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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Kultur und Wissen
Gedankenaustausch zwischen einem Palästinenser und einem Israeli
Lieber Salman
Von Uri Avnery

Vor Jahren war ich einmal zu einer UN-Konferenz über palästinensische Flüchtlinge eingeladen. Ich sollte die Debatte als Israeli eröffnen, nachdem der Vertreter der Palästinenser, der Flüchtling aus einem Beduinenstamm im Negev, Salman Abu Sitta, sie als Palästinenser eröffnet hatte. Vor der Debatte hatte man mich gewarnt, Abu Sitta sei der Extremste der Flüchtlinge, ein bekannter Hasser Israels.
 

Salman Abu Sitta
 
Als ich an der Reihe war, sagte ich, ich hätte mich entscheiden müssen, ob ich auf seine Rede reagieren oder meinen vorbereiteten Text vorlesen wolle. Ich entschloss mich, meinen Text vorzulesen, und versprach, Abu Sitta zu einem privaten Abendessen einzuladen und mit ihm über seine Anliegen zu sprechen. Als ich meine Lesung beendet hatte, erinnerte mich Abu Sitta an mein Versprechen. Wir aßen in einem ruhigen Pariser Restaurant zusammen zu Abend und ich machte die Erfahrung, dass Abu Sitta ein sehr umgänglicher Mensch war. Meine Frau Rachel war von seinem Bericht über seine Flucht als Junge während der Nakba sehr gerührt und ich ebenso.
 
Abu Sitta war inzwischen ein sehr wohlhabender internationaler Unternehmer geworden. Er hatte sein Leben der Not der palästinensischen Flüchtlinge gewidmet und ist wohl der führende Fachmann für die Nakba. Diese Woche habe ich einen Brief von ihm bekommen. Ich empfinde die Notwendigkeit, ihn hier Wort für Wort abzuschreiben.
 
LIEBER URI,
mit großem Interesse habe ich in Haaretz dein Interview über dein reiches und ereignisreiches Leben gelesen. Seit den frühen 50er Jahren hältst du an deinen Prinzipien fest. Damals hattest du herausgefunden, dass die alte Doktrin weder durchführbar noch moralisch war. Ich erinnere mich lebhaft an unsere Unterhaltung in Paris bei einem Abendessen, an der auch deine liebe Frau Rachel, gesegnet sei ihre Seele, teilnahm.
 

Uri Avnery
Quelle: Arab News
Du hast damals von deiner frühen Zeit als junger Deutscher mit Namen Helmut erzählt, als du in die terroristische Organisation Irgun eingetreten bist. Du trugst ein Maschinengewehr auf einen Hügel in Hulayqat (wo heute ein Kriegsdenkmal zu „Ehren“ dieser Soldaten steht) und sahst das Menschenmeer vertriebener Flüchtlinge am Meer entlang in Richtung Gaza marschieren.
Auch ich habe dir meine Geschichte erzählt; wie ich zum Flüchtling geworden bin, ohne dass ich zuvor jemals einen Juden gesehen hatte, und wie ich Jahre damit zugebracht habe, Namen, Gesicht und Bataillon dessen herauszufinden, der mich vertrieben hat.
Ich erinnere mich, dass ich dich gefragt habe: „Wärest du damit einverstanden, dass ich in mein Haus zurückkomme, wenn es in deiner Nähe stände?“ Und du sagtest mit Nachdruck: NEIN.
 
Das alles habe ich in meinen Memoiren geschrieben, die dieses Jahr in Europa und den USA veröffentlicht werden sollen.
Das erinnert mich an eine ähnliche Geschichte, bei der aber etwas anderes herausgekommen ist. Ich meine "Reflections of a Daughter of the ‘48 Generation'” von Dr.Tikva Honig-Parnass. Es ist eine bewegende Geschichte darüber, wie ihr als einer Palmach-Soldatin Wahrheit und Realität entgegentraten: die schwere Ungerechtigkeit, die den Palästinensern angetan worden ist. Seitdem setzt sie ihre Kraft dafür ein, deren Rechte zu verteidigen, darunter auch das Recht auf Rückkehr.
Ich fand keine Spur von Widerruf und keinen Hinweis darauf in deinem Interview oder das, worauf ich gehofft hatte, nämlich deine Anerkennung des Rechtes auf Rückkehr oder auf Wiedergutmachung und ein Mittel gegen die größte Sünde: die ethnische Säuberung von den Palästinensern. Würde es einem letzten Stadium eines langen Lebens nicht gut anstehen (und ich wünsche dir noch ein längeres Leben), wenn du (wieder) auf dem Hügel stehen und so laut rufen würdest, dass es alle hören, womit du deine gesamte Lebenserfahrung zusammenfassen würdest: Die Flüchtlinge müssen zurückkehren, wir müssen die Sünde der ethnischen Säuberung bereuen?
Ist es von einem Mann mit Prinzipien wie dir zu viel verlangt, das zu tun? Ich bitte dich nicht im Namen der Palästinenser darum, denn zweifellos WERDEN sie zurückkehren. Ich hoffe, dass du das tust, weil es eine Krönung deiner Lebensleistung im israelischen Umfeld wäre.
Wie ich schon wiederholt geschrieben habe: Die Geschichte der Juden wird nicht mehr durch die angebliche Tötung Christi oder die Nazigräuel gekennzeichnet werden, sondern sie wird unauslöschlich durch das gekennzeichnet werden, was die Juden den Palästinensern bewusst und ständig, ohne Gewissensbisse, Bedauern oder Gegenmittel antun. Damit spiegeln sie die Seite des menschlichen Geistes wider, der nicht aus der Geschichte lernt und der sich seiner moralischen Stellung begibt.
Viele Grüße von Salman Abu Sitta.
 
