdeckt, dass auf der Liste etwa 500 Personen als "vermisst" geführt wurden, die schon vor der Einnahme Srebrenicas gestorben waren. Als er diese Vermisstenliste dann mit der Wählerliste für die Herbstwahlen von 1996 (also einem Jahr nach dem "Massaker von Srebrenica") abglich, fanden sich Namen von 3016 Personen auf der Wählerliste, die auf der IKRK Liste als "vermisst" aufgeführt waren.(8) Hatte die bosnisch-muslimische Regierung Tote wählen lassen – beging also Wahlbetrug – oder waren die Wähler tatsächlich am Leben und das "Massaker" war ein Betrug?
 
Der "Fall" von Zepa
 
Nach der Übergabe Srebrenicas war ein bosnisch-serbisches Truppenkontingent unter dem Befehl von General Ratko Mladic in der Stadt geblieben und organisierte die Evakuierung von muslimischen Frauen, Kindern und Alten in bosnisch-muslimisch kontrolliertes Gebiet.(9) Ein anderes Kontingent, angeführt von General Radislav Krstic, kämpfte weiter um die muslimische Enklave Zepa. Unter den bosnisch-muslimischen Verteidigern von Zepa befanden sich auch mehrere Hundert "Vermisste" aus Srebrenica.
 
Laut Bericht der New York Times vom 27. Juli 1995, ließen die flüchtenden muslimischen Truppen ihre Verwundeten in Zepa zurück. Diese wurden dann von den serbischen Truppen, nach ihrer Einnahme der Enklave, nach Sarajevo ins Kosevo-Krankenhaus gebracht. Viele dieser Verwundeten hatten schon in Srebrenica gekämpft und waren von dort geflohen. Sie hatten es aber nicht, wie die meisten ihrer flüchtenden Kameraden, bis Tuzla geschafft, sondern sich den Verteidigern von Zepa angeschlossen. "Etwa 350 von uns gelang es aus Srebrenica auszubrechen. Wir schafften es nach Zepa", zitiert die NYT Sadik Ahmetovic, einen der 151 Verwundeten, die nach Sarajevo ins Krankenhaus gebracht wurden. Die Verwundeten erklärten, sie seien "in Gefangenschaft von den Serben nicht misshandelt worden".(10)
 
Ist es nicht merkwürdig, dass die bosnisch muslimischen Verteidiger von Zepa ihre Verwundeten – und die Verteidiger von Srebrenica, als sie aus der Stadt flüchteten, ihre Frauen, Kinder und Alten – in die Hände der anrückenden bosnischen Serben fallen ließen, in die Hände gerade jener, die als "Sadisten" und "Vergewaltiger" dämonisiert wurden, die einen "Völkermord" an den bosnischen Muslimen planten?
 
Sechs Jahre nachdem bosnisch-serbische Truppen in Srebrenica einmarschiert waren, und fünf Jahre nachdem das Haager Tribunal angefangen hatte unter jedem Maulwurfhügel in der Region nach Leichen des "Massakers von Srebrenica" zu suchen, wurde General Radislav Krstic, der Kommandeur der bosnisch-serbischen Truppen, die Zepa erobert hatten, verurteilt (obwohl er sich zur fraglichen Zeit nicht in Srebrenica aufgehalten hatte). Laut NYT hatten die Ermittler zum Zeitpunkt des Urteils "2028 Leichen aus Massengräbern in der Region exhumiert. 2500 weitere wurden geortet".(11)
 
Die Medien und das Haager Tribunal gingen offensichtlich davon aus, dass in einer Region, in der seit Jahren ein Bürgerkrieg wütete, nur Serben schossen und nur Muslime starben und alle Leichen, die unter den Schlachtfeldern gefunden wurden, demnach Muslime waren. Im Verlauf der Exhumierungen war das Tribunal weder daran interessiert die Identität der Leichen festzustellen, noch den Todeszeitpunkt oder die Ursache. Es hatte zudem keine Beweise, dass es die 2500 "georteten" Leichen auch tatsächlich gab oder wie sie gestorben waren. Trotzdem verurteilte das Tribunal General Krstic für "Völkermord an mehr als 7000 Menschen”.
 
