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Aktueller Online-Flyer vom 28. September 2016  

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Wirtschaft und Umwelt
„Der Super-GAU ist überhaupt nicht unter Kontrolle“
Interview zu Fukushima
Von Bettina Schneider

Am 13. Mai hat "ethecon Stiftung Ethik & Ökonomie" einen Informationsabend über die Lage in Japan nach Fukushima veranstaltet. Eine kleine japanische Delegation berichtete über die Kluft zwischen der offiziellen Darstellung durch die Regierung und der Realität. In einem Interview mit Chieko Shiina von den „Müttern von Fukushima“ und Yosuke Oda vom japanischen Anti-Atomkraft-Bündnis NAZEN hat Bettina Schneider Informationen erhalten, die wir in den üblichen Medien nicht finden. – Die Redaktion
 
Vor dem Super-GAU in Fukushima war die Mehrheit der japanischen Bevölkerung für die Nutzung von Atomkraft. Wie sieht das heute aus?
 
Yosuke Oda: Vor dem Super-GAU waren die Atomkraft und Atomkraftwerke etwas, das für die meisten Japaner weit entfernt war. Sie haben sich keine Gedanken darüber gemacht. Das hat sich heute völlig verändert. Heute sind zwischen 70 und 80 Prozent der Japaner gegen Atomkraft.
 
Wie kommt es, dass bei der letzten Wahl in Japan trotzdem die Liberaldemokraten gewonnen haben, welche die abgeschalteten Atomkraftwerke wieder hochfahren lassen wollen?
 
Yosuke Oda: Sehr viele Wähler sind nicht ins Wahllokal gegangen. Die Liberaldemokraten haben eigentlich nur 20 Prozent der Stimmen aller Wahlberechtigten erhalten. 2009 fanden auch Parlamentswahlen statt. Damals hat die Liberaldemokratische Partei eine vernichtende Niederlage erlitten. Tatsächlich hat die LDP 2012 die Wahl mit weniger Stimmen gewonnen, als sie 2009 beim Verlust der Wahlen errungen hatte. Eine bürgerliche Zeitung hat das „Sieg ohne Volkswillen“ genannt. Weder die LDP noch die Demokratische Partei (DP) haben Atomkraft zu ihrem zentralen Wahlkampfthema gemacht. Außerdem arbeiten viele junge Leute als „Fleeter“, sind also prekär beschäftigt. Sie sind daher sehr erschöpft. Die Wahlbeteiligung war deshalb die niedrigste seit dem Zweiten Weltkrieg. 2009 waren die Erwartungen an die DP groß.
 
Da sie enttäuscht wurden, wollten die Leute der DP mit dieser Wahl einen Denkzettel verpassen. Ein unabhängiger Kandidat in Tokio, der japanische Schauspieler Taro Yamamoto, hat zwei Wochen vor der Wahl seine Kandidatur erklärt. Durch sein Engagement gegen die Atomkraft ist er sehr populär. Er hat direkt 75.000 Stimmen gewonnen. Im selben Wahlbezirk ist aber auch der Sohn des Oberbürgermeisters von Tokio, Shintaro Ishihara, als Kandidat der LDP angetreten. Er hat mit 130.000 Stimmen gewonnen und ist jetzt Umweltminister. Durch die Parlamentswahlen im Dezember 2012 ist der DP das Rückgrat gebrochen worden. Sie hat sich selbst und die Wählerstimmen verloren. Mittlerweile ist sie eine kleine, unbedeutende Partei geworden. Wahrscheinlich wird sie nie wieder eine wirklich bedeutende Rolle spielen. Andererseits sieht sich die Politik der LDP jetzt auch schon mit außerordentlichen Schwierigkeiten konfrontiert, wie zum Beispiel bei den Themen Okinawa (US-amerikanische Besatzung), AKWs, Verfassungsänderung, Freihandelszone TPP (Trans-Pacific Partnership) und so weiter. Bis vor kurzem gab es eine Art Wirtschaftboom. Die Aktien sind deutlich gestiegen. Es gab eine absichtliche Abwertung des Yen für die Exportsteigerung. Doch das Leben in Japan wird dadurch teurer. Vor zwei Wochen ist diese Politik von Abe (1) jedoch gescheitert mit einem dramatischen Absturz der Aktienkurse. Seitdem ist den Leuten klar, dass Abes Politik auch keine Lösung ist.
 
Wie viele Atomreaktoren sind aktuell am Netz?
 
