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Aktueller Online-Flyer vom 22. Oktober 2017  

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Filmclips
Folge III: Die Lateranverträge
Von Karlheinz Deschner und Peter Kleinert



Das Wort am Sonntag, Folge III, FilmstillAnläßlich der aktuellen Neuauflage von Karlheinz Deschners grandiosem Buch "Die Politik der Päpste" stellen wir unseren Lesern seit einer Woche Teile einer Fernseh-Essay-Serie vor, die wir Anfang der 90er Jahre mit dem inzwischen 89 Jahre alten Autor und den KollegInnen unseres Kölner KAOS Film- und Video Teams für den Sender KANAL 4 produziert hatten.

Deschner, „der Voltaire unserer Tage“, verfolgt in diesem voluminösen und gut belegten Werk den Weg des Papsttums von dessen tiefster Krise im 19. Jahrhundert bis zu seinem Wiedererstarken im Zeitalter der Weltkriege – von Pius IX., dem Verkünder päpstlicher Unfehlbarkeit, über Leo XIII. und Pius X. zu Benedikt XV., dem kurialen Kriegsgewinnler. Dessen einflussreicher Nachfolger Pius XI. förderte Mussolini, Hitler, Franco, und Pius XII. setzte diesen pro-faschistischen und antikommunistischen Kurs fort, während er zur Verfolgung und Vernichtung der Juden fast ausnahmslos schwieg und die Ermordung orthodoxer Serben durch die katholische Ustascha in Kroatien widerspruchlos duldete.


Deschner weist nach, dass die "Stellvertreter Gottes" auch in dieser Epoche – mal mehr, mal weniger – auf der Seite jener Mächtigen standen, von denen sie Unterstützung ihrer imperialen Politik erhofften.

Für die Neuausgabe des Buches hat Karlheinz Deschner den Text durchgesehen, etliche Angaben aktualisiert und ein kurzes Vorwort geschrieben. Im Vergleich zur zweibändigen Originalausgabe hat das Buch nun eine durchgehende Seitenzählung und fortlaufend nummerierte Anmerkungen. Inhaltsverzeichnis und Register der bisherigen Teile I und II wurden ebenfalls zusammengefasst. Eine Liste der verwendeten Literatur wurde ergänzt.

Prof. Dr. Hubert Mohr, Mediävist und Kirchenhistoriker, schreibt dazu: Es ist das Beste und Umfassendste, was bisher über dieses Thema geschrieben wurde... Mich beeindruckt nicht nur der großartige Stil, sondern auch die Akribie der Dokumentation. Dadurch wird das Buch solide und glaubwürdig. Niemand kann von ‘unbewiesenen Behauptungen’ sprechen. Kein Historiker, Publizist oder wer immer über dieses Thema schreiben will, wird künftig an diesem Werk vorbeigehen können. Es bleibt das Standardwerk.“
 
Die Lateranverträge

Das römische Papsttum – durch Kriege und Betrug groß geworden, durch Kriege und Betrug groß geblieben – hatte durch Pius X. den Ausbruch des Ersten Weltkriegs gefördert und förderte nun durch Pius XI. entscheidend die Heraufkunft des Faschismus. Dankbar nahm Mussolini nicht nur sechs Geistliche in sein erstes Kabinett auf, sondern rettete auch sogleich die „Banco di Roma“, der der Vatikan und mehrere seiner Hierarchen hohe Summen anvertraut hatten, vor dem Bankrott, indem er mit etwa 1,5 Milliarden Lire aus der Staatskasse einsprang, worauf der Dekan des „Heiligen Kollegiums“, Kardinal Vanutelli, erklärte, Mussolini sei „auserwählt zur Rettung der Nation und zur Wiederherstellung ihres Glücks... Wir sind ihm alle dankbar“.
 
