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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Lokales
Gemeinschaftsgrundschule Baltharsarstraße wehrt sich gegen Kürzungen
Kölns OB Roters verspricht viel, hält aber nix
Von Karoline van Baars und Peter Kleinert

Seit Bekanntwerden der angestrebten Haushaltkürzungen der Stadt Köln haben Schule, Eltern und Schüler der Gemeinschaftsgrundschule Baltharsarstraße im Kölner Agnesviertel alles versucht, um den Abbau der dringend benötigten Ganztagsplätze zu verhindern. Die Schule gehörte 2011 zu den von der Unfallkasse Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf mit dem Schulentwicklungspreis „Gute gesunde Schule“ ausgezeichneten Preisträgern.

Protest der GGS-SchülerInnen am 15. März
Foto: Karoline van Baars
 
Fakt ist: seit Mittwoch, 13.3., ist klar, im kommenden Schuljahr werden der Schule, die bislang modellhaft für einen gut funktionierenden Ganztag stand, insgesamt 22 Ganztagsplätze fehlen. In der Konsequenz bedeutet dies, dass aufgrund des angewandten jahrgangsübergreifenden Unterrichts an der Baltharsarschule ganze zwei Klassen ab mittags auf der Straße stehen würden.
 
Dazu Schulleiterin Michaela Willweber: „Es ist ein Unding, dass hier mit einem Handstreich unsere gesamte Arbeit der letzten Jahre zunichte gemacht werden soll. Als integrative Schule haben wir mit unserem sehr gut verzahnten Ganztag ein Umfeld geschaffen, das es gerade verhaltensauffälligen Kindern erlaubt, in Ruhe lernen zu können und soziale Verhaltensweisen zu erproben. Diese Kürzungsentscheidung gefährdet die Zukunft unserer Schülerinnen und Schüler.“
 
Ebenso widerspräche die Mittelkürzung ganz klar der Aussage des Kölner OB Jürgen Roters, der in seinem Programm unter dem Punkt „Unser famlienfreundliches Köln – Betreuung deutlich ausweiten!“ schreibt: “Betreuung, Bildung und Erziehung müssen künftig stärker zusammenwirken und sich ergänzen. Schule und Jugendhilfe müssen integriert arbeiten. Ich verstehe Schule als den Ort für gesellschaftliches Lernen. Die Schule wird zum Zentrum für Bildung und soziale Integration.“ (1)
 

Kölner Schuldezernentin
Dr. Agnes Klein
Die Antwort der Kölner Schuldezernentin Dr. Agnes Klein auf die besorgten schriftlichen und telefonischen Fragen seitens der Schulleitung zeigt ein ganz anderes Bild: „Der Haushalt ist gedeckelt, wir können nichts mehr tun.“ Diese bildungspolitische Bankrotterklärung kann so nicht einfach stehen bleiben. Sonst haben wir in Köln bald flächendeckend Verhältnisse wie sie Philipp Möller in seinem Erfahrungsbericht „Isch geh Schulhof“ beschreibt.
 
Offener Brief an Dr. Agnes Klein, Stadt Köln
 
Die Elternschaft der GGS Balthasarstraße hatte Frau Dr. Agnes Klein vom Amt für Kinder, Jugend und Familie der Stadt Köln in einem Offenen Brief für den 15. März in die Gesamt-schule eingeladen. Hier der Text des Briefes:
                       
"Mit großer Sorge beobachten wir die Kürzungsvorhaben der Stadt Köln im Grundschulbereich! Möchten Sie tatsächlich die positive Entwicklung der letzten Jahre stoppen? Soziale und kulturelle Integration und die Idee des Gemeinsamen Unterrichts hintanstellen? Betreuung, Bildung und Erziehung erneut trennen? 
 
Unsere Schule hat es mit den ohnehin knappen finanziellen Mitteln und mit einem enormen Kraftaufwand geschafft, binnen weniger Jahre eine sehr gut funktionierende Ganztagsschule aufzubauen. Sollten tatsächlich im kommenden Schuljahr ca. 22 Ganztagsschulplätze fehlen,  - das beträfe in unserem System des jahrgangsübergreifenden Unterrichts zwei ganze Klassen -, würde diese Arbeit wieder zunichte gemacht und wir wären gezwungen zu einem Nebeneinanderher von Schule und Ganztag zurückzukehren.
 
Dies widerspräche den Zielen, die Oberbürgermeister Jürgen Roters in seinem Programm folgendermaßen bekennt: 'Unser familienfreundliches Köln - Betreuung deutlich ausweiten!
Betreuung, Bildung und Erziehung müssen künftig stärker zusammenwirken und sich ergänzen. Schule und Jugendhilfe müssen integriert arbeiten. Ich verstehe Schule als den Ort für gesellschaftliches Lernen. Die Schule wird zum Zentrum für Bildung und soziale Integration.'
 
