NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

zurück  
Druckversion

Kultur und Wissen
Timur Vermes' Debütroman über Hitler "Er ist wieder da: Der Roman"
Böse und köstlich!
Von Sabine Schiffer

Bis ins kleinste Detail stellt dieses Buch eine brillant durchkomponierte Provokation dar. Die Perspektive Hitlers einnehmend, der im Sommer 2011 auf einem Berliner Baugrundstück wieder erwacht, können die Leser mal laut auflachen, mal erschreckend innehalten über die Analysen und Schlussfolgerungen, die „de Führa“ in seiner Betrachtung der neuen Zeit liefert. Zwischen Sarkasmus und Zynismus spielt sich nicht nur die schonungslose Medienanalyse des zukünftigen Fernseh- und Youtubestars ab, sondern seine gesamte im Duktus der Hitler-Sprache gehaltene Welt- und Menschensicht.
 
Damit erweckt er Sympathien und führt nicht zuletzt die Parteien der Mitte in Personae Renate Künast und Sigmar Gabriel vor, sondern distanziert sich von einer NPD unter der Führung von Holger Apfel, dessen Äußeres ebenso diffamierend beurteilt wird, wie das von FDP-Chef Rösler. Der teils offene Rassismus und Antisemitismus lässt einem den ein oder anderen Lacher im Halse stecken, kann aber insgesamt – quasi durch schleichenden Humor – vorführen, wie wenig man dem überzeugten Ich-Erzähler entgegen zu setzen hat. Wenn es auch vielleicht nicht zu einer Identifikation mit dem die Gesellschaft entlarvenden Protagonisten kommt, so gelingt es dem Autor des fast 400-Seiten starken Buches durchaus, Empathie für den Gestrandeten zu wecken.
 
Was aber, wenn man so manche Sicht auf die Dinge teilt, nicht jedoch die Schlüsse daraus? Etwa des Protagonisten Beurteilung des Fernsehprogramms als Volksverdummung und Beschäftigungstherapie mittels belangloser Kochsendungen, die man viel besser zu Propagandazwecken nutzen könnte? Auch seine Beurteilung von Splitscreens und Infobanner auf dem TV-Bildschirm als geschicktes Mittel, um heikle Botschaften zu verstecken, indem man sie als unwichtig markiert, mag so manchen Anhänger finden. Oder die Feststellung der zentralen Rolle der Bild-Zeitung, die er später für seine Zwecke einzusetzen weiß. Wie er die neuen Medien zu nutzen lernt, mag dabei nicht nur darum aufschrecken, weil sie sich ohne Kontrollinstanz nutzen lassen, sondern weil die wenigen Kontrollinstanzen in Form von Redaktionen oder Programmverantwortlichen ihm eine Rolle zubilligen, die eine Art mediale Parodie auf die politische Rolle von einst darstellt.
 
Dass die Grenzen zwischen Medien, Politik, Comedy und Realität hier so unscheinbar verschwimmen, darf zum Nachdenken anregen. Zum Beispiel übers Framing, nämlich dem Phänomen, wie der „neue“ Hitler seine alten Wahrnehmungsschablonen an die Beobachtungen neuer Phänomene anlegt. Nicht nur, dass er aus der Existenz eines modernen, sprich: durchlöcherten, Fahrradhelms schließt, dass Berlin immer noch unter Beschuss und Bombenterror leidet. Er zieht teilweise auch logische Schlüsse, etwa das Fazit seiner Medienerfahrungen, dass es die Installation eines eigenen Mediums, eines neuen „Völkischen Beobachter“, nicht brauche – angesichts des Funktionierens unserer Medien hier und heute. Hierhin hätte gut noch eine Betrachtung von Computerspielen und den darin kultivierten Feindbildern gepasst.
 
Die Pointen, die in den Details schlummern – sei es die Vergabe einer eMail-Adresse jenseits der vielen Hitlers, die sich im Internet tummeln, sowie die Zuschreibung einer Deutung für die verschiedenen Klingeltöne fürs Telefon und nicht zuletzt die Verleihung des Grimme-Preises für ein perfides Fernsehprogramm – leiten direkt über zu den Fragen der Gegenwart, deren weit verbreitetes Gefühl von einer Überwindung jeglicher faschistischer Allüren sich offenbar verbietet.
 
Timur Vermes ist hier ein Meisterwerk des sympathischen Vorführens gelungen, das diejenigen zur Betrachtung eines skurrilen Realitätsverständnis einlädt, die sich aufmerksam mit der aktuellen Politik und den Medien auseinandersetzen und die die unausgeführten Hinweise auf Protagonisten der Gegenwart verstehen. Böse und köstlich! (PK)
 
Timur Vermes: "Er ist wieder da: Der Roman", Eichborn-Verlag. 396 Seiten, ISBN: 978-3-8479-0517-2; Preis 19,33 €. Seit September 2012 wurde "Er ist wieder da" über 400.000 Mal verkauft (Stand Februar 2013) und in 27 Sprachen übersetzt.
 
Dr. Sabine Schiffer ist Leiterin des Instituts für Medienverantwortung in Erlangen. www.medienverantwortung.de/
 


Online-Flyer Nr. 397  vom 13.03.2013

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FOTOGALERIE