Ein Verbrechen muss normalerweise stattgefunden haben, bevor die Verwicklung eines Verdächtigen in dieses Verbrechen geprüft wird. Hier fehlt allerdings der Beweis, dass ein "Völkermord an mehr als 7000" Menschen stattgefunden hat. Trotzdem meldete die ARD-Tagesschau-Redaktion aktuell am Freitag in einigen Sendungen zum Jahrestag des "Massakers von Srebrenica", dass dabei "mehr als 8.000 Jungen und Männer" ermordet worden seien. (PK)
 

(1)       Diana Johnstone ist Autorin des Buches "Fools' Crusade, Yugoslavia, NATO and western Delusions" Pluto Press, London, UK, 2002
(2)       Johnstone, Diana, Selective Justice in The Hague: The War Crimes Tribunal on Former Yugoslavia is a Mockery of Evidentiary Rule; The Nation, 22.9.1997 (See: http://sorryserbia.com/2013/fools-crusade/)
(3)       Original NY Times article: O'Connor, Mike, "Bosnia War Tribunal Finds Hidden Bodies of Slain Muslims" NY Times, May 13, 1998 (http://www.nytimes.com/1998/05/13/world/bosnia-war-tribunal-finds-hidden-bodies-of-slain-muslims.html?pagewanted=1)
(4)       Former Yugoslavia: Srebrenica: help for families still awaiting news; ICRC News 13-09-1995 News Release 37 (http://www.icrc.org/eng/resources/documents/misc/57jmjl.htm)
(5)       AP; Conflict in the Balkans; 8,000 Muslims Missing; New York Times; Sep 15, 1995; p. 8. (http://www.nytimes.com/1995/09/15/world/conflict-in-the-balkans-8000-muslims-missing.html)
(6)       Chris Hedges; Conflict in the Balkans: In Bosnia; Muslim Refugees Slip Across Serb Lines; New York Times; July 18, 1995, p. 7 (http://www.nytimes.com/1995/07/18/world/conflict-in-the-balkans-in-bosnia-muslim-refugees-slip-across-serb-lines.html). Am gleichen Tag sprach die Washington Post von "ungefähr 4000 bosnischen Soldaten, die sich fünf Tage lang durch von Serben kontrolliertem Gebiet schleppten, um Srebrenica zu entkommen und Sicherheit in Medjedja zu erreichen." (Pomfret, John; Bosnian Soldiers Evade Serbs in Trudge to Safety; Washington Post, Jul 18, 1995)
(7)       Evans, Michael and Kallenbach, Michael; Missing' enclave troops found; The Times; 02 August 1995 p. 9. (http://www.geocities.ws/mocccc/brs/troops.htm)
(8)       Pierre Gaultier (interview), Wo sind die Vermißten aus Srebrenica? Junge Welt, 30.8.95
(9)       Faux électeurs... ou faux cadavres; Balkans Infos, Paris; Oct. 1996 (No. 6); See also Ivanisevic, Milivoje; "Un Dossier qui pose bien des Questions"; Balkans Infos, Paris; Dec. 1996 (No. 8).
(10)     Allein diese Tatsache, das die Serben die Evakuierung von muslimischen Zivilisten in muslimisch kontrolliertes Gebiet durchgeführt haben, beweist, dass Völkermord nicht geplant sein konnte. Völkermord macht per Definition keinen Unterschied zwischen Alter, Geschlecht, Zivilist oder Kombattant. CNN und andere westliche Propagandaorgane bezichtigten General Mladic des Zynismus, weil er muslimischen Zivilisten sicheres Geleit zu muslimisch kontrolliertem Gebiet versprochen – und gewährt hat.
(11)     Hedges, Chris; Bosnia Troops Cite Gassings At Zepa; New York Times, Jul 27, 1995 (http://www.nytimes.com/1995/07/27/world/conflict-in-the-balkans-in-bosnia-bosnia-troops-cite-gassings-at-zepa.html?pagewanted=1?pagewanted=1)
(12)[1]   Simons, Marlise, Genocide Verdict for Ex-General, International Herald Tribune August 3, 2001 (A slightly different version appeared in the N.Y. Times: Simons, Marlise, Tribunal In Hague Finds Bosnia Serb Guilty Of Genocide, August 3, 2001 http://www.nytimes.com/2001/08/03/world/tribunal-in-hague-finds-bosnia-serb-guilty-of-genocide.html).
 

George Pumphrey ist Afro-Amerikaner mit französischer Staatsbürgerschaft.
Langjähriger Aktivist im Bürgerrechts- und Antikriegskampf. Heute aktiv in Berlin.
 


Online-Flyer Nr. 467  vom 16.07.2014

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