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Aktueller Online-Flyer vom 21. Oktober 2017  

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Medien
Sexting: Mädchen stellen Nacktfotos ins Netz ohne die Risiken zu kennen
US-Trend greift auch in Deutschland um sich
Von Albert Wunsch

Eltern sind meist ahnungslos, was ihre Töchter - und manchmal auch die Söhne – in den neuen Medien treiben: Beim so genannten „Sexting“ versenden sie erotische Fotos oder Nacktbilder per Smartphone an Freunde oder laden sie in sozialen Netzwerken hoch. Dabei unterschätzen die Jugendlichen die Risiken der schnellen und nicht mehr zu kontrollierenden Verbreitung ihrer Bilder. Dieser Trend, der aus den USA kommt, greift auch in Deutschland um sich. Was sind die Ursachen dieser hemmungslosen Zurschaustellung des eigenen Körpers? Mit welchen möglichen unerwünschten Folgen ist zu rechnen und wie können Eltern und Lehrkräfte die Jugendlichen davor schützen? Erziehungswissenschaftler, Psychologen, Polizei und Schulleitungen reagieren alarmiert.
 

Amanda Todd – wurde mit 15 Opfer von Sexting
Was ist Sexting?
 
Mit dem Begriff "Sexting" ist die Verbreitung intimer oder pornografischer Fotos gemeint. Das Kunstwort setzt sich zusammen aus den Worten "Sex" und dem englischen "texting" (SMS schreiben). Die Dateien werden über Programme wie Whats App, soziale Netzwerke oder per Kurznachrichten verbreitet. Für die Jungs sind die Mädchen-Fotos meist Trophäen oder Status-Symbole. Für die Mädchen ein Weg, sich in äußerst auffallender Weise in Szene zu setzen. Die Verbreitung solcher Fotos ist für Jungen/Jugend-Cliquen häufig einfach “ein Spaß“ oder eine Gelegenheit, spezielle Schülerinnen zu mobben. Für von Mädchen ‚abgehängte’ Freunde dagegen bieten die Fotos eine gezielte Rachemöglichkeit. Die so genannten ‚Sozialen Netzwerke’ sehen das Ganze als ein Geschäft. So macht Facebook es den Neugierig-Suchenden ganz einfach: Die Aufforderung im Internet lautet: „Um dich mit I Love Sexting zu verbinden, registriere dich doch.“
 
Am Ende nahm sich eine 15jährige das Leben
 
"Ich habe niemanden. Ich brauche Euch. Mein Name ist Amanda Todd. "Mit diesen Sätzen beendete die 15-jährige Teenagerin aus Vancouver im Oktober des vergangenen Jahres ihre Leidensgeschichte auf Youtube. Stumm, nur mit beschriebenen Karteikarten in der Hand, hatte sie acht lange Minuten vor ihrer Webcam gesessen und die Welt teilhaben lassen an den Cyber-Mobbing-Attacken, denen sie über Jahre ausgesetzt war. Sie berichtete von ihrem Peiniger, der sie im Netz erst zu einem Nacktfoto überredete und sie dann ein Jahr später vor der ganzen Welt bloßstellte, weil sie ihm nicht noch gefälliger war. Von Schulkameraden und von Schmäh-Mails, die sie jeden Tag aufs Neue auf ihrem Computer vorfand. Von ihren Weinkrämpfen und den vielen schlaflosen Nächten, die sie seit dem Vorfall mit dem Nacktfoto plagten. Von ihren Depressionen, ihrer Alkoholsucht und dem Selbstmordversuch mit Chemikalien. Letztlich nahm sich Amanda Todd das Leben.
 
Seitdem haben sich mehr als elf Millionen Menschen weltweit ihr trauriges Youtube-Video angesehen, und ganz Kanada nimmt Anteil an ihrem Schicksal. Tausende Menschen kamen zu spontanen Gedenkfeiern zusammen. In Kanada, in den USA, in Indien und in Europa. In Toronto legten 300.000 Schüler während des Unterrichts eine Gedenkminute für Amanda Todd ein. In Todds Heimatstadt Port Coquitlam versammelten sich in der Dämmerung Hunderte Freunde, Angehörige und Bewohner mit Kerzen in der Hand am Ufer eines Sees. Einer nach dem anderen stellte die Kerze auf den Waldboden, am Ende bildeten alle Kerzen ein Herz aus Flammen. Mittendrin ein Foto der toten Teenagerin. "Sie wäre erstaunt gewesen, wie viele Menschen sie geliebt haben und ihr helfen wollten", sagte ein Klassenkamerad einem Fernsehsender. "Wir wussten nicht, wie ernst es um sie steht, und dann auf einmal war es zu spät."
 
