NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

zurück  
Druckversion

Krieg und Frieden
Buchvorstellung der FrauenWegeNahost in Aachen
Palästinas Kinder und die Militärjustiz Israels
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

In keinem anderen Land der Welt werden Kinder vor Militärtribunale für Minderjährige gestellt. Das gibt es nur in der angeblich einzigen Demokratie im Nahen Osten, in Israel. Seit 46 Jahren gilt für die in den widerrechtlich besetzten Gebieten lebende Bevölkerung zweierlei Recht. Für die einen Zivilrecht und für die anderen Militärrecht. Das Ergebnis dreier englischsprachiger Studien über die Anwendung von Militärjustiz auf Minderjährige hat die Vereinigung FrauenWegeNahost in einer deutschsprachigen Broschüre zusammengetragen, die sie mit eigenen Erfahrungsberichten im Oktober auf Einladung des Euregioprojekts Frieden in Aachen vorstellte.


Einstellungen aus dem Film Alone


Muhannad, 13 Jahre:
Komm mit, sagte der Soldat, und ich bat ihn, eine Minute zu warten.
Dann nahm er mich mit, fesselte meine Hände, verband mir die Augen und steckte mich in den Jeep.


Straßenszene in Hebron: mindestens 7 schwerbewaffnete Soldaten stürzen sich auf einen wehrlosen Minderjährigen, reissen ihn zu Boden, knien auf seinem Körper, Kopf und Hals... Aufgeregtes Geschrei...


Frisch gedruckt liegt die zweite Auflage der Broschüre „Palästinensische Minderjährige in den Fängen der israelischen Militärjustiz“ im Haus der evangelischen Kirche zur Ansicht und zum Kauf aus. Für nur fünf Euro ist das straffe, in vier Teile gegliederte Übersetzungswerk zu erwerben, zum Lesen und Weiterreichen. Die Vortragenden des Abends sind Mitwirkende von FrauenWegeNahost, Ulrike Vestring, Sabine Werner, Suraya Hoffmann, Rose Kasabre und das ehemalige Mitglied des Aachener Friedenspreises, Hamdi Bajah. In sehr persönlichen Schilderungen bestätigen sie die Notwendigkeit, die üblen Methoden der Mißhandlung von Minderjährigen öffentlich zu machen, denn die drei Untersuchungsberichte von UNICEF (März 2013), des UN-Kinderrechtskomitees (Juni 2013) und die im Original 140 Seiten umfassende Studie von DCI-P (der 1979 im Jahr des Kindes gegründeten Organisation Defense for Children International, Sektion Palästina) könnten ohne weitere Konsequenzen in administrativen Schubladen verschwinden, obschon sie mit Geldern der Europäischen Union gefördert wurden. Deshalb müsse Öffentlichkeit hergestellt werden. Und das geschieht auf eindrucksvolle Weise. Auf nur 72 Seiten geben die Macherinnen ausgewählte Abschnitte der brisanten drei Berichte sowie Augenzeugenberichte aus dem zwischen Ramallah und Jerusalem gelegenen Militärgericht von Ofer wieder. Abgerundet wird der Abend durch den knapp zehnminütigen Kurzfilm „Alone“ (Alleingelassen) von DCI-P, in dem betroffene Jugendliche und Familienangehörige, Rechtsanwälte und Betreuer eines Rehabilitationsprojekts zu Wort kommen.

Schätzungsweise 7.500 Minderjährige wurden seit dem Jahr 2000 inhaftiert, verhört und ins Gefängnis gesperrt – im Rahmen dieses Militärsystems, heißt es im Film „Alone“ von DCI-P. Zu sehen ist eine Straßenszene in Hebron: mindestens 7 schwerbewaffnete Soldaten stürzen sich auf einen wehrlosen Minderjährigen, reissen ihn zu Boden, knien auf seinem Körper, Kopf und Hals... Aufgeregtes Geschrei. Ulrike Vestring berichtet: Bevor die minderjährigen Gefangenen im Gerichtssaal zu sehen sind, sind sie zu hören: wie Schwerstverbrecher sind sie mit Ketten an den Füssen zu mehreren aneinander gefesselt. Je angeklagten Minderjährigem sind zwei Familienangehörige zugelassen. Das Mitbringen von Papiertaschentüchern ist verboten.

