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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
Einkommen aus selbstständigen Tätigkeiten
Der Leistungsträger - Teil 4
Von Herbert Tepe

Hier im vierten Teil meiner NRhZ-Serie soll zunächst Leistung als selbstständige Arbeit in Personen- oder Kapitalgesellschaften untersucht werden. Eine erste Beschäftigung mit diesem Thema stellt fest, dass es schwerer zu fassen ist als die vorangegangenen. Unbeschadet davon muss aber ein nachvollziehbares System geschaffen werden, das die hier erzielten Einkommen in Relation zu den in Lohnabhängigkeit erzielten stellt.


Cartoon: Kostas Koufogiorgos 
 
Gründet man ein Unternehmen, setzt das Initiative, Mut, Risikobereitschaft und Kreativität voraus. Ein gewisser Grad an Selbstausbeutung in Form von Hingabe an die Aufgabe ist unerlässlich. Nun ist es aber graduell höchst unterschiedlich, ob und wie weit sich ein Unternehmensgründer den vorgenannten Bedingungen für die eigene Person aussetzt. Von der vollständigen und reichlichen Ausstattung mit vorhandenem Kapital (oft Erbe oder Familienvermögen), bis zur vollständigen Fremdfinanzierung mit hohem Risiko ist alles möglich.
 
Als Beispiel mag ein Unternehmen der ersten Generation gelten, das sich nach und nach positiv entwickelt. Denkbar ist, dass der Unternehmer seine eigene Arbeitsleistung zunächst gering und der Höhe nach nicht über dem seiner Mitarbeiter bewertet und auch faktisch bezieht. Denn er muss natürlich seine Kapitalkosten tragen, Rücklagen für alle Arten von Notfällen bilden und evtl. weitere Investitionen vornehmen. Prosperiert das Unternehmen im Laufe der nächsten Jahre, stellt sich die Frage, bis zu welcher Grenze es legitim ist, den erwirtschafteten Ertrag nach Steuern als persönliches Einkommen zu vereinnahmen. Eine Grenze sollte es aber auf jeden Fall geben.
 
Der Unternehmer sollte sein Einkommen in Form eines monatlichen Gehaltes beziehen und dieses sollte in keinem Fall über dem der Stufe 4 des in Lohnabhängigkeit erzielten Einkommens liegen so wie es in Teil 3 dieses Artikels genannt worden ist (6.500,-- bis 10.000,--EURO bei 42,5 Wochenstunden). Alles was mehr erwirtschaftet werden konnte, sollte, nachdem Investitionen und Kapitalkosten in Abzug gebracht worden sind, aufgewendet werden für eine Erhöhung von Löhnen und Gehältern der Mitarbeiter und/oder zur nachhaltigen Vorsorge für schwierige Zeiten bis hin zu Sozialplänen für den Insolvenzfall.
 
Die Entscheidung darüber kann man getrost dem Unternehmer überlassen, wenn er Löhne und Gehälter wie in Teil 3 beschrieben zahlt und sein eigenes Einkommen durch die Obergrenze fixiert ist. Interessenlage von Unternehmer und Mitarbeiter sind jetzt weitgehend gleich. Wichtig ist, dass dem Unternehmen kein Geld durch persönlichen Luxus des Unternehmers entzogen wird und der Unternehmer seine eigene Arbeitskraft voll in das Unternehmen einbringt. Ein Unternehmer der nichts leistet, darf keine Zahlungen erwarten, er hat sich von seinem Unternehmersein verabschiedet.
 
Zu regeln ist auch der Übergang von einem Unternehmer der ersten Generation an die nächste und weiter von Generation zu Generation. Ein potentieller Nachfolger, der die Nachfolge nicht antritt, leistet nichts und darf keine Zahlungen aus dem Unternehmen erhalten. Er kann lediglich aus dem jetzt limitierten Privatvermögen des Unternehmers etwas erwarten. Tritt er jedoch die Nachfolge an und bringt sich voll ein, kommt er zwar in den Genuss von Privilegien für die er nichts geleistet hat, dieses muss aber zugestanden werden. Hier kommen wieder die Widerfahrniselemente ins Spiel. Die Kompensationsleistung, die ein so Privilegierter zu erbringen hat, für das was ihm zugefallen ist, besteht in der Verpflichtung zur Leistung für das Unternehmen und ist inhärenter Bestandteil der Verantwortung der Tätigkeit als Unternehmer.
 
Es sind weiter Regelungen zu treffen, die es Unternehmern unmöglich machen, ihr Unternehmen in diverse rechtlich getrennte Teilbereiche zu splitten mit dem Ziel, nicht mehr für das Gesamte haften zu müssen. So ist es ein Leichtes, sich von Teilbereichen zu trennen, sie nicht mehr zu alimentieren wie das gerne genannt wird, wenn diese nicht mehr einträglich sind. Spätestens hier entfernt sich der Unternehmer von einem „ehrbaren Kaufmann“. Hier ist es dann nicht mehr weit her mit der viel beschriebenen Verantwortung. Diese wird stattdessen schon dem „kleinsten Mitarbeiter“ in die Zielvereinbarung geschrieben, ohne dass dieser über die zur Verantwortungsübernahme notwendige Handlungs- und Entscheidungsfreiheit verfügt.
 