Zur Verbreitung von Sexting
 
In der niedersächsischen Stadt Cloppenburg haben Ende Oktober fünf Schulleiter mit einem offenen Brief an die Eltern Alarm geschlagen, weil das Problem unter den Schülern Überhand genommen hatte. Auch in Schleswig-Holstein ist das Phänomen bekannt. So stellen die Mitarbeiter der Aktion Kinder- und Jugendschutz seit einem Jahr fest, dass die Fälle zunehmen. Fünf Fälle von Sexting sind bisher an einer Schule in Osthessen bekannt geworden - und der Schulleiter sagt: Das ist nur der Gipfel des Eisbergs. Manche Jungs haben 200 Nacktfotos von Mädchen auf ihrem Smartphone - und die werden dann weiter verschickt. Auch eine Schulleitung aus Bonn bestätigte, das "sehr private" Bilder einer Schülerin im Umlauf seien. Es handelt sich um Fotos und Videos, die den Intimbereich einer Achtklässlerin zeigen Der Ex-Freund des Mädchens habe die Bilder verbreitet. Laut einer britischen Studie aus dem Jahr 2012 versenden dort 25 Prozent aller Jugendlichen solche Fotos. Nach einer Studie der Hochschule Merseburg haben bereits 19 Prozent der 16- bis 18-jährigen Mädchen und elf Prozent der Jungen schon einmal erotische Fotos oder Filme von sich gemacht. Etwa sechs Prozent haben diese ins Internet gestellt. Und auch jenseits des Schulalters geht es weiter: „Sexting“ ist an der Uni völlig normal (Berliner Kurier v. 27.7.12). Die FAZ titelte: "Fotos verbreiten sich unter Jugendlichen wie ein Lauffeuer."
 
Offensichtlich ausgeblendete Gefahren
 
Vielen, die sich so freizügig präsentierenden, ist offenbar gar nicht klar, was mit ihren erotischen Fotos passiert; für sie kommt das böse Erwachen dann zu spät. Denn die Betroffenen sollten mit heftigen Reaktionen rechnen, wenn ihre Bilder im Internet für Furore sorgen, auch wenn alles anfangs so ganz vertraut und ungefährlich aussieht: Bloss-Stellungen, als Schlampe bezeichnet werden, schweres Mobbing, sich nicht mehr auf die Straße oder in die Schule trauen, bis hin zum Suizid. Als ‚Spätfolgen’ werden die Betroffenen einplanen müssen, innerhalb von Bewerbungsvorgängen mit diesen Fotos konfrontiert zu werden, denn Arbeitgeber schauen auch ins Internet. In diese gefährliche Situation geraten immer mehr Kinder, weil Eltern ihnen viel zu früh Smartphones mit Internetzugang überlassen, ohne sie für die zahlreichen Risiken zu sensibilisieren und mit ihnen klare – auch schriftlich formulierte – Nutzungsvereinbarungen zu treffen. Denn wenn schon 20 Prozent der Fünftklässler mobilen Internetzugang und damit rund um die Uhr Vollzugriff auf die komplette Erwachsenenwelt mit all ihren medialen Auswüchsen haben, dann sollte sich niemand über ein solches Agieren der Kinder wundern. Mit den Folgen sind Eltern und Lehrer häufig völlig überfordert oder wissen gar nichts davon.
 
Ursachen, Fragen und Folgen
 
Den Mädels geht es meist um Identitätsfindung, Beachtung und Anerkennung. Das ist ein wichtiges und nachvollziehbares Anliegen. Gerade die Pubertät hat die Funktion, dazu Erfahrungsfelder zu schaffen. Hilfreich sind solche ‚Ausprobier-Räume’, wenn von ihnen keine offensichtlichen Gefahren ausgehen und die Mädchen und Jungen einen familiären Schutzraum haben. Die Frage, die sich stellt: Wie können Kinder und Jugendliche zu einer starken Persönlichkeit werden, ohne sich einem – wo auch immer herkommenden – Negativ-Trend anzuschließen? Was muss im Elternhaus vorhanden sein, damit solche, den nackten Körper herausstellende Aktionen möglichst gar nicht passieren? Wie viel Widerstandskraft bzw. Resilienz ist notwendig, um sich als Jugendlicher von sich selbst entblößenden Aktivitäten in einer Clique abgrenzen zu können? Wie finden Jugendliche in Freundeskreise hinein, welche positive Trends setzen? Was ist in unserer Gesellschaft schief gelaufen, dass die über Jahrhunderte wirkende Schutzfunktion der Scham ihre Wirkkraft verloren oder stark eingebüßt hat?
 
