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Aktueller Online-Flyer vom 24. Januar 2018  

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Globales
Die Schweizer Fördervereine "Neue Wege in Somalia" und "Swisso Kalmo"
Interview mit Bashir Gobdon
Von Heinrich Frei

Bashir Gobdon, Vorstandsmitglied des Fördervereins "Neue Wege in Somalia" und von "Swisso Kalmo", der in der Schweiz als interkultureller Übersetzer arbeitet, besuchte im Februar die somalische Stadt Merka und dort die Mitarbeiter der beiden Organisationen. Seit bald zwanzig Jahren arbeiten Swisso Kalmo und die Neuen Wege ununterbrochen in Somalia, trotz des Bürgerkrieges. Die Not in Somalia ist gross. Viele Menschen hungern und werden medizinisch nicht versorgt. Viele Kinder können keine Schule besuchen. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Somalia liegt bei 45 Jahren. Das Interview führte Heinrich Frei anlässlich der Generalversammlung des Fördervereins "Neue Wege in Somalia"
 

Bashir Gobdon aus Somalia, lebt seit 1988 in der Schweiz

 
Heinrich Frei: Du hast Somalia besucht?
 
Bashir Gobdon: Ich war zuerst in Mogadischu, dann reiste ich nach Merka. Die Mitarbeiter der Neuen Wege in Merka hat es sehr gefreut, dass ich auf Besuch komme. Die Sicherheitslage in Merka ist noch nicht so gut: Immer noch hat man Angst vor der Al Shabab. Aber die somalischen Regierungstruppen und die AMISOM, die Soldaten der Afrikanischen Union, sind in Merka. Am ersten Tag als wir dort waren, wurde eine Mine, die von Al Shabab gelegt wurde, von Soldaten vor der Sekundarschule zur Explosion gebracht.
 
Am ersten Tag besuchte ich das Ambulatorium. Ich habe die vielen Patienten gesehen und die Mitarbeiter des Ambulatoriums kennen gelernt, auch Frau England Osman, die dort neu eingestellt wurde. Alle haben sich sehr gefreut, dass jemand aus Zürich sie besucht, dass wir uns für ihre Arbeit interessieren, obwohl wir 2014 unsere Tätigkeit beenden wollen und es meine Aufgabe war, die Leute über diese Entscheidung zu informieren.
 
Am zweiten Tag besuchte ich die Schulklassen. Ich sah die vielen Schüler. Das hat mich sehr bewegt. Wenn man von hier aus nur mit E-Mails und per Telefon in Kontakt ist, ist dies etwas anderes als wenn man vor Ort ist: Man sieht die Kinder, die die erste, zweite, dritte und vierte Klasse besuchen, die Jugendlichen der Sekundarschule. Als Somalier bin ich stolz, dass ich bei diesem Projekt mitmache. In einer Infoveranstaltung erzählte ich den Lehrerinnen und Lehrern, wie ich in der Schweiz lebe mit meiner Familie, wie ich arbeite, obwohl die Leute dort andere Sorgen haben. Sie haben Grossfamilien mit neun Kindern, acht Kindern. Trotz der schwierigen Verhältnisse erteilen die Lehrerinnen und Lehrer Unterricht. Einige ihrer Schüler sind ihre eigenen Kinder. Mein Anliegen war, die Menschen mit der Mitteilung nicht zu enttäuschen, dass wir aufhören, da wir in der Schweiz keine Nachfolger haben. - Sie waren von dieser Information nicht begeistert. Sie sagten mir, wir hätten über zehn Jahre das Werk geleitet, wir sollten weitermachen.
 
Die meisten Menschen in Somalia, auch die Mitarbeiter von "New Ways", haben im Moment andere Sorgen. Die Entwertung des Dollars macht ihnen zu schaffen. Der somalische Shilling hat sich um fast vierzig Prozent entwertet. Das heisst: Bei einem monatlichen Lohn von 100 Dollar können sie nur noch Lebensmittel für 60 Dollar kaufen. Früher funktionierte es mit dem Wechselkurs von Dollar zum somalischen Shilling sehr gut. Die Regierung müsste die Entwertung verhindern, aber sie ist nicht in der Lage eine neue stabile Währung einzuführen, weil sie nicht das ganze Land kontrolliert.
 