Papst Pius XI. schränkte den Einfluß des antifaschistischen Partito Popolare Italiano, 1919 von dem sizilianischen Geistlichen Luigi Sturzo gegründet, immer mehr ein. Denn Sturzo, Generalsekretär der Katholischen Aktion, stand theologisch zwar rechts, politisch verwarf er aber das bisherige Bündnis der Katholiken mit den Konservativen. Er propagierte eine gewisse soziale Orientierung, Agrarreform, Zerstückelung des Großgrundbesitzes, Förderung des Kleineigentums, wobei er mit den gemäßigten Gewerkschaften kooperierte, ja gemeinsam mit den Sozialisten für den Achtstundentag eintrat. Das alles paßte dem „Heiligen Vater“ viel weniger ins Konzept als der Faschismus. Und da man dem Partito Popolare, der dem deutschen Zentrum nachgebildeten katholischen Volkspartei, durchaus zutraute, im Bündnis mit den Sozialisten den Faschismus zu liquidieren, wie im August 1924 die vatikanische Jesuitenzeitschrift, das Sprachrohr des Papstes, einräumte, mußte Sturzo fallen. 
 
Schon 1923 erzwang deshalb die Kurie Sturzos Rücktritt als Parteisekretär, im Mai 1924 seinen Rücktritt aus dem Vorstand. Im September verurteilte der Papst persönlich und öffentlich eine Koalition der Volkspartei mit den verfassungstreuen Sozialisten. Im Oktober mußte Sturzo, mit anderen Gesinnungsgenossen, ins Exil, womit der gefährlichste Gegenspieler des Faschismus im Kampf um die Macht eliminiert war. 

Wie der Vatikan zehn Jahre später in Deutschland den katholischen Reichskanzler Brüning und das Zentrum preisgab, so damals den Katholiken Sturzo und bald auch dessen Partei. Ein Priester, der ein soziales Ethos vertrat, das zumindest den Landbesitzern als „schwarzer Bolschewismus“ erschien, der entschieden die Emanzipation der Laien vom Klerus in der Politik erstrebte, konnte bei einem Papst, der nichts mehr als Linke fürchtete, unermüdlich aber auch den liberalen Laizismus bekämpfte, keine Gnade finden. Um so weniger, als Sturzos Partei auch die Lösung der „Römischen Frage“ nicht wesentlich genug erschien, einer Frage, die für das Papsttum 1870 entstanden war, als Italien den Kirchenstaat beseitigte, Rom besetzt und zur Hauptstadt gemacht hatte. Zum argen Mißfallen von Pius XI. weigerte sich nun die Volkspartei, die Versöhnung von Staat und Kirche im Sinne des „Heiligen Stuhls“ in ihr Programm aufzunehmen. 
 
So drang Pius XI. nach Sturzos Sturz auch auf das Ausscheiden aller Priester aus der katholischen Partei, was deren Auflösung gleichkam. Der „Stellvertreter Christi“ protestierte nicht einmal, als mehrere ihrer Mitglieder, auch Geistliche, von Faschisten getötet wurden. Er protestierte erst recht nicht gegen die Liquidierung einiger tausend Kommunisten und Sozialisten, darunter Mussolinis erbittertster Gegner, der junge Strafrechtslehrer und Sozialistenführer Giacomo Matteotti, der sein ganzes Vermögen armen Bauern seiner Provinz geschenkt hatte. 
           
Der Mord an Matteotti führte zur schwersten inneren Erschütterung des Faschismus zwischen 1922 und 1943. Mussolini schien am Ende, jäh vereinsamt, fast ganz Italien stand gegen ihn. Man forderte seine Absetzung vom König. Da aber ergriff die Kurie Partei für ihn, rühmte ihn – das päpstliche Hofblatt „Osservatore Romano“ ebenso wie die vatikanische Jesuitenzeitung oder der langjährige Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri. Und natürlich der Papst selbst, der es ablehnte, die Witwe Matteottis auch nur zu empfangen. 
 
Am 20. Dezember 1926 verkündete der „Heilige Vater“ wieder einmal: „Mussolini wurde uns von der Vorsehung gesandt.“ Der Duce hatte kurz zuvor die Mandate der nicht faschistischen Kammer- und Senatsmitglieder für ungültig erklärt, ihre Parteien aufgelöst und mit der faschistischen Umgestaltung des Staates begonnen. 
 
