NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2017  

zurück  
Druckversion

Kultur und Wissen
Jugendliche und Alkohol - verbieten oder vollsaufen lassen?
Wohl bekomms!?
Von Dr. Albert Wunsch

Nein, es geht weder um das Verteufeln von Alkohol, noch um Gesundheits-Fanatismus. Aber dass ein exzessiver Alkoholkonsum von Jugendlichen und jungen Erwachsenen für viele zum Freizeitsport wird, ist nicht hinnehmbar. Ob Karnevals-Treff, Wochenend-Fete oder Kneipen-Besuch, immer häufiger sehen Jugend-Cliquen einen Anlass, sich – häufig schon „vorgeglüht“ – mit alkoholischen Getränken bis zum Umkippen volllaufen zu lassen. Innerhalb einer Trinkwette hatte sich beispielsweise ein 16-Jähriger in Berlin in einer Kneipe mehr als 45 Gläser Tequila reingeschüttet. Als er gestorben war, wurde bei ihm ein Blutalkoholgehalt von 4,4 ‰ ermittelt.
 
Im Jahr 2012 wurden in Deutschland 26.673 Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 19 Jahren aufgrund akuten Alkoholmissbrauchs stationär in einem Krankenhaus behandelt. Das waren 2,4 % mehr als im Jahre 2011. Dabei nahm die Zahl der Mädchen und jungen Frauen um 5,0 % zu. Über 75 % der Kinder und Jugendlichen, die wegen dieser Diagnose stationär behandelt werden mussten, waren noch keine 18 Jahre alt, 2011 lag die Zahl bei 72 %. Diese Daten stammen aus der Krankenhausdiagnose-Statistik für das Jahr 2012. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise stiegen die Fälle einer vollrauschbedingten Einlieferung ins Krankenhaus vom Jahre 2000 bis zum Jahre 2009 um fast 170 %, von 2003 bis 2012 um 60 % an. Nach einem Bericht der Krankenkasse DAK gehen Jugendliche in den östlichen Bundesländern besonders leichtfertig mit den Rauschmitteln um. Nach einer Studie des Robert Koch-Institutes haben 36 % der 13-jährigen Mädchen und Jungen schon einmal Alkohol getrunken.
 
Wenn solche Fälle zu Schlagzeilen führen, wird meist lauthals gefordert, durch Aufklärungs-Kampagnen dem Übel zu begegnen. Aber was sollen Verstandes-Impulse in einer Situation bewirken, in denen dieser gezielt außer Kraft zu setzen versucht wird? Werden Jugendliche zur Sinnhaftigkeit solcher durch Schulen, Krankenkassen oder anderen Trägern durchgeführten Infoveranstaltungen befragt, sagen diese unisono: „Dass Alkohol gefährlich ist und ein übermäßiger Konsum zu Sucht und Abhängigkeit führt, wissen wir.“ Nur wird dies innerhalb der Clique in bestimmter Situationen, wenn es um Imponiergehabe und Gruppen-Druck geht, entweder ausgeblendet oder bagatellisiert. Da der Erfolg von Aufklärungs-Aktionen also zu gering ist, kann die Konsequenz nur lauten, wirkungsvollere Präventionsmaßnahmen zu entwickeln.
 
„Pubertät entscheidet über Trinkverhalten“, so titelte eine große Zeitung die Nachricht, dass das Gehirn sich in diesem Zeitraum in einer empfindlichen Reifungsphase befindet. „Dann entwickeln sich die Areale, welche für die Motivation und das Impulsverhalten zuständig sind.“ Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Alkohol diese Reifungsprozesse stört bzw. in eine zur Abhängigkeit führende Richtung weist. Fakt ist, dass die Zahl der wegen Alkoholvergiftung eingewiesenen Kinder und Jugendlichen beständig steigt, wie Krankenkassen und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung berichten. „Alkohol ist bei Jugendlichen immer noch das am weitesten verbreitete Suchtmittel“, so Elisabeth Pott, Direktorin der BZgA. Sie kündigte daher an, „die Jugendlichen noch stärker für das Thema zu sensibilisieren“ zu wollen. Wie dies wirkungsvoll geschehen soll, ist offen.
 
