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Aktueller Online-Flyer vom 18. Dezember 2017  

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Literatur
Ein Essay
"Über die Wörter"
Von Herbert Tepe

Lange hatte er das nicht verstanden „Die Wörter machen weiter“. Dann hatten sich nach vielen Jahren große Mengen an Wörtern angesammelt. Und plötzlich war da ein Gefühl, dass sie sich ohne sein Zutun, ohne dass er sie dazu aufgefordert hätte, unaufhaltsam vermehrten. Die Korrespondenz verkomplizierte sich, ständig wollten Wörter ausgetauscht werden. Andere bestanden darauf, mit bestimmten Wörtern nicht im gleichen Text verwandt zu werden. Wieder andere nahmen ständig eine neue Bedeutung an. Stellten sich mal dem einen, mal dem anderen Verwender nach dessen Gusto zur Verfügung. Diese Amöbenwörter missfielen ihm besonders – trieben Bigamie mit einem fortschreitenden Fortschritt.


Quelle: polskaweb.eu
 
So war seine nächste Maßnahme sich von diesen Wörtern zu trennen. Er nahm einen alten Koffer, stopfte sie hinein, war erstaunt wie viele es waren, und fuhr mit ihnen in die Innenstadt. Dort gab er den Koffer, samt Inhalt, bei einer chemischen Reinigung ab. Hier sollten sie zunächst gut aufgehoben sein, und er erinnerte sich, dass schon Wittgenstein in seinen vermischten Bemerkungen, eine Empfehlung zur gelegentlichen Reinigung eines Wortes gegeben hatte, um es hernach wieder verwenden zu können. Zwar teilte er diesen Optimismus nicht, aber schaden konnte es auch nicht.
 
Der Anfang war gemacht, mehr aber nicht. Seine wenig ersprießliche finanzielle Lage brachte ihn sodann auf die Idee, größere Mengen von Wörtern zu verkaufen, oder wenigstens zu verleasen. Er machte sich daran die Wörter zu sortieren, zu gewichten und zu kategorisieren, um sie dann am Markt anbieten zu können. „Am Markt anbieten“, er wurde bleich. Hatte er nicht gerade das Wort Markt in den Koffer gepackt? Die nächsten zwei Tage war er unfähig zu arbeiten. Immer wieder fragte er sich, wie dieses Wort wohl den Weg zu ihm zurück gefunden haben könnte.
 
Es stellten sich jetzt eine Menge Fragen: Haben Wörter ein Gewicht? Kann man sie wiegen oder nur wägen? Welche Maßeinheit legt man zu Grunde? Benötigt man eine Goldwaage? Besteht das Gewicht eines Wortes aus der Addition seiner Zeichen? Wiegen Wörter, die zu gewichtigen Worten geworden sind, prinzipiell mehr? Welche Rolle spielte der jeweilige Benutzer? Ist hier ein Gewichtszuschlag nötig? Wie verhält es sich mit Wörtern einer anderen Sprache? Müssen Umrechnungskurse beachtet werden? Reicht wiegen überhaupt aus? Welche Rolle spielen Wörter in Sätzen und Kontexten? Fragen über Fragen?
 
Eventuell könnte man auch Gewichtsklassen einführen, wie beim Boxen und oder Gewichtheben. Dann dürften nur Wörter der gleichen Gewichtsklasse gegeneinander antreten. Soll Abspecken erlaubt sein? Und spätestens hier muss man sich mit dem Thema Doping auseinandersetzen. Wäre es eine Lösung, das Wort Doping einfach zu entsorgen, um der Problematik ein für alle Mal zu entgehen?
 
Wörter bringen es nicht an den Tag. Sie können geheime Verbindungen eingehen, lassen sich bestechen. Er würde sich auf die Suche nach den einfachen Wörtern machen. Die meisten Substantive waren verzichtbar, auch Adjektive brauchte es nur wenige. Verben, Präpositionen und Konjunktionen werden seine wichtigsten Verbündeten sein.
 
Er sah müde aus, Wörter hatten ihn immer angezogen, nun aber wird er sich entscheiden müssen, wenn er die geheimen Verbindungen offen legen wollte; was die Menschen meinen, wenn sie sagen …., mit dem, was sie nicht sagen. Irgendwann wird man fragen, auf welcher Seite er steht.
 
Er denkt an Rolf Dieter B.
„Auch alle Fragen machen weiter, wie alle Antworten weiter machen. Ich mache die Augen auf und sehe auf ein weißes Stück Papier.“
Aus dem Gedichtband "Westwärts 1&2" von Rolf Dieter Brinkmann (PK)
 


Online-Flyer Nr. 393  vom 13.02.2013

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