Yosuke Oda: Nur zwei von 50. Weitere vier sind schon vorher nicht mehr funktionstüchtig gewesen.
 
Welche Auswirkungen auf die Stromversorgung hat das?
 
Yosuke Oda: Es gibt keine spürbaren Auswirkungen.
 
Nach dem Super-GAU und der zeitweiligen Abschaltung aller AKWs gab es Aufrufe und öffentliche Maßnahmen zum Stromsparen. Sind diese noch in Kraft? Oder ist man in Japan übergegangen zum „business as usual“?
 
Yosuke Oda: Vom Stromsparen wird immer noch gesprochen, aber nicht mehr so wie vorher. Dabei handelt es sich sowieso um die Abwälzung der Verantwortung auf die Schultern der Verbraucher. Es gibt keine offizielle Pflicht zum Stromsparen. Allerdings werden beispielsweise in der Präfekturverwaltung Fukushima die Räume nicht mehr so hell beleuchtet wie früher. In anderen Regionen wird das ähnlich gehandhabt.
 
Welche Folgen hatte der Super-GAU auf den verantwortlichen Energiekonzern TEPCO?
 
Yosuke Oda: Eigentlich müsste TEPCO enorm hohen Schadenersatz zahlen. Tatsächlich kommt der Konzern aber nur für einen sehr kleinen Teil davon auf. Auch der Staat kommt in Teilen für den Schadensersatz auf. Ingesamt zahlen aber beide nur einen Bruchteil der eigentlich ausstehenden Schadensersatzsumme.
 
Gab es vor der Nuklearkatastrophe in Japan Menschen, die sich für den Ausstieg aus der Atomkraft eingesetzt haben?
 
Yosuke Oda: Es gab solche Leute, aber nicht so viele.
 
Wie hat sich die Anti-Atomkraft-Bewegung in Japan seitdem entwickelt?
 
Yosuke Oda: Im April 2011, etwa einen Monat nach dem Super-GAU, sind die jungen Leute aufgestanden. Im April und im Mai sind Leute aus Fukushima nach Tokio gereist, um gegen den Kultusminister zu demonstrieren, weil dieser behauptet hat, eine jährliche Belastung von 20 Millisievert sei ungefährlich. Die Gewerkschaften haben sich erst im September dem Aufstand angeschlossen. Die Frauen von Fukushima haben das Zeltdorf vor dem Wirtschaftsministerium ebenfalls im September 2011 gegründet. Im Oktober haben diese Frauen angefangen, dort einen dauerhaften Sitzstreik zu machen. Erst ab April 2012 gab es immer größere Demonstrationen. Im Juni und Juli 2012 betrug die Teilnehmerzahl dieser Demonstrationen 200.000.
 
Wie sieht es mit der Bewegung heute aus? Gibt es noch Demonstrationen und Widerstand gegen das Wiederhochfahren der japanischen Atomkraftwerke?
 
Yosuke Oda: Jeden Freitag wird immer noch demonstriert. Die Teilnehmerzahl steigt wieder. Besonders die Anwohner der landesweiten AKWs haben angefangen, sich zu wehren. Das ist sehr wichtig.
 
Was tun NAZEN und andere Anti-Atomkraft-AktivistInnen, um das Interesse der Öffentlichkeit an diesem Thema wachzuhalten?
 
Yosuke Oda: Wir von NAZEN finden es einerseits wichtig, dass es Demonstrationen mit möglichst vielen Teilnehmern gibt. Andererseits ist uns aber vor allem die konkrete Hilfe und Unterstützung der Betroffenen durch die Betreuung in Kliniken und durch Erholungscamps sehr wichtig. Besonders wichtig finden wir auch, die Menschen auf die körperinnere Verstrahlung hinzuweisen. Das ist eine Gefahr, die viele unterschätzen.
 
Nach Fukushima war oft von dem japanischen „Atomdorf“ die Rede, womit die engen Verbindungen zwischen der Atomindustrie, der Regierung und den Medien gemeint waren. Hat sich daran mittlerweile etwas geändert?
 
Yosuke Oda: Besser ist es nicht geworden. Diese Kräfte zielen wieder auf die Wiederinbetriebnahme der japanischen AKWs und auf den Export von Kernkraftwerken ab. Eine gewisse Umstrukturierung gab es zwar, aber trotzdem ist das Ziel gleich geblieben.
 