Unsere Schule, die GGS Balthasarstraße leistet hier vorbildliche Arbeit: Als im Jahr 2007 die Offene Ganztagsschule an der Schule eingeführt wurde, waren Schule und Offener Ganztag zwei Bereiche mit wenig Berührungspunkten. Heute im Schuljahr 2012/3 sind diese Bereiche zu einem nicht mehr trennbaren Lebens- und Lernort zusammengewachsen. Ein Team aus Klassenlehrerin, Sonderpädagogin, Gruppenleitung, Ergänzungskraft, zeitweise unterstützt durch FSJler, Lehramtsanwärter, Praktikanten und Schulsozialarbeiter widmet sich der Klasse.
 
An unserer Schule gibt es seit einiger Zeit Verzahnungsstunden, die OGS-Pädagogen und Lehrerin gemeinsam gestalten. Lehrerinnen und OGS-Pädagogen stehen in ständigem Austausch über die Klassensituation, den Lernstand und das Sozialverhalten einzelner Kinder. Für die GL-Klassen spielt das eine besonders große Rolle: Gerade verhaltensauffällige Kinder benötigen professionelle und strukturierte Hilfe, um ihren Platz in der Gruppe zu finden, soziale Verhaltensweisen zu erproben und in Ruhe lernen und leben zu können. Hier hat sich viel getan, denn auch in der OGS sind sonderpädagogische Fachkräfte eingesetzt.
Die Ganztagsschule ermöglicht den Lehrerinnen ein wesentlich umfangreicheres Bild des einzelnen Kindes. Im morgendlichen Schulunterricht steht die kognitive Leistung im Vordergrund. In Gruppen- und Partnerarbeit spielt zwar auch das Sozialverhalten eine Rolle, aber stets in einer Lernsituation. Im Mittags- und Nachmittagsbereich gibt es alltäglichere Situationen und dementsprechend oft andere Verhaltensweisen. Lehrerin und OGS-Pädagogin stehen in ständigem Austausch: Lehrerinnen sind informiert, wie sich das einzelne Kind beim Spielen in der Gruppe verhält. OGS-Pädagogen wissen, an welcher Stelle das Kind beim Lernen Unterstützung benötigt.
 
Unsere Schule ist ein Ort der Integration! Wir sind keine Brennpunktschule, aber an unserer Schule bekommen alle Kinder eine Chance und Kinder, die aus den unterschiedlichsten Gründen benachteiligt sind, können in diesem Umfeld tatsächlich integriert werden. Aber nur, wenn sie auch nach 11:50 Uhr noch bleiben dürfen!
 
Wir Eltern wissen unsere Kinder in der GGS Balthasarstraße sehr gut aufgehoben. Wir können darauf vertrauen, dass eine hervorragende Grundlage für das schulische Lernen gelegt wird und die Kinder zu selbstständigen Persönlichkeiten erzogen werden, die einen guten Umgang miteinander pflegen. In Elterngesprächen, die inzwischen fast immer auch durch den/ die OGS-Pädagogen begleitet werden, wird das Kind viel differenzierter gesehen.
Wenn nun ein Teil der Kinder von diesem ganzheitlichen System ausgeschlossen wird, haben wir eine Zweiklassenschülerschaft. Wir Eltern befürchten, dass dann vor allem Kinder zu Hause bleiben, die von einer guten Ganztagsschule besonders profitieren könnten: Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen und Förderkinder.
 
In unseren Augen kann sich gerade unsere Stadt, die sich die Umsetzung der Inklusion und das besondere soziale Miteinander auf die Fahne schreibt, einen solchen massiven Rückschritt nicht leisten! Möglicherweise muss das Geld, dass in der Bildung gespart wird, als Spätfolge wieder in Sozialarbeit und Kriminalitätsbekämpfung investiert werden.
 
Ein letzter wesentlicher Punkt ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Auch dies würde deutlich erschwert bzw. für einige Familien zunichte gemacht. Wenn für so viele die Ganztagsbetreuung entfällt, ist auch dies ein weiterer massiver Rückschritt in unserer Bildungslandschaft!
 
Wir fragen uns, wo unsere Stadt hin will, quo vadis Köln? Bitte gestalten Sie Zukunft: Investieren Sie weiter in die Bildung und lassen Sie dabei keine Kinder draußen stehen!
Mit hoffnungsvollen Grüßen, die Eltern der GGS Balthasarstraße

Der Einladung nicht gefolgt

"Weder Frau Dr. Klein noch der OB sind unserer Einladung gefolgt", teilte uns eine Mutter am 18. März mit. "Es gab wohl noch ein Telefonat von Seiten einer Vertreterin von Frau Dr. Klein mit einer unserer Elternvertreterin, aber so weit ich weiß, gab es da keine klaren Aussagen, nur Vertröstungen."
(PK)


(1) Quelle: http://www.gruenekoeln.de/programm-juergen-roters.html
 


Online-Flyer Nr. 398  vom 20.03.2013

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