Drei Jahre später, am 11. Februar 1929, unterzeichneten im Lateran, dem päpstlichen Palast, Benito Mussolini und Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri die Lateranverträge. Es war das bedeutendste kirchenpolitische Ereignis im Pontifikat Pius XI., die wichtigste außenpolitische Entscheidung des Papsttums seit 1870. Das Vertragswerk umfaßte einen Staatsvertrag, ein Finanzabkommen, ein Konkordat, Verträge, die das Ansehen der Faschisten enorm steigerten, vor allem aber der Kurie gewaltige Vorteile brachten. 
 
Zwar verzichtete Pius XI. damit definitiv auf den Kirchenstaat, der im 8. Jahrhundert durch Betrug und Krieg gewonnen und 1870 von Italien besetzt worden war. Dafür bekam der Papst aber uneingeschränkte Souveränität auf dem Gebiet der Vatikanstadt und als Abfindung „das Kapital einer Weltbank“, die (nach damaliger Währung) ungeheure Summe von einer Milliarde Lire in Staatspapieren und 750 Millionen Lire in bar, bei fünfprozentiger Verzinsung eine Jahresrente von fast 90 Millionen. Der Katholizismus wurde Staatsreligion, die kirchliche Ehe der bürgerlichen ebenbürtig, die Scheidung unmöglich, der Religionsunterricht obligatorisch. Antikirchliche Bücher, Zeitungen, Filme wurden unter Zensur gestellt, die Kritik des Katholizismus unter Strafe. Der Staat verpflichtete sich, seine ganze Gesetzgebung mit dem kirchlichen Recht abzustimmen. 
 
Was gab die Kirche dafür? Sie sah, im eigenen Interesse wohl, eine Verringerung der 279 italienischen Bistümer vor, sie erlaubte der Regierung, bei der Ernennung von Bischöfen und Pfarrern politische „Bedenken“ zu äußern. Und sie untersagte – das schönste Geschenk für Mussolini – allen Geistlichen die parteipolitische Betätigung. „Ist Konkordat und Kirchenplan nicht glücklich durchgeführt. Ja, fangt einmal mit Rom nur an, da seid ihr angeführt.“ (Goethe) 
 
Die geistige Unabhängigkeit Italiens war damit zu Ende. Was der Protest von vier Vorgängern beim liberalen Italien nicht erreicht hatte, erreichte Pius XI. durch die Faschisten. Es „waren Dinge“ geschehen, „wie man sie seit über einem Jahrhundert in der Kirchenpolitik Italiens nicht mehr erlebt hatte“, erklärte Rechtsanwalt Francesco Pacelli, der jahrelang, meist geheim, mit Mussolini selbst die Verträge ausgehandelt hatte, nach ihrer Ratifizierung den Titel eines Markgrafen bekam und nach Krönung seines Bruders zum Papst Pius XII. in den erblichen Fürstenstand erhoben wurde. 
 
Rom triumphierte. Und mit ihm jubelte die ganze katholische Welt. In München pries Adolf Hitler die klerofaschistische Verbrüderung kaum minder als sein späterer Gefolgsmann Kardinal Faulhaber, der sie „nicht Menschenwerk“, nein „eine Gottestat“ nannte. Und der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, der im Winter 1932/33 auch erklärte, daß „eine so große Partei wie die NSDAP unbedingt führend in der Regierung vertreten sein müsse“, der Katholik Adenauer prophezeite dem Faschisten Mussolini in einem Glückwunschtelegramm, sein Name werde in goldenen Buchstaben in die Geschichte der katholischen Kirche eingetragen werden. 
 
Karlheinz Deschner, 1924 in Bamberg geboren, im Krieg Soldat, studierte Jura, Theologie, Philosophie, Literaturwissenschaft und Geschichte. Über seine literarischen, literatur- und kirchen-kritischen Werke berichtet der Dokumentarfilm „Im Grunde bin ich ein aus lauter Zweifeln bestehender gläubiger Mensch“ (siehe www.kaos-archiv.de). Für sein zehn Bände umfassendes Werk „Kriminalgeschichte des Christentums" erhielt er nach einigen anderen Literaturpreisen  Anfang 2007 in Mailand den Giordano Bruno-Preis.
Einen Teil des hier vorliegenden Textes finden Sie als Filmausschnitt in der NRhZ-Ausgabe http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=11588.
(PK)


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Online-Flyer Nr. 425  vom 22. Oktober 2017



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