Wofür die Eltern zu sorgen haben
 
Innerhalb des gerade neu auf dem Markt erschienenen Buches: „Mit mehr Selbst zum stabilen Ich - Resilienz als Basis der Persönlichkeit“ wird sehr anschaulich die Aufgabe der Eltern verdeutlicht, ihre Kinder von der Geburt an zu selbstbewussten und widerstandsfähigen Persönlichkeiten entwickeln zu lassen. Dazu brauchen sie eine feste und sichere Bindung, viel Aufmerksamkeit und Zuwendung sowie reichlich angemessene Herausforderungen in einem ermutigenden Umfeld. Dies ist der ideale Nährboden für die Entwicklung eines starken psychischen Immunsystems. Die sich dabei bildenden ‚seelischer Muskeln’ sind somit der beste Schutz, nicht in solche Aktivitäten hineinzuschlittern. Ergänzend wären auch die Bedingungen zur Entwicklung eines gesunden Schamgefühls zu berücksichtigen. So haben schon Babys ein Recht auf einen Intimbereich. Wenn sich dann Kindern nicht nackt zeigen oder fotografieren lassen wollen, ist dies nicht nur zu respektieren, sondern auch zu fördern.
 
Werden die Gefahren von Freundschaftskontakten oder die Weiterleitung von Fotos innerhalb von sozialen Netzwerken im entsprechenden Alter mit den Kindern offensiv angesprochen, sollte ein kleines Argumentationstraining vor einer zu erwartenden Diskussion absolviert werden, um auf so typische Abwehrsätze wie: „Das verstehst du nicht, Mama! Ich habe jetzt viel mehr Freunde, mit denen ich mich austauschen kann, denen ich Bilder von mir schicken und mit denen ich online spannende Spiele spielen kann. Ist doch super!“ Oder: „Papa, mach dir keine Sorge, da kann nichts passieren, wir haben alles gut abgesichert“ usw. gut vorbreitet zu sein. Aber alle informierenden Gespräche werden kaum erfolgreich sein, wenn Kinder oder Jugendlichen im Elternhaus keine vertrauensvolle und wohlwollende Basis sehen. Ein besonders wirksamer – von innen kommender – Schutzmechanismus ist eine umfangreich vorhandene Lebensfreude und die tägliche Erfahrung, sich in einem emotional sicheren Lebensraum zu befinden. Viele Jugendgruppen, Sportvereine oder soziale Initiativen bieten dazu gute Voraussetzungen. Sind die eigenen Kinder direkt oder indirekt in die Situation hineingeraten, dass entsprechende Fotos schon im Netz kursieren, müssen die Fakten auf den Tisch. Mütter und Väter sollten mit ihren Kindern über die Folgen des „Sexting“ sprechen, sie aber nicht mit Verweisen oder Drohungen verängstigen. Sonst besteht die Gefahr, dass sich die Jugendlichen nicht an ihre Eltern um Hilfe wenden. Zuhören ist allemal besser als sich zu empören, zu verurteilen oder gar zu bestrafen. 
 
Was die Schule machen kann!
 
Schulen können – auch ohne dass konkrete Vorfälle offenkundig wurden – in Kooperation mit Fachkräften Informationsveranstaltungen durchführen, um den Eltern vor Augen zu führen, welche problematischen Inhalte und Austausch-Foren es im Netz gibt. Diese können durch Eltern-Info-Briefe zum Phänomen Sexting unterstützt bzw. angeleitet werden. Innerhalb von Elternkontakten sollte ergänzend immer erneut darauf hingewiesen werden, dass Kinder-Handys auf keinen Fall mit einem Internet-Zugang ausgestattet sein sollten. Viele Eltern haben meist keinerlei Vorstellung von den Gefahren des Internets oder sie bagatellisieren diese. Außerdem kann das Thema innerhalb des Unterrichts in unterschiedlichen Fächern aufgegriffen werden, um so Schülerinnen und Schüler zu sensibilisieren. Die gesamte Lehrerschaft wiederum sollte sich dafür einsetzen, dass in der Schule eine Kultur der gegenseitigen Achtsamkeit geschaffen wird, in welcher möglichst solche Aktionen ausbleiben, und wenn es doch Vorfälle gibt, das Melden von entsprechenden Foto-Weiterleitungen und Diffamierungen als selbstverständlich betrachtet wird. Lehrkräfte können Eltern Mut machen, diese Thematik mit Ihren Kindern am Familientisch anzusprechen. Aber dazu müssen die Beteiligten informiert sein, sich in der Materie auskennen, damit man sich von den Jugendlichen nicht so schnell aus dem Feld schlagen lässt.
 
