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Aktueller Online-Flyer vom 25. Juni 2017  

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Krieg und Frieden
Interview mit der Feministin Ellen Diederich
„Ich bin Friedensarbeiterin“
Von Anneliese Fikentscher

In diesem Jahr wird zum 103. Mal der Internationale Frauentag begangen. Er führt zurück auf die Initiative der Sozialistin und Kommunistin Clara Zetkin. Vieles ist in über 100 Jahren zur Verbesserung der Rechte von Frauen erreicht worden. Viel zu viel blieb und bleibt auf der Strecke. Ein gewaltiges soziales Roll Back ist von der (auch weiblich besetzten) Politiker-Kaste – quer durch alle Parteien – in Gang gesetzt worden, das im Interesse alles Lebendigen aufgehalten werden will. Dass der Einsatz für Frauen- und Menschenrechte bunt, lebendig und kreativ gestaltet sein muss, zeigt Ellen Diederich bei einem Vortrag im Düsseldorfer ZAKK (NRhZ 448). Schwarz, grau und brutal ist die weltweite Unterdrückung. Schön, entschlossen und edel ist der Kampf um die gerechte Welt. Farbe, Licht, Lieder – Brot und Rosen für alle. Dafür setzt sich seit mehr als 50 Jahren die Frauenfriedensarbeiterin Ellen Diederich ein.


Bild eines damals 12jährigen Mädchens, sie war zum ersten Mal mit ihrer Mutter auf einer Demonstration. Es zeigt die 8. März Demo in Frankfurt/Main 1982: „Frauen gegen Krieg und Gewalt“. Sie wurde durch den damaligen Oberbürgermeister Walter Wallmann mit dem Argument, von uns könne Gewalt ausgehen, verboten.

Anneliese Fikentscher: Wie hast du den Internationalen Frauentag am 8. März in diesem Jahr erlebt?

Ellen Diederich: Ich war bei einigen Veranstaltungen. Mir fiel auf, dass im Unterschied zu den letzten Jahren weniger Feiern als politische Forderungen und Wunsch zu Veränderung im Vordergrund waren. Der Internationale Frauentag heißt nicht zufällig so. Der berühmte Satz von Virginia Woolf: „Als Frau habe ich kein Land, mein Land ist die ganze Welt“ könnte über der gesamten Geschichte des Frauentages stehen. Das heißt, die Zusammenhänge erkennen, die gegenseitigen Abhängigkeiten. Das kam dieses Jahr wieder stärker heraus.

Es ist an der Zeit, dass neue Bündnisse entstehen. Mehrere tausend Frauen und Männer sind zur 8. März Demo 2014 in Berlin gekommen. Der Slogan: „I still love feminism“, der mitgetragen wurde, hat mich gefreut. Auch physisch zu zeigen: Wir sind da, ist wichtig. Demonstrationen dieser Art zum 8. März hatten wir zuletzt Anfang der achtziger Jahre.


Plakat zum 75. Internationalen Frauenfriedenstag, begangen im DGB-Haus in Stuttgart, Baden-Württemberg – einer Wirkungsstätte von Clara Zetkin

Die Berliner Inhalte zum 8. März 2014 waren vielfältig – körperliche, sexuelle und ökonomische Gleichstellung der Geschlechter, spanische Migrantinnen thematisierten die geplante Verschärfung des Abtreibungsrechts, die Zustände der Unterkünfte von Flüchtlingsfrauen und anderes waren Gegenstand. Was fehlte, auch bei anderen Veranstaltungen, war die Beschäftigung mit Frieden. Frieden war in der Geschichte des Internationalen Frauentages immer ein zentrales Thema. Zurzeit ist Frieden offensichtlich von den Frauen an die Seite geschoben worden. Dabei haben wir allen Grund, hier genau hinzusehen.

Was kennzeichnet die heutige, angeblich vierte Frauenbewegung?

