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Aktueller Online-Flyer vom 26. September 2018  

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Inland
„Uns geht‘s gut“, war das Motto von Mutti, und damit traf sie den entscheidenden Nerv
Sehnsucht nach Oldschool
Von Ken Jebsen

Wir schreiben das Jahr 2013. Die Bundestagswahl ist gerade über die Bühne gegangen, und alle sind irgendwie überrascht – oder auch nicht. Egal. Wichtig ist jetzt der Blick nach vorn. Die Karten wurden neu gemischt, und jetzt muss jeder sehen, was er auf der Hand hat, um Teams zu bilden.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de

 
Bis dahin passiert das, was immer passiert, bis wieder das passiert, was immer passiert, bis die nächste Wahl ansteht, und bis die bis dahin erneut gefrusteten Wähler wieder alles vergessen müssen, um überhaupt dazu gebracht werden zu können, erneut ihre Stimme einem System anzuvertrauen, das zwischen den Wahlen alles unternimmt, um sämtliches Vertrauen zu verspielen.
 
Ganz schön kompliziert dieser Satz, das stimmt. Doch das ist Absicht. Je einfacher die Fakten, desto verschrobener die Beschreibung. Das haben politischer Journalismus und Politik heute gemeinsam. Erkennen kann man diese Gemeinsamkeit vier Jahre lang, jeden Tag. Nur wer interessiert sich schon vier Jahre lang jeden Tag für Politik.
 
Politik soll nur dann für den „mündigen“ (?) Bürger interessant sein, wenn es darum geht, ihn wieder unmündig zu machen. Indem man ihn dazu bringt, seine Stimme in einer Urne zu beerdigen.
 
Ist die Wahl vorbei und die „neue“ Regierung noch nicht zusammengebaut, dann gibt es eine sehr kurze Chance, wirklich zu verstehen, was sich zuvor ereignet hat im Volk mit der Stimmabgabe. Diese ist bei aller Manipulation durch embeddete Massenmedien auch eine Art Sehnsucht nach Verhältnissen, die sich der Bürger herbeiwünscht, die dann aber nie kommen.
 
Die Wahlanalyse ist eine Art Halleyscher Komet. (1) Die Wahlanalyse ist nur von kurzer Dauer. Sie tritt nur zwischen Wahlergebnis und Bildung der Regierung ins Bewusstsein des Wählers – oder treffender: des Beherrschten – und spielt, kaum ist die Regierung gebildet, keine Rolle mehr. Das ist fatal, denn die Wahlanalyse ist mehr als nur ein Zeitvertreib, bis wir wieder wissen, wer mit wem die nächsten Jahre vorgibt, über unser Land zu regieren, als wenn die wirklichen Machthaber je zur Wahl gestanden hätten. Die Großkonzerne.
 
Spitzenpolitiker sind nicht wie Hollywood-Schauspieler. Sie sind Schauspieler, ja, aber sie spielen für die Wallstreet-notierten Global Player. 147 Firmen bestimmen auf diesem Planeten über Überleben und Tod.
 
Die Bundestagswahl 2013 hat in dieser Machtmaschine nur die Funktion, die Wahlen überhaupt haben. Sie sollen den beherrschten Massen das Gefühl geben, mitreden zu können. „Uns geht‘s gut“, war das Motto von Mutti Merkel, und damit traf sie den entscheidenden Nerv.
 
Wir konnten dieser Tage eine Menge Wahlanalysen in den unterschiedlichsten Gazetten und Foren lesen. Sie alle haben etwas gemeinsam. So zutreffend sie im Detail auch sein mochten, so vollständig daneben liegen sie in der Analyse. Dieses Danebenliegen, auf diesem Niveau, ist auch eine Kunst, und erinnert uns spontan an Schrödingers Katze. (2)
 
Der Beobachter ist immer Teil des Experimentes, das er selber beobachtet, so lehrt uns der Physiker Erwin Schrödinger. Hierdurch wird das Experiment manipuliert. Diese Erkenntnis gilt auch in der Soziologie. Ein Journalist, der eine Wahlanalyse publizieren muss, wird immer durch die latent vorherrschende Meinungssuppe des Lagers kontaminiert, dem er selber angehört. Kein Mensch ist davor sicher, denn kein Mensch kann wirklich solo, also zu 100% frei von sozialen Kontakten, überleben. Einzelhaft ist ungesund. Auch wenn das Essen vom Biobauern kommt.
 
