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Aktueller Online-Flyer vom 26. August 2016  

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Inland
Initiative für bessere Bildung oder Tribut an einen kapitalistischen Zeitgeist?
Pflicht-Ganztags-Schule
Von Albert Wunsch

„Es liegt an den größeren Trinkgefäßen, anders ist die hervorragende Qualität des Bayrischen Bieres nicht zu erklären“, so die Äußerung eines begeisterten Nordländers. - „Solch einen Quatsch habe ich noch nicht gehört, von Bierhumpen oder Großgläsern auf den Inhalt zu schließen“, meinte ein Gegenüber. „Es muss an der Zusammensetzung und am Brauverfahren liegen. Qualität lässt sich doch nicht durch quantitative Merkmale erklären.“ Aber die Argumente halfen nicht, unser einfältiger Gerstensaft-Fan blieb bei seiner Auffassung. - Dieses Gespräch ist fiktiv. Real sind die unisono zu hörende Rufe von Politikern unterschiedlichster Richtung: ‚Ganztagsschulen fördern ein gutes Lernklima und verbessern den Unterricht und sollen daher verpflichtend eingeführt werden’. Eine besonders starke Relativierung dieser ‚abstrusen Denke’ zu dieser Diskussion kam per Leserbrief von einem langjährigen Schulleiter: „Was haben wir davon, wenn wir das Elend des Vormittages auch auf den Nachmittag ausdehnen.“
 
Über ideale Bildungskon- zepte und optimale lernorganisatorische Vorsetzungen für die Schule nachzudenken ist immer gut. Ein Lamen-tieren über Dieses und Jenes geht jedoch nicht an den Kern, und das ist immer schädlich. Stattdessen könnten hier erfolgreiche Praktiken von Nachbarn übernommen werden, auch wenn Abgucken in der Schule meist geahndet wird. Manche knüpften in den zurückliegenden Jahren daher an eine alte christliche Tradition und wurden zu Pilgern mit Kurs auf Finnland. Der Tross neugieriger Journalisten und Bildungspolitiker riss zeitweise nicht ab. Sie suchten dort nach Erleuchtung, um die Düsternis in deutschen Klassenräumen zu überwinden.
 
Dort stellten sie fest, dass die Finnen weitgehend ein deutsches Modell kopiert hatten. Unser modernistisches Denken gäbe ihm keine Chance, schließlich sind die Grundzüge schon über 150 Jahr alt. Aber dank einer intensiven skandinavischen Fröbelbewegung prägt sein pädagogischer Geist, welcher Mitte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhundert ins Erziehungssystem Einzug hielt, bis heute das dortige Schulwesen. Fröbel, Pfarrerssohn aus Thüringen und Schüler des Schweizer Pädagogen Pestalozzi, gründete 1817 in der Nähe von Rudolstadt bei Weimar eine Privatschule, die bis heute existiert. Seine erzieherischen Gedanken veröffentlichte er 1826 in dem Hauptwerk: „Die Menschenerziehung“. Im Jahre 1847 schuf er den ersten „Allgemeinen deutschen Kindergarten“, welcher zum weltweiten Impulsgeber wurde. Fröbel setzte sich früh für eine individuelle und ganzheitliche Förderung mit ‚Kopf, Herz und Hand’ ein. „Sie beginnt bei der Mutter, wenn sie ihr Kind kost, dazu singt, Fingerspiele spielt, Bilder einbezieht.“ Auf diese Weise wird in einer Lehr- und Lerngemeinschaft des Vertrauens gegenseitige Achtung erfahren. So entsteht ‚kategoriale‘ Bildung, wächst Basiskompetenz als entscheidende Voraussetzung für ein lebenslanges Lernen.
 
‚Ja, an finnischen Schulen sieht alles ganz hervorragend aus. Schlaue Schüler, motivierte Lehrer!’ Schulen wie ein Adventkalender, hinter jeder Tür verbirgt sich eine pädagogisch vorbildliche Überraschung. Die markanten - meist aber ignorierten - Unterschiede: Finnland hat die Schulaufsicht abgeschafft. Die Schulen haben weitgehend Budget-Hoheit, die Haupt-Verantwortung liegt bei den Kommunen. Jährlich findet eine Evaluation der Lehre statt, ähnlich der PISA-Studie. Jede Schule erfährt ihr Ergebnis im Vergleich zum Landesdurchschnitt. Auftretende Probleme mit schwierigen Kindern werden sofort - gemeinsam mit den bei der Schule angestellten Sonderpädagogen - gezielt aufgegriffen. Eine intensive Zusammenarbeit zwischen Eltern, Schülern und Lehrern ist obligatorisch. Das Ansehen der Lehrer ist beträchtlich, die Motivation hoch. In der ‚verbindlichen Gesamtschule‘ wird durch individuelle Förderprogramme eine große Chancengleichheit für Schwache und Begabte erreicht. Ebenfalls ist wichtig: In keinem europäischen Land gibt es so viele kleine Schulen. Die Ganztagsschule hat keine ideologische Basis sondern ist eine notwendige Konsequenz aufgrund der oft großen Entfernungen zwischen Wohn- und Schul-Ort der Kinder. Private Nachhilfe ist in Finnland unbekannt. Dies als Kurzlektion für alle die - wie unser naiver Bierfreund - meinen, mit der formalen Übernahme eines Ganztags-Schulbetriebs könnten die finnischen Erfolge in unser Bildungssystem importiert werden. Vieles spricht jedoch dafür: Wenn die Qualitätsstandards übernommen würden, käme eine wirklich gute Halbtagsschule heraus.
 