Ich sehe die Frauenbewegung nicht eingeteilt in 1, 2, 3, 4 Stadien. Ich sehe die Bewegung als einen kontinuierlichen Prozess mit verschiedenen Schwerpunkten. Die Frauenbewegung ab Ende der sechziger Jahre ging nicht von einem geschlossenen Theoriekonzept aus, keine Stringenz nach Programmen, keine fertigen Lösungen. Alles musste neu entwickelt, gedacht, erforscht werden. In Tausenden von Selbsterfahrungsgruppen wurde versucht, sich zunächst darüber klar zu werden, was es ist, was uns so sehr bedrängt.

In relativ kurzer Zeit entstanden Frauenzentren, -cafés, -buchläden, -zeitungen, -bildungshäuser, Filmprojekte, Frauenhäuser für Frauen, denen Gewalt angetan wurde. Romane wie „Frauen“ von Marylin French, Doris Lessings „Goldenes Notizbuch“, Anja Meulenbelts „Die Scham ist vorbei“, Verena Stefans „Häutungen“ und viele, viele andere begründeten eine neue Sparte Frauenliteratur, Literatur wo Frauen über Frauen schrieben. Nicht zu zählen sind die wissenschaftlichen Arbeiten und Projekte zur Erforschung der Geschichte, der Gewalt, der sozialen, politischen, ökonomischen, internationalen Zusammenhänge, die das Leben von Frauen bestimmen. Vieles, was lange verschüttet war, wurde hervor geholt.

Es gab gleichzeitig phantasievolle Aktionen zur Freigabe der Abtreibung, gegen Gewalt, zum Frieden, zur gleichen Bezahlung und vieles anderes mehr. In dieser Tradition begreife ich auch die heutige Frauenbewegung. Es ist nicht mehr diese Vielfalt an Initiativen und Aktionen, das hat verschiedene Gründe.

Was sind Deine Erfahrungen in der feministischen Arbeit?

Über die Jahre hat sich die Frauenbewegung institutionalisiert. In Deutschland wurden überall Gleichstellungsstellen eingerichtet. Frauen verdienten nun ihr Geld mit feministischen Inhalten. Organisierung z.B. vom 8. März wurde an die Frauenbüros delegiert. Der Anpassungsdruck in diesen Büros war und ist enorm.  Die Integration von radikalen Ansätzen in die Institutionen, wo dann die Geldgeber Stück für Stück die Inhalte bestimmten, hat der Bewegung einen großen Teil ihrer notwendigen Radikalität genommen. Viele Projekte sind darüber hinaus an dem Versuch, eine alternative Ökonomie in einer Gesellschaft zu entwickeln, in der die Marktgesetze gelten, gescheitert.

Wie wird feministisches Wirken öffentlich wahrgenommen?

Einige Forderungen aus den Anfangszeiten der neuen Frauenbewegung sind bei uns, beileibe nicht überall, erfüllt: Das Recht auf Abtreibung wurde durchgesetzt, Vergewaltigung, auch in der Ehe, ist hier ein Straftatbestand. Gewalt gegen Frauen ist dennoch nach wie vor ein Massenphänomen, kann zwar vor Gericht und zur Anklage gebracht werden, die Frauenhäuser aber sind überfüllt.

Mädchen in Männerberufen ist keine utopische Vorstellung mehr. Männer können bei der Geburt ihres Kindes dabei sein, können Elternzeit wählen. Bei Scheidungen ist das Schuldprinzip abgeschafft worden. Bei uns studieren inzwischen mehr Frauen als Männer. Wächst eine junge Frau hier auf, wird sie diese Möglichkeiten sehen und vielfach den Sinn einer Frauenbewegung in diesem Stadium ihres Lebens kaum erkennen können.

Welche Bedeutung hat bei Aufklärungs- und Widerstandsbewegung die Kreativität?

Eine ganz große! Ohne Lieder hätten wir die viele tausend Kilometer bei den Friedensmärschen nicht durchgehalten. Neue Lieder entstanden, phantasievolle Bilder, Fotos, Banner, Theaterstücke, Tanz, andere Demonstrationsformen.