Wahlanalysen haben nur dann einen Sinn, wenn man sie im großen Zusammenhang sieht. Nur dann wird aus dem Objekt ein Komet, der nicht aus dem Nichts kommt, sondern eine gigantische Kreisbahn beschreibt. Einen Rhythmus.
 
Rhythmus ist alles, denn alles ist Rhythmus. Wenn die Menschen das Gefühl haben, aus dem Tritt zu kommen, beginnen sie, kollektiv zu marschieren. Verunsicherung führt bei den Massen immer zur Konformität, und nichts ist dabei so trügerisch wie die Währung unserer Tage: Individualität. Wie wenig die Menschen individuell sind, wie wenig sie Freiheit aushalten können, hat die Wahl 2013 ganz hervorragend gezeigt.
 
Das Gefasel von Wählerwanderungen mag auf den ersten Blick überzeugen, nur sind die immer gleichen Floskeln für die immer gleichen Geschehnisse nichts anders als ein Indikator von Ahnungslosigkeit. Das ist wie mit Doktorarbeiten. Je dicker sie sind, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass der Verfasser am Guttenberg-Syndrom erkrankt ist. (3) Wir wissen aus der Soziologie von Gustave Le Bon: „Der Verstand sinkt mit der Masse der Versammelten.“(4) Paradox ist daran vieles. Unter anderem, dass der Wähler – solo und en Detail befragt – oft keinerlei Schimmer von Politik hat, sich dann aber bei der Wahl für „seine“ Partei „bewusst“ entscheidet, und diese Entscheidung für sich und vor sich ausschließlich auf Fakten begründet, die er nur aufgeschnappt hat, von denen er aber annimmt, sie würden der Realität entsprechen, da das von den embeddeten Massenmedien über Monate subtil so vermittelt wurde. Bild dir unsere Meinung.
 
In Wahrheit wählen die meisten Wähler weniger intellektuell denn intuitiv. Und hier wird es interessant. Was können wir in der großen Analyse aus der Bundestagswahl 2013 ablesen? Angst. Die Deutschen haben Angst wie schon lange nicht mehr. Diese Angst hat einen Grund. Die Deutschen sehen sich Europa an und müssen erkennen, dass es überall bergab geht. In Griechenland, Spanien, Portugal, Zypern, Italien. Und ein Ende ist nicht in Sicht.
 
Dann beginnen die Deutschen, etwas zu tun, was sie gut können. Sie üben sich in den Disziplinen Dichten und Denken. Sie denken, sie könnten dem Schicksal ihrer Nachbarn entkommen, indem sie sich eine Welt herbei dichten, wie sie früher war. Früher, als es noch eine Informationsflut gab. Als das Fernsehen unter der Woche nachts nur Testbild sendete, die Bild-Zeitung oder die FAZ die Welt erklärte, und das Internet noch nicht als Massenmedium erfunden war.
 
Die Wahl 2013 hat gezeigt: Speziell die Deutschen wollen zurück. In den Bewusstseinszustand, der unter Helmut Kohl fast 20 Jahre für Friede, Freude, Eierkuchen gesorgt hatte. Die CDU wird wieder zur Volkspartei und kassiert Stimmen ausgerechnet von denen, die von der CDU-Politik zuvor massiv beraubt wurden und auch weiterhin werden. Der Mittelstand, der maximal unter der „Bankenkrise“ zu leiden hatte und leidet, wählt die CDU, um nicht erneut zur Kasse gebeten zu werden. Genauso gut könnte man Exxon wählen, um endlich dafür zu sorgen, dass in der Reisezeit nicht alle Benzinanbieter die Preise erhöhen und dafür jedes Jahr dieselben Rechtfertigungen erfinden.
 