Laut Berechnungen der Krankenkassen liegen die stationären Kosten pro Fall bei ca. 550,- Euro plus die Kosten für den Einsatz der Rettungskräfte in Höhe von 200,- bis 400,- Euro. Während beispielsweise ältere Menschen schnell aus Kostengründen in eine Mangel-Versorgung geraten, kann ein von Jahr zu Jahr sprunghaft ansteigender Kreis von jungen Leuten ganz entspannt innerhalb der Maximen einer Spaßgesellschaft den nächsten Sauf-Exzess ansteuern. Für dieses Jahr werden die Kosten nach Berechnungen der Krankenkassen auf 20 - 22 Millionen Euro ansteigen. Problemverstärkend kommt hinzu, dass durch Koma-Fälle gleichzeitig die Kapazität einer Notaufnahme für schwer Unfall-Verletzte oder Herzinfarkt-Fälle erheblich reduziert wird.
 
Bei allen Diskussionen und Präventionsinitiativen wird aber ein wichtiger Aspekt bisher konsequent ausgeklammert. Während die Krankenkassenbeiträge steigen und die Leistungen reduziert werden, übernimmt der Sozialstaat – trotz leerer Taschen – großzügig die Rechnung der Vollrausch-Trinker für die medizinische Notintervention. Diese leichtfertige Übernahme der Folgekosten von Spaß- bzw. Imponier-Saufen durch die Allgemeinheit ist zu stoppen. Einerseits sollen die teuren Präventionsprogramme der Bundesregierung dieses den Einzelnen und die Gesamtgesellschaft schädigende Verhalten des Nachwuchses reduzieren, aber gleichzeitig bleibt der Missbrauch von Hilfeeinrichtungen folgenlos, und die Solidargemeinschaft kommt auch inkonsequenter Weise für die finanziellen Folgen auf. Das grenzt fast an staatliche Beihilfe zum Alkoholmissbrauch.
 
Kaum war ein Vorstoß des CDU-Politikers Jens Spahn, Eltern an den Behandlungskosten zu beteiligen, in der Öffentlichkeit, setzte die Abwehr ein. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung „hält eine Kostenbeteiligung für keine geeignete Maßnahme, um junge Menschen vom Rauschtrinken abzuhalten“. Das mag in Einzelfällen vielleicht nicht wirken. Aber dann zahlen die Verursacher wenigstens die Kosten. Die NRW-Gesundheitsministerin geht noch weiter und lehnt „elterliche Strafzahlungen“ ab. Wie eine Ministerin die Übernahme der Folge-Kosten als Strafe bezeichnen kann, ist nicht nachvollziehbar. Da wird Nachhilfebedarf zur Unterscheidung zwischen Zivil- und Strafrecht offensichtlich. Denn was hat z.B. die Übernahme der Folgekosten – z.B. eines Verkehrs-Unfalls – mit Strafe zu tun. Aber dieser Denkansatz wird – besonders von Politikern – immer dann eingebracht, wenn es um das Zulassen spürbarer Konsequenzen geht. Hier wird angemerkt, dass diese Idee zwar die wichtige elterliche Mitverantwortung ins Blickfeld rückt, aber auf keinen Fall die sich per Alkohol erwachsen zeigen wollenden Verursacher ernst nimmt.
 
Daher wird hier gefordert, dass für diese Vorfälle unbedingt das Verursacherprinzip greifen muss: Wenn es sich herumgesprochen hat, dass die so gerne groß sein wollenden Jung-Trinker (erwachsene Vollrausch-Zeitgenossen sind natürlich gleich zu behandeln) vor ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus erst einmal ihre Rechnung zu begleichen haben, wird dies schnell in der Szene Wirkung zeigen. Und falls dem jungen Konto die Bonität fehlen sollte, können die Eltern ja mit einem Kredit aufs zukünftige Taschengeld einspringen. Der Alltag lehrt uns immer neu: Veränderungen setzen meist dann ein, wenn uns die Folgen unguten Verhaltens an den Nerv gehen. Noch ist es recht selbstverständlich, dass Jugendliche für Vandalismus-Schäden altersgemäß in die Verantwortung genommen werden. Ob demnächst die Reinigungs- bzw. Wiederherstellungs-Kosten von jugendlichen Sprayeraktionen auch über die Krankenkassen abgerechnet werden, weil sie Ausdruck einer punktuellen geistigen Verwirrtheit sind?
 
