NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

zurück  
Druckversion

Kultur und Wissen
Politik zwischen beobachtbarem Allerlei und gezielter Indoktrination
Familien als Mainstream-Produkte?
Von Albert Wunsch

"Wir fühlen uns in unserer Familie mit Wolfgang und Isolde wohl. Täglich gehen wir mit den Beiden mindestens zweimal Gassi. Das Wochenende verbringen wir mit unseren Hunde-Freuden als Großfamilie". Auch wenn wir nicht auf den Hund gekommen sind, das Verständnis von dem, was als Keimzelle der Gesellschaft betrachtet wird, ist recht schillernd. Der 15. Mai als internationaler Tag der Familie - er wurde 1993 durch eine Resolution der UN-Generalversammlung geschaffen – ist somit ein idealer Anlass, zu überprüfen, durch welche Maßnahmen "die Familie als grundlegende Einheit der Gesellschaft" gefördert oder gefährdet wird. Dies ist erst recht der Fall, wenn dieser internationale Familien-Tag auch das Ziel hat, "den Schutz der Familie vor staatlichen Eingriffen" zu verbessern.

Quelle: justiz.nrw.de
 
Menschen in recht instabilen familienähnlichen Formen geben sich per Selbstetikettierung gerne das Vorzeichen "modern" und beschreiben sich als bunt, facettenreich und lebendig. Im Gegenzug wird versucht, stabile familiäre Lebensformen - erst recht die Ehe - als alt, konservativ und nicht mehr lebbar abzuqualifizieren. So wird die bewährte und erfolgreiche Vater, Mutter, Kind-Verbundenheit bekämpft, während die sich - oft aus Enttäuschung, Not und Hoffnung - irgendwie entwickelten anderen Formen eines Zusammenlebens idealisiert werden. Neutraler wirken die Aussagen von Politikern, wenn sie die unterschiedlichen Arten des Zusammenlebens von Erwachsenen mit Kindern als "verschiedene Familienmodelle“ bezeichnen. Aber was verbirgt sich hinter diesen mehr oder weniger schillernden Etikettierungen. Was sind die Gründe, dass sich für ein gemeinsames Leben entschieden habende Paare trennten. Ist es Unvermögen, die Suche nach Neuem, eine zu geringen Fähigkeit im Umgang mit Konflikten, eine zu ausgeprägte Selbstsucht? Dass es auch etliche Paare bzw. Eltern gibt, die sich nicht aus Fahrlässigkeit trennen, ist trauriger Alltag. Bei diesen wird jedoch selten eine Glorifizierung der neu gefundenen Form eines (Zusammen)-Lebens jenseits der Erst-Familie offenbar. Frei gewählt hat in der Regel eine solche Situation niemand. Daher ist es auch nicht zielführend, dass Politiker der Tragik von Scheitern und Neubeginn einen Orientierung gebenden sollenden 'Modell-Status' einräumen.
 
Es wird Konsens existieren, dass die politisch Verantwortlichen stetig Wandlungs-Prozesse zur Kenntnis nehmen müssen. Aber mit welcher Zielsetzung wird auf diese Veränderungen reagiert? Versteht sich Politik als Steigbügelhalter einer Anpassung an den Mainstream oder als Gestalter optimaler Voraussetzungen eines gelingenden und stabilen - durch Achtung und Wertschätzung geprägten - Zusammenlebens? Es verwundert, mit welch intellektueller Begrenztheit hier reagiert bzw. regiert wird. Denn wenn im Bereich der Familie Anpassung zum bevorzugten Handlungs-Prinzip wird, dann sind beispielsweise Aktionen zum Aufspüren von Steuerhinterziehungen genauso einzustellen, wie Brandschutz-, Geschwindigkeits- oder Alkohol-Kontrollen, wenn ein Verhalten nachweislich dem Mehrheits-Trend entspricht. Wozu wird also vom wem entschieden, sich hier anzupassen oder dort gezielt gegenzusteuern?
 