Gängige Praxis ist die nächtliche Verhaftung, das Eindringen schwer bewaffneter Soldaten, auch mit Hunden in die familiäre Intimsphäre. Mädchen und Jungen in Angst nässen ein, Eltern erscheinen als nicht fähig, ihren Kindern Schutz zu gewähren. Vor Gericht sind sie dann ohnehin einsam und allein. Ohne Eltern und ohne Rechtsanwalt. Vorwurf bzw. Anklagegrund ist in der Mehrzahl aller Fälle das Bewerfen von Militärfahrzeugen mit Steinen. Geständnisse werden unter Schlägen und Mißhandlungen erpresst oder mit dem Versprechen sofortiger Freilassung erschwindelt. Minderjährige leisten Unterschriften auf ihnen vorgelegte Geständnisse in hebräischer Schrift, die sie nicht verstehen.


Buchvorstellung in Aachen am 14. Oktober 2013
Fotos: arbeiterofotografie.com

Behandlung mit Elektroschockgeräten, 65 Tage Einzelhaft, Bedrohung mit dem Tod durch Erschießen oder aus dem Fenster werfen, Bedrohung mit Vergewaltigung, ... mit Hunden ... gefesselt mit verbundenen Augen, Transport auf dem Boden von Militärjeeps, bedroht, verspottet, (mit Gewehrkolben) geschlagen, ... Diese und unvorstellbar  weitere, als Folter geltenden Methoden gleiten nicht spurlos an den Minderjährigen ab. Sie haben Folgen. Fallstudie 5 ist die des 16jährigen Mohammad, der in Isolationshaft mit Dauerbeleuchtung eingesperrt war. Nachdem er ohne Vorankündigung in der Nähe eines Checkpoints fernab von zu Hause freigesetzt wurde, berichtet seine Mutter: „Er ist nicht mehr derselbe Junge. Er hat sich sehr verändert. Er bleibt stundenlang allein, starrt vor sich hin und sagt nichts. Er will nicht mit uns essen und schläft sehr viel. Er hört sich Gefängnislieder für Erwachsene an. Er bricht mir das Herz. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich würde alles tun, damit Mohammad wieder glücklich ist."


Buchvorstellung in Aachen am 14. Oktober 2013

Der Psychoterrorismus des dafür verantwortlichen israelischen Staates hat Methode. Nader Abu Amsha vom East Jerusalem YMCA Rehabilitation Programme stellt (im Film „Alone“) fest: In vielen Fällen werden Mütter und Väter vor den Augen ihrer Kinder geschlagen. Das macht Kinder ohnmächtig angesichts der militärischen Macht und Gewalt. Der Zweck der Übergriffe sei weit mehr als Informationsgewinnung. Der Zweck sei, die Kinder zu brechen, damit sie ihr weiteres Leben in Angst und Verwirrung zubringen, damit aus ihnen eine inaktive und unproduktive Generation werde.

FrauenWegeNahost: „Nein, es handelt sich nicht um kriminelle Übergriffe Einzelner, sonderen um die Entrechtung und Entwürdigung eines Volkes unter militärischer Besatzung, praktiziert an Kindern, seinen verwundbarsten Gliedern.“

Im Juni 2013 ergänzt das UN-Kinderrechtskomitee zur Untersuchung der Einhaltung der UN-Kinderrechtskonvention: „Das Komitee ist zutiefst besorgt über Berichte von gewohnheitsmäßiger Folter und Misshandlung palästinensischer Minderjähriger, die vom Militär und von der Polizei verhaftet, angeklagt und gefangen gehalten werden. Mit eben solcher Sorge nimmt das Komitee zur Kenntnis, dass der Staat Israel es trotz der zahlreichen Vorhaltungen von UN-Organisationen weiterhin versäumt, dieser Praxis ein Ende zu setzen.“ 

„75 Jahre – des Terrors, der Morde, des Landraubs, des Rassismus… eine Anklage, die keine Entschuldigungen wegen anderer Verbrechen zuzulassen bereit ist.“ (Dr. Viktoria Waltz)

Bewußtseins-Spaltung der israelischen, der deutschen und anderer Bevölkerungen und der humanitären Bewegungen in Deutschland sind die Folge der Verdrängungspsychologie. Friedensbewegung, Flüchtlingsorganisationen, Antifa- und Antirassismus-Organisationen klammern aus, was sie nicht sehen wollen. Die ethnische Säuberung Jerusalems. Häuserzerstörungen... Die SPD pflanzt einen Wald in den besetzten Gebieten, Die Linke akzeptiert die israelische Politik „bedingungslos“. Aber die „Schmetterlingsbewegung“ und die „Hoffnungsvögel“ geben nicht auf, für die Unveräußerlichkeit und Unteilbarkeit geltenden Rechts einzutreten – zumal für die Schwächsten der Gesellschaft. (PK)


Broschüre bestellen bei Sabine Werner, frauenwege@outlook.de
Format A5, 72 Seiten mit Fotos, 5 Euro zzgl. Versand