Gesellschaftspolitische Implikationen
 
Die Manager der sozialen Netzwerke haben es geschafft, unseren Kindern mit der Internetwelt eine Abschottungsmöglichkeit vom elterlichen Zugriff und einen Unterscheidungsgewinn gegenüber den Erwachsenen zu bieten, einen Raum, den sie nach ihren eigenen Regeln gestalten. Da von dieser Internetwelt aber Gefahren für ihre seelische, geistige und körperliche Entwicklung ausgehen, sollten Eltern und Erzieher diese abgeschottete Welt der Jugendlichen verstehen lernen, damit sie ihnen in der Auseinandersetzung darüber gewachsen sind. Und sie sollten versuchen – da sich Heranwachsende heute nur schwer etwas verbieten lassen und außerdem jeder heute zur Vorbereitung auf den zukünftigen Beruf den Computer vernünftig handhaben können muss –, ihre Kinder konstruktiv anleitend und je nach Alter mehr oder weniger eng kontrollierend ans Internet heranführen. Bezüglich der Nutzung von sozialen Netzwerken sollten Jungen wie Mädchen unbedingt darüber informiert werden, dass sie, wenn sie ihre Gefühle oder Körper-Ansichten der ganzen Welt bekannt geben, zur Ware werden. Eine Ware, mit der Internetfirmen große Gewinne und die beteiligten Jugendlichen sich strafbar machen. Spätestens dann müsste beim Einzelnen ein Stoppsignal aktiviert werden.
 
‘Face to face statt Facebook’!
 
Der Medienwirkungsforscher Manfred Spitzer geht in seinem Buch „Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“ auf Wirkungen und Nebenwirkungen der digitalen sozialen Netzwerke ein und kann darüber nur Unerfreuliches berichten, was Eltern und Erzieher aber unbedingt wissen und überdenken sollten. Sein Fazit: „Das Internet ist voller scheiternder Sozialkontakte, die vom Vorgeben, dass man ein anderer sei, über Schummeln, Betrügen bis hin zur groben Kriminalität reichen. Es wird gelogen, gemobbt, abgezockt, aggressiv Stimmung gemacht, gehetzt und diffamiert, dass sich die Balken biegen! Wen wundert es, dass soziale Netzwerke bei den jungen Nutzern vor allem zu Einsamkeit und Depression führen?“ (S. 128) Um dem entgegen zu wirken, hat z.B. in der Schweiz „Pro Juventute“ eine landesweite Kampagne gegen „Sexting“ und Cyber-Mobbing gestartet. Dies ist auch für Deutschland notwendig. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass „Dramatisierung und Aufklärungspädagogik überwiegend zum genauen Gegenteil dessen führen, was man erreichen möchte“, meint der Oldenburger Professor Alkemeyer. Laut Alkemeyer taucht „Sexting“ in erster Linie bei Mädchen auf. „Jungen treten eher als Sammler in Erscheinung. Nach wie vor ist es vornehmlich der weibliche Körper, dessen Wert an seiner Ausstellungsfähigkeit bemessen wird“, schreibt der Oldenburger Soziologe, der vermutet, „dass die Schülerinnen an der Sexyness von Stars wie Lady Gaga, Rihanna und Miley Cyrus teilhaben möchten“, indem sie deren Posen nachstellen. Conny Schulte, Geschäftsführerin der Bonner Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt, sieht das Problem so: "Egal ob die Bilder freiwillig entstanden sind oder heimlich in der Umkleide: Wenn intime Fotos von Mitschülern über das Internet und Smartphones verbreitet werden, ist das ein spezieller Fall von Cybermobbing." (PK)
 
Dr. Albert Wunsch ist Psychologe und promovierter Erziehungswissenschaftler, Diplom Pädagoge und Diplom Sozialpädagoge, Kunst- und Werklehrer und lehrt seit 2004 an der Katholischen Hochschule NRW in Köln. Außerdem hat er Lehraufträge an der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf und an der Hochschule für Ökonomie und Management (FOM) in Essen / Neuss. Er arbeitet in eigener Praxis als Paar-, Erziehungs-, Lebens- und Konflikt-Berater sowie als Supervisor und Coach (DGSv). Er ist Vater von 2 Söhnen und Großvater von 3 Enkeltöchtern. Weiter infos: www.albert-wunsch.de


Online-Flyer Nr. 442  vom 22.01.2014

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