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Aktueller Online-Flyer vom 22. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
Sapere aude!
Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
Von Rudolf Hänsel, Rainer Rothe, Gernot Ruzicka

Vor bald 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg mit rund 17 Millionen Toten, vor 75 Jahren der verheerende zweite Weltbrand mit über 50 Millionen Toten. Europäische Historiker widmen sich deshalb wieder der Frage der Kriegsschuld. Als Psychologen, Pädagogen und als Anwalt beschäftigt uns eine weitere Frage: Wie konnte es dazu kommen, dass sich ein „Volk von Dichtern und Denkern“ 1914 dem von Größenwahn befallenen Kaiser Wilhelm II. und 25 Jahre später dem Psychopathen namens Adolf Hitler bereitwillig anschloss, als diese zu den Waffen riefen, um ein großes Blutbad anzurichten. Abermillionen Menschen ließen sich von diesen Kriegsverbrechern zum Teil gedanken- und gewissenlos ins Verderben führen. Mütter schickten ihre Söhne, Frauen ihre geliebten Männer „für Gott, Kaiser und Vaterland“ oder den „Führer“ auf das „Feld der Ehre“ und trugen anschließend „in stolzer Trauer“ schwarze Armbinden. Und wie ist es heute?
 
Betrachten wir zu Beginn des neuen Jahres die allgemeine Weltsituation, kann man einen neuen Weltbrand, der sich aus den verschiedenen Flächenbränden jederzeit entwickeln kann, nicht ausschließen. (Chossudovsky: Das Szenario eines Dritten Weltkriegs) Und wieder könnte das Zusammenspiel aus psychologischer Kriegsführung, staatlicher Indoktrination sowie unaufhaltsamen Terrors einerseits und unserem Unvermögen, uns mutig unseres eigenen Verstandes zu bedienen andererseits, dazu führen, dass wir einem neu auf die Weltbühne tretenden „Führer“ folgen. Auch deshalb, weil wir die Ursache unseres unmündigen Verhaltens während der letzten Kriege noch nicht verstanden haben und zugleich einem stetigen Abbau von Bürgerrechten gegenüber stehen.
 
Bis heute ungelöste Probleme
 
Die großen ungelösten Probleme des beginnenden 21. Jahrhunderts müssten – so meinen wir – nicht immer wieder aufgezählt werden. Jeder wache Zeitgenosse blickt mit Unbehagen in die Zukunft und macht sich Sorgen, welche Welt wir unseren Kindern und Kindeskindern hinterlassen. Im Artikel „Der Geist der Verantwortlichkeit muss die Gewalttätigkeit beenden“ (NRhZ Online-Flyer v. 21.09.2013) wurden die Verbrechen in den Kriegen und die Genozide im Frieden vom Kosovo bis Syrien aufgezählt. Besonders erschreckend sind unseres Erachtens der aufkommende Faschismus, die Etablierung von totalitären politischen Strukturen und neue undemokratische Herrschaftsformen wie die Europäische Union. Hinzu kommen die weltweite Plünderung der Ressourcen sowie die zunehmende Ungerechtigkeit und der Hunger auf der Welt. (Ziegler: Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung der Dritten Welt) Von der militärischen Hochrüstung in Ost und West und dem großen Arsenal einsatzbereiter Atom- und Uranbomben geht eine weitere Bedrohung der Menschheit aus. Und wer ist schon hinreichend informiert über die Entwicklung
neuer Militärtechnologien, die Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüche, Dürren,
Überschwemmungen und andere Veränderungen im Wetter wie auch in den
Ozeanströmungen überall auf dem Planeten auslösen können. Die Umwelt kann
dadurch verändert und die Erde zerstört werden. (Dr. Bertell: Kriegswaffe Planet
Erde und www.pbme-online.org). Was tun Politik und insbesondere die
Intellektuellen zur Lösung dieser Probleme?
 