Aber vielleicht geht es auch gar nicht um eine bessere schulische Bildung sondern um einen Tribut an einen kapitalistischen Zeitgeist? Denn Wirtschafts-Lobbyisten diktieren schon seit Jahren den Politikern aller Parteien, häufig durch feministische Verlautbarungen unterstützt, dass der Nachwuchs – möglichst direkt nach der Mutterschutzzeit – in die Fremdbetreuung gegeben werden soll. Leider gibt es noch keine Säuglings-Schutzzeit, denn sonst würden Bindungs-Forscher, Entwicklungs-Psychologen, Kinder-Ärzte und Elementar-Pädagogen eine einjährige Schutzzeit nach der Geburt fordern und vehement dafür plädieren, Kleinkinder bis zum dritten Lebensjahr im förderlichen familiären Umfeld aufwachsen lassen. Die Spezies Mensch, die Kinder am liebsten per Reagenzglas-Befruchtung und Brutkasten ins Leben starten lassen möchten, ihn nach dem ersten Atemzug und einer kurzen Quality-Time-Umarmung an fremde Menschen in die Krippe geben, sich dann inklusive Frühbucher-Rabatt für die Ganztagsschule bis zur stattliche Reife entscheiden, um den Nachwuchs dann kurz vor der Abi-Feier in einer speziell arrangierten Warming-up-Party erstmals stolz als Vater und Mutter in Augenschein zu nehmen, scheint zuzunehmen.
 
Ob das die Spätfolgen des Films Jurassik-Park sind? Denn auch wenn es in diesem Hollywood-Klassiker eigentlich um nicht mehr zu bändigende Dinosaurier ging, das Beipack-Statement zu den Risiken der Menschen-Brut: ‚Kinder machen Krach, sind schmutzig, kosten einen Haufen Geld, Babys stinken und alle wollen ständig was von ihren Eltern’ scheint nachzuwirken. So stören Kinder mit ihren jeweiligen und kaum zeitlich einplanbaren Bedürfnissen – wenigstens unter dem Gesichtpunkt betrieblicher Gewinn-Maximierung - die Produktivität und Karriereplanung ihrer Eltern erheblich. Damit Väter und Mütter bei soviel Fremdbetreuung kein schlechtes Gewissen bekommen, werden Krippen und vergleichbare Angebote als besonders förderliche Bildungsmaßnahmen zu verkaufen gesucht. Und um Restzweifel zu überspielen, werden alle Betreuungsgebote des Staates hochrangig subventioniert. Betreuung, von der Wiege bis zur Bahre. Ob bald auch nicht oder nur teilweise berufstätige Ehefrauen bzw. Ehemänner und Lebensabschnitts-PartnerInnen während der beruflichen Abwesenheit der HauptverdienerInnen liebevoll fremd betreut werden? Aber vielleicht ist das die Begründung dafür, dass Frauen und Männer gleichermaßen in eine Vollzeit-Berufstätigkeit gedrängt werden.
 
Es gibt sicher auch etliche nachvollziehbare Gründe, weshalb Eltern auf Ganztagsangebote für den eigenen Nachwuchs setzen, ob es um die notwendige berufliche Entwicklung, eine noch nicht abgeschlossene Ausbildung, wirtschaftliche Not oder andere Belastungen geht. Was jedoch nicht hinnehmbar ist, dass der Staat, bei angeblich leeren Kassen, diese Leistung der Fremdbetreuung so selbstver-ständlich zum größten Teil oder auch ganz übernimmt, während gleichzeitig die Eltern, welche selbst für gute Aufwachsbe-dingungen der ihnen anvertrauten Kinder sorgen, finanziell leer ausgehen. Gleichzeitig werden durch alle Ganztagsangebote die Kinder und Jugendlichen daran gehindert, selbstverantwortlich ihre Freizeit zu gestalten. So werden Jugendgruppen, Freundeskreise oder eigenverantwortliche Unternehmungen in den späten Nachmittag oder ins Aus gedrängt. Fragt man junge Erwachsene, wie innerhalb der verschiedenen Shell-Jugendstudien regelmäßig geschehen, was ihnen zurückblickend am ehesten fehlte, kommt meist an erster Stelle: ‚Mehr Zeit mit den Eltern verbringen können’. Dies unterstreicht: "Kinder brauchen Elternhäuser und keine Verschiebebahnhöfe zwischen öffentlicher Ganztagsbetreuung und familiärem Nachtquartier" (aus: Abschied von der Spaßpädagogik). (PK)
 
 
Dr. Albert Wunsch ist ein deutscher Erziehungswissenschaftler, Hochschullehrer und Autor. Im Jahr 2004 wechselte er vom Katholischen Jugendamt Neuss hauptberuflich an die Katholische Hochschule NRW (Fachbereich Sozialwesen) in Köln, seit 2009 mit reduziertem Lehrangebot. Zwischen 2008 und 2011 war er auch an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar und ist seit 2011 an der Hochschule für Oekonomie & Management (FOM) in Essen/Neuss - seit Januar 2013 hauptberuflich - tätig. Daneben arbeitet er in seiner Praxis in Neuss als Paar-, Erziehungs- und Konfliktberater sowie als Supervisor und Coach und führt Fortbildungen für Lehrkräfte, Erzieherinnen und Eltern durch.
 


Online-Flyer Nr. 457  vom 07.05.2014

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