Wie steht es um die Medienberichterstattung in Bezug auf Anti-Atomkraft-Proteste und die Lage in den radioaktiv verstrahlten Regionen?
 
Yosuke Oda: Es gibt nur wenige kritische Zeitungen in Japan. Die meisten Zeitungen sind wie ein Sprachrohr der Regierung. Am schlimmsten sind die Wirtschaftszeitungen. Ehrliche Berichterstattung gibt es selten.

Chieko Shiina von den „Müttern von Fukushima“
Foto: Thomas Wiesen
 
Wie sieht die Situation in der Region Fukushima heute tatsächlich aus?
 
Chieko Shiina: Der Super-GAU ist überhaupt nicht unter Kontrolle. Doch gleichzeitig tut die japanische Regierung so, als sei alles wieder normal, obwohl es das nicht ist. Sie veranstaltet Marathons für Kinder und Volkfeste in der Region Fukushima, ohne sich um die gesundheitlichen Folgen für die Kinder und die Anwohner zu kümmern.
 
Die japanische Regierung behauptet, sie würde die Region erfolgreich dekontaminieren. Welche Maßnahmen ergreift sie dafür?
 
Chieko Shiina: Die meisten Straßen wurden bestenfalls oberflächlich dekontaminiert. Teilweise haben die Arbeiter die verstrahlte Erde einfach in den nächsten Fluss geworfen.
 
Welche Personen leisten die Dekontaminierung und wie sehen ihre Arbeitsbedingungen aus?
 
Chieko Shiina: Die meisten Arbeiter stammen aus Fukushima. Sie können keine andere Arbeit machen außer dieser angeblichen „Wiederaufbauarbeit“. Sie müssen teilweise ohne Schutzkleidung und Maske arbeiten und atmen ständig radioaktiven Staub ein. Niemand kümmert sich um ihre Gesundheit. Jedenfalls nicht die offiziellen Stellen. Während große Konzerne viel Geld bekommen für diese so genannte Dekontaminierung, erhalten die Arbeiter vor Ort nur einen Hungerlohn. Aber sie haben keine Alternative.
 
Wie hoch ist die radioaktive Belastung in der Region Fukushima mehr als zwei Jahre nach der Katastrophe vom März 2011?
 
Chieko Shiina: An einigen Orten gibt es so genannte Hot Spots, in denen die Strahlung mehr als ein Mikrosievert pro Stunde beträgt. Dabei gelten nur 0,1 Mikrosievert pro Stunde wissenschaftlich als unbedenklich.
 
Ist unter solchen Bedingungen ein „normales Leben“ überhaupt möglich?
 
Chieko Shiina: Nein. Unser Alltag hat sich in unendlich vielen Aspekten geändert. Dinge, die früher selbstverständlich waren, sind es heute nicht mehr. Früher war ich Biobäuerin. Heute kann ich mein Land nicht mehr bewirtschaften. Die Lebensmittel aus unserer Region sind immer noch verstrahlt.
 
Die japanische Regierung behauptet, es gäbe keine Gesundheitsgefährdung durch den Super-GAU. Unabhängige Stellen haben allerdings festgestellt, dass über 40 Prozent der untersuchten Kinder der Region Anomalien der Schilddrüsen aufweisen. Wie passt das zusammen?
 
Diese Diskrepanz erklärt sich ganz einfach. Die Regierung will die Menschen beruhigen und so tun, als sei alles wieder in Ordnung. Damit will sie die Evakuierten zur Rückkehr bewegen und letzten Endes so tun, als sei die Katastrophe endgültig vorbei. Das stimmt aber nicht.
 
Die Atomkatastrophe von Tschernobyl hat gezeigt, dass viele gesundheitliche Schäden und Erkrankungen wie zum Beispiel Krebs erst im Laufe der Jahre auftreten. Gibt es in Fukushima bereits eine Häufung von Erkrankungen?
 
Chieko Shiina: Neben den vielen Auffälligkeiten, die die untersuchten Kinder vor allem an der Schilddrüse aufweisen, wie zum Beispiel Zysten, die als Vorstufe von Krebs gelten, gibt es jetzt 15 offiziell bestätigte Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Kindern. Doch die Präfekturverwaltung behauptet, diese hätten nichts mit der Radioaktivität zu tun. Das ist in unseren Augen eine Lüge.
 
Wie gehen die Menschen vor Ort mit einer so offensichtlichen Desinformationspolitik der Regierung um?
 
