NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 25. Juli 2016  

zurück  
Druckversion

Globales
Eine Betrachtung zur islamischen Revolution im Iran
Teuflisches Spiel: Das Spiel mit dem Regime-Change
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Chile 1973, Jugoslawien 1999, Afghanistan 2001, Irak 2003, Libyen 2011, Ägypten 2013, Syrien, Iran... Das sind nur einige wenige Beispiele für Staaten, in denen der US-Imperialismus – teilweise im Verbund mit europäischen Staaten – für Regime-Change gesorgt hat oder ihn aktuell betreibt. Was den Sturz der iranischen Regierung von Mohammad Mossadegh im Jahr 1953 angeht, gehört es mittlerweile zum Allgemeinwissen, dass hier die CIA ihre Hände im Spiel hatte. Selten wird unter diesem Aspekt die islamische Revolution von 1978/79 betrachtet, mit der der Schah zu Fall gebracht wurde. „Der Sturz des Schah war das bedeutsamste Versagen der US-Geheimdienste zwischen Pearl Harbor und den Anschlägen vom 11. September 2001.“ So steht es in einem 2005 erschienenen Buch von Robert Dreyfuss mit dem Titel „Teuflisches Spiel“ (Devil’s Game).


„Die Geschichte der CIA“ – dargestellt als eine Geschichte des Versagens – hier in einer arte-Sendung vom 22.10.2003
Repro: arbeiterfotografie.com


„Der Sturz des Schah war das bedeutsamste Versagen der US-Geheimdienste zwischen Pearl Harbor und den Anschlägen vom 11. September 2001.“ Was ist das für ein Satz? Der ist gespickt mit Desinformation. Es ist bekannt, dass die Ereignisse von Pearl Harbor alles andere als ein Versagen, sondern eine bewusst unternommene false-flag-Operation waren, die den USA den Einstieg in den Zweiten Weltkrieg ermöglichen sollte. Das gleiche gilt für die Ereignisse vom 11. September 2001. Auch hierbei handelt es sich um alles andere als ein Versagen. Die Operation 9/11 diente dazu, den so genannten „Krieg gegen den Terror“ vom Zaum brechen zu können, der innerhalb von zehn Jahren 1,7 Millionen Menschenleben gefordert hat. Und eingebettet in die zwei dubiosen Behauptungen ist auch beim Sturz des Schah von einem Versagen die Rede. Das lässt aufhorchen. Sollte in einer Reihe von drei Aussagen, von denen zwei Falschaussagen sind, die dritte zutreffend sein? Davon ist nicht auszugehen. Allein mit diesem Satz disqualifiziert sich das gesamte Buch. Wir sind gewarnt und gefordert, zwischen den Zeilen zu lesen, um trotzdem zu Erkenntnissen zu kommen.

Versagen, Fehler und Fehleinschätzungen

Das Gerede von Versagen, Fehlern und Fehleinschätzungen wiederholt sich in dem Buch vielfach. Es habe von Seiten der USA eine gravierende geheimdienstliche Fehleinschätzung vorgelegen. Man habe es nicht für möglich gehalten, dass der Iran „für eine Revolution empfänglich“ sein könnte. Admiral Stansfield Turner, CIA-Chef in der Carter-Administration, sagte gemäß Dreyfuss: „1977 war der Islam als politische Kraft nicht auf dem Radarschirm. Die Geheimdienste waren nicht angemessen vorbereitet, es zu verstehen... Es war aber noch schlimmer. Abgesehen von einer Handvoll Iran-Spezialisten hatte nahezu niemand in der Carter-Administration eine Vorstellung davon, wer Khomeini war, bis es zu spät war.“ Dieser Darstellung sollen wir Glauben schenken, wo doch bekannt ist, dass die USA weniger als zwei Jahre später – Juli 1979 – in Afghanistan den verdeckten Krieg gegen die Sowjetunion begonnen haben – mit Hilfe von Mujaheddin, der "islamischen" Kräfte, die heute Al-Qaida genannt werden? Es war US-Berater Brzezinski, der sich im nachhinein dieser Strategie gerühmt hat.

Der Sturz des Schah: ein Versehen des US-Imperialismus? Es ist immer wieder die gleiche Masche. Die Ergebnisse geheimer Operationen werden nachträglich als Fehler dargestellt. Man gibt sich überrascht über das, was man selber angerichtet hat. „Die islamische Revolution fällt in eine Zeit, in der die USA im Kampf gegen die Sowjetunion mit islamischen Kräften kooperiert hat. Gibt es Hinweise, die darauf hin deuten, dass die USA die islamische Revolution in diesem Sinne unterstützt hat?“ Diese Frage haben wir am 30.05.2012 in unserem NRhZ-Artikel „Fragen zur Kommunistenverfolgung“ gestellt.