Noch größere Verheerungen kommen durch den An- und Verkauf von Firmen zustande. Hier wird spekuliert und gezockt. Firmen werden trotz Gewinn oder voller Auftragsbücher einfach entsorgt. Der Chairholder-Value - die Aktionäre sagen wo es lang geht. Hier braucht es dann keine legitimierten Unternehmer mehr; die Bindung zwischen Unternehmen und Mitarbeiter ist längst aufgelöst. Zusammen mit den an den Finanzmärkten Aktiven, regieren sie derzeit die Welt. Bankangestellte zu Bankern aufgeblasen, spielen Schicksal. Warum nur lassen wir uns das bieten? Effektivere Formen des Widerstands müssen dringend gefunden werden. Die parteiendominierte parlamentarische Demokratie wird das nicht leisten wollen.
 
Ebenfalls zu untersuchen ist, ob denn Erfolg ein Kriterium für Leistung und Einkommensbemessung sein kann. Nein - die irrationalen Prämien und Boni, die Manager in den letzten Jahren kassiert haben, verdanken sich in erster Linie rigorosem menschenverachtenden Vorgehen oder im Finanzbereich einem Gambler-Verhalten, das selber kaum vom Risiko bedroht war. Dies entspricht viel eher dem gesellschaftlichen Misserfolg. Erfolg durch Leistung ist ein beharrliches Ringen um ein gutes Produkt oder eine gute Dienstleistung und wird getragen von der Leistungsbereitschaft jedes einzelnen Mitarbeiters. Daneben sind aber auch Kontingenz und Zufall Elemente des Erfolges. Sie gehören zum Leben und lassen sich durch kein Controlling, durch kein Qualitätsmanagement der Welt verhindern, sondern bestenfalls minimieren.
 
Drei weitere wichtige Dinge müssen in diesem Kontext angesprochen werden:
1.         Haus-, Erziehungs- und Pflegearbeit in der Familie und gleichgestellten Lebensverbänden gehören in den Leistungsaustausch und müssen bezahlt werden. Dieses ist ein Beruf, dem hohe Anerkennung gebührt, gleich ob Frau oder Mann sie ausführt. Erst dann kann eine Gesellschaft auch legitime Anforderungen an die Erziehung stellen. Die Folgekosten für die Gesellschaft sind verheerend, wenn diese Aufgabe misslingt. Und die Tatsache, dass sie nicht unmittelbar und fremdgesteuert einen Mehrwert erbringen, zählt nicht, ist von Interessen Dritter bestimmt.
2.         Vielfach wurde hier von Widerfahrenem gesprochen und als Grund Kompensationsleistungen angegeben. Nun bestehen aber alle Leistungen nicht nur auf Grund des Widerfahrenen, sondern auch auf Grund von Selbstverschuldetem. Ein Mensch, der sich nicht anstrengt, der offensichtlich nicht sein Bestes gibt muss Sanktionen erfahren. Ein heikles Thema, das aber gelöst werden muss, denn Schmarotzen auf Kosten der Gesellschaft kann es auch in einem neuen Paradigma nicht geben. Der Schlüssel liegt in der Erziehung und in der Bildung. Einer Bildung, die lehrt, dass moralische Werte Vorrang vor den rein kommerziellen Bedürfnissen haben (die Grundtugenden u.a.). Genau das aber findet heute nicht statt. Heute ist Bildung auf möglichst rasche Zuführung der Ausgebildeten in die von der Wirtschaft gesteuerten Arbeitsfelder gedacht. Und die Wirtschaft legt noch nach: Die Unruhen in London, wo vor ca. 2 Jahren der so genannte Mob die Läden stürmte und darauf der britische Premier diese überwiegend jungen Menschen als Gesindel der Unterklasse bezeichnete. Er vergaß dabei zu erwähnen, dass zuvor das Gesindel der Oberklasse diese Leute aus ihren Quartieren vertrieben bzw. durch zunehmende Errichtung von Konsumtempeln der übelsten Art wie Spielhallen bestens „präpariert“ hatte. Hier lässt ein falscher Liberalismus des bestehenden Paradigmas es zu, dass die Menschen erst verführt und dann, wenn die Geschäfte gemacht worden sind und die Menschen nicht so reagieren wie gewünscht - nämlich als geduldige Konsumsklaven - dann angeklagt werden. Wer sich die Fernsehprogramme der üblichen Sender ansieht, die aggressive Werbung für schnellen Konsum völlig überflüssiger, ja schädlicher Güter, weiß was hier im Argen liegt. Wenn die Gesellschaft Anforderungen an die Jugendlichen stellt, die wohl überwiegend berechtigt sein mögen, dann