Chieko Shiina: Die aktiven und kritischen Leute haben zum Beispiel eine vom Staat unabhängige Klinik gegründet, welche sie immer weiter ausbauen. Mittlerweile organisieren sie auch Erholungscamps. Außerdem veranstalten sie jeden Freitag Anti-AKW-Demonstrationen vor dem Hauptbahnhof. Aber die meisten Leute verhalten sich nicht so. Sie sind zwar skeptisch gegenüber der Regierung oder der Präfekturverwaltung. Doch sie haben Schwierigkeiten, über die Verstrahlung zu sprechen. Manche befürchten Nachteile, wenn sie sich öffentlich dazu äußern. Es gibt im Alltag oft auch sozialen Druck, der ausgeübt wird, wenn sich Menschen öffentlich kritisch äußern. Erst wenn sie einige Tage in Erholungscamps sind, fangen viele Menschen an, von der Gefahr der Radioaktivität zu sprechen. Daher sind diese Camps auch psychologisch wichtig.
 
Was für eine Klinik ist das, von der Sie gesprochen haben?
 
Chieko Shiina: Dort werden vor allem Kinder aber auch Erwachsene untersucht. Wichtig ist, dass sie völlig unabhängig vom Staat ist. Ärzten in der Präfektur Fukushima ist es untersagt, Patienten genauer zu untersuchen. Eine zweite Meinung abzugeben oder einzuholen ist unerwünscht. Die Klinik ist dazu da, die Menschen über ihren tatsächlichen Gesundheitszustand aufzuklären, ohne Vorbehalte. Dafür muss sie frei sein von staatlichen Einflüssen.
 
Gibt es etwas, das international zur Unterstützung dieser Klinik getan werden kann?
 
Chieko Shiina: Internationale Unterstützung ist sehr wichtig. Solche Unterstützung haben wir bisher aus den USA, aus Südkorea, der Schweiz und besonders aus Deutschland erhalten; auch aus einigen anderen Ländern, aber noch nicht so viel. Die Klinik ist noch sehr klein. Sie befindet sich immer noch in der Aufbauphase und würde ihre Kapazitäten gerne erweitern. Ein großes neues Grundstück gibt es schon. Jetzt benötigen wir Gelder für den Aufbau einer wesentlich größeren Klinik. Diese brauchen wir, weil immer deutlicher wird, wie massiv die Gesundheitsschäden bei den Betroffenen wirklich sind. Erkrankungen wie Krebs werden sich erst in den kommenden Jahren wirklich zeigen. Dann wollen wir gerüstet sein. (PK)
 
(1) Shinzō Abe, Vorsitzender der LDP und Premierminister Japans
 
Spenden unter dem Stichwort „Fukushima-Klinik“ an:
ethecon
EthikBank
Konto 30 45 536
BLZ    830 944 95
 
ethecon ist NRhZ-LeserInnen vor allem durch die jährliche Vergabe ihrer Internationalen ethecon Blue- bzw. Black Planet-Awards in Berlin bekannt. Die ethecon Positiv-Preise ehrten in den vergangenen Jahren Diane Wilson/USA (2006), Vandana Shiva/Indien (2007), José Abreu und Hugo Chávez/Venezuela (2008), Uri Avnery/Israel (2009), Elias Bierdel/Österreich (2010), Angela Davis/USA (2011) sowie Jean Ziegler/Schweiz (2012).

Die ethecon Negativ-Preise hingegen schmähten jeweils namentlich benannte Manager und AktionärInnen der Konzerne MONSANTO/USA (2006), NESTLÉ/Schweiz (2007), BLACKWATER (XE)/USA (2008), FORMOSA PLASTICS GROUP/Taiwan (2009), BP/Großbritannien (2010), TEPCO/Japan (2011) und GLENCORE/Schweiz (2012).
Die diesjährige Preisverleihung der Positiv- und Negativpreise findet im Rahmen einer ethecon Tagung am 16. November 2013 in Berlin statt.
ethecon ist im Gegensatz zu den vielen Konzern-, Familien-, Kirchen-, Partei- und Staatsstiftungen eine der wenigen Stiftungen „von unten“, die sich mit ihren derzeit 36 ZustifterInnen und dem Leitmotiv „Für eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung!“ in der Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen sieht. Die noch junge Stiftung finanziert sich über Zustiftungen, Spenden und Fördermitgliedschaften.
 
Weitere Informationen bei:
Bettina Schneider
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Online-Flyer Nr. 411  vom 19.06.2013

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