Ständige Appelle zu noch intensiverer Aufklärung verdeutlicht nur, dass die Augen vor wichtigen Zusammenhängen verschlossen werden. Dass Fett dick macht, Rauchen schädigt und Alkohol das Reaktionsvermögen reduziert bzw. ausschaltet und alle Suchtpraktiken die Gesundheit ramponieren, wissen die Betroffenen. Was fehlt, ist der Wille, diese Fakten auch zu berücksichtigen. Die Lern- und Motivations-Forschung lehrt uns, dass wir meist nicht aus Einsicht, sondern aus dem Vermeiden-Wollen deutlich spürbarer Nachteile lernen. „Den Schlaf des Geistes weckt der Schmerz“, sagt der Volksmund. Also müssen die Konsequenzen des Fehlverhaltens viel deutlicher erfahren werden. Die Kostenübernahme ist ein erster Schritt. Bei „Mehrfach-Tätern“ ist dann ergänzend ein Verfahren wegen Behinderung von öffentlichen Notfall-Diensten einzuleiten. Und wenn andere Jugendliche oder Erwachsene sich durch Alkohol-Überlassung, Anfeuern oder ausbleibende Stoppversuche an solchen Sauf-Aktionen beteiligen, sind diese sowohl zivil- als auch strafrechtlich in die Mitverantwortung zu nehmen.
 
Beim Thema „Umgang mit Alkohol“ kommt auch den Schulen eine wichtige Funktion zu. Sie sollten Exkursionen in die Notaufnahmen von abgestürzten Alkis machen und trockene Alkoholiker als Betroffene in den Unterricht einladen. Im Bio-Unterricht wären die kurz- und langfristigen Folgen für die Gesundheit zu erarbeiten. Per Sowi-Unterricht können die Kosten der Notintervention (Krankenhaus und Rettungsdienste) bei den Krankenkassen erfragt werden. Und im Ewi-Unterricht wäre zu erarbeiten, welche Kinder bzw. Jugendliche aufgrund welcher Voraussetzungen am ehesten in solche Sauf-Szenarien geraten. Dann würde deutlich werden, dass es meist diejenigen sind, denen es an guter familiärer Eingebundenheit mangelt, welche ein zu schwaches Selbstbewusstsein haben und in der Clique deshalb einem Gruppendruck nicht standhalten können. Gerade die Resilienzforschung stellt heraus, dass sich ein schwaches Selbst entweder dominanteren Menschen leicht unterwirft oder selbst per Machtgebaren Druck erzeugt. Die Schüler sollten über Vertrauens-Lehrkräfte gezielt aufgefordert werden, von trunkenen Mitschülern Filmaufnahmen mit dem Ziel zu machen, das Szenario anschließend dem zu stark „Abgefüllten“ – mit ihm als Hauptakteur – nach seinem alkoholbedingten Filmriss zu vergegenwärtigen. Eltern sollten Kinder frühzeitig darüber informieren, dass die faktisch entstandenen Kosten auf jeden Fall von Sohn oder Tochter und den evtl. direkt aktiv Beteiligten zu erbringen sind und sie sich anschließend mit einem Blumenstrauß bei den beteiligten Personen oder Dienststellen für ihr persönliches Versagen zu entschuldigen haben.(PK)
 
Copyright: Dr. Albert Wunsch, 41470 Neuss, Im Hawisch 17
 
Dr. Albert Wunsch ist Erziehungswissenschaftler, Psychologe, Supervisor (DGSv) und Konflikt-Coach. In Neuss leitete er ca. 30 Jahre das Katholische Jugendamt, bevor er an die KaHo Köln wechselte. Außerdem lehrt er seit über 25 Jahren an der Uni Düsseldorf. Seit dem 1.1.2013 ist er hauptberuflich an der FOM in Essen und Neuss tätig. Er arbeitet in eigener Praxis als Paar-, Lebens- und Erziehungs-Berater. Seine Bücher zum o.g. Thema "Die Verwöhnungsfalle" (auch in Korea und China erschienen), "Abschied von der Spaßpädagogik" und "Boxenstopp für Paare" lösten ein starkes Medienecho aus und machten ihn im deutschen Sprachbereich sehr bekannt. Er ist Vater von 2 erwachsenen Söhnen und Großvater von 3 Enkeltöchtern. Sein neustes Buch: "Mit mehr Selbst zum stabilen ICH - Resilienz als Basis der Persönlichkeitsbildung", ist vor einigen Wochen erschienen.
 


Online-Flyer Nr. 444  vom 05.02.2014

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP


Männerbünde
Aus dem KAOS-Kunst- und Video-Archiv
FOTOGALERIE


Schwarzer Freitag für H&M
Von Arbeiterfotografie