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Aktueller Online-Flyer vom 29. Juni 2022  

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Globales
Die meisten Amerikaner übersehen, dass Israel über Palästina herrscht
Erzogen von Medien und Politik
Von Ira Chernus

Wenn der Komiker und Satiriker Stephen Colbert einen Menschen ansieht, sieht er keine Hautfarbe. Er behandelt alle gleich, weil jeder für ihn gleichermaßen weiß ist. Der Auslands-Redakteur der New York Times, Joseph Kahn, wiederum sieht keinen Unterschied zwischen Israelis und Palästinensern. Wenn von der Berichterstattung über die von den USA beaufsichtigten Gespräche zwischen den beiden Nachbarn die Rede sei, behandele die NYT beide Seiten mit überaus korrekt fairer Gleichheit, behauptet Kahn.[1]

Colberts „Farbenblindheit“ ist natürlich ein Witz, der uns mahnen soll, es sei absurd, die historisch Mächtigen und die historisch Ohnmächtigen so zu behandeln, als wären sie gleich. Wenn jedoch der NYT-Redakteur darauf besteht, er sei objektiv, meint er das offensichtlich todernst. Wenigstens hinsichtlich der israelisch-palästinensischen Verhandlungen ist die Times immer noch das Flaggschiff der US-Massenmedien, das den Kurs bestimmt und dem die meisten anderen folgen. Selbst wenn alle Israelis weiß und alle Palästinenser schwarz wären, würden unsere Medien streng farbenblind bleiben. Wie könnten sie sonst ihr gleichbleibendes Ziel Neutralität erreichen, die schließlich der Schlüssel zur objektiven Berichterstattung ist?
 
Ich bin sicher, Sie verstehen Colberts Witz. Seitdem Israel 1967 die palästinensischen Gebiete erobert hat, herrscht es über die Palästinenser. Es wäre geschmacklos, wenn man sagte, das sei genau dasselbe wie die jahrhundertelange Herrschaft der weißen über die schwarzen Amerikaner. Es gibt weitreichende Unterschiede. Aber es gibt eine, wenn auch sehr ungefähre Analogie.
 
Zwar ist es eine Übertreibung, aber jedenfalls weist sie auf eine Grundwahrheit hin: In diesem Fall wie in vielen anderen Fällen kann Neutralität nicht das Hauptziel sein, weil sie das enorme Macht-Ungleichgewicht ignoriert. Wenn ein Mächtiger einem Ohnmächtigen begegnet, müssen Journalisten diese Ungleichheit zum Ausgangspunkt ihres Berichtes machen, um der Objektivität auch nur im Geringsten nahezukommen.
 
Die US-Massenmedien tun jedoch genau das Gegenteil. Ihre Berichterstattung über das israelisch-palästinensische Zusammenwirken ist eine endlose Litanei von „er sagte, sie sagte – er sagte, sie sagte“, und damit verstärken sie ständig den falschen Eindruck, die beiden Seiten wären ebenbürtige Gegner in etwas wie einem fairen Kampf.
 
Man denke an die letzte ausweglose Situation in den Gesprächen. Die Israelis hatten versprochen, eine Anzahl Palästinenser freizulassen, die sie wegen des „Verbrechens“, für die Unabhängigkeit ihrer Nation gekämpft zu haben, eingesperrt haben. Zweifellos haben einige von ihnen gewaltsame Mittel eingesetzt oder deren Einsetzung geplant, womit sie die amerikanischen Revolutionäre von 1776 nachahmten, die unsere Nationalmythologie als Helden verehrt. Andere hatten wie viele Amerikaner im Revolutionskrieg keine Gewalttaten begangen, sondern wurden bei willkürlichen Aushebungen gefangen genommen.
 
Im Gegenzug hatten die Palästinenser versprochen, in keine der internationalen Organisationen einzutreten oder internationale Verträge zu unterzeichnen.
 
Israel hat sein Versprechen, die Gefangen freizulassen, gebrochen und obendrein noch Salz in die Wunde gestreut, indem es 700 neue Wohnungen für jüdische Siedler in Ostjerusalem angekündigt hat. Die palästinensische Behörde reagierte damit, dass sie 15 internationale Abkommen und Verträge unterzeichnete, darunter die Genfer Konventionen von 1949, die Haager Landkriegsordnung und Abkommen über Frauen- und Kinderrechte.
 
Die offizielle Reaktion der US-Regierung nennt die israelischen wie die palästinensischen Aktionen in gleicher Weise „inkonstruktive“ Handlungen. Die US-Medien waren bestenfalls ähnlich unparteiisch – sie stellten beide Verhaltensweisen als etwas dar, das den Friedensprozess in gleicher Weise schädige – oder sie tadelten wie die Times die Handlungsweise der Palästinenser heftiger.
 
Auf diese Weise wurden die von den Palästinensern eingegangenen Verpflichtungen auf internationale Gesetze für Frieden und Gerechtigkeit als etwas Böses dargestellt, als ebenso böse wie die Ausdehnung des illegitimen israelischen Wohnungsbaus und die Einkerkerung von Rebellen, die für das Recht ihrer Nation auf Freiheit gekämpft hatten (oder fälschlich dessen beschuldigt worden waren) oder als schlimmer als das alles.
 