„Tremate, tremate, le streghe son tornate“,  zittert, zittert die Hexen sind zurück, war die Parole der wohl radikalsten unter den autonomen Frauenbewegungen in Europa, nämlich die der Italienerinnen. Sie nahmen die Hexe als ihr Zeichen. Jahrhunderte lang war sie das Symbol der „bösen“ Frau und der Unterwerfung von Frauenleben unter die Vorschriften von  Patriarchat, Religion, politischer Macht. All die Jahrhunderte beurteilten und beurteilen bis heute Männer, wann eine Frau verwerflich handelt. Sie entschieden und entscheiden, dass Frauen der Gewalt, Bestrafung, Folter, Ermordung ausgesetzt werden, wenn sie sich dem Diktat nicht beugen.

„1976 zogen Abertausende Frauen durch die Straßen Italiens, das Bild der Hexe als Inbegriff weiblicher Rebellion spielerisch und zugleich aggressiv gegen diejenigen wendend, die es zum Symbol des Bedrohlichen und Abstoßenden gemacht haben.“ (Michaela Wunderle, Politik de Subjektivität, Frankfurt 1977, S. 9)

Gemeinsam mit der Sängerin Fasia Jansen hast Du das Internationale Frauenfriedensarchiv in Oberhausen ins Leben gerufen. Fasia starb zu früh an den Folgen von Misshandlung… Was ist Dein Lieblingslied von Fasia?

Viele. So zum Beispiel „Allendes Lied“, nach dem Putsch in Chile:

Das war der Doktor Allende,
er fiel durch Mörderhand
er hat die reichen Leute
die schlimmste Krankheit genannt!

Wie steht es um das Internationale Frauen Friedensarchiv? Du bist zwar Trägerin der Ehrennadel der Stadt Oberhausen, aber das sichert Dir nicht den Erhalt des Archivs.

Das Frauenfriedensarchiv haben Fasia Jansen und ich 1990 gegründet, weil wir bei all unseren Aktionen gesehen haben, Frauen machen den größten Teil der Friedensarbeit, genau das aber wird äußerst wenig dokumentiert. Die Archivarbeit war immer ein Nebenprodukt unserer Aktionen.

Viele Jahre lang haben wir Friedensarbeit im umfassenden Sinn in verschiedenen Ländern gemacht. Friedensarbeit bedeutet, sich mit den verschiedenen Gewaltverhältnissen, Kriegen und der Beteiligung von Deutschland an diesen Kriegen zu befassen, beinhaltet die Beschäftigung mit Umwelt und Ökologie, die Analyse der Verhältnisse, die sich im Kontext der Globalisierung im Interesse der Banken und Konzerne entwickeln.
Es bedeutet vor allem aber auch, Ideen für friedliche Lösungen zu entwickeln, sich für eine gerechtere Gesellschaft einzusetzen, zu schauen: Was geschieht bereits und wo und was können wir voneinander lernen?

Es bedeutete für uns, uns an Aktionen zu beteiligen, Öffentlichkeit herzustellen. Wir organisierten Versöhnungscamps, leisteten Solidaritätsarbeit während des Krieges in Bosnien, mit dem Netzwerk der nordamerikanischen Indianerinnen, den Müttern der Verschwundenen in Lateinamerika, bei den Zapatisten in Mexiko, den Shoshonee im Atomtestgebiet in Nevada. Wir unterstützten den Friedensprozess zwischen katholischen und protestantischen Frauen in Nordirland, versuchten immer wieder in Palästina und Israel Gespräche mit beiden Seiten zu führen. Bei den Weltfrauenkonferenzen schufen wir Orte, wo Frauen aus so genannten Feindesländern in den Dialog kommen konnten, und vieles mehr. Wir nahmen Initiativen für Frieden wahr und versuchten, uns möglichst gut zu vernetzen.

Zwei Frauenfriedensbusse gab es, einer in Europa, der andere in den USA. Der in den USA war zu einem „Museum, das Atomzeitalter zu beenden, umgebaut. Ein Grundprinzip unserer Arbeit ist: Keine Akzeptanz von Feindbildern. Der Bus in Europa fuhr auch vor dem Fall der Mauer in die so genannten „Feindesländer“, um zu sehen: wie leben die „Feinde“, welche Wünsche haben sie, welche Anstrengungen für Frieden werden gemacht? Die Busse wurden von der US-amerikanischen Frauenfriedensstiftung – Foundation for a compassionate society, die ihren Sitz in Austin/Texas hatte, gespendet und teilweise finanziert. Wir fuhren an die 250.000 km durch Europa und die USA. 

