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Aktueller Online-Flyer vom 12. Dezember 2017  

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Literatur
Der Imperator und die Macht des Bösen
Ein modernes Märchen
Von Wolfgang Bittner

Alle Kameras richteten sich auf den großen Helikopter, der aus der Bläue des Himmels herabsank und sanft auf dem tiefgrünen englischen Rasen aufsetzte. Mehrere goldbetresste Lakaien schoben die mit dem eindrucksvollen Werbebanner einer bekannten Getränkemarke verzierten Türen auf und einer legte sich als Tritt davor. Heraus stieg der Imperator mit seinen beiden Hunden und seiner Gattin.
 
Ein Lächeln um die Mundwinkel, schlenderte der Herrscher in der Pose eines überalterten Yale-Studenten, eine Hand in der Tasche seines Sportsakkos, den Mikrophonen entgegen. Vernehmbar entrang sich Hunderten von Kehlen bewunderndes Aufstöhnen. Siegessicher, selbstbewusst, schaute das Oberhaupt im Blitzlichtgewitter in die Menge der Reporter, die sich gleich darauf den beiden Hunden und der nach letztem Pariser Schick gekleideten, hektisch winkenden Gattin zuwandten.
 
„Meine lieben Landsleute“, begann der Imperator dann, „wir leben in schwerer Zeit, umgeben von Feinden, die uns den mühsam erarbeiteten Wohlstand neiden, ja streitig machen. Es gilt, auf der Hut zu sein, gerade jetzt in unserer Wachsamkeit und Abwehrbereitschaft nicht nachzulassen, um jeden Andersdenkenden zur Strecke zu bringen.“ Applaus brandete auf, hier und da waren Hochrufe zu vernehmen.
 
Der Imperator winkte huldvoll, zog fast unbemerkt einen Zettel aus der Tasche und fuhr fort: „Wie ihr wisst und wie euch schon mein verehrter Vorgänger nahe gebracht hat, führen wir einen immerwährenden Existenzkampf, einen Kreuzzug auf Leben und Tod, einen Krieg des Guten gegen das Böse. Wir, die wir die Zivilisation verkörpern, sind angetreten gegen die Barbarei, die uns bedroht. Wie immer, sind selbstverständlich Moral, Sitte und Anstand auf unserer Seite, und wir werden nicht, niemals, nachlassen in der Anstrengung, die Fahne der Freiheit hochzuhalten. Gott segne unsere Fahne! Gegen Kameltreiber, Weicheier und Kalaschnikows! Wir werden sie einsaften und verdampfen, alles plattmachen, keinen Stein auf dem andern lassen! Gott segne unser Land!“
 
Donnernder minutenlanger Beifall.
 
Nun trat ein ordengeschmückter vierschrötiger General an die Mikrophone und räusperte sich. Nachdem der Beifall abgeebbt war, begrüßte er den Imperator mit einer Ehrenbezeugung und Handschlag. Er winkte einigen kleinen Mädchen, die seitwärts Aufstellung genommen hatten und rasch herbeiliefen, um dem Oberhaupt Blumensträuße zu überreichen. Erneuter Applaus übertönte ein paar Schüsse im Hintergrund, wo einer der Anwesenden missverständlich in die Tasche gegriffen und dadurch die Aufmerksamkeit der Bodyguards auf sich gezogen hatte.
 
„Liebe Landsleute, liebe Freunde, Kameraden!“, sprach jetzt der General mit fester Stimme. „Die Macht des Bösen, diese Verschwörung des Antichristen, muss gebrochen werden. Dazu stehen uns Dank der Unterstützung unseres Imperators und natürlich unserer Rüstungsindustrie sämtliche Mittel zur Verfügung. Wir werden die Frevler zur Rechenschaft ziehen, die Agitatoren des Terrors, diese Ausgeburten der Hölle, die unseren Wohlstand und unsere Freiheit bedrohen! Wir stehen für technisch ausgereifte Industrieprodukte, für international verfügbare Konsumgüter und Genussmittel sowie für eine fantastische Unterhaltung. Heutzutage braucht niemand mehr im Sandkasten zu spielen oder auf einem Esel zu reiten, geschweige denn zu Fuß zu gehen. Wir werden das zu verhindern wissen!“ Spontaner Beifall unterbrach die Rede, Rufe wie „Es lebe die Freiheit!“ oder „Tod den Gott-losen!“ waren zu vernehmen.
 
„Wir eliminieren jeden, der sich uns in den Weg stellt!“, fuhr der General mit erhobener Stimme fort. „Neue Waffensysteme der Kategorien A bis Z sind in der Entwicklung und werden demnächst zum Einsatz gebracht. Dank gebührt besonders unseren heldenmütigen Soldaten, unseren Agenten, Spionen und Lockspitzeln – wir beten für sie –, die überall in der Welt für unsere Sache kämpfen, in unermüdlichem Einsatz zum Wohl unseres großen Volkes, unserer Wirtschaft und der Rüstungsindustrie!“
 
Ein dreifaches donnerndes Hoch folgte diesen ergreifenden Ausführungen. Danach legten alle ihre rechte Hand aufs Herz und lieblich klang die Nationalhymne durch den weitläufigen, von Panzerspähwagen und Flugabwehrgeschützen gesäumten Park.
 
Anschließend begaben sich der Imperator, seine beiden Hunde und seine Gattin wieder zum Helikopter, der sich mit ihnen in der Unendlichkeit des Himmels verlor, eskortiert von den Kondensstreifen der Abfangjäger. Und wenn der Imperator nicht vor Aufgeblasenheit geplatzt ist, dann leben er, seine beiden Hunde und seine Gattin noch heute. (PK)
 
In dem Artikel von Luz María De Stéfano Zuloaga de Lenkait "USA und Bonn Jahrzehnte gegen den ANC" können Sie einen Imperator auf einem Foto finden, der den Autor zu diesem Märchen angeregt haben dürfte. Die Redaktion


Online-Flyer Nr. 437  vom 18.12.2013

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