LIEBER SALMAN,
dein Brief hat mich sehr bewegt. Ich habe Tage gebraucht, um den Mut zu einer Antwort zu finden. Ich versuche, jetzt so aufrichtig wie möglich zu antworten.
Auch ich erinnere mich lebhaft an unser Gespräch in Paris. Im zweiten Teil meiner Erinnerungen schreibe ich darüber. Er wird im Laufe dieses Jahres auf Hebräisch erscheinen. Für Leser mag es interessant sein, die beiden Wiedergaben desselben Gesprächs miteinander zu vergleichen. Über die Szene in der Nähe von Hulayqat habe ich im ersten Teil geschrieben, der bereits auf Hebräisch erschienen ist.
Als ich 1948 verwundet wurde, beschloss ich, die Arbeit für den Frieden zwischen unseren beiden Völkern zu meiner Lebensaufgabe zu machen. Ich hoffe, dass ich diesem Gelöbnis treu geblieben bin.
Nach einem so lange andauernden und bitteren Konflikt Frieden zu schließen, ist sowohl eine moralische als auch eine politische Aufgabe. Zwischen beiden Aspekten gibt es oft einen Widerspruch.
 
Ich achte die wenigen Menschen in Israel hoch, die sich wie Tikwa vollkommen der moralischen Seite der Flüchtlingstragödie widmen, unabhängig davon, welche Folgen das für die Chancen auf Frieden haben mag. Meine eigene moralische Anschauung sagt mir, dass Frieden vor und über allem anderen das vorrangige Ziel sein muss.
Der Krieg 1948 war eine schreckliche menschliche Tragödie. Beide Seiten haben geglaubt, dass es eine Schlacht auf Leben und Tod sei, dass ihr Leben auf dem Spiel stehe. Oft wird vergessen, dass ethnische Säuberung (diesen Ausdruck gab es damals noch nicht) von beiden Seiten betrieben wurde. Unsere Seite besetzte große Gebiete und schuf damit ein riesiges Flüchtlingsproblem, während die palästinensische Seite nur kleine jüdische Gebiete besetzen konnte, z. B. die Altstadt von Jerusalem und den Siedlungsblock Etzion südlich von Bethlehem. Dort blieb kein einziger Jude übrig.
Der Krieg war wie der spätere Bosnische Krieg ein ethnischer Krieg, in dem beide Seiten so viel von dem Land zu erobern versucht haben, wie sie nur konnten – und zwar ENTLEERT von der jeweils anderen Bevölkerung.
Als Augenzeuge und Teilnehmer kann ich die Tatsache bezeugen, dass die Ursprünge des Flüchtlingsproblems äußerst komplex sind. In den ersten sieben Kriegsmonaten war der Angriff auf arabische Dörfer für die jüdischen Kämpfer eine absolute militärische Notwendigkeit. Damals waren wir die Schwächeren. Nach einer Anzahl sehr grausamer Schlachten wendete sich das Blatt und ich glaube, dass die zionistische Führung bewusst eine Politik der Vertreibung verfolgt hat.
Aber die wirkliche Frage ist: Warum wurde den 750.000 Flüchtlingen nach dem Ende der Feindseligkeiten nicht gestattet, nach Hause zurückzukehren?
 
MAN MUSS sich an die Situation erinnern. Es war drei Jahre, nachdem die Schornsteine in Auschwitz und anderen Lagern kalt geworden waren. Hunderttausende elender Überlebender wurden in Flüchtlingslagern in Europa zusammengepfercht und konnten nirgendwo anders hingehen als ins neue Israel. Sie wurden hergebracht und eilig in die Häuser der palästinensischen Flüchtlinge gesteckt.
Alles das tilgte nicht unsere moralische Verpflichtung, der furchtbaren Tragödie der palästinensischen Flüchtlinge ein Ende zu setzen. 1953 habe ich in meinem Magazin Haolam Hazeh einen detaillierten Plan für die Lösung des Flüchtlingsproblems veröffentlicht. Der Inhalt war folgender (a) eine Bitte um Verzeihung an die Adresse der Flüchtlinge und die prinzipielle Anerkennung ihres Rechtes auf Rückkehr, (b) die Rückkehr und Wiederansiedlung einer wesentlichen Anzahl, (c) freigiebige Entschädigung für die Übrigen. Da die israelische Regierung sich weigerte, die Möglichkeit der Rückkehr auch nur eines Einzigen in Erwägung zu ziehen, wurde über den Plan nicht einmal geredet.
 