Bei den Frauenfriedensmärschen gingen wir etwa 3.500 km zu Fuß, um überall für Atomwaffenfreiheit zu werben. Die Probleme des Erhaltes einer Umwelt, die das Leben für die nächsten Generationen lebbar macht, die Nahrungsmittelsicherheit, Probleme der Gen- und Reproduktionstechnologien waren immer ein wichtiger Baustein der Agenda.

Über all diese Aktionen und weit darüber hinaus haben wir gesammelt: Bücher, Broschüren, Flugblätter, Fotos, Filme, Zeitungsartikel, Kunstgegenstände und anderes mehr.

Wir konnte den Unterhalt nicht mehr alleine bewältigen, haben einen großen Teil an die Stadt Oberhausen gegeben. Die Bedingung: Es soll ein Archiv werden, das öffentlich genutzt werden kann. Da tut sich bis jetzt herzlich wenig. Oberhausen ist pleite, jede zusätzliche Ausgabe wird gescheut. Eigentlich ist die Stadt nicht der richtige Adressat, es ist subversives Wissen, was da gesammelt wurde.

Was geht verloren, wenn das Archiv ungenutzt bleibt, wenn es einmal nicht mehr existieren würde?

Wir sind sehr sicher, eine solche Sammlung gibt es sonst nicht in Europa. Viele Dokumente sind einmalig und sie wären für immer verloren. Hilfe jeder Art ist notwendig, um das Archiv zu erhalten.


Ellen Diederich mit Portraits von Bertha von Suttner, Rosa Luxemburg, Clara Zetkin, Alexandra Kollontai, Dolores Ibarruri (La Pasionaria), Angela Davis – bei einem Vortrag im ZAKK, Düsseldorf, am 6. März 2014
foto: arbeiterfotografie.com

Welche Frauen haben in der Vergangenheit herausragende Fortschritte vorgedacht, vorbereitet und erzielt?

Die kann ich gar nicht alle aufzählen! Einige:
Olympe de Gouges, die in der französischen Revolution die Rechte der Frau und Bürgerin verfasste, wofür sie auf dem Schafott hingerichtet wurde,
Bertha von Suttner mit ihrem glühenden Werben für pazifistische Lösungen und ihrem berühmten Roman: Die Waffen nieder!
Alexandara Kollontai, Rußland, mit ihren Ideen der Lösungen der sozialen Frage, der freien Art von Liebesbeziehungen,
Rosa Luxemburg, Deutschland, Vordenkerin der ökonomischen Analyse als Voraussetzung für Gesellschaftsveränderung,
Clara Zetkin, Deutschland, glühende Verteidigerin des Friedens, sensible Analystin der Lage der Frauen,
Simone de Beauvoir, Frankreich, mit ihren grundlegenden Analysen über die Auswirkungen des Patriarchats auf das weibliche Geschlecht,
Dolores Ibarruri, die Pasionaria, Spanien, als Symbol für den Kampf gegen Faschismus,
Rosa Parks, USA, Afroamerikanerin, die sich weigerte, ihren den Weißen vorbehaltenen Sitz im Bus aufzugeben, damit der Bürgerrechtsbewegung den entscheidenden Anstoß gab,
Wangari Maatthai, Kenia, die „Mutter der Bäume“, die für die Wiederaufforstung der afrikanischen Wälder kämpfte,
Winnie Mandela, Kämpferin gegen Apartheid,
Die Sängerinnen Mercedes Sosa, Violetta Para, Joan Baez, die Menschen überall auf der Welt mit ihren Liedern Hoffnung gaben – Gracias a la vida
Und viele, viele mehr… 


Unterwegs mit dem Frauenfriedensbus, vor Burg Weibertreu bei Heilbronn
foto: IFFA