H. Frei: Hattest Du mit Swisso Kalmo Kontakt?
 
Bashir Gobdon: Ich hatte schon in Mogadischu Kontakt mit Nur Scecdon Olad, der wie ich von der Schweiz nach Somalia gereist war, und mit dem heutigen Leiter von Swisso in Somalia, mit Ali Elmi. In Merka haben wir mit dem Leiter der Neuen Wege, mit Abdullahi und mit Salim das Tuberkulosespital von Swisso Kalmo besucht. Ich erklärte dort allen, dass eine Zusammenarbeit der beiden Organisation jetzt schon sehr wichtig sei, da wir 2014 aufhören werden. Im Moment ist Swisso Kalmo in Somalia mit ihren internationalen Beziehungen zu UNO Organisationen und grossen Geldgebern stärker als die Neuen Wege. Da der Arzt Dr. Hersi die Arbeit der Neuen Wege sehr schätzt, hat er schon mehrmals Ausbildungs-Workshop in Mogadischu für die Mitarbeiter des Ambulatoriums von New Ways in Mogadischu durchgeführt. Dr. Hersi findet es sehr wichtig das Werk der Neuen Wege aufrechtzuerhalten.
 
H. Frei: Kann die Ärztin von Swisso Kalmo bei New Ways jetzt Visiten machen?
 
Bashir Gobdon: Die Ärztin von Swisso Kalmo ist bereit, regelmässig Visiten im Ambulatorium zu machen, da ein Arzt bei New Ways jetzt fehlt. Diese Ärztin ist eine Frau im mittleren Alter.
 
H. Frei: Was für einen Eindruck hast du von Merka bekommen?
 
Bashir Gobdon: Nach zwei Tagen kann man nicht viel sagen. Ich besuchte die Schulen, das Ambulatorium, der Markt, aber sonst konnte ich nicht viel sehen. Die Flüchtlinge leben ausserhalb der Stadt. Für sie ist es nicht möglich in der Stadt zu wohnen, das ist zu teuer. Ausserhalb der Stadt haben sie die Möglichkeit aus Ästen, Tüchern und Plastik kleine Hütten zu bauen. 

H. Frei: Und die Equipe der Stadtreinigung von "New Ways", die Sanitation, funktioniert diese Stadtreinigung?
 
Bashir Gobdon: Ja, das funktioniert, sie arbeiteten gut. Es freute mich, dass jemand in der Stadt für Reinlichkeit sorgt, für hygienische Zustände. Das wäre zwar die Aufgabe der Regierung und der Gemeinde. Aber diese Institutionen existieren nur als Namen. Daher ist es gut, wenn New Ways die Stadtreinigung weiter übernehmen kann bis die Gemeindeverwaltung funktioniert. So bekommen die Angestellten einen Lohn. Die Gemeindeangestellten bekommen nämlich keinen Lohn. Die Leute die sich Gemeinde- oder Stadtpräsidenten nennen haben kein Einkommen und auch keine Einnahmen. Dies ist ein Problem, an einem Ort wo einige Leute bei Nichtregierungsorganisationen relativ gut ver-dient haben.
 
H. Frei: Wie arbeitet das Spital der italienischen Organisation COSV in Merka? (Comitato di coordinamento delle Organizzazioni per il Servizio Volontario) Wie du gesagt hast, haben sie seit acht Monaten keinen Lohn mehr bekommen.
 
Bashir Gobdon: Das Spital von COSV ist das grösste Spital in Merka. Was ich mitbekommen habe: Die Spitalangestellten betreuen Menschen, helfen ihnen, begleiten sie und verdienen dabei nichts. Das ist sehr hart. Sie leben mit der Hoffnung, dass der ausstehende Lohn von acht Monaten doch noch einmal kommen wird. Ich habe gehört, dass sie kürzlich demonstriert haben. Sie haben dabei gefordert, das Spital solle einer anderen Nichtregierungsorganisation übergeben werden, da die italienische Organisation COSV zahlungsunfähig ist. Die Weltgesundheitsorganisation bezahlt wenigstens dem Arzt in diesem Spital von COSV den Lohn.
 
H. Frei: Da müssen die Patienten etwas bezahlen, wenn sie können?
 
Bashir Gobdon: Das kann sein. Aber die meisten können nichts zahlen. Einige Leute die früher bei der italienischen Organisation COSV gearbeitet haben sind jetzt bei Swisso Kalmo angestellt, zwei die ich von früher gekannt habe. Die Leute wollen überleben, egal wo sie arbeiten, bei COSV, bei Swisso Kalmo oder den Neuen Wegen. Sie brauchen einen Lohn. Aber es gibt ältere Leute, die treu bleiben, die keine andere Stelle finden können. Die bleiben dann. Ich habe Amadeo getroffen, den langjährigen Mitarbeiter im Hotel von COSV in Merka. Er hat neun Kinder und hat seit acht Monate keinen Lohn mehr bekommen. Das ist schwierig.
 
H. Frei: Aber wenn du dort übernachtet hast, hat du schon bezahlen müssen und die Einnahmen hat er bekommen?
 
Bashir Gobdon: Ja, ja, zweimal. Früher gab es dort viele Gäste, Italiener, Kenianer. Aber im Moment sind keine ausländischen Nichtregierungsorganisationen in Merka, weil die Lage immer noch unsicher ist.
 