Versagen der Intellektuellen in schwieriger Zeit
 
Die Geschehnisse im letzten Jahrhundert haben uns offenbart, dass nicht nur das „einfache“ Volk im Widerstand gegen Totalitarismus und Faschismus versagt hat. Auch die Intellektuellen sind trotz akademischer Ausbildung und der Möglichkeit, sich Einsicht in politische, wirtschaftliche und sozialpsychologische Zusammenhänge zu verschaffen, ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden – ob Psychologen, Pädagogen, Philosophen, Naturwissenschaftler, Ingenieure, Mediziner oder Sozialwissenschaftler. (NRhZ Online-Flyer v. 21.09.2013: Aufgaben der Intellektuellen in unsicherer Zeit) Das ist die Erfahrung aus der Zeit vor und während der beiden Weltkriege wie auch die Erfahrung aus den neueren Kriegen – angefangen von der NATO-Aggression gegen die Bundesrepublik Jugoslawien vor fast genau 15 Jahren bis hin zum gegenwärtigen grauenhaften Stellvertreterkrieg in Syrien. 
1999 wurden wir Bürger durch dreiste Lügen wie „Nie wieder Auschwitz!“ oder
„Humanitäre Intervention“ von der damaligen rot-grünen Regierung sowie der
gesamten Kriegskoalition mit Unterstützung der Massenmedien massiv
manipuliert und indoktriniert. (Becker/Beham: Operation Balkan: Werbung für
Krieg und Tod) Das ist aber keine hinreichende Entschuldigung dafür, einem von
der UNO nicht mandatierten Eroberungskrieg „mit Bauchschmerzen“
zuzustimmen und ihn zu unterstützen. Dieser Krieg 1999 war der Präzedenzfall für
die nachfolgenden völkerrechtswidrigen Angriffskriege der Nato auch im neuen
Jahrhundert. Immer wieder versagen wir, wenn es darauf ankäme, den Mut zu
haben, sich des eigenen Verstandes zu bedienen.
Und jene heroischen Kämpfer für den Frieden, die als weitsichtige Aufklärer ihre
Mitmenschen vor Faschismus und damit einhergehender Kriegsgefahr mit
unermesslichem menschlichem Leid warnten, wurden nicht ernst genommen,
lächerlich gemacht oder gar verfolgt. Bertha von Suttner, die große kämpferische
Frau des 19. Jahrhunderts, die eine Woche vor dem Attentat von Sarajewo in
Wien starb, wurde für ihren 1889 erschienenen weltberühmten Roman „Die
Waffen nieder“ als „Friedensbertha“, „Friedensfurie“ und gottlose Utopistin
verunglimpft. Der anarchistische Pazifist Ernst Friedrich, der sich zwischen den
beiden Weltkriegen politisch, agitatorisch und künstlerisch gegen den Krieg
engagierte, hat mit seiner 1924 erschienenen Bilderdokumentation „Krieg dem
Kriege“ die Überlebenden mit dem wahren Gesicht des Krieges und der Lüge vom „Heldentod“, vom „Vaterland“ und von der „Tapferkeit“ konfrontiert. Sein ein Jahr später gegründetes Anti-Kriegs-Museum in Berlin wurde von den Nazis zerstört und zu einem SA-„Sturmlokal“ umfunktioniert.
Und heute? Nehmen wir nur das Beispiel des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass, der es in seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ vor nahezu zwei
Jahren wagte, vor dem Hintergrund des Atomstreits mit dem Iran und einem
drohenden Dritten Weltkrieg, Israel und Deutschland scharf zu kritisieren. Dieses
mutige Verhalten, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, sollte nicht zum Vorbild werden. Anstatt sich inhaltlich mit seinem Gedicht auseinander zu setzen, wurde Grass überwiegend verleumdet. Welcher weniger prominente Mitbürger wollte es daraufhin wagen, es ihm gleich zu tun?
 