Angela Davis und Fasia Jansen im Frauenfriedensbus 1987 auf dem Weg zum Treffen von 3000 Frauen aus der ganzen Welt zu Friedensgesprächen im Kreml, eingeladen von der IDFF, der Internationalen demokratischen Frauenförderation, und Michail Gorbatschow. Fasia Jansen war Autorin vieler kämpferischer Lieder, z.B. "Keiner schiebt uns weg." Eine der wichtigsten neueren Veröffentlichung von  Angela Davis stammt aus 2004: Eine Gesellschaft ohne Gefängnisse? Der gefängnisindustrielle Komplex der USA.
foto: IFFA/Ellen Diederich


Faten Mukarker, christliche Palästinenserin aus Beit Jala, an der israelischen Apartheid-Mauer rund um Bethlehem. Eine Gruppe Wandmaler von den Zapatisten aus Mexiko war zu Besuch und hat die Mauer bemalt: „To exist is to resist“ (zu leben heißt Widerstand leisten)
foto: IFFA/Ellen Diederich, Winter 2004/2005

Welche Frauen sind das heute?

Aktivistinnen und Denkerinnen, Feministinnen wie
Angela Davis, Afroamerikanerin, Kämpferin um Frauenrechte als Menschenrechte
Vandana Shiva, Indien, Biologin, Kämpferin gegen die Gier der Agrokonzerne,
Arundhati Roy, Indien, Schriftstellerin und Aktivistin gegen die Staudämme in Indien, gegen die imperialistischen Kriege,
Aung San Suu Kyi, Myanmar, Einsatz für Demokratie und Menschenrechte
Rigoberta Menchu, Guatemala, Kampf um die Rechte der Urbevölkerung

Engagierte Frauen gegen Gewalt, für Frieden, für das Recht auf eine lebbare Zukunft in vielen Teilen der Erde.

Nicht zu vergessen Petra Kelly (1992 gestorben durch gewaltsamen Tod).

Petra Kelly war eine Frau, die mutig, zäh, subversiv und zärtlich ihre Ziele verfolgte, eine Visionärin für eine andere Welt.

Sie sagte: „Und so ist immer die wichtigste Stunde die gegenwärtige und der wichtigste Mensch ist immer der, der uns gerade gegenübersteht, und die wichtigste Tat bleibt eigentlich immer die Liebe. Auch die Liebe, die Zärtlichkeit und die Barmherzigkeit in der Politik.“

Petra Kelly war, Friedensaktivistin, unermüdliche Kämpferin gegen Krieg, gegen jede Form der atomaren Bedrohung, für eine dem Leben verpflichtete Umweltpolitik, für Frauenemanzipation. Sie war eine der Initiatorinnen der Grünen Partei. In ihrer ersten Rede vor dem Bundestag sagte sie u.a.:

„Ich spreche in diesem Hohen Haus der vielen Männer und wenigen Frauen, weil die Menschen aus der Friedens- und Ökologiebewegung, für die ich hier spreche, in der Tradition der Gewaltfreiheit stehen.“ (Lebe, als müsstest du heute sterben, Texte und Interviews, S. 47)

So setzte sie im ersten Satz ihrer Rede einen ihrer lebenslangen Schwerpunkte als Prämisse grüner Arbeit im Bundestag: Gewaltfreiheit.

„Wir verurteilen jede Art der interventionistischen Politik, wir setzen uns für das Selbstbestimmungsrecht der Völker ein, sei es in Afghanistan, seien es die Kurden in der Türkei oder sei es in Nicaragua.“


Banner zur Friedensfrau und Politikerin Petra Kelly
Größe: 1.57 x 1.57, Quadratisch, 5 Schlaufen, 15 cm Länge
Idee und Ausführung: Thalia Campbell aus Wales. Sie hat Ellen Diederich das Banner geschenkt und meinte, Petra Kelly solle zurückkommen nach Deutschland.
foto: arbeiterfotografie.com

Die Politik der Grünen Partei hat sich seit Petra Kelly radikal verändert. Viele der Ziele, für die sie einstand wie die Verhinderungen von Waffenexporten an Militärdiktaturen, Abwendung vom Militärbündnis NATO, konsequente Dritte- Welt-Politik im Interesse der dort lebenden Menschen, gewaltfreier Widerstand, die Beteiligung an Kriegen, stand noch gar nicht auf dem Programm, sind heute mit Zustimmung der „Grünen“ ins Gegenteil verkehrt worden.