Der Erfolg der AfD ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Deutschen auf einem Stresslevel leben, dem sie nur noch glauben entrinnen zu können, indem sie in die D-Mark flüchten. Wobei D-Mark eben mehr ist als die Abwesenheit vom Euro. D-Mark ist wie früher. Da weiß man, was man hat. Man weiß auch, was man nicht hat, und überhaupt war alles entschleunigter. Warum Entschleunigen? In Zeiten der NSA-Maximalerfassung? Nun, die NSA-Affäre hat während der Bundestagswahl 2013 deshalb keine echte Rolle gespielt, da die meisten Wähler aus eigener Sicht gar nicht betroffen sind. Sie haben zwar ein Mobiltelefon. Aber das Internet als Ort, den sie jeden Tag über Stunden betreten, der so selbstverständlich ist wie Autofahren, davon sind die Massen in der BRD weit entfernt. Deutschland hat eine Bevölkerung, die sich stark auf den Ruhestand zubewegt. Das Durchschnittsalter liegt bei 43. (5) Zum Vergleich. Im Iran leben rund 75 Millionen Menschen. Durchschnittsalter unter 24.(6) Das erklärt, warum der Iran im Nahen Osten das zweitaktivste Land im Netz ist. Nur Israels Bürger surfen mehr. (7)
 
Das Internet war DAS Thema, mit dem die Piraten bisher gepunktet haben. Hätten sie bei der Bundestagswahl 2013 massiv gepunktet, z.B mit einem zweistelligen Ergebnis, hätte das niemanden gewundert. Im Gegenteil. Die Herde der Wahlbeobachter hätte sich auf das Argument eingeschossen, den Deutschen sei die Freiheit sehr sehr wichtig, und dabei spielt das Internet heute den entscheidenden Faktor. Alle hätten dieses Argument als schlüssig abgenickt. Jetzt sind die Piraten die eigentlichen Verlierer der Wahl, und nicht wie sonst breitgetreten berichtet, die Rest-FDP. Dass die Piraten in die Bedeutungslosigkeit gerutscht sind, hat schlicht damit zu tun, dass die Deutschen bei Computern vor allem an teure Laptops denken, die sie sich auch morgen noch leisten können wollen. Um darauf DVDs zu sehen oder sich in Videospiel-Welten zu verlieren. Das Thema „Datensicherheit“ spielt nicht eine untergeordnete Rolle – sondern gar keine. Frappierend. Zumal die Kanzlerin und ihr Bundespräsident, also der Mann, nach dem die Gauck-Behörde benannt wurde, sehr sehr gut wissen, was ein Spitzelstaat bedeutet.
 
Dennoch spielt für den Durchschnittsdeutschen Bespitzelung keinen echte Rolle. Das hat es nie. Die DDR ist nicht wegen der Stasi untergegangen, sonder wegen Mangel an Videorecordern, Malboros, West-Jeans, Bananen und VW-Golfs. „Heim zu Mutti“ bedeutet für den, der sich für die CDU entschieden hat: Alles soll wieder so werden wie früher, als wir das alles noch gar nicht wissen konnten. Oder nur mit viel mehr zu betreibendem Aufwand. Heute ist die bittere Realität nur einen Tastendruck entfernt. Nur haben die Massen jetzt die Ausrede, dass sie in der Flut der Informationen nicht mehr durchsteigen. Es sei denn, es handelt sich um ein Fußball-App. Das kann nicht komplex genug sein. (8)
 
FDP. Bei der FDP konnte man in der Elefantenrunde immer wieder die Frage hören, woran es diesmal gelegen habe. Die naheliegendste Antwort fiel dann aber nie: An der FDP. Liebe Ex-FDP-Spitzen, schauen Sie in den SPIEGEL. Sehen sie nicht das, was wir sehen? Menschen, die völlig abgekoppelt von der Wirklichkeit glauben, ausgerechnet sie wären die Zukunft der Freiheit in diesem Land. Wenn in Hollywood aus einem Vollspießer Superman werden soll, verwandelt sich der Schauspieler und erhält Superkräfte. Würde er ohne all das als Superman arbeiten wollen, wäre das wider Willen Teil der Nackten Kanone 3,5. Liebe FDP, melden Sie sich in Hollywood. Die Studios suchen immer Leute, die die Firmenwagen parken. Da waren die teuren Anzüge nicht völlig umsonst. Aber wo sind sie hin, die FDP-Wähler? Zu Merkel und zur AfD ! Mutti Spießertum trifft auf Onkel Oldschool.
 