„Zbigniew Brzezinski... wird nachgesagt, den Sturz des Schahs und den Übergang auf die Herrschaft fundamentalistischer Mujaheddins betrieben zu haben. Fernziel sollte die Schaffung eines muslimisch-fundamentalistischen Gürtels um die damalige Sowjetunion gewesen sein, um von dort destabilisierend auf die muslimisch besiedelten Territorien einwirken zu können.“ So beantwortet Andreas von Bülow 1998 in seinem Buch „Im Namen des Staates“ unsere Frage. Liegt er damit richtig? Wir können den Schah selber nicht mehr befragen, denn er lebt nicht mehr. Er starb 1980 im Alter von 60 Jahren an Krebs. Aber er hat seine Memoiren hinterlassen. Sie sind in mehreren Sprachen erschienen – 1979 auf deutsch unter dem Titel „Antwort an die Geschichte“. Lesen wir einen Moment darin.

„Als ich noch an der Macht war, glaubte ich, dass mein Bündnis mit dem Westen auf Stärke, Loyalität und gegenseitigem Vertrauen beruhte. Vielleicht war dieses Vertrauen ein Irrtum. [...] Mehr und mehr begann ich zu glauben, dass die USA tatsächlich eine große Rolle bei meinem Sturz gespielt hatten, eben indem sie mich fallen liessen. [...] Der Westen hatte meine Regierung immer nur dann unterstützt, wenn er auch genügend Kontrolle über sie ausüben konnte. Sicher, der Begriff »genügend« änderte sich mit der internationalen Lage, aber die Bemühungen des Westens meine 'Flügel zu beschneiden', gehen bis auf Mossadeqs Tage zurück. Sie wurden verstärkt, wann immer ich meinen eigenen Weg zu gehen beanspruchte.“

Der Schah: ein Gegenspieler der Öl-Konzerne

Weiter der Schah: „Die internationalen Ölgesellschaften waren lange meine Gegner gewesen. Nach Mossadeqs Niederlage rief ich von neuem ihren Ärger hervor, indem ich mit Enrico Mattei in Italien über einen Vertrag verhandelte. Er hatte die italienische Ölgesellschaft Ente Nazionale Idrocarburi (ENI) zu einem größeren, unabhängigen Rivalen der internationaler Giganten entwickelt. Unser Vertrag bezog sich an und für sich nicht auf riesige Mengen, aber seine Bedingungen waren bedeutsam. Statt die Gewinne wie früher halbe halbe aufzuteilen, war Mattei bereit, lediglich 25% für sich zu nehmen, während der Iran 75% bekam. Wenig später traf ich das gleiche Arrangement mit Standard Oil in Indiana. Das halbe-halbe-Prinzip war durchbrochen. Das Große Öl verzieh mir nie. 1959, zwei Jahre nach dem ENI-Vertrag wurden die ersten Studentendemonstrationen gegen mich allerorten in den USA in Szene gesetzt. Ich hatte den Verdacht, dass das Große Öl die Demonstrationen finanzierte und dass die CIA bei ihrer Organisation die Hände mit im Spiel hatte. Ich weiß, das klingt widersprüchlich. Denn diese beiden mächtigen Organisationen hatten auch meine Regierung unterstützt. Jetzt glaube ich aber, dass der Westen eine Front gegen mich organisierte, deren er sich immer dann bedienen konnte, wenn meine Politik von der seinen abwich. Ich hätte dies auch schon 20 Jahre früher glauben sollen, als mir mein Premierminister, Sharif Emami, mitteilte, dass die USA hinter der studentischen Agitation, im Iran und außerhalb, steckten und dass sie noch auf andere Weise für Schwierigkeiten sorgten.“

In der englischsprachigen, 1980 erschienenen Ausgabe seiner Memoiren „Answer to History“ schreibt der Schah: „Mein Erfolg beim Aushandeln der königlichen 75/25-Öl-Vereinbarung mit Enricco Mattei von E.N.I. im Jahr 1957 brachte das internationale Ölkartell in Rage.“ Und der Schah macht deutlich, dass er den Tod Matteis am 27.10.1962 nicht für die Folge eines Unfalls hält: „Ich habe nie geglaubt, dass Matteis Tod ein Unfall war. Früher in dem Monat war bei der Inspektion des zweimotorigen Marane-Saunier-760-Flugzeugs ein Sprengsatz gefunden worden, der in einem der beiden Motoren versteckt war.“

