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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
Der Geist der Verantwortlichkeit muss die Gewalttätigkeit beenden
Aufgaben der Intellektuellen in unsicherer Zeit
Von Rudolf Hänsel

In Medizin und Technik ist es uns Menschen gelungen, Probleme zu lösen, die bis ins letzte Jahrhundert als schwere, naturgegebene Geißeln der Menschheit gegolten haben. Doch die größte Geißel, den Krieg, sowie Ungerechtigkeit und Tyrannei haben wir trotz nicht zu bestreitender Fortschritte der zivilisatorischen Entwicklung noch nicht überwunden. Wenn wir erkannt haben, dass der Bestand unserer Kultur und das Überleben unserer Spezies gefährdet sind, wenn wir nicht entschieden genug versucht haben, die Menschheitsprobleme in Frieden zu lösen, die soziale Gerechtigkeit zu verbessern und die Tyrannei aus der Welt zu schaffen, müssen wir uns noch heute auf den Weg machen. Wieso sollten wir Menschen dazu nicht in der Lage sein?
 

Rudolf Hänsel
Leidtragende der weltweiten Machtgier in Wirtschaft und Politik sind vor allem Länder der Dritten Welt, die von den Großmächten in neokolonialem Stil mit Krieg überzogen werden. Diese plündern ihre wertvollen Ressourcen und kulturellen Reichtümer, zerstören durch radioaktive Waffen ihre Lebensgrundlagen. Die Menschen in den Kriegsgebieten – ob alt oder jung, Kombattanten oder Zivilisten – werden zu Zigtausenden getötet, verkrüppelt und gedemütigt, indem man ihre kulturellen Werte, die Grundlage ihrer Identität, verachtet. Verlassen die Angreifer nach jahrzehntelanger Barbarei das geschundene Land, lassen sie meist zerschlagene Staaten zurück, die im Chaos versinken und deren Bevölkerung sich in Bürgerkriegen aufreibt. Die Überlebenden sind lebenslang traumatisiert, sterben frühzeitig an multiplen Karzinomen, und viele Neugeborene kommen genetisch geschädigt zur Welt. Krieg ist nicht mehr verantwortbar. Angriffskriege sind Verbrechen. Wegen der gewaltigen Wirkung der „modernen“ Waffensysteme bewirken diese in der Regel Völkermord (Genozid).
 
An der Zeit, uns zu besinnen
 
Doch Not und Leid dieser unschuldigen Menschen rühren nicht an unser Herz. Wir, die über Jahrzehnte in Frieden leben konnten, können uns nicht einfühlen in ihr Schicksal, empören uns nicht über die Kriegsverbrechen. Wir überlassen unsere Artgenossen „hinten, weit, in der Türkei“ (Goethe) ihrem Schicksal, nur wenige eilen ihnen zu Hilfe. Und indem wir nicht gegen die Gewalttätigkeit kämpfen, billigen wir sie, in der fragwürdigen Meinung, sie werde uns verschonen. In dem Augenblick, wo dann die Gewalt über uns hereinbricht, ist es gewöhnlich zu spät, sie einzudämmen. Die Krankheit, die wir am und für die Anderen nicht zu heilen unternommen haben, wird uns eines Tages selbst hinwegraffen. Da die Welt so ist, wie wir sie eingerichtet oder bisher geduldet haben, kann sich keiner der Verantwortung entziehen. Wir sind immer mitschuldig. Deshalb ist es an der Zeit, uns zu besinnen. Kulturentwicklung besteht im Wesentlichen darin, dass sich die Stimme des Menschheitsgewissens mehr und mehr Gehör verschafft und der Geist der Verantwortlichkeit an die Stelle der Gewalttätigkeit tritt. Eine ethische Errungenschaft ist das Anwachsen des menschlichen Gemeinschaftsgefühls, das Wissen um die Zusammengehörigkeit aller, die Menschenanlitz tragen, die Erkenntnis, dass wir die „Hüter unseres Bruders“ sind. Alle tragen Verantwortung gegenüber allen. Noch aber leiden wir an der Fiktion der Macht und der Selbstherrlichkeit des Individuums. Daraus erwächst immer wieder die Verkennung der zentralen Herausforderung, unter der die Menschheit steht, nämlich, dass wir zusammenhalten müssen und genötigt sind, einander die Hände zu reichen.
 
Kämpferischer Geist erforderlich
 
Wir alle sind gefordert, unseren Beitrag zur Lösung dieser großen Aufgabe zu leisten. Intellektuelle stehen dabei in besonderer Verantwortung. Sie sollten jene Menschen sein, die für sich und alle anderen Menschen (denkend) Verantwortung übernehmen; „wenn es Not tut, auch allein innerhalb aller zu stehen, allein für alle zu denken“ (Romain Rolland). Das erfordert einen kämpferischen Geist, der auch im Widerspruch zur herrschenden Meinung stehend nicht untergeht. Intellektuelle sollten auch redlich sein, da aus Mangel an Redlichkeit bereits viele Irrtümer entstanden sind, wovon die Theorien voll sind. Solche unabhängigen, mutigen und ehrenhaften Denker wären Vorbild für unsere Jugend, so wie es unzählige
Denker und Humanisten in den vergangenen Jahrhunderten waren.
 
Als Vertreter verschiedener Fachdisziplinen haben Intellektuelle die vornehme Aufgabe, das, was sie sich in ihren Studien aneignen konnten, was ihre Wissenschaft zur Lösung der Menschheitsprobleme herausgearbeitet hat, ihren Mitbürgern weiterzugeben. Wenn sie ihre geistigen Fähigkeiten, ihr Forschen und Ringen um Wahrheit zum Wohle derer einsetzen, durch die sie das wurden, was sie sind, leisten sie einen wertvollen Beitrag zum Gemeinwohl. (Annemarie Buchholz et al.) Die Zukunft unserer Kultur wird wesentlich davon abhängen, ob
es genügend „Aufklärer“ geben wird. Mehr denn je bedürfen wir „freier Geister“, die uns lehren, was Wahrheit und was Lüge ist. Der Sinn des aufklärerischen Bemühens ist vor allem die Läuterung des menschlichen Bewusstseins von individuellen und kollektiven Vorurteilen. Der aufgeklärte Verstand ist fähig, gesunde Lebensziele ins Auge zu fassen.
 
Von den Massenmedien nur desinformiert
 
Der Intellektuelle kann sich mit Geistigem nur deshalb beschäftigen, weil andere für die vielen Dinge des Lebensalltags sorgen. Diesen anderen stehen jedoch Bildung und Wissen aus unterschiedlichen Gründen oft nicht in ausreichendem Masse zur Verfügung. Auch in unseren Ländern kämpfen viele Familien bereits ums tägliche Brot und ums Überleben, weil ihre Arbeit nicht gerecht entlohnt wird. Es bleiben ihnen weder Zeit noch Kraft, sich das notwendige Wissen anzueignen. Und von den Massenmedien werden sie nur desinformiert, abgelenkt und mit lebensuntauglichem Informations-Müll („circenses“) voll gestopft. Wie können sie Hoffnung schöpfen und über die wesentlichen Dinge im Leben nachdenken? Das
Gleiche passiert mit unserer jungen Generation: ihr Hinüberwachsen von der Pubertät ins Jugendalter ist von der Gewalt- und Kriegskultur durchtränkt und ihre Jugendkultur wird seit Jahrzehnten gezielt manipuliert. Erst wenn Menschen über genug Wissen und Bildung verfügen, können sie daraus Konsequenzen für ihr persönliches und auch gesellschaftliches Handeln ziehen, etwas Neues in Angriff nehmen. Der gebildete und eigenständig denkende Mensch, der auch ein human denkender und fühlender sein muss, wird gerne daran mitarbeiten, eine bessere Gesellschaftsordnung zu entwickeln.
 
Kriege stoppen und neue verhindern
 
Welche Menschheitsfragen und -probleme müssen einvernehmlich zum Wohl aller dringend beantwortet bzw. gelöst werden? Zuallererst sind die laufenden Kriege zu stoppen und neue zu verhindern. Wir können diese globale Aufgabe doch nicht den Ländern der Dritten Welt überlassen. Warum nicht alle geistigen Kräfte für die Frage einsetzen: Wie kann der Mensch in Frieden mit anderen Menschen zusammenleben lernen? Vertreter aller Fachdisziplinen sind gefordert, beizutragen, was ihre Wissenschaft zur Lösung von Konflikten und zum Frieden auf der Welt herausgefunden hat. Angesichts der schrecklichen Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs haben weitsichtige, reife Persönlichkeiten die Vereinten Nationen (UNO) gegründet und die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ formuliert. Doch das Gewaltverbot der UN-Charta wird von den Großmächten laufend ignoriert, die Menschenrechte werden weltweit nicht respektiert. Der einzige Weg zum Frieden ist eine „Kultur des Dialogs und der Begegnung“ im Zusammenleben in den Völkern und unter den Völkern. (Papst Franziskus; Tschingis Aitmatow) Die Entwicklung zu einem Weltstaat, die von kleinen „Eliten“ mit aller Macht betrieben wird, muss verhindert werden. Er wäre eine „Tyrannei“ und das „Ende der Freiheit der Menschen“ (Karl Albrecht Schachtschneider). Anzustreben sind vielmehr föderale Strukturen, in die direkte Demokratien nach dem Vorbild der Schweiz eingebettet sind.
 
Finanzwirtschaft am Gemeinwohl orientieren
 
Auch in unserem gegenwärtigen Wirtschaftssystem liegt vieles im Argen. Es beruht nicht auf dem Gemeinschaftsprinzip; lediglich eine kleine Schicht wird begünstigt, indes die meisten Bürger und vermehrt die Jugend der schwankenden Konjunktur, den Wirtschaftskrisen und der Arbeitslosigkeit ausgeliefert sind. Gefragt sind Reformvorschläge, die den Gemeinschaftsgedanken in sich tragen und die Schranken zwischen den Menschen zu beseitigen helfen. „Schwerter zu Pflugscharen“ war das Motto vieler Denker; heißt: von Kriegswirtschaft auf Friedenswirtschaft umstellen. Vor allem muss die Finanzwirtschaft, die einen parasitären Charakter entwickelt hat, wieder am Gemeinwohl orientiert werden. Ein Beispiel für verantwortliches Denken und Handeln von Intellektuellen für uns alle ist das gemeinsame Engagement einer Gruppe renommierter Wissenschaftler verschiedener Fachdisziplinen für eine vernünftige und friedliche Lösung der Euro-Krise. Da sie die Einführung der europäischen Einheitswährung und die Einrichtung des Europäischen Stabilitätspaktes (ESM) als wirtschaftpolitischen Irrweg erkannt haben, der unsere Lebensgrundlagen zerstört und den zukünftigen Gestaltungsspielraum unserer Kinder unverantwortlich einengt, gehen sie gerichtlich dagegen vor und zeigen gleichzeitig wissenschaftlich begründete Auswege aus dem Dilemma auf, die auch für den nicht fachkundigen Bürger nachvollziehbar sind.
 
Verantwortung für das allgemeine Wohl der Menschen
 
Von diesem positiven Beispiel gemeinwohlorientierten Handelns von Wissenschaftlern zur Frage der Ethik der Wissenschaft im Allgemeinen – sollte die Gesellschaft befruchtet werden. Zu Recht erwartet die menschliche Gemeinschaft von der Wissenschaft, dass sie die Not der Menschen lindert und dem Schutz des Lebens dient. Aber immer mehr Wissenschaftler verhökern ihr Wissen und Können und oft auch ihre Seele dem militärisch-industriellen Komplex. Sie entfernen sich sogar so weit von ihrem Menschsein, dass sie die Mittel für die allgemeine Vernichtung der Menschheit vervollkommnen helfen. Deshalb sollte „das Niveau der geistigen und sittlichen Entwicklung der menschlichen Gemeinschaft (…) stets ein wenig höher sein als das Niveau des wissenschaftlichtechnischen Fortschrittes. Nur dann erwächst aus den großartigen Leistungen der Wissenschaft und Technik auch die Verantwortung für das allgemeine Wohl der Menschen, für die Vorsorge vor Hunger, Verelendung und Krankheiten in den verschiedenen Teilen des Erdballs“ (Tschingis Aitmatow). Einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung und Ermutigung der Menschen könnten
die Massenmedien leisten, da sie gemäß nationaler und internationaler Vereinbarungen der wahrheitsgemäßen Information von uns Bürgern und dem Frieden verpflichtet sind. Doch das Gegenteil ist der Fall. Schon vor über 125 Jahren warf Bertha von Suttner in ihrem Buch „Die Waffen nieder!“ der Presse vor, „Werkzeug der Kriegsministerien“ zu sein „im Dienst der Kriegshetze und Hasspropaganda“ und „im Dienst der Verdummung der Massen“. Leider hat sich seither nichts geändert – und wir Bürger fordern diesen Auftrag der Massenmedien nicht ein. Nur ganz wenige Medien fühlen sich auch in unseren Tagen einer humanen und gemeinwohlorientierten Ausrichtung verpflichtet, indem sie sich für freie Meinungsäußerung, Ethik und Verantwortung, für die Bekräftigung und Einhaltung des Völkerrechts, der Menschenrechte und des Humanitären Völkerrechts einsetzen.
 
Aufgaben von Erziehung und Bildung
 
Eine wichtige Zukunftsfrage ist die Frage der Erziehung. Ihre enorme Tragweite ist uns erst seit Beginn des letzten Jahrhunderts bewusst. Die Forschungsergebnisse der Humanwissenschaften haben uns gezeigt, dass der Mensch von Natur aus sozial und kooperativ und weder biologisch noch geschichtlich-kulturell zu Krieg und Gewalt verurteilt ist. Das Kind kann durch Erziehung und Bildung zu Verantwortung, Mitgefühl, Solidarität, Kooperation und Friedensliebe geführt werden. Manche Mutter stellt sich bereits am Wickeltisch die Frage, was sie ihrem Kind mitgeben muss, damit es in der zukünftigen Welt bestehen kann und diese Welt einmal in eine andere Bahn lenkt. Angesicht des nicht gelösten Gewaltproblems in unserer Welt ist die Frage zu beantworten: was müssen wir im Gemüt unserer Jugend verankern, damit sie eine innere Abwehr gegen Gewalt und Krieg entwickelt und friedensfähig wird? Die Fachbereiche Psychologie und Pädagogik haben hierbei die verantwortungsvolle Aufgabe, Eltern und Erziehern die psychologischen Erkenntnisse über die Natur des Menschen, sein Fühlen, Denken und Handeln zu vermitteln und ihnen aufzuzeigen, welche Ansätze sich daraus für eine Erziehung zum Frieden ergeben und wie diese in Familie und Schule pädagogisch umgesetzt werden können.
 
„Eine menschliche Spur suchen und finden“ war das Thema des XVI. Kongresses „Mut zur Ethik“ 2008 – und das ist auch weiterhin unsere gemeinsame Aufgabe: „Die Kostbarkeit ‚Leben’ auf unserem Planeten zu schützen – Menschen, Tiere, Pflanzen –, dieser Aufgabe wird sich auch unsere Jugend anschließen, wenn wir in ihnen die Liebe zum Leben – zu allem Leben – wecken und sie ehrlich mit ihnen teilen. Geben wir gemeinsam den Manipulatoren des Krieges keine Chance mehr.“ (PK)
 
Dr. Rudolf Hänsel aus Lindau (Bodensee) ist Diplom-Psychologe mit eigener Praxis.
Kontakt: www.tugenderziehung.com,
info@tugenderziehung.com
 


Online-Flyer Nr. 424  vom 18.09.2013

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