Der Bundesrat in der Schweiz hat sich eindeutig geoutet und lässt prüfen, wie sich das aktuelle Familienrecht an die „neue gesellschaftliche Realität anpassen lässt“. Das Justizdepartement (EJPD) von Simonetta Sommaruga ließ dazu bereits ein Gutachten erstellen. Das Papier der Basler Privatrechtsprofessorin Ingeborg Schwenzer enthält laut der "NZZ am Sonntag“ einige radikale Vorschläge. Sie fordert, dass keine Familienform vom Recht bevorteilt werden darf. Die Ehe soll deshalb zu einer weitgehend symbolischen Verbindung abgewertet werden, die keine weiteren Familienrechte mehr begründet als andere Formen des Zusammenlebens. Relevant für Rechte und Pflichten in Bezug auf Familie, Kinder, Unterhalt oder Adoption wäre stattdessen die "Lebensgemeinschaft“. Diese definiert Schwenzer als Partnerschaft, die mehr als drei Jahre gedauert hat, in der ein gemeinsames Kind vorhanden ist oder in die zumindest ein Partner erhebliche Beiträge investiert hat. Zudem wird vorgeschlagen, geltende Ehehindernisse abzubauen: Auch Homosexuelle sollen künftig heiraten dürfen, und das Inzestverbot sowie das Verbot polygamer Ehen sei kritisch zu hinterfragen. „Die Zunahme der Zahl an Mitbürgerinnen und Mitbürgern islamischen Glaubens wird in der Zukunft auch die Diskussion über polygame Gemeinschaften erfordern“, heißt es im Gutachten. Außerdem soll die obligatorische Zivilehe abgeschafft werden. Ebenfalls überholt sei die Vorstellung, dass ein Kind nur zwei verschieden-geschlechtliche Eltern haben könne. Soweit eine Meldung vom 27.04.2014.
 
Unter der Überschrift „Auf die Familie kommt es an“ rücken drei US-amerikanische Wissenschaftlerinnen die Wirkung unterschiedlicher Familienstrukturen auf die Entwicklung von Kindern ins Blickfeld. Sie überprüften, welchen Einfluss die jeweilige Familienstruktur auf die schulische und soziale Entwicklung des Kindes hat. Sie erläutern: "Bei einer traditionellen Familienstruktur handelt es sich um Haushalte mit einem verheirateten Elternpaar und ihren leiblichen Kindern. Zu den nicht traditionellen Strukturen gehören Familien mit einem leiblichen Elternteil und einem Stiefelternteil, einer alleinerziehenden Mutter oder alleinerziehendem Vater, nicht eheliche Lebensgemeinschaften oder andere Verwandte, die für die Kinder sorgen." Sie begründen ihre Arbeit damit, dass es dringend erforderlich sei zu untersuchen, welchen Einfluss die jeweilige Familienstruktur auf die schulische und soziale Entwicklung des Kindes hat. Die meisten Forschungsergebnisse verdeutlichten, dass Kinder aus so genannten traditionellen Familien bessere Schulleistungen, eine ausgeprägte Ambiguitäts-Toleranz, geeignetere Konfliktlösungs-Modelle, eine größere Zielstrebigkeit und bessere Voraussetzungen zur Lösung von Problemen oder Herausforderungen hatten.
 
Im Gegensatz dazu stellte sich heraus, "dass Kinder in nicht traditionellen Familienstrukturen häufiger unter Stress, Depressionen, Angst und Minderwertigkeits-Gefühlen litten". "Der negative Einfluss der nicht ehelichen Lebensgemeinschaften auf das kindliche Wohlergehen war bei den Ängsten und Depressionen besonders hoch." Außerdem zeigten diese Jugendlichen aus nicht traditionellen Familien schlechtere schulische Leistungen. "Bei Jugendlichen zwischen 12 und 15 Jahren aus nicht intakten Familien bestand eine zwei- bis zweieinhalbfach höhere Wahrscheinlichkeit, dass sie sexuell aktiv waren, als bei Jugendlichen aus intakten Familien." Kinder, die mit ihren leiblichen Eltern aufwachsen, werden von den Eltern am stärksten unterstützt. "Kinder aus Stieffamilien berichten über die geringste Unterstützung." Auch die hier vorgelegten Fakten zeigten in Kurzform auf: "Es besteht kein Zweifel darüber, dass Kinder aus nicht traditionellen Familien benachteiligt sind."
Werden Lehrkräfte auf Problem-Schüler angesprochen, wird in der Regel auf die vielfältigen Verhaltens-Störungen in der Folge von Trennung und Scheidung hingewiesen, da das elterliche Auseinandergehen häufig einen tiefen Selbstwertverlust der Kinder und Jugendlichen auslöst. Die Psychologin Judith Wallerstein aus Kalifornien verfolgte 25 Jahre lang das Leben von 93 Kindern aus zerbrochenen Ehen. Dabei stellte sich heraus, dass die Scheidung der Eltern großen Einfluss auf das spätere Liebesleben der Kinder hat. So ist es nicht verwunderlich, dass 60 % dieser Ehen wieder geschieden wurden, in der Vergleichsgruppe waren es nur 25 %. Außerdem hatten nach dieser Studie 25 % der Scheidungswaisen noch vor ihrem 14. Geburtstag Kontakt mit Alkohol und Drogen, in der Gruppe der Vergleichskinder waren es nur 9 %. Die Psychologin nimmt diese Ergebnisse als Beweis dafür, dass eine Scheidung substantielle und langfristige Folgen hat.
 