H. Frei: Wie ist die Lage in Mogadischu?
 
Bashir Gobdon: Es wird viel gebaut. Die türkische Regierung hat viele Aufgaben übernommen, ohne die Europäische Gemeinschaft, die EU, oder die Amerikaner zu fragen. Sie renovieren und bauen neue Spitäler. Im Mai werden zwei grosse Spitäler in Mogadischu wieder eröffnet. Die Türken bauen Strassen, unterstützen Schulen. Auch die somalischen Emigranten im Ausland übernahmen verschiedene Schulen, führen Renovationen aus. In Mogadischu bewegt sich etwas. Es ändert sich etwas. Was noch schwach ist, ist die Regierung. Sie kann die Löhne für ihre Mitarbeiter nicht bezahlen. Die Einziehung von Steuern durch den Staat funktioniert noch nicht.
 
H. Frei: Die Polizei wird auch noch nicht bezahlt?
 
Bashir Gobdon: Die Leute sind jetzt am Suchen von neuen Stellen. Es ist eine neue Bewegung im Gange. Man sieht das: Ein alter Herr, ein ehemaliger General. Er trägt Armeekleider. Er steht irgendwo im Flughafen oder an der Strasse als Polizist. Er hat zwanzig Jahr nicht mehr gearbeitet. Es ist jetzt sein Stolz, dass er wieder etwas bewegt. Aber ehrlich gesagt, wie lange dauert dieser Stolz, wenn er nicht bezahlt wird?
 
H. Frei: Ich habe es sehr gut gefunden, dass du das Risiko auf dich genommen hast und nach Merka gereist bist. Du konntest dort mit den Leuten sprechen. Wenn jemand von uns gegangen wäre, hätte er schon sprachlich Schwierigkeiten gehabt.
 
Bashir Gobdon: Das Problem ist die Mentalität. Sie verstecken manchmal Dinge. Mit den einfachen Mitarbeitern hatte ich einen vielen besseren Kontakt und einen besseren Austausch als mit den Leitern. Sie hatten Angst, dass ich auf Ungereimtheiten stossen könnte. Mein Anliegen war aber nicht Konflikte aufzudecken. Ich hätte Konflikte, in den zwei Tagen, an denen ich dort war, auch nicht lösen können.
 
H. Frei: Wie geht es Abdullahi und Salim gesundheitlich, sie waren in Behandlung wegen ihrem sehr hohen Blutdruck?
 
Bashir Gobdon: Der Lehrer Achmed sagte mir, die meisten hier hätten einen hohen Blutdruck und viele seien zuckerkrank. Sie sind froh, dass sie monatlich den Lohn bekommen. Bei Swisso Kalmo ist die Arbeit befristet. Es sind Projekte der UNO mit einer beschränkten Dauer. Ein Ausblick dabei ist, dass nachher die Gemeinden die Projekte übernehmen. Schulen wären die Aufgabe der Gemeinden. Es ist keine Lösung, wenn die Bildung jahrelang abhängig bleibt von ausländischen Geldgebern. - Aber ob diese Übernahme von Aufgaben, die jetzt Nichtregierungsorganisationen finanzieren, bald möglich sein wird, ist eine andere Sache.
 
Infos über den Förderverein "Neue Wege in Somalia"
 
Der Förderverein "Neue Wege in Somalia", gegründet von Vre Karrer, arbeitet in der somalischen Stadt Merka, in einem Land, das seit über zwanzig Jahren von Bürgerkriegen, Dürren und Hungernöten heimgesucht wird. Während der über zehnjährigen Präsidentschaft von Frau Heeb beim Förderverein wurde die Tätigkeit der Neuen Wege in Somalia sehr stark ausgebaut. Heute arbeiten in Merka 98 Menschen für die Neuen Wege, im Ambulatorium, in den Schulen, bei der Stadtreinigung und im Sanitätsposten Ambe Banaan.
 
Die Primarschule der Neuen Wege besuchen heute 649 Kinder, wovon 302 Mädchen. Sie werden von 17 Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet. 14 Lehrer unterweisen an der Sekundarschule 303 Schüler, 195 Knaben und 148 Mädchen. Das Ambulatorium haben im letzten Jahr etwa 20.000 Menschen aufgesucht, vor allem Mütter mit ihren Kindern.

Zu diesem Interview haben wir eine Fotogalerie von den Orten und mit den Menschen in diese NRhZ-Ausgabe gestellt, die Bashir Gobdon besucht hat. (PK)
 
Spendenkonto:
„Förderverein Neue Wege in Somalia“, CH-8000 Zürich, Postfinance PC Konto 80-53042-7
IBAN: CH 62 0900 0000 8005 3042 7 – BIC: POFICHBEXXX
www.nw-merka.ch


Online-Flyer Nr. 405  vom 08.05.2013

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