Und was hat den Grünen den Garaus gemacht? Ihre Steuerpläne? Ja und Nein. Die Steuerpläne wären kein Problem gewesen – vor 25 Jahren. Inzwischen aber sind die Grünen eine Art Sonderausgabe der CSU. Nur dass man nicht BMW X5 fährt, sondern Saab Cabrio oder Volvo. Die Grünen-Stammwähler sind zu Geld gekommen, und da hört der Idealismus auf. Konservative sind Liberale, bei denen man einmal eingebrochen hat. Grüne sind CSUler, von denen die Kohle noch nicht in der Schweiz angelegt wird.
 
SPD? Was ist das? Arbeiter sterben in der BRD weg, und die, die es noch gibt, können sich in Peer Steinbrück nicht erkennen. Peer ist eher eine Art Investor mit menschlichem Antlitz. Er würde unter der Woche auch zu den Arbeitern sprechen. Wenn die sich sein Honorar leisten könnten.
 
Die Linke. Linke haben alle etwas gemeinsam. Ihr persönliches Ego ist ihnen wichtiger als alles, für was sie vorgeben zu kämpfen. Ja, es gibt Ausnahmen. Die gibt es immer, aber mit den Linken ist es wie mit „Wetten dass?“. Wenn der Gottschalk der Linken, Gregor G., aussteigt, ist das Format tot. Leider. Und auch bei den Linken haben sich die bereits abgewanderten Wähler für konservative Parteien entschieden.
 
Angst essen Seele auf. Und was können wir diesem Ergebnis entnehmen? Du kannst jahrelang selber die Bevölkerung zum Narren halten, indem du selber jene vertrittst, die das Volk berauben. Du selber kannst das Epizentrum der Verunsicherung durch Veruntreuung sein. Hauptsache du stellst dich im Wahlkampf vor die Massen und machst auf Mutti. Die Frau, die gekommen ist, um wieder Recht und vor allem Ordnung wieder herzustellen. Z.B. mit einem Mittel, dass man noch keine vier Wochen vor der Wahl als völlig inakzeptabel propagiert hat:
 
Steuererhöhungen. (9) Was für ein mieses Spiel. Billig, dreist, aber immer wieder vom Erfolg gekrönt. Aber wird sich dieser Erfolg wirklich einstellen? Auf gar keinen Fall. Und hier liegt der elementarste Fehler der Massen. Sie sind so dumm, dass sie ihrem eigenen Untergang sehenden Auges entgegen wanken. Wie das? Nun, Merkel hat den Deutschen erneut eine Illusion verkauft. Die Illusion, alles wird gut, ohne dass wir grundlegend am Kurs dieses Systems etwas ändern müssten. Dieses System ist die Titanic. Allerdings nachdem sie den Eisberg gerammt hat. Dieser Kahn säuft ab. Das ist keine neue Erkenntnis, sondern simple Mathematik. Simple Logik. In diesem System geht es vor allem um Gewinne. Nur wer seine Gewinne immer weiter und weiter und weiter und weiter steigert, überlebt in diesem System.
 