Eine kürzlich erschienene Studie des deutschen Robert-Koch-Instituts untersuchte, wie weit die Familienverhältnisse mit der Anzahl psychisch erkrankender Kinder korrelieren. "Es zeigte sich, dass aus 'intakten' Familien mit Vater und Mutter die Rate etwa bei 12 % liegt, bei Kindern alleinerziehender Eltern oder aus Patchwork-Familien jedoch auf etwa 24 % ansteigt." Eine im Oktober 2012 veröffentlichte Studie der Universität Duisburg-Essen ging der Frage nach, wie unterschiedlich sich die Trennung von Eltern auf Jungen und Mädchen auswirkt. Danach gibt es "zum Teil erhebliche Unterschiede. So zeigt die Untersuchung, dass Jungen unter der Trennung ihrer Eltern vor allem im Bezug auf ihre schulischen Leistungen sehr viel mehr 'leiden' als Mädchen. Die Studie ergab auch, dass erwachsene Scheidungskinder, die die Scheidung der Eltern im Alter bis zu 18 Jahren miterlebt haben, einer späteren Heirat ablehnender gegenüberstehen als erwachsene Studierende, die in intakten Familien aufgewachsen sind."
 
Wenn nun auch ein ausdrückliches Ziel des internationalen Tages der Familie "der Schutz der Familie vor staatlichen Eingriffen" ist, müssen die UN-Vertreter ein recht realistischen Bild vom familienschädlichen staatlichen Agieren in einzelnen Ländern haben. Denn eigentlich müsste das Haupt-Kriterium für politische Entscheidungs-Träger sein, erwartbaren Schaden abzuwenden und Förderliches zu manifestieren und nicht selber schädigend zu agieren. Demnach ist es die Pflicht des Staates, die Familien als Keimzelle der Gesellschaft zu schützen und durch gute Rahmenbedingungen gezielt zu fördern, wie dies für die Bundesrepublik Deutschland in der Verfassung geregelt ist. Hierzu der aus der Schweiz stammende renommierte Familienforscher Franz-Xaver Kaufmann: "Wenn in einer Gesellschaft jedoch stabile und eher instabile Formen des Zusammenlebens von Erwachsenen mit Kindern als frei wählbar betrachtet werden, dann hat der Staat seine besondere Unterstützung jenen zu geben, welche die größte Chance für eine optimale Erziehungswahrnehmung bieten". (PK)
 
Dr. Albert Wunsch ist ein deutscher Erziehungswissenschaftler, Hochschullehrer und Autor. Im Jahr 2004 wechselte er vom Katholischen Jugendamt Neuss hauptberuflich an die Katholische Hochschule NRW (Fachbereich Sozialwesen) in Köln, seit 2009 mit reduziertem Lehrangebot. Zwischen 2008 und 2011 war er auch an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar und ist seit 2011 an der Hochschule für Oekonomie & Management (FOM) in Essen/Neuss - seit Januar 2013 hauptberuflich - tätig. Daneben arbeitet er in seiner Praxis in Neuss als Paar-, Erziehungs- und Konfliktberater sowie als Supervisor und Coach und führt Fortbildungen für Lehrkräfte, Erzieherinnen und Eltern durch.


Online-Flyer Nr. 458  vom 14.05.2014

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FOTOGALERIE