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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
Hauptaugenmerk von PISA auf Mathematik und Naturwissenschaften
Geistlose Bildung
Von Harald Schauff

Laut letztem PISA-Vergleich soll sich die selbst ernannte Bildungsrepublik Deutschland um einige Ränge nach oben verbessert haben. Das alte, rügenswerte Manko blieb gleichwohl bestehen: Die Bildung hängt nach wie vor von der sozialen Herkunft ab. Auch deshalb, weil eisern am dreigliedrigen Schulsystem festgehalten wird.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de

 
Böse Zungen behaupten, dies geschehe absichtlich. Damit der Bildungsvorsprung der besser situierten Schichten gewahrt bleibe. Eine andere Frage lautet: Wie weit ist es mit der Bildung eigentlich her, inhaltlich wohl gemerkt? Was genau wird da gelehrt, und bringt es eigentlich irgendetwas? Ist es überhaupt notwendig?
 
Diese Frage wird kaum gestellt, allenfalls hinsichtlich der Nutzbarkeit des Wissens für den späteren Beruf. Diese Perspektive bringt jedoch nicht weiter, so sehr sie auch unter Eltern und Schülern verbreitet sein mag. Denn: Verbessert es den Unterricht und erweitert es den Horizont, wenn in der Hauptsache nur noch Finanzmathematik, Buchhaltung, Verwaltungsrecht und Computeranwendungen gelehrt werden? Soll es einziger Sinn und Zweck von Bildung sein, die ‘Chancen auf dem Arbeitsmarkt’ zu verbessern? Kinders, das kann es doch wohl auch nicht sein, so sehr vieles darauf abzielt und es Bände spricht, dass das
Hauptaugenmerk von PISA auf Mathematik und Naturwissenschaften lag.
 
Nun gibt es noch weitere Fächer, z.B. die Geisteswissenschaften. Sie sind nicht weniger wichtig und sollten nicht vernachlässigt werden. Zu ihren Aufgabenbereichen gehört das Verstehen von (literarischen wie sachlichen) Texten, die Anregung zum eigenen Nachdenken und die Förderung von Kreativität. Leider wurden diese Felder in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer schlechter bestellt. Der Grund liegt nicht nur in der bildungspolitischen Vernachlässigung dieser Fächer, sondern auch in drögen, theoretisch
überfrachteten Herangehensweisen bei der Interpretation von Texten aller Art, seien es Romane, Gedichte, Dramen oder Sachtexte. Dies wird vor allem beim Deutschunterricht der gymnasialen Oberstufe spürbar. Inzwischen scheinen die Methoden der Textanalyse den Unterricht derartig zu dominieren, dass die Beschäftigung mit den eigentlichen Textinhalten mehr und mehr zur Nebensache gerät. Hinzu kommet noch jede Menge Zeitdruck durch die im Rahmen des ‘Turbo-Abis’ auf zwei Jahre verkürzte Oberstufe.
 
So kann passieren, dass Dramen wie Schillers ‘Kabale und Liebe’ oder Goethes ‘Iphigenie auf Tauris’ nicht mehr ausführlich, sondern nur noch ansatzweise besprochen werden. Es scheint wichtiger, dass die Schüler eine ‘Sachtextanalyse’ vornehmen und dabei die ‘Argumentationsstruktur’ eines Textes untersuchen und seine ‘Hauptthese’ herausfiltern. Viele Schüler lesen die Texte von Dramen erst gar nicht, sondern laden sich Inhaltsangaben aus dem Netz. Die Beschäftigung mit dem eigentlichen Inhalt gerät zur Nebensache. Dabei ist er doch das Kulturgut, das entsprechend Interesse und Aufmerksamkeit verdient hätte. Stattdessen wird er einer abstrakten Betrachtungsweise geopfert. Jene soll dazu dienen, ein tieferes Verständnis des Textes, seiner ‘gedanklichen Struktur’, zu erarbeiten. Als könne man dadurch in Kopf des Autors blicken und seine Gedanken lesen. Dieser Aspekt nimmt soviel Raum ein, dass die Oberstufenkurse häufig gar nicht mehr dazu kommen, sich ein Theaterstück auf der Bühne oder wenigstens auf Video anzuschauen. Wie sollen sie anders jedoch eine klare Vorstellung vom Drama und seiner Thematik bekommen, die sicherlich erheblich zum Verständnis des Dramentextes beiträgt? Anscheinend kommt die theoretischabstrakte Erörterung ohne solch lapidare Anschaulichkeit aus.
 
Mehr denn je scheinen die gesamten Lerninhalte zugeschnitten auf den ‘abstrakten Lerntyp’, wie ihn Frederic Vester in seinem Buch aus den 70ern ‘Denken, Lernen, Vergessen’ beschrieb. Jener Lerntyp tut sich mit dem abstrakten Stoff leicht, weil er sich nichts konkret vorzustellen braucht und überdies vielleicht über ein ‘photographisches Gedächtnis’ verfügt.
Wer darunter fällt, hat gute Chancen als ‘hochbegabt’ eingestuft zu werden. Allerdings trifft das auf eher wenige zu und das Bildungssystem sollte doch allen, insbesondere der weniger abstrakt veranlagten Mehrheit zugute kommen. Offensichtlich hat hier vor allem eine Kaste Lernbedarf: Die der verantwortlichen Bildungspolitiker und - bürokraten, welche die Lehrpläne aufstellen. Schüler sind keine Studenten. Das Vermitteln wissenschaftlicher Methoden sollte den Hochschulen vorbehalten bleiben.
 
Ein weiterer Aspekt stößt vergleichsweise negativ auf: Durch den erhöhten Leistungsdruck scheinen die Schulnoten wichtiger denn je. Eine erstaunliche Rückentwicklung, die alle, welche in den reformpädagogisch geprägten 70ern und 80ern zur Schule gingen, den Kopf schütteln lässt. Auf diese Weise werden die Lernbedingungen immer katastrophaler. Es entsteht eine merkwürdige Mischung aus Vernachlässigung infolge häufigen Unterrichtsausfalls und Überforderung aufgrund erhöhten Leistungsdrucks und abstrakter Inhalte. Diese Mischung fördert keinen Geist, sondern treibt ihn aus. Sie ist geistarm, nicht geistreich. (PK)
 
Diesen Artikel von Harald Schauff haben wir mit Dank aus der Februar-Ausgabe der Kölner Arbeits-Obdachlosen Selbsthilfe-Mitmachzeitung Querkopf übernommen.


Online-Flyer Nr. 445  vom 12.02.2014

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