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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Literatur
Ich nehme einen letzten Schluck aus meinem Weinglas
Liebesbrief zum Jahreswechsel
Von Gisela Segieth

Wir haben gleich Jahresbeginn und ich sitze hier, versunken in meine Gedanken, unfähig irgendetwas andres zu machen. Dann fällt mein Blick auf dein Antlitz ...

Rein, weiß und unschuldig liegst du da, und ich traue mich kaum dich in die Hände zu nehmen, so zerbrechlich kommst du mir vor; gerade wie neugeboren.

Dabei las ich doch soeben, dass du bereits vor anderthalb Jahren zur Welt kamst.

Seltsam!
Ob man sich dabei getäuscht haben mag?

Ich weiß es nicht, und du selbst kannst mir diese Frage nicht beantworten, denn zu reden hast du bis heut' nicht gelernt.

Doch egal, was mache ich nun mit dir?

Ich schaue dich an, immer wieder aufs Neue, zweifelnd, doch innerlich von dir angetan.

Wie gerne würde ich dich berühren, wie gerne würde ich dir all das anvertrauen was mir durch den Kopf geht.

Soll ich es machen?

Oder wäre genau dies ein Fehler, den ich nicht wieder gut machen könnte?

Ich weiß es nicht, doch ich muss mich entscheiden. Denn dich weiter nur anzustarren macht keinen Sinn. Dazu bist du nicht da und dazu reicht meine Zeit auch nicht aus.

Ich nehme einen letzten Schluck aus meinem Weinglas, sorgsam darauf achtend, dass kein noch so kleiner Tropfen daneben geht. Denn er könnte dich berühren und dann wärst du hin. Das aber darf nicht geschehen!

Einer Eingebung folgend berühre ich dich. Zart bist du wie ein Kinderpopo.

Dann hebe ich dich hoch, du bist leicht wie eine Feder. Ich rieche an dir, du riechst gut, rein, unschuldig und auch frisch, gerade so wie du auch ausschaust.

Ich lege dich wieder vor mich, ganz nah zu mir auf den Tisch.

Soll ich es wirklich wagen? Wie gerne möchte ich es ...

Plötzlich und ohne Vorwarnung greife ich nach meinem Füllfederhalter und beginne in schönster Schrift auf dir zu schreiben: „Geliebtes Blatt Papier, wie sehr liebe ich dich, deinen Duft, deine Schönheit und Leichtigkeit. Bitte verzeih, was ich mit dir mache, doch ich muss es tun, da es sonst andere tun. Ich weiß, du bist dazu da meine Worte und Gedanken aufzunehmen, doch ich weiß ebenso, dass ich dich damit zerstöre … - denn nie wieder wirst du so unschuldig rein wie zuvor vor mir liegen ...“

Ich schreibe und schreib, so schön ich nur kann, das ganze Blatt voll.

Dann nehm' ich es auf, schau' es mir an und verstecke es schnell, damit es außer mir keiner sieht. Denn wer hätte schon Verständnis dafür, dass ich einem kleinen Blatt Papier einen Liebesbrief schreibe?

Ob es jemals wieder einen solchen Neujahrstag für mich geben wird? Wer weiß... .(PK)
 
Gisela Segieth schickt uns gelegentlich eins ihrer Gedichte. Diesmal eine nicht gereimte Kurzgeschichte.


Online-Flyer Nr. 439  vom 01.01.2014

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