Hinweise:

www.euregioprojekt-frieden.org
Euregioprojekt Frieden e.V. Aachen (weitere Veranstaltungen und Hinweise auf das Projekt Hoffnungsvögel der FrauenWegeNahost über die sprachtherapeutische Arbeit mit traumatisierten Frauen und Kindern in Gaza)
www.euregioprojekt-frieden.org/index.php/friedenswerkstadt/8-hauptmenue/friedenswerkstadt/nahost/64-hoffnungsvoegel

Interview des Belgischen Rundfunks BRF mit Vera Thomas-Ohst (Vorsitzende des Euregioprojekt Frieden e.V. Aachen)
http://brf.be/nachrichten/regional/667365/

www.dci-palestine.org
Film „Alone“ und der Report „Bound, Blindfolded and Convicted: children held in military detention“ www.dci-palestine.org/sites/default/files/report_0.pdf

www.terramedia-online.de
Film von Stefanie Landgraf und Johannes Gulde „Wir weigern uns, Feinde zu sein“
Lotty Camermann in einer Schlußeinstellung des Filmes: „Ich bin ein Enkelkind und eine Tochter von Holocaust-Überlebenden. Ich persönlich sehe mich nicht als Opfer – ich weiß, dass meine Familie es war. Ich sehe mich als Israelin, da ich eine Bürgerin des Staates Israel bin, verantwortlich für das Leid der Palästinenser, ich finde keine Ausrede dazu. Keiner von uns ist mehr Opfer... Und ich finde vieles, was wir hier machen, ist grauenhaft. Und wir müssen ein moralisches Israel haben, das auf jüdischen Werten beruht. Das, was wir heute haben, hat nichts mit jüdischen Werten zu tun.“

http://www.palaestina-portal.eu
ISRAEL. Politische Raumplanung Ethnozentrismus Rassismus. MONOPOLY OHNE GRENZEN. Buch der ehemaligen wissenschaftlichen Mitarbeiterin am Institut für Raumplanung der Universität Dortmund, Viktoria Waltz (als pdf) Vorwort Dr. Ludwig Watzal

Lösungen – Ein-Staat-Lösung

Petra Wild
APARTHEID UND ETHNISCHE SÄUBERUNG IN PALÄSTINA
Der zionistische Siedlerkolonialismus in Wort und Tat

Dass es dennoch einen Silberstreif am Horizont gibt, zeigt das Abschlusskapitel zur Debatte über die Ein-Staat-Lösung, wie sie unter Palästinensern, antizionistischen Israelis und Aktivisten der internationalen Solidaritätsbewegung geführt wird. Angestrebt wird die Errichtung eines demokratischen säkularen Staates auf dem Boden des historischen Palästinas, in dem muslimische, christliche und drusische Palästinenser sowie jüdische Israelis auf der Basis von gleichen Rechten zusammenleben. (Buchinfo)

Nach Ilan Pappé und Shlomo Sand nun endlich ein Buch von einer deutschen Wissenschaftlerin. (...) Endlich ein Buch, das den Siedlerkolonialismus zentral thematisiert, das die Parallelen zu siedlerkolonialistischen Geschehnissen wie der Eroberung Amerikas, der Vertreibung und weitgehenden Ausrottung der Urbevölkerung Australiens, den inzwischen zurückgedrängten Siedlungsaktivitäten der Franzosen in Nordafrika und der Buren in Südafrika deutlich macht. (Pressestimmen http://www.literatur.palaestina-heute.de)

http://www.breakingthesilence.org.il/
Breaking the Silence: Israelische Soldaten berichten von ihrem Einsatz in den besetzten Gebieten, Econ 2012
»Breaking the Silence« ist eine NGO, die von israelischen Veteranen gegründet wurde. Sie interviewten Soldaten und enthüllen schonungslos das Vorgehen der Armee in den besetzten Gebieten. Ein schockierendes Dokument.
Der Gründer von »Breaking the Silence« ist Protagonist in "Wir weigern uns Feinde zu sein" (s.o., Film von Stefanie Landgraf und Johannes Gulde)
Ausstellung »Breaking the Silence« in 2014 (organisiert von FrauenWegeNahost)

Weitere Veranstaltungen von Euregioprojekt Frieden:

Pulverfass Naher Osten – Analysen, Einschätzungen, Schlussfolgerungen
mit Michael Lüders, Berlin und Dr. Ghaleb Natour, Aachen
Moderation: Joachim Zinsen, Aachener Nachrichten
8. November 2013, 18.00 Uhr
Haus der Evangelischen Kirche, Frère-Roger-Straße 8-10, Aachen

Für den 14.12.13 ist in Aachen eine Tagung zum Thema Israel/ Palästina und Nahost geplant

Online-Flyer Nr. 429  vom 23.10.2013

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FOTOGALERIE