Deine Einschätzung von Alice Schwarzer als „Galeonsfigur“ der Feministinnen? Sie kommt in Deiner Aufzählung nicht vor.

Die feministische Zeitschrift Emma feierte vor einiger Zeit den 30. Geburtstag. In diesem Blatt hat Alice Schwarzer Unterdrückungserfahrungen, Vorstellungen und Forderungen der Frauenbewegung thematisiert, sie einer breiten Öffentlichkeit zur Diskussion gestellt und auch einiges bewirkt.

Lange waren die Inhalte durch die Bewegung bestimmt. Es war ja nicht Alice Schwarzer allein, sondern es waren und sind Millionen Frauen in aller Welt, die das Patriarchat und die daraus resultierende Unterdrückung der Frauen analysierten, Widerstand entwickelten und das auch weiterhin tun. Heute ist der in Emma verkündete Feminismus der der gut verdienenden Frauen, derjenigen, die es „geschafft“ haben. Die Probleme der Armen, der Mehrheit der Frauen, der Frauen der Zweidrittelwelt, der Frauen mit unsicheren Arbeitsverhältnissen kommen schockierend wenig vor.

Die "Spitzen-Frauen" haben in Emma ihr Forum, sollen sie doch zeigen: Frauen können, wenn sie nur wollen, in die Spitzen der ökonomischen und politischen Macht, des Kulturbetriebes, der Medien, der staatlichen Institutionen aufsteigen. Es wird nicht diskutiert, das sich dadurch, das Frauen an die Spitze kapitalistischer Betriebe und Institutionen kommen, sich an der Struktur, der Ausbeutung und Unterdrückung nichts verändert. Frauen sollen sich auch die Institutionen der Staatsgewalt erobern, so auch das Militär. Durch die feministische Bewegung geht ein Riss. Ein Teil der Frauen befürwortet die Teilhabe am Krieg aus ihrer Definition von Gleichberechtigung heraus. Welche Rechte das sind, mit denen wir gleich werden sollen, wird nicht gefragt. Eine vehemente Befürworterin für die Teilhabe am Militär ist Alice Schwarzer. „Einige unserer besten Soldaten tragen Lippenstift“, titelte Emma.

Alice Schwarzer hat in Deutschland weitgehend die Deutungshoheit über das, was Feminismus ist. Sie ist die öffentlich angesehene Ikone des Feminismus mit Bundesverdienstkreuz und anderen Auszeichnungen beschwert, hoch gelobt von Menschen wie Roland Koch, Guido Westerwelle und der Bild-Zeitung. Die Emma-Redaktion macht ihren Betriebsausflug nach Berlin und lässt sich stolz mit Angela Merkel ablichten. Durch die Steuerhinterziehung, die Frau Schwarzer zugegeben hat, ist das Bild ins Wanken gekommen.

Geradezu ekelhaft war die Teilnahme von Alice Schwarzer an der Kampagne der Bild-Zeitung: „Die Wahrheit braucht immer einen Mutigen, der sie ausspricht“. Als Protagonisten der Wahrheit nahm die Zeitung, die wie keine andere Lügen produziert, Menschen, die unsere Vorbilder sind: Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Albert Einstein, Sigmund Freud, Galileo Galilei. Gandhi und King bezahlten ihre Wahrheitsliebe mit dem Leben. Die Bild-Zeitung, die das genaue Gegenteil  von Wahrheit praktiziert, scheut sich nicht, pazifistische, feministische und soziale Begriffe und Personen zu missbrauchen. Sie gratulierte Emma zum 30sten Geburtstag mit einer ganzseitigen Anzeige.

Die Bild-Zeitung als Vorkämpferin der Frauenemanzipation!
Herzlichen Glückwunsch, Frau Schwarzer!