Werfen wir parallel einen Blick in einen Artikel, der kurz nach dem Tod Matteis, am 07.11.1962 im SPIEGEL erschien. Dort heißt es: „In Verträgen mit dem Schah des Iran und Saudiarabiens König begnügte sich Mattei anstelle der bis dahin üblichen Fifty-fifty-Gewinnteilung mit einem 25prozentigen Gewinn und zerstörte die hergebrachte Preisordnung. Amerikanische Zeitungen bezichtigten zwar den Christdemokraten Mattei des Verrats am Westen, dennoch baute er keck seine Öl-Stellungen aus. Ende 1961 schloß er sogar einen Vertrag mit Moskau ab, der Enrico Mattei zum größten westlichen Abnehmer des billigen Sowjetöls machte.“

Und noch einmal der Schah in der deutschen Ausgabe seiner Memoiren: „Für zehn Jahre verstummte die Agitation des Westens gegen mich. Indessen lebte sie in voller Stärke wieder auf nach der Ölkrise (1973) und nach meiner Entscheidung, den Ölpreis anzuheben. Während der siebziger Jahre verschärfte sich die Opposition, an deren Ende eine seltsame Kombination der Interessen stand: Das internationale Ölkonsortium, die britische und amerikanische Regierung, die internationalen Massenmedien, reaktionäre religiöse Kreise in meinem eigenen Land und das unaufhörliche Wühlen der Kommunisten, denen es gelungen war, einige der Institutionen des Iran zu infiltrieren. Ich glaube zwar nicht, dass dieses Zusammenwirken von Kräften eine beabsichtigte Verschwörung gegen mich war, bei der jeder Teil mit dem anderen zusammenarbeitete. Aber ganz klar hatten alle Beteiligten jeweils ihre Gründe, mich von der Bühne zu drängen. Im Jahre 1978 weigerte sich das Ölkonsortium, einen neuen Vertrag mit dem Iran über den Kauf von Erdöl abzuschließen. Diese koordinierte Aktion – oder besser Unterlassung einer Aktion – hatte ungeheure Bedeutung. Ich glaube, sie hatten auf irgendeine Weise die Ereignisse vorausgesehen, die später in dem genannten Jahr stattfanden. Ich glaube auch, dass Angehörige der Carter-Administration – speziell die Anhänger McGoverns im zweiten Rang des State Department – gern meinen Abgang gesehen hätten zugunsten dieser neuen so genannten 'Islamischen Republik '. Ihre Strategie ist, wenn sie überhaupt eine solche haben, vorauszusetzen, dass der Islam fähig ist, die sowjetischen Ambitionen in diesem Gebiet zu bremsen.“

Der Islam als Bollwerk gegen den Kommunismus

Im Buch „Teuflisches Spiel“ von Robert Dreyfuss werden diese Gedanken des Schah andeutungsweise wiedergegeben. Der Schah habe es „auf diese Weise“ dargestellt: „Die Amerikaner wollten, dass ich verschwinde... Mir wurde weder von der Spaltung in der Carter-Administration berichtet noch von den Hoffnungen, die einige US-Bedienstete in die Lebensfähigkeit einer 'Islamischen Republik' als Bollwerk gegen den Kommunismus setzten.“

Diese Sätze sind einer Passage in der englisch-sprachigen Ausgabe der Memoiren des Schah entnommen. Sie lautet übersetzt folgendermaßen: „Es ist mir jetzt klar: die Amerikaner wollten, dass ich verschwinde. Gewiss war dies das, was die Menschenrechtsverfechter im US-Außenministerium wollten und dem US-Außenminister Vance offenbar zustimmte. Ich sage 'offenbar', da mir darüber nichts berichtet wurde: nichts von der Spaltung in der Carter-Administration hinsichtlich der Iran-Politik, nichts von den Hoffnungen, die einige US-Bedienstete in die Lebensfähigkeit einer 'Islamischen Republik' als Bollwerk gegen den Einfall kommunistischer Kräfte hatten. Stattdessen berichtete mir Zahedi, mein Botschafter in Washington, die gleichen Dinge, die ich Tag für Tag in Teheran von US-Botschafter Bill Sullivan hörte: Die USA stehen zu hundert Prozent hinter Dir.“