Genau so etwas geschieht, wenn man politisch farbenblind ist.
 
In gewissem Sinn sind die amerikanischen politischen Führer, die Medien und der größte Teil der Öffentlichkeit tatsächlich blind für die Unterschiede zwischen israelischen und palästinensischen Vorgehensweisen. Sie haben so viel Verständnis für Israel und eine so starke Abneigung gegen Palästina, dass sie die Herrschaft Israels über das Leben der Palästinenser nicht als eine Form brutaler Unterdrückung betrachten. Daher erscheinen ihnen die Reaktionen der Palästinenser als unverständliche – auch wenn in den letzten Jahren recht zurückhaltende und gewaltfreie – Reaktionen auf die Unterdrückung. Indem sie die beiden Seiten behandeln, als wären sie ebenbürtige Kämpfer in einem endlosen Kampf, verfestigen sie diese Blindheit.
 
Die US-Regierung versucht mit größerer Hartnäckigkeit denn je den Streit zu lösen. Deshalb ist der Anschein der Neutralität auch wichtiger denn je.
 
Wenn die Medien uns ständig an die enorme Macht-Ungleichheit zwischen den beiden Seiten erinnern würden, wären die praktischen Folgen für die US-Politik eindeutig. Aber die US-Regierung setzt ihre historische Vorliebe für Israel fort, eine Vorliebe, die bis in die Anfänge des Staates Israel zurückgeht. Deshalb fordert sie ständig, dass die Palästinenser etwa gleich große Zugeständnisse wie Israel machen.
 
Als Harry Truman Israel de facto noch an dem Tag anerkannte[3], als es seine Unabhängigkeit erklärte, setzte er sich über den Einwand seines Außenministeriums hinweg, das würde arabische Staaten vor den Kopf stoßen.
 
Unter Eisenhower wurde im Weißen Haus die Voreingenommenheit gegen Araber stärker. Dort war es ein Glaubensartikel, dass die meisten arabischen Regierungen zum Kommunismus neigten. Als Eisenhower 1956 forderte, die Israelis sollten sich vom Suezkanal zurückziehen, bewegte ihn dazu durchaus nicht die Sorge um Gerechtigkeit für Araber, sondern er war darüber aufgebracht, dass Israel und seine Verbündeten im Kampf von Suez, Britannien und Frankreich, ohne seine Zustimmung handelten und damit das Risiko erhöhten, dass sich die Araber den Kommunisten noch weiter in die Arme werfen würden.
 
Amerikas pro-israelische Neigung wurde während der Kriege 1967 und 1973 noch eklatanter und ist bisher ein Kennzeichen der US-Strategie und -Politik geblieben. Die einzige Veränderung ist, dass die Republikaner[4] jetzt eher als die Demokraten die israelische Regierung unterstützen, und das mag ziemlich falkenhaft ausfallen.
 
Barack Obama folgt der Tradition Jimmy Carters und Bill Clintons - alle drei demokratische Präsidenten -, die sich als neutrale Mediatoren zwischen Israel und seinen arabischen Rivalen ausgegeben haben (allerdings versuchte George W. Bush das zu einer überparteilichen Tradition zu machen). Die Erklärung dieser Pose ist die - von Colbert nur vorgespiegelte -Blindheit für Unterschiede.
 
Wenn die USA etwa gleiche Zugeständnisse von beiden Seiten verlangen, bestehen sie damit auf einem Ergebnis, das das Machtungleichgewicht aufrechterhält, selbst wenn es zu einem Ungleichgewicht zwischen zwei unabhängigen Staaten wird.
 
Es geht aber nicht nur um eine pro-israelische Neigung, die Amerikas Bild von Gleichheit zwischen die verhandelnden Rivalen treibt. Es ist auch eine Frage des Selbstbildes, das Amerika von seiner Rolle in der Welt hat.
 
In der amerikanischen öffentlichen Mythologie war es immer ein Glaubensartikel, dass das Ziel unserer Außenpolitik die Herstellung von Gerechtigkeit und Frieden sei, während andere Nationen sich von Besitz- und Machtgelüsten antreiben ließen. Das sei nur einer der vielen Punkte, in denen Amerika eine Ausnahme bilde, sagt die Mythologie.
 
Der Gedanke lässt sich bis zu Thomas Paine zurückverfolgen, der in Common Sense[5] schreibt: „in England hat ein König wenig mehr zu tun, als Krieg in Gang zu setzen“, der „die Nation verarmen lassen soll.“
 
Deshalb wären die Untertanen des britischen Königs immer in Kriege verwickelt und durch sie verarmt. Wenn sie jedoch eine unabhängige Republik würden, die vom Willen des Volkes regiert werde, könnten sie eine von England unabhängige Außenpolitik aufbauen, die sie in Frieden und Gedeihen erhalten würde. Sie könnten sich aus allem ausländischen Schlachtgewühl heraushalten und ihre Hände von Blutvergießen frei und damit rein halten.
 