WARUM STEHE ich nicht auf einem Hügel und fordere lauthals die Rückkehr aller Flüchtlinge?
Frieden wird zwischen sich einigenden Parteien geschlossen. Es gibt jedoch absolut keine Chance, dass die große Mehrheit der Israelis freiwillig einer Rückkehr aller Flüchtlinge und ihrer Nachkommen zustimmen würde. Das wären insgesamt sechs oder sieben Millionen Menschen – ebenso viele wie die jüdischen Bürger Israels. Das wäre das Ende des „jüdischen Staates“ und der Anfang eines „bi-nationalen Staates“, den 99% der Israelis heftig ablehnen. Er könnte ihnen nur durch einen Krieg aufgezwungen werden, der zurzeit wegen Israels militärischer Überlegenheit – drunter Atomwaffen – unmöglich ist.
Ich kann mich auf den Hügel stellen und schreien, aber das brächte uns dem Frieden (und einer Lösung) keinen Schritt näher.
Meiner Ansicht nach ist es nicht moralisch, wenn wir auf eine Lösung in hundert Jahren warten, während in der Zwischenzeit der Konflikt und das Elend andauern.
 
LIEBER SALMAN, ich habe deine Darstellung mit großer Aufmerksamkeit aufgenommen.
Du sagst, Israel könne alle Flüchtlinge leicht aufnehmen, indem es sie in den Negev verlegt, der so gut wie leer ist. Das stimmt so ziemlich.
Die große Mehrheit der Israelis würde das zurückweisen, weil sie wild entschlossen ist, in Israel eine große jüdische Mehrheit zu haben. Aber ich frage mich auch: Wem würde das nützen?
Als ich im Krieg von 1982 Jasser Arafat in Beirut aufsuchte, besuchte ich auch einige palästinensische Flüchtlingslager. Ich habe viele Flüchtlinge gefragt, ob sie nach Israel zurückzukommen wünschten. Die meisten sagten, sie wollten in ihre Dörfer (die schon vor langer Zeit beseitigt worden sind) zurückkehren, aber sie wollten nicht irgendwo anders in Israel leben.
Was hätte es für einen Sinn, sie den harten Bedingungen der Wüste in einem von Zionisten beherrschten und hebräisch sprechenden Land zu bringen, fern von ihren ursprünglichen Häusern? Würden sie das denn wollen?
Arafat und seine Nachfolger begrenzten ihr Ziel auf eine „gerechte und einvernehmliche Lösung“, bei der die israelische Regierung ein Vetorecht hätte. Das bedeutet praktisch höchstens die Rückkehr einer symbolischen Anzahl.
Mein neuester Vorschlag war, dass der israelische Präsident um Verzeihung bitten und das tiefe Bedauern des israelischen Volkes für seinen Anteil an der Schaffung und der langen Dauer der Tragödie ausdrücken solle.
Die israelische Regierung muss das moralische Recht der Flüchtlinge auf Rückkehr anerkennen.
Israel sollte zehn Jahre lang die Rückkehr von 50.000 Flüchtlingen jährlich organisieren. (Ich bin in Israel fast der einzige, der diese hohe Anzahl fordert. Die meisten Friedensgruppen würden die Anzahl auf 100.000 insgesamt begrenzen.)
Alle anderen Flüchtlinge sollten nach dem Vorbild der Entschädigungszahlungen, die Deutschland den jüdischen Opfern geleistet hat, Entschädigungszahlungen erhalten (Das ist natürlich kein Vergleich).
Mit der Gründung des Staates Palästina würden alle Flüchtlinge palästinensische Pässe bekommen und sich dort, in ihrem Land, niederlassen können.
In nicht allzu ferner Zukunft, wenn die beiden Staaten Israel und Palästina miteinander Seite an Seite leben werden, wenn die Grenzen offen und ihre Hauptstädte in Jerusalem sein werden, wird das Problem innerhalb eines die gesamte Region umfassenden Rahmens seine Schärfe verlieren.
 
ES TUT MIR weh, diesen Brief zu schreiben. Für mich sind die Flüchtlinge kein abstraktes „Problem“, sondern Menschen mit menschlichem Antlitz. Aber ich will dich nicht belügen.
Es wäre mir eine Ehre, in deiner Nähe zu wohnen (selbst in der Negev-Wüste).
Salamaat,
Uri.

Uri Avnery, geboren am 10. September 1923 in Deutschland, ist israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist. Er war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein neues Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ hat einer  unserer Autoren für die NRhZ rezensiert. Für die Übersetzung dieses Buches und des hier vorliegenden Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler.  (PK)


Online-Flyer Nr. 459  vom 21.05.2014

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