Lesen wir noch eine Passage im Buch „Teuflisches Spiel“: „Allerdings begannen eine Handvoll von US-Politikern, Irans islamistische Ausrichtung als Bedrohung für die Sowjetunion zu sehen. Einer derer, die äußerst überraschend zu dieser Schlussfolgerung kamen“, sei Carters Sicherheitsberater Brzezinski gewesen. Er habe zunächst für ein militärisches Vorgehen im Iran plädiert, um Khomeinis Revolution zu stoppen. Brzezinski habe aber seine Meinung geändert und die Vision eines "Krisenbogens" (arc of crisis) entwickelt, der von Nord-Ost-Afrika bis nach Zentralasien reichen sollte. „Es gab diese Vorstellung, dass die islamischen Kräfte gegen die Sowjetunion genutzt werden könnten. Die Theorie war, es gäbe einen Krisenbogen, und solch ein Bogen des Islam könnte bewegt werden, die Sowjetunion einzudämmen. Es war das Brzezinski-Konzept.“ Dazu hätten auch „enge militärische Bindungen zu Ägypten, Saudi-Arabien, Pakistan und zur Türkei“ gehört, „vier muslimische Länder innerhalb des Bogens“. „Sein vorrangiges Interesse bestand darin, in der Region eine wirkungsvolle anti-sowjetische Allianz entstehen zu lassen, die er als Krisenbogen beschrieb. Seit Sommer 1979 war Brzezinski von der Ernsthaftigkeit von Khomeinis wütendem Anti-Kommunismus überzeugt.“

Islamische Republik Iran: ein Kind der USA?

Sollte also die Islamische Republik Iran letztlich ein Kind der USA sein? Es ist kaum davon auszugehen, dass die Islamische Revolution sich gegen den Willen und gegen ein Einschreiten der USA hätte durchsetzen können. Demnach verdankt die Islamische Republik ihre Existenz in erheblichem Maße den USA.

Das heißt nicht, dass eine von den USA gestützte oder herbeigeführte Entwicklung auf Dauer die Umsetzung ihrer imperialistischen Interessen garantiert. Der Schah spielte offensichtlich nicht in ausreichendem Maße die Marionetten-Rolle, die ihm zugedacht war. Und die Islamische Republik entwickelte sich in einer Weise zu einem Gegenspieler des US-Imperialismus, dass ihr Präsident Mahmud Ahmadinedschad Freund von Hugo Chavez und Fidel Castro werden konnte und deshalb zum Teufel aufgebaut werden musste. Der Krieg des Irak gegen den Iran (1980 bis 1988) war möglicherweise der erste Versuch, die Entwicklung zu korrigieren.

Und es ist auch nicht so, dass die Interessenlage der USA auf Dauer konstant sein muss. Man braucht sich nur Afghanistan vor Augen zu führen.

Brzezinski 1998 in „Le Nouvel Observateur“: "Gemäß der offiziellen Version der Geschichte begann die Unterstützung der Mujahadeen durch die CIA im Verlauf des Jahres 1980, d.h. nach der Invasion der sowjetischen Armee in Afghanistan am 24.12.1979. Aber die bisher geheim gehaltene Realität ist eine gänzlich andere: In der Tat, es war der 3. Juli 1979, als Präsident Carter die erste Direktive für eine geheime Unterstützung der Opposition gegen das pro-sowjetische Regime in Kabul unterzeichnete.“

Zunächst wurden also Kräfte dazu benutzt, gegen die Sowjetunion zu Felde zu ziehen, um sie im nächsten Moment zum großen Feind zu erklären, gegen den ein lang anhaltender Krieg geführt wird. „Das große Schachbrett“, ein Buch, in dem Brzezinski seine Strategie darlegt, hat dennoch seine Gültigkeit nicht verloren. Es ist eine Strategie, ein Schachspiel, bei dem der letzte Zug Russland und China matt setzen soll – ein teuflisches Spiel.


Vorab-Veröffentlichung aus der Quartalsschrift DAS KROKODIL, Ausgabe 6 (September 2013) – Grundsatzschrift über die Freiheit des Denkens – bissig – streitbar – schön und wahr und (manchmal) satirisch.



Mehr dazu und wie es sich bestellen lässt, hier: http://www.das-krokodil.com/



Hinweise:


Answer to History, Mohammad Reza Pahlavi – The Shah of Iran, 1980


Reza Schah Pahlewi – Antwort an die Geschichte – Die Schah-Memoiren, 1979


Devil’s Game – How the United States helped unleash fundamentalist Islam (Teuflisches Spiel – Wie die USA halfen, den fundamentalistischen Islam zu entfesseln), Robert Dreyfuss, 2005

Eindrücke und Erkenntnisse von einer Reise in den Iran (5)
Fragen zur Kommunistenverfolgung
Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann in NRhZ-Flyer Nr. 356 vom 30.05.2012
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=17854

Politische Morde und Fälle, bei denen ein politischer Mord nicht auszuschliessen ist
Enrico Mattei - Am 27.10.1962 unter ungeklärten Umständen mit seinem Flugzeug zu Tode gekommen
http://www.arbeiterfotografie.com/politische-morde/index-1962-10-27-enrico-mattei.html

Online-Flyer Nr. 424  vom 18.09.2013

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FOTOGALERIE