Wie werden diese Gewinne gemacht? Indem man aus Menschen Dinge macht. Man holt alles aus ihnen heraus, indem man sie dazu verdammt, alles aus diesem Planeten herauszuholen. Um jeden Preis. Als Marx diese Mechanik des Kapitalismus vor über 150 Jahren in den Elendsvierteln Englands bereits erkannte und niederschrieb, lebten auf diesem Planeten rund eine Milliarde Menschen. Heute lebt über eine Milliarde Menschen im völligen Niedergang, während wenige Tausend Milliardäre zusammen soviel besitzen wie 80% von einer Gesamtbevölkerung, die unlängst die sieben Milliardenmarke geknackt hat. (10)
 
0,0000003 Prozent der Erdenbürger besitzen demnach genauso viel wie der Rest der Menschheit. Diese Wenigen stellen alles und jeden, der dann in diesem System etwas zu melden hat, wobei das Wort melden täuscht. Er nimmt selber Befehle entgegen, und verkauft diese z.B. dem Wähler als dessen Wunsch. In diesem System reicht es den Reichen nie. Sie werden nicht satt, weil sie nicht wollen. Sie geben nicht auf, weil sie nicht können. (11)
 
Wer ganz oben überleben will, kann das nur, indem er die Konkurrenz gnadenlos kaputt macht. Dass bei diesem Machtkampf auf der Kommandobrücke die Titanic mit ihm selber an Bord absaufen muss und wird, wird in der Ersten Klasse schon nicht mehr bemerkt. Wie auch. Man ist zu sehr damit beschäftigt, den Job des Käpt‘ns zu ergattern. Das System steckt nicht in der Krise. Das System IST die Krise.
 
Diese elementare Erkenntnis brachte Jutta Ditfurth 1991 dazu, als Urgestein der Grünen diese wieder zu verlassen. 2010 schrieb sie ein Buch mit dem Titel „Zeit des Zorns“, für das wir hiermit eine Lese-Empfehlung aussprechen. (12) Warum? Weil es dem Leser klar macht, dass es kein Entrinnen gibt, wenn er sich weiter auf den Käpt‘n eines Titanic-Systems verlässt.
 
Wie frisiert heute insbesondere das grüne Hirn funktioniert, kann man leicht am Begriff Ökologie festmachen. Bei Ökologie denken die meisten Menschen heute an eine weniger vergiftete Umwelt. An den eigenen Schrebergarten hinter‘m Haus. An selbst angebautes Gemüse. Ökologie war aber mal ein Begriff, der viel weiter gefasst war und der den Menschen als Teil der Natur im Kern seiner Forderungen begriff. Was nützt der schönste Bio-Garten, wenn der Mensch, der ihn beackert, noch weniger Hobbygärtner ist, sondern mehr in Deckung geht, da er z.B. an seinem Arbeitsplatz kaputt gemacht wird. Tierschutz und artgerechte Haltung von Nutztieren kann heute von keiner Partei mehr vernachlässigt werden - während die artgerechte Haltung des Menschen überhaupt keine Rolle mehr spielt. Warum nicht? Weil die artgerechte „Haltung“ des Menschen im Kapitalismus überhaupt keine Rolle spielen darf. Art & Haltung für das Produktionsmittel, umgangssprachlich Mensch genannt, wären das Aus für den Kapitalismus. Oder, wie es Dieter Hildebrand mal sarkastisch ausdrückte, als er einen CDU-Slogan neu interpretierte: „Der Mensch ist Mittelpunkt“, ja, aber man muss den Punkt auch an der richtigen Stelle machen. „Der Mensch ist Mittel. Punkt.“
 
Angela Merkel hat es geschafft, den Deutschen erneut zu verkaufen, sie würden als Top-Angestellte in der Ersten Klasse der Titanic zwar Einschränkungen hinnehmen müssen, aber es wäre Land in Sicht. Dieses Land existiert tatsächlich. Nur liegt es hinter dem Schiff. Es ist weiß und hat vor wenigen Minuten ein riesiges Loch unterhalb der Wasserlinie gerissen. Aber das will man an Deck nicht hören. Von daher ist es auch nicht gern gesehen, wenn jemand es wagen sollte, mal dezent nach den Rettungsbooten zu fragen.
 