Ursachen unmündigen Verhaltens
 
Die Befürchtung, dass es gefährlich sein kann, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und dafür „bestraft“ zu werden, ist sicherlich einer der Gründe für
unmündiges Verhalten – aber nicht der einzige. Und damit kommen wir auf das
Zeitalter der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert zu sprechen. In dieser Epoche begannen die Menschen sich aus dem mittelalterlichen Denken zu befreien. Die menschlichen Angelegenheiten sollten fortan vorrangig von der menschlichen Vernunft geleitet werden, das Individuum sollte sich von Engstirnigkeit, Leichtgläubigkeit und willkürlicher Autorität befreien. Die persönliche Handlungsfreiheit (Emanzipation) sollte ausgedehnt werden.
Immanuel Kant, der große deutsche Philosoph, definierte „Aufklärung“ im Jahr
1784 folgendermaßen: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner
selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne die Leitung eines anderen zu bedienen.“
Die Unmündigkeit des Menschen ist nach Kant dann selbstverschuldet, wenn nicht ein Mangel an Verstand der Grund ist, sondern die Angst, sich seines eigenen Verstandes ohne die Anleitung eines anderen zu bedienen. Kant prägte auch den Wahlspruch der Aufklärung: „Sapere aude!“, was so viel bedeutet wie „Wage zu wissen!“ oder wie ihn Kant erläuterte: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Aufklärung ist also die Maxime, jederzeit selbst zu denken. 
Warum bleiben Menschen aber oft Zeit ihres Lebens unmündig – und dies auch noch gerne, obwohl sie längst erwachsen sind und fähig wären, selbst zu denken? Kant meinte, der Grund dafür sei Faulheit und Feigheit. Unmündig zu sein, sei bequem und eigenständiges Denken ein „verdrießliches Geschäft“. So werde es für andere leicht, meinte Kant, sich zu „Vormündern“ dieser unmündigen Menschen aufzuschwingen. Diese Vormünder würden auch alles daran setzen, dass die unmündigen Menschen den Schritt zur Mündigkeit nicht nur für beschwerlich, sondern auch noch für gefährlich halten. (s. Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? – Wikipedia)
Haben wir heute, im beginnenden 21. Jahrhundert, dieses unmündige Verhalten
schon abgelegt? Wie steht es um unseren Mut, jederzeit selbst zu denken? Ist es für einen verwöhnten und denkfaulen Menschen nicht bequemer, sich der Anleitung einer Autorität, eines Führers zu bedienen, sich im Einklang mit einem vermeintlich Mächtigen zu befinden und dem Kreis seiner Hofschranzen anzugehören? Er befindet sich dann stets auf der „richtigen“ Seite. Zweifel und moralische Bedenken bedrücken ihn dann nicht, da er sich immer auf die vermeintlich unfehlbare Macht berufen kann.
Wie „mühsam“ ist es hingegen, selbst zu denken und für die Folgen solch mündigen Verhaltens auch verantwortlich zu sein. Zweifel überfallen den nach Wahrheit Suchenden, der nächtliche Schlaf wird unruhig. Kommt ein selbst Denkender dann auch noch zu unliebsamen Wahrheiten, die im Widerspruch zu den Mächtigen und zur politischen Korrektheit stehen, wenden sich bisherige Weggefährten sehr schnell von ihm ab. Das Resultat dieses Mutes kann Einsamkeit sein. Einsamkeit jedoch nicht im Sinne des Alleinseins, sondern im Sinne der Verweigerung des Dialogs. Die deutsch-jüdische Professorin und Schriftstellerin Hannah Arendt erlebte eine solche Verweigerung im Zusammenhang mit einer publizistischen Verleumdungs-Kampagne nach der Publikation ihres Berichts zum Eichmann-Prozess 1961: „Eichmann in
Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Für sie war diese erlebte
Verweigerung des Dialogs „die Extremform menschlicher Not“ (S.34).
 
Was tun? Zu jeder Zeit selbst denken!
 
Jedes Individuum hat seinen Beitrag zur Lösung der drängenden Probleme unserer Zeit zu leisten. Und selbstverständlich sind wir dazu in der Lage, wenn wir uns bewusst sind, dass es auf jeden einzelnen von uns ankommt. Warum nicht den Mut aufbringen, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, den Mut haben, das Ungeheuerliche von heute nicht zu verdrängen, sondern es wirklich wahrzunehmen und dagegen aufzustehen – intellektuell, emotional, politisch. Allen Widrigkeiten zum Trotz die Entschlossenheit aufbringen, die Wahrheit zu suchen und dadurch die Würde als Mensch zu bewahren. Die Trägheit des Herzens überwinden und handeln. Jeder Mensch, so Albert Camus, besitzt einen mehr oder weniger großen Einflussbereich (NRhZ Online-Flyer v. 28.11.2013). „Keine Regierung und keine Bataillone“, so drückte es der Schweizer Schriftsteller Gottfried Keller (1819-1890) aus, „vermögen Recht und Freiheit zu schützen, wo der Bürger nicht imstande ist, selber vor die Haustüre zu treten und nachzusehen, was es gibt.“ (Züricher Novellen)
 
Erziehung zum mündigen Mit-Bürger
 
Die Erziehung des Heranwachsenden in Elternhaus und Schule ist für die
Herausbildung eines mündigen Verhaltens im Erwachsenenalter von
elementarer Bedeutung. Die große Tragweite der Erziehung ist uns erst seit Beginn des letzten Jahrhunderts bewusst. Das Kind kann durch Erziehung und Bildung zu Verantwortung, Mitgefühl, Solidarität, Kooperation, Friedensliebe und zu mündigem Verhalten geführt werden. Grundlage sind eine Gewissenserziehung und eine tragfähige Werte- und Tugenderziehung von früher Kindheit an. Was jede Gesellschaft dringend nötig hat, um die Zukunft gut bewältigen und selbstbestimmt gestalten zu können, sind mündige Mit-Bürger, die Verantwortung für das allgemeine Wohl der Menschen übernehmen. (PK)
 
Dipl.-Psych. Dr. Rudolf Hänsel ist Pädagoge und Psychologe in Lindau (Bodensee)
www@tugenderziehung.com
Rainer Rothe ist Rechtsanwalt in Hamburg und Romanshorn / Schweiz
www.wanke-rothe.de
Lic. phil. Gernot Ruzicka ist Psychologe und Pädagoge in Uesslingen / Schweiz


Online-Flyer Nr. 442  vom 22.01.2014

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