Was sind die großen Errungenschaften der Frauenbewegung?

> Die Erreichung des Frauenwahlrechts,
> Den Schleier von den Gewaltverhältnissen gegen Frauen weggerissen zu haben,
> Das angeblich Private öffentlich gemacht zu haben – Das Private ist politisch!
> Selbstverständlichkeit des Studiums und der Berufstätigkeit für Frauen.

Würdest Du dich als Feministin und Friedensfrau bezeichnen? Wenn ja, warum?

Ja, ich bin Feministin. Dazu gekommen bin ich als allein erziehende Mutter, die aus einer Arbeiterfamilie kam, lernen wollte. Die Begrenzungen der Gesellschaft habe ich sehr deutlich erfahren. Allerdings auch in den 70er Jahren, was möglich ist, wenn „Mehr Demokratie wagen“ praktische Konsequenzen hat. Die Kampagne „Arbeiterkinder an die Uni“ und ein Stipendium der Gewerkschaften haben mir ein Studium ermöglicht.

Es gibt viele verschiedene Definitionen zu dem, was Feminismus ist. Für mich heißt Feminismus: Zu jeder Frage, zu jedem Problem radikal herauszuarbeiten, welche Auswirkungen das auf Frauen hat und dementsprechend für Fraueninteressen zu handeln. Für Frauen heißt nicht: Gegen Männer. Als ob die Leute, die mit Kindern arbeiten, per Definition „Alte Leute Hasser“ sind.

Ja, mein Leben ist durch den Einsatz für Frieden bestimmt. 1944 im Ruhrgebiet während der großen Angriffe geboren, war die Angst meiner Mutter immer präsent. Ich will nicht, dass Menschen so unter Krieg leiden müssen.

Ich bin Friedensarbeiterin. Seit 51 Jahren. Ich mag diese Definition, den Frieden mit dem Begriff Arbeiterin zu verbinden. Denn es ist verdammt viel Arbeit zu tun. Ich war in vielen Kriegs- und Krisengebieten. Warum ich meinen Schwerpunkt auf Frauenarbeit gelegt habe, habe ich schon erläutert. Frauen machen den größten Teil der Friedensarbeit. Wir gehen oft anders an Dinge heran. Bei einem der Frauenfriedensmärsche z.B., der von Skandinavierinnen initiiert war, lernten wir von ihnen, uns den Menschen auf der Straße, an den Fenster anders zuzuwenden. Beim Ostermarsch oder anderen gemischten Demos hieß es oft: „Was stehst du da am Straßenrand, reih dich ein als Demonstrant!“ Bei uns versuchten wir, so lange zu winken, bis zurückgewinkt wurde. Es war nicht dieses „hier sind wir – da seid Ihr“. Zur Hochzeit der Friedensbewegung hatten wir mitbekommen, wie viele Türen sich aufgetan hatten, wie viele Menschen sich beteiligten. Wir behielten die Organisation in unseren Händen, luden Männer und Kinder ein, mitzumachen. Eigene Erfahrung zu machen, andere Formen auszuprobieren ist nach wie vor notwendig.

Gerade in der Linken gibt es viele Diskussionen, wo die Menschen gegeneinander sind, anstatt miteinander etwas herauszufinden und zu agieren. Man will und muss immer besser sein als der oder die Andere. Wir kämpfen für Arbeitszeitverkürzung, haben aber für uns selber einen Ausbeutungsgrad entwickelt, der dem total widerspricht. Auch die Auseinandersetzung zwischen Frauenbewegung und Linken ist nicht neu. Am tiefsten wurde sie in Italien geführt. Der berühmte Brief: „Liebe Genossen, wir verlassen Euch“ von Frauen aus dem PdUP (Partei der proletarischen Einheit) stritt für die Möglichkeit, zunächst mal die eigenständige Entwicklung auszuprobieren. Wir schrieben Mitte der siebziger Jahre einen Sammelband mit Berichten aus verschiedenen Ländern mit dem spöttischen Titel: „Das höchste Glück auf Erden, Frauen in linken Organisationen.“ Da gibt es noch viel zu arbeiten.