Zorn ist nicht Wut. Wut macht blind, während Zorn als purer Geschmacksverstärker die Augen für den Status quo öffnen kann. Georg Schramm könnte das bestätigen. (13) Aber auch die Metapher der Titanic greift zu kurz. Der Heisenberg-Schüler und ehemalige Direktor des Max-Planck-Institutes für Physik, Hans-Peter-Dürr, nennt das, was wir heute immer noch als Realität wahrhaben wollen, „Alte Physik“ Alte Physik führt alles auf den Urknall zurück. Auf Ursache und Wirkung. Nur ist das Geheimnis von Existenz weit mehr. Es ist vor allem Wechselwirkung. Es ist Bewegung. Fluss. Kommen und Gehen in einem. Wer das Leben – wie unser System das vornimmt – nur auf Ursache und Wirkung reduziert; wer glaubt, maximale Gewinne machen zu können, ohne dabei maximale Verluste einzufahren, ist ein Schwachkopf. Allerdings ein Schwachkopf, der im vermeintlichen Wohlstand lebt. (14)
 
Diese Art, die Welt als reine Ware zu sehen, dieses „Mach dir die Erde untertan“-Denken, wird diese Spezies in den Untergang treiben. Dass Intellekt Dummheit nicht ausschließt, konnte Dürr schon sehr früh erfahren, als er 1965 beim Vater der Atombombe, Edward Teller, promovierte. Edward Teller vertrat gegenüber Dürr die Auffassung, dass der ewige Friede auf Erden dann gewährleistet sei, wenn der „Beste“ in der Lage wäre, den Rest der Menschheit mittels Atombombe gleich mehrfach in die Luft zu sprengen. Militärische Überlegenheit als Garant für Freiheit. Gleichheit. Brüderlichkeit.
 
Wir alle, allen voran die Deutschen, sind auf einem Holzweg, wenn wir glauben, technologischer Fortschritt würde uns davor retten, auf diesem Planeten unterzugehen. Das ist ein Trugschluss, wie er jedoch von der Physikerin Merkel vertreten wird. Merkel muss sich nicht um ihre Nachkommen Sorgen machen. Sie hat ja gar keine.
 
Die aktuelle Bundestagswahl hat gezeigt, dass ein Großteil der Deutschen nicht bereit ist, sich mit der Wirklichkeit auseinander zu setzen. Sie haben Sehnsucht nach Oldschool und hassen geradezu jene, die ihnen ihretwillen schonungslos die Wahrheit ins Gesicht sagen. Einer der größten deutschen Juristen der Nachkriegszeit, Fritz Bauer, der Mann also, der die Deutschen in den 60er Jahren über die Auschwitz-Prozesse mit der eigenen, verdrängten Geschichte konfrontiere, sagte einmal: „Ich selber kann eigentlich nur sagen, dass das Bekenntnis zum Recht und auch das persönliche Engagement, jedenfalls für mich, als das Entscheidende schien. Und ich möchte eigentlich wünschen, dass junge Menschen heute vielleicht den selben Traum vom Recht besäßen, den ich einmal hatte. Dass sie das Gefühl haben, dass das Leben einen Sinn hat, wenn man für Freiheit, Recht und Brüderlichkeit eintritt“ (15)
 
Das, was gerade wir hier in Deutschland abziehen, ein perverses Festhalten an einem Wirtschaftsmodell, das diesen Planten für die kommenden Generationen ruiniert, ist zutiefst egoistisch und feige. Wer den Terroristen Nr. 1 sucht, muss nur in den Spiegel schauen. Und wer sich fragt, wer diesem Terroristen einmal den Kampf ansagen wird, werfe doch mal einen Blick ins Kinderzimmer. Wenn es denn eins gibt.
 
Rudi Dutschke hatte recht. Was er 1967 von sich gab, könnte am Wahlabend 2013 gesagt worden sein: „Ich halte das parlamentarische System für unbrauchbar. Das heißt: Wir haben in unserem Parlament keine Repräsentanten, die die Interessen unserer Bevölkerung, die wirklichen Interessen ausdrücken. Sie können jetzt fragen, welche wirklichen Interessen? Aber da sind Ansprüche da. Sogar im Parlament. Sicherung der Arbeitsplätze. Sicherung der Staatsfinanzen. In Ordnung bringen der Ökonomie. All das sind Ansprüche. Die muss aber das Parlament verwirklichen. Aber das kann es nur verwirklichen, wenn es einen kritischen Dialog herstellt mit der Bevölkerung. Nun gibt es aber eine totale Trennung zwischen den Repräsentanten im Parlament und dem in Unmündigkeit gehaltenem Volk.“
 