Im frühen 20. Jahrhundert dehnte sich der Mythos zur Rolle Amerikas als wichtigster Kraft für Frieden und moralische Reinheit in der Welt aus. Theodore Roosevelt bekam 1906 den Nobelpreis für seine „glückliche Rolle bei der Beendigung des blutigen Krieges, den kürzlich zwei der stärksten Mächte der Welt, Japan und Russland, miteinander geführt hatten“, begründete das Nobelkomitee[6] und fügte hinzu: „Die Vereinigten Staaten von Amerika gehörten zu den Ersten, die das Ideal Frieden in die praktische Politik eingeführt haben.“
 
Daran war jedoch viel Eigeninteresse beteiligt. „Wir sind eine große Nation geworden … und wir müssen uns so verhalten, wie es einem Volk mit derartigen Verantwortlichkeiten zukommt“, brüstete sich TR. Die Vermittlung im russisch-japanischen Krieg war eine Möglichkeit, Amerikas Größe und seine Muskelkraft auf der Weltbühne auszuagieren, und zwar gut verkleidet als moralische Tugend. 
 
Die Vermittlung war auch eine Möglichkeit, die Expansion des offensichtlich stärkeren japanischen Militärs aufzuhalten. Roosevelt „beschloss, [der Krieg] müsse beendet werden, bevor Japan einen zu großen Vorteil gewinnen würde, und er bot seine guten Dienste [als Vermittler] an“, schreibt George Herring in seiner maßgeblichen Geschichte der US-Außenpolitik From Colony to Superpower[7]. Woodrow Wilson machte dieses Bild von Amerikas Neutralität und Überlegenheit in seiner Reaktion auf den Ersten Weltkrieg zu einer parteiübergreifenden Angelegenheit. Vor dem Eintritt der USA in den Krieg hatte er erklärt, er werde dadurch, dass er die kriegführenden Europäer in einen gerechten und dauerhaften Frieden führe, sicherstellen, dass Amerika „die Rolle spielen werde, die vom Schicksal für es vorgesehen sei … Wir müssen der Welt dienen.“ 
 
Aber er hatte auch die Absicht, die Welt zu führen und zu formen. Zwar gab er sich in der Versailler Friedenskonferenz als moralisch überlegen neutral aus, bestand aber darauf, dass ein gerechter Frieden „im Sinne Amerikas gebaut werden“ müsse, besonders um die Gefahr des Sowjetbolschewismus abzuwehren, den er, schreibt Herring, „verabscheute“.
 
Deshalb setzt die Obama-Regierung mit enormem Beistand der Medien die entschieden überparteiliche Tradition fort. Indem sie Israel und Palästina als ebenbürtig behandelt, kann sie Amerika fast so darstellen, als stände es über dem blutigen Schlachtgetümmel der Alten Welt. Gleichzeitig stellt sie sicher, dass das Ergebnis den Interessen der USA und den politischen Interessen der Regierung dient.
 
Bisher scheint dieser Ansatz den Nahen Osten dem Frieden nicht näherzubringen.
 
Der einzig realistische Weg zum Frieden ist der, aufrichtig zu sprechen, Israel die stärkere Partei, den Besatzer, zu nennen, und diese Seite deshalb (gesetzlich, moralisch und praktisch) zu verpflichten, mehr Zugeständnisse zu machen. 
 
Es gibt jetzt einen Hinweis darauf[8], dass die Regierung uns noch damit überraschen wird, dass sie sich in diese Richtung bewegt. Aber alles hängt davon ab, wie das Weiße Haus die Tendenzen der öffentlichen Meinung im Land einschätzt. Alles hängt davon ab, welche Ansichten das amerikanische Volk ausdrückt.
 
 
[1] http://publiceditor.blogs.nytimes.com/2014/04/04/readers-object-to-timess-portrayal-of-palestinian-role-in-impasse/?_php=true&_type=blogs&_r=0
[2] http://www.trumanlibrary.org/whistlestop/study_collections/israel/large/index.php
[3] http://www.newrepublic.com/article/117214/republicans-and-democrats-part-ways-israel
[4] Lothar Meinzer (Hrsg.): Common Sense. In: Universal-Bibliothek. 7818, Philipp Reclam jun., Stuttgart 1982. Darin legt Paine dar, dass die einzige Lösung der Probleme mit Großbritannien eine Republik und die Unabhängigkeit seien. (http://de.wikipedia.org/wiki/Common_Sense)
[5] http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/peace/laureates/1906/press.html#not_2
[6] From Colony to Superpower : U.S. Foreign Relations since 1776. New York : Oxford University Press, 2008. Online-Ausgabe 2009.
[7] http://www.nytimes.com/2014/04/09/world/middleeast/israeli-settlement-plan-derailed-peace-talks-kerry-says.html?_r=0
 
 
Ira Chernus hat diesen Beitrag in dem Blog http://hnn.us/blog/153326 veröffentlicht, von dem wir ihn dank der Übersetzung von Ingrid von Heiseler übernommen haben.


Online-Flyer Nr. 455  vom 23.04.2014

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