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Aktueller Online-Flyer vom 08. Dezember 2016  

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Kommentar
Kommentar vom "Hochblauen"
"Flüchtlinge waren wir in Ägypten"
Von Evelyn Hecht-Galinski

Israel ist ein Meister der Täuschung. Es schauderte mich, als ich folgende Sätze des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu in der NZZ (Neuen Züricher Zeitung) las, in dem er den "Erfolg" der fast fertig gestellten "Sperranlage" an der Grenze zu Ägypten pries. In diesem Fall geht es um eine Mauer die der "jüdische Staat" nicht um Palästinenser fernzuhalten baute, sondern um sich gegen Flüchtlinge abzuschotten, die versuchen, vom Sinai nach Israel zu gelangen. Im zionistischen Terminus von Netanjahus Welt hört sich das so an: "Kein anderes westliches Land hat es geschafft, die Masseneinwanderung illegaler Migranten zu stoppen, und wir haben dafür gesorgt, dass kein Infiltrant mehr Israels Städte erreicht."

"Vorratshaltung" palästinensischer Gefangener in schrankähnlichen Gestellen
Quelle: arte
 
In der Tat, hier hat es der "jüdische Staat" geschafft, jeden anderen Staat im Umgang mit Flüchtlingen zu toppen. Hat doch "die einzige Demokratie" im Nahen Osten die internationale Flüchtlingskonvention unterschrieben, die diese "einzige Demokratie" verpflichtet, internationale rechtliche Standards einzuhalten. Abgesehen davon zeigt dieses zionistische Regime, diesmal im Umgang mit Flüchtlingen, nach seinem bekannten Umgang mit den besetzten und enteigneten Palästinensern, wie diese "Ethnokratie für Juden" mit Fremden umgeht.
 
Dieser "jüdische Staat", der sich so erfolgreich in der Täuschung der Weltöffentlichkeit als Opfer darstellt, ist nicht bereit, wirkliche Opfer anzuerkennen, oder aufzunehmen. Der Zionismus kennt nur ein Ziel, einen Staat allein für sein Volk und seine Zwecke. Rühmt sich der jüdische Staat doch immer, eine Heimstätte für verfolgte Juden - errichtet heraus aus der Verfolgung - zu sein, so hat der Zionismus schon weit vor dem Holocaust ohne Rücksicht auf Verluste nur auf dieses Ziel eines ethnokratischen jüdischen Staates hingearbeitet, für ein Volk ohne Land, ein Land ohne Volk. In diesen Vorsatz bis zur "Endrealisierung" passen auch keine "Ur-Einwohner" oder "Infiltranten". In dieses zionistische Weltbild passen nur jüdische Einwanderer und Siedler. Was schert man sich da um Nakba und Flüchtlingskonvention? Es zählt allein das zionistisch-jüdische Weltbild. Durch diese Mauer gegen "lnfiltranten" (Flüchtlinge) hat es Israel geschafft, laut eigener Definition die öffentliche Sicherheit aufrecht zu halten.
 
Mit dieser Erklärung hat Israel es auch schon geschafft die "Apartheidmauer", die die Palästinenser von Israel willkürlich trennt, mit der Definition der Fernhaltung von Terrorismus zu erklären. Israel kann "stolz" darauf sein, durch diese "Anti-Flüchtlingsmauer" die etwa 2000 Afrikaner, vorwiegend aus dem Sudan und Eritrea, die es vor deren Bau pro Monat nach Israel schafften, fernzuhalten, inzwischen schätzungsweise 60.000 Flüchtlinge. Schließlich hat man ja auch noch Gefängnisse für die restlichen Flüchtlinge in Israel gebaut, die seit 2012 unbegrenzt in Haft gehalten werden dürfen. Auf diese Weise kann der "jüdische Staat" diesen "Infiltranten" zeigen wie man es mit Asyl suchenden Flüchtlingen hält, im Land der Holocaustopfer!
 
