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Kultur und Wissen
Ein Buch über Nationalismus und autoritäre Krisenbewältigung in Ungarn
"Mit Pfeil, Kreuz und Krone"
Von Hans Georg

"Gott, segne die Ungarn!" Mit einem "nationalen Bekenntnis" und überquellendem völkischem Pathos beginnt die neue ungarische Verfassung, die die Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán zum 1. Januar 2012 in Kraft gesetzt hat. "Wir, die Angehörigen der ungarischen Nation, erklären zu Beginn des neuen Jahrtausends, in Verantwortung für alle Ungarn stehend, Folgendes: Wir sind stolz darauf, dass unser König, der Heilige Stephan I., den ungarischen Staat vor tausend Jahren auf festen Fundamenten errichtet und unsere Heimat zu einem Bestandteil des christlichen Europas gemacht hat", heißt es in der Präambel des Dokuments.
 
"Wir halten die Errungenschaften unserer historischen Verfassung und die Heilige Krone in Ehren, die die verfassungsmäßige staatliche Kontinuität Ungarns und die Einheit der Nation verkörpern", heißt es dann weiter: "Wir bekennen uns dazu, dass nach den zur moralischen Erschütterung führenden Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts unsere seelische und geistige Erneuerung unbedingt notwendig ist." Die "seelische und geistige Erneuerung" des Landes nach völkischem Muster: Das ist der Kern dessen, was die Regierung Orbán sich vorgenommen hat.
 
Ungarns "nationale Revolution" (Orbán) zu beschreiben und zu analysieren - das ist es, was sich Andreas Koob, Holger Marcks und Magdalena Marsovszky für das Buch "Mit Pfeil, Kreuz und Krone" vorgenommen haben: die "nationale Revolution", die schnell drastische Maßnahmen zur Diszplinierung kritischer Medien brachte, die unbotmäßige Juristen allzu frühzeitig in die Rente entließ, die nicht-angepasste Wissenschaftler mit kruden Korruptionsvorwürfen und -prozessen überzog und der modernen Avantgarde im Kulturbetrieb ein Ende zu machen suchte. "Bei uns passiert gerade, was man in Deutschland 'Kulturkampf' nennt", klagte der bekannte ungarische Regisseur Béla Tarr Anfang 2011: "Die Regierung hasst die Intellektuellen, weil sie liberal und oppositionell sind, sie beschimpft uns als Vaterlandsverräter." Der völkische Komplett-Rollback erfasste nicht zuletzt auch die Geschichtsbetrachtung: Im November 2013, nach Erscheinen des Bandes, wurde in Budapest ein Denkmal für den Faschisten Miklós Horthy enthüllt.
 
Magdalena Marsovszky nimmt zunächst die Hintergründe des völkischen Booms in Ungarn in den Blick, zu dessen innersten Bestandteilen Antisemitismus und Antiziganismus gehören. Sie weist darauf hin, dass der völkische Boom nicht erst 2010 begonnen hat, als Viktor Orbán nach seinem Wahlsieg seine "nationale Revolution" startete. Tatsächlich sei schon seit den Umbrüchen 1989/90 "eine kontinuierliche völkisch-ethnische Schließung zu beobachten" gewesen, die 2010 dann quasi "parlamentarisch versiegelt" worden sei. Andreas Koob beschreibt anhand einer Vielzahl von Beispielen die Konjunktur, die Antisemitismus, Antiziganismus, chauvinistische Einstellungen und ihre Realisierung durch ultrarechte "Bürgerwehren" haben. Holger Marcks widmet sich schließlich Orbáns völkischer Wirtschaftspolitik, die laut seiner Einschätzung "zunächst einzigartig in Europa" sei. Abschließend widmen sich Koob, Marcks und Marsovszky gemeinsam dem "Größenwahn im Karpatenbecken" - der völkischen ungarischen Außenpolitik.
 
Und die Perspektive? Der äußerst lesenswerte Band mündet in eine düstere. "Derlei Zustände", bilanzieren die Autorin und die Autoren ihren Überblick über die Entwicklung Ungarns, "mögen nicht zwangsläufig im Faschismus münden. Sie sind aber eine Voraussetzung für eben diesen. Insofern können wir die ungarische Entwicklung als eine bezeichnen, die zumindest die Option auf den Faschismus eröffnet." Ein hartes, aber wohl zutreffendes Urteil. (PK)
 
Andreas Koob, Holger Marcks, Magdalena Marsovszky: "Mit Pfeil, Kreuz und Krone - Nationalismus und autoritäre Krisenbewältigung in Ungarn" Münster 2013, Unrast Verlag, 208 Seiten, 14 Euro, ISBN 978-3-89771-047-4
Diese Rezension haben wir mit Dank von http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58872 übernommen.
 


Online-Flyer Nr. 460  vom 28.05.2014

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