Wirst Du am Ostermarsch teilnehmen?

Ich war im Ruhrgebiet seit dem ersten Ostermarsch dabei. Mit 16 wurde ich bei den Falken ausgeschlossen wegen Teilnahme an den Vorbereitungsausschüssen des Ostermarsches. (Das hat mich mein ganzes Leben lang immun gemacht gegen hierarchische Organisationen und Parteien.) Der Ostermarsch war über die Jahrzehnte unterschiedlich. Am Anfang waren wir einige hundert. In den achtziger Jahren wurde er eine Massenbewegung. Ich war unendlich wütend, als die DKP dem Ostermarsch ihre Strategie aufdrückte, junge Männer in die Bundeswehr zu schleusen und zu versuchen, diese von innen her zu unterwandern. Zu der Zeit gingen Soldaten in der ersten Reihe des Ostermarsches. Der Krieg der Sowjetunion in Afghanistan sollte nicht thematisiert werden und anderes mehr.

In den letzten Jahren ist die Friedensbewegung sehr schwach in Deutschland. Die Ostermärsche sind ritualisiert und institutionalisiert. Das gefällt mir überhaupt nicht. Es ist ähnlich wie mit der Frauenbewegung. Wir dürfen unsere Interessen nicht an FunktionärInnen delegieren, sondern müssen sie selber wieder in die Hand nehmen!

Müssen in der Frauen- und Friedensbewegung neue Akzente gesetzt werden?

Deutschland soll sich, nach Reden bei der Münchner (Un)-Sicherheitskonferenz von Gauck, von der Leyen und Steinmeier an immer mehr Kriegen beteiligen, deutsche Waffen in aller Welt sind die Grundlage für viele Verbrechen, die in Kriegen heute begangen werden.

Die Europäische Union hat eine neue Strategie entwickelt, die bei der EU- Konferenz im Dezember in Brüssel beschlossen wurde: Die „Attraktivitätsoffensive“, so der offizielle Name. Dort heißt es: „Es ist wichtig, der Öffentlichkeit zu kommunizieren, dass Fragen der Sicherheit und Verteidigung heute von Bedeutung sind und sie für ihren künftigen Wohlstand wichtig sein werden, auch wenn unsere Bürger nicht notwendigerweise immer eine unmittelbare äußere Gefahr sehen müssen. Die Staats- und Regierungschefs sind genau die richtigen, um diese Botschaft einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln.“ (Arbeitspapier, S. 13)


Münster, 8. März 2004, Aktion mitten in der Stadt „Den namenlos gemachten Opfern der demokratischen Bombergescheinschaft“
foto: IFFA/K.H.

In dieses Konzept passt die neue Ministerin für Krieg und Militär, Ursula von der Leyen, hervorragend. Die Bundeswehr attraktiver machen, sie breit in der Gesellschaft verankern, bessere Kinderbetreuung für die Kinder der SoldatInnen sind einige ihrer Ziele. Diese Ziele bedeuten: Tod und Elend für noch mehr Menschen, insbesondere für Frauen und Kinder, die inzwischen den größten Teil der Opfer von Kriegen sind.

Weltweit ist die Mehrheit von Frauen und Kindern heute unmittelbar in Gefahr, bedroht oder umgebracht zu werden und zwar,

> durch DIREKTE, DIE SO GENANNTE PRIVATE GEWALT,
> durch WAFFENGEWALT IN KRIEGS- UND KRISENGEBIETEN,
> durch STRUKTURELLE GEWALT der Ökonomie und Umweltzerstörung oder
> durch STAATLICH LEGITIMIERTE GEWALT

Als Frauen werden wir von diesen Entscheidungen direkt betroffen sein. Milliarden werden in die unsinnige Rüstung gesteckt. Das Geld muss woanders eingespart werden. Kürzungen sind vorprogrammiert. Das dürfen wir nicht länger hinnehmen. Die Grenze des Erträglichen ist längst überschritten. Widerstand ist das Geheimnis der Freude! (PK)

Online-Flyer Nr. 449  vom 12.03.2014

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Von Kostas Koufogiorgos
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