Die zentrale Aussage Dutschkes war: „Wir sind nicht hoffnungslose Idioten der Geschichte, die unfähig sind, ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. Das haben sie uns jahrhundertelang eingeredet.“ Wen konkret meine Dutschke eigentliche mit SIE? War er auch ein verkappter Verschwörungstheoretiker? Oder hatte er einfach nur den Durchblick? (16)
 
Es ist ein fataler Irrtum, zu glauben, dass Mutti es richten könnte. Für uns. Mutti wurde vor allem gewählt, von uns, um uns dabei zu unterstützen, zu unterlassen. Mutti soll für uns und mit uns alles unterlassen, was unseren Kindern dabei helfen könnte, übermorgen nicht auf einem Planten aufzuwachsen, bei dem es Auge um Auge und Zahn um Zahn heißen wird. Bei dem der Kampf ums Überleben ein dann knappe Güter wie Trinkwasser betreffen wird. (17)
 
Die deutsche Sehnsucht nach Oldschool ist ein Selbstmordkommando. Dieses Kommando wird sich viel länger hinziehen, als die meisten es wahr haben wollen. Es wird ein Grabenkampf werden, bei dem Kinder gegen ihre eigenen Eltern um die letzten Reste Brot kämpfen werden. Schon bald. Und damit wir das alles nicht so mitbekommen, werden Wahlen heute im Vorfeld wie eine Jagd präsentiert, bei der der Wähler glaubt, einen exklusiven Platz auf dem Hochsitz der Demokratie ergattert zu haben. In Wirklichkeit ist er das Opfer und wird in sogenannten TV-Duellen dazu gebracht, dass er gar nicht auf die Idee kommt, misstrauisch zu sein.
 
Er schaltet auf „keine Gefahr“ und betritt die mediale Lichtung. Angelockt von Menschen, die er zwar nicht persönlich kennt, denen er aber gerade deshalb vertraut. Stefan Raab mag für seine Biografie aufgestiegen sein, wenn er als Ex-Metzger die tatsächlich besseren Fragen stellt als z.B Anne Will oder Maybritt Illner neben ihm. Aber in Wahrheit hat Raab nicht deshalb so gut abgeschnitten, weil er Politik so durchschaut, sondern weil sich die, die ihm zur Seite gestellt worden sind, auf dem Unabhängigkeitslevel der „Aktuellen Kamera“ befinden. (18) Auch Raab wurde benutzt, um uns in die als Urne getarnte Falle zu locken. Wer wählen war, hat nur die Farbe des Schlachthauses bestimmt, in dem man seine Rechte im Anschluss via Bolzenschussgerät wieder auf das „normale Level“ trimmt.
 
Was haben Wahlen und Mutti wirklich gemeinsam? Nun, Muttis haben die Fähigkeit der Verdrängung. Das kann man schon daran erkennen, dass sie nach dem ersten Kind des öfteren ein zweites bekommen, obwohl der Entbindungsschmerz auf der Richterskala mit dem Maximum, sprich 10 angegeben wird. Ein Kind auf die Welt zu bringen ist derart schmerzhaft, dass die Natur diesen Schmerz im Nachhinein löschen muss, damit Frauen noch einmal bereit sind, diese Qual auf sich zu nehmen. In vier Jahren, wenn Mutti erneut antritt, nach X Affären, X Wahlversprechen, die gebrochen wurden, X Beteiligungen an „friedenssichernden Maßnahmen“ durch die Hintertür, X Kotaus vor der Bankenmafia, wird der Wähler sich selber wie eine Mutti verhalten, die aufgefordert wird, doch bitte schön ein weiteres Kind zu bekommen. Sie wird sich nur auf die schönen Momente mit dem Kind konzentrieren, anstatt auf die vorherrschende Tatsache, dass sie als Alleinerziehende Mutter vom Staat permanent benachteiligt wird und dass die Kinder, die sie vor Jahren schon bekommen hat, inzwischen beim Dienst an der Waffe des Systems ihren Dienst schieben.
 
Der Schießbefehl im Kapitalismus musste nie ausgesprochen werden. Er ist die Grundvoraussetzung, um zu überleben. Wir nennen es Wettbewerb. In Wahrheit verlieren die Massen diese Wette. Denn nur, wenn sie verlieren, macht das System Profit. Profit hat gerade bei Parteien mit einem C im Namen den Propheten ersetzt.
 
Amen den Armen. Reichtum bleibt Systemreligion. Mehr als 41% haben sich am 22. September in der Bundesrepublik für das entschieden, was auf dem Dollar steht. "In god we trust." Wobei „god“ eben der Schein ist. Schein-Demokratie. Globalisierung steht für Gott, hat die 10 Gebote ersetzt, und wird an der bekanntesten Kirche der Welt, der Wallstreet, täglich neu taxiert.
 
Es werde Licht. Oder: Wer hinters Licht geführt werden will, muss nur lange genug hineinschauen. Mutti ist zwar nicht die Mutter aller Blendgranaten, aber sie ist die mächtigste Marionette der Welt.
 
Alles, was der Bürger benötigen würde, um sich selber aus der Marionettenposition zu befreien, wäre eine Schere, mit der er die Fäden über sich durchtrennt. Das aber fällt den meisten unendlich schwer, denn die einzige Schere, die sie kennen, ist neben der Schere zwischen Arm und Reich die Schere im Kopf. Wir denken gar nicht daran, uns aus dieser Zwangsjacke zu befreien. Sie wärmt so schön. Gerade wenn die soziale Kälte anzieht. Nur ist diese Zwangsjacke offen! Dieser offensichtliche Fehler würde von uns nie ausgenutzt werden. Dazu ist der deutsche Wähler zu korrekt. (PK)
 
(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Halleyscher_Komet
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Schrödingers_Katze
(3) http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/GuttenPlag_Wiki
(4) http://www.booklooker.de/Bücher/Psychologie-der-Massen/id/A01ivlHx01ZZg
(5) http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/durchschnittsalter-der-deutschen-wird-deutlich-ansteigen-a-868019.html
(6) http://www.geographixx.de/einwohner/infos.asp?land=Iran
(7) http://de.wikipedia.org/wiki/Internetzensur_im_Iran
(8) http://www.spiegel.de/sport/fussball/spiegel-online-startet-kostenlose-fussball-app-fuers-iphone-a-898114.html
(9) http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/kommentar-warum-deutschland-keine-hoeheren-steuern-braucht-a-924621.html
(10) http://www.welt-sichten.org/artikel/2848/grenzenlos-vermoegend
(11) http://www.youtube.com/watch?v=5fbvquHSPJU
(12) http://www.jutta-ditfurth.de/Zeit-des-Zorns/ZeitdesZorns-Droemer.htm
(13) http://www.youtube.com/watch?v=AhqXM8MOeI4
(14) http://www.youtube.com/watch?v=pdv1rQUfrks
(15) https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=YI54LB-w4nY#t=45
(16) http://www.youtube.com/watch?v=fY0K0jjLa6A
(17) http://www.stern.de/wirtschaft/news/unternehmen/die-ware-wasser-der-ueberfluss-wird-knapp-647924.html
(18) http://de.wikipedia.org/wiki/Aktuelle_Kamera
 
Ken Jebsen (47) war ein deutsch-iranischer Fernseh- und Radiomoderator und ist seit 2011 als freischaffender Reporter tätig. Deutschlandweit bekannt wurde Jebsen 2011 durch seine Entlassung beim RBB, nachdem er angeblich verschwörungstheoretische Positionen vertreten hatte und der Vorwurf des Antisemitismus gegen ihn von Henryk M. Broder erhoben worden war. Er richtete ein eigenes Internetmagazin ein http://www.kenfm.de/ und hat uns dankenswerterweise diesen Artikel zugemailt.
 


Online-Flyer Nr. 426  vom 02.10.2013

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Von Kostas Koufogiorgos
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