Passend zu dieser Politik des "jüdischen Staates", meldete sich auch der ehemalige Innenminister Eli Yishai, der durch diese Afrikaner die jüdische Identität Israels bedroht sah. Behandelt man aus diesem Grund auch die Äthiopier, die man noch vor Jahren so publikumswirksam als "Juden" in den "jüdischen Staat" holte, auch so miserabel? Der "jüdische Staat" schob allein im letzten Jahr laut israelischem Innenministerium über 2.000 Sudanesen freiwillig ab (so "freiwillig" wie die etwa 750.000 während der Nakba 1948 vertriebenen Palästinenser?). So "freiwillig" wie die etwa 500 direkt aus der Haft abgeschobenen Sudanesen?
 
Einmalig wie es Israel schafft, sich Asyl Suchende vom Hals zu halten, nur 17 Asylgesuche wurden überprüft und ALLE abgelehnt, etwa 1.400 Asylgesuche sind noch ausstehend und Tausende weitere dieser Afrikaner haben überhaupt keine Chance auf ein Asylverfahren. Andere Länder gewähren diesen Eritreern Asyl, weil sie nach einer Abschiebung nach Hause, Folter, Inhaftierung oder den Tod zu befürchten haben. Die Situation auf dem Sinai ist so unmenschlich und verbrecherisch - dank der Ärzte für Menschenrechte und anderer Hilfsorganisationen wurde auf diese schrecklichen Zustände aufmerksam gemacht.
 
Menschen und Organhandel sind auf dem Sinai Alltag, Erpressung und Folter die traurige Wirklichkeit, anstatt den etwa 7.000 Folteropfern, die sich noch in Israel aufhalten, Hilfe und Asyl zu gewähren, sperrt man sie ein. Sind nicht ungefähr schon 4.000 tote Flüchtlinge auf dem Sinai schrecklich genug? Sind nicht aktuell etwa 1.000 Lagerhäftlinge auf dem Sinai genug? Wann wird man das ägyptische Militär für diese Taten zur Verantwortung ziehen müssen?
 
Gerade im Fall von Ägypten zeigt sich, warum von den USA und deren Außenminister Kerry ein Volksaufstand als Putsch begrüßt wird, weil er inzwischen sogar vom Militär unterstützt wird. Weil die vom Volk erhoffte mögliche Entwicklung zur Demokratie durch den Sturz des demokratisch gewählten aber völlig undemokratischen Präsidenten Mursi und seiner "Muslimbrüder" am Ende möglicherweise schließlich doch in einer von den USA erneut finanzierten Militärdiktatur enden könnte, wird das Eingreifen des Militärs nicht nur von den USA begrüßt, sondern auch von Netanjahu, der sich darüber wie die in den USA Herrschenden am Ende freuen könnte. Denn Leidtragende sind inzwischen bereits die Hamas und die Menschen im Gaza-Streifen geworden, die vor einem wirtschaftlichen Kollaps stehen.
 
Wann wird man Israel auffordern, die Asyl suchenden Flüchtlinge angemessen und nach internationalem Recht zu behandeln? Wäre das nicht die Pflicht von Deutschland? Schließlich befinden wir uns ja laut deutscher Politik und "Staatsräson"-Auslegung in einer gemeinsamen "Wertegemeinschaft" mit Israel. Wann wird sich die EU damit befassen und Israel befragen, anstatt immer neue Assoziierungsabkommen mit Israel abzuschließen? Einem Besatzerstaat, dessen Bevölkerung rassistisch, zionistisch und jüdisch unter sich bleiben will.
 
Über diese unmenschlichen und unfassbaren Zustände hatte ich schon in englischsprachigen Publikationen gelesen, aber sie wurden erst durch Monika Bollinger, der Korrespondentin der NZZ in Jerusalem, dankenswerter Weise so detailliert in einer deutschsprachigen Zeitung publiziert. Ich fühlte mich nach der Lektüre des Artikels "Vom Folterlager ins Gefängnis" in der NZZ vom 24.07.2013, so aufgewühlt und wütend, dass ich mich sofort hinsetzte und einen Leserbrief zu diesem Artikel schrieb, den ich hier unter meinen Kommentar als Schlusspunkt setzen möchte.

Mein Leserbrief an die NZZ:

Kein anderes Land, außer dem "jüdischen Staat" hat es geschafft, ungestraft die Menschenrechte und das Völkerrecht zu brechen und das palästinensischen Volk zu besetzen, zu berauben und das größte Freiluftgefängnis, nämlich Gaza weiter zu blockieren. Ein Land, das sich selbst als "einzige Demokratie im Nahen Osten" bezeichnet, die Genfer Konvention missachtet und selbst Kinder verhaftet und foltert und palästinensische Administrativhäftlinge ungestraft weiter einsitzen lässt, bricht jetzt auch noch die Internationale Flüchtlingskonvention. Ich schäme mich fremd für dieses Israel, das einen Ministerpräsidenten hat, der sich auch noch damit brüstet, dass keine "Infiltranten" Israels Städte erreichen. Wie tief muss ein Volk sinken, das solche Regierungen duldet und wählt?
 
7.000 Folteropfer werden sich in Israel aufhalten, rund 4.000 dürften im Sinai umgekommen sein und 1.000 werden derzeit in Lagern gehalten, wie ihre Korrespondentin richtig schreibt. Ich kann der NZZ nur danken, dass sie diese Aufklärung betreibt. Was muss eigentlich noch geschehen, damit dieser israelischen Unrechtspolitik Einhalt geboten wird? Nach der Entrechtung und Vertreibung der nativen Palästinenser, nun die Schuld an den Asylsuchenden. Wir waren, und ich sage "wir", da mein Vater in Auschwitz und anderen Lagern litt, weil meine Familie keinen Zufluchtsort fand, die Eltern und die Familie meines Mannes als Emigranten aus Deutschland in den Niederlanden bei Christen untertauchten und Nächstenliebe fanden, die ich im "jüdischen Staat" vermisse. Gerade Juden sollten es wissen und nicht vergessen, wie Flucht und Asylsuche, wie Vertreibung und Entrechtung aussieht.
 
Es reicht nicht, mit dem Holocaust Politik zu betreiben, es reicht nicht, mit der Tora in der Hand zu polemisieren, denn erinnern wir uns: "Flüchtlinge waren wir in Ägypten", das jetzt zu gut mit diesem "jüdischen Staat" zusammenarbeitet! Diese "Sperranlage" zu Ägypten muss genauso fallen, wie die "Apartheidmauer", die sich tief durch vom "jüdischen Staat" besetztes Land zieht und Palästinenser und ihre Familien trennt und enteignet. Ich schreibe das voller Zorn und Scham: dieser "jüdische Staat" sollte es nicht wagen, für alle Juden zu sprechen, nicht in unserem Namen. Ich fordere alle Diaspora-Juden auf, endlich der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und diesem Unrecht Einhalt zu gebieten und diesen Staat nicht mehr blind in seiner schrecklichen Politik fortfahren zu lassen. (PK)

Evelyn Hecht-Galinski ist Publizistin, Autorin und Tochter des 1992 verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Galinski. Ihre Kommentare für die NRhZ schreibt sie regelmäßig vom "Hochblauen", dem 1165 m hohen "Hausberg" im Badischen, wo sie mit ihrem Mann Benjamin Hecht lebt.
2012 kam ihr Buch "Das elfte Gebot: Israel darf alles" heraus. Erschienen im tz-Verlag ISBN 978-3940456-51-9 (print), Preis 17,89 Euro. 
 


Online-Flyer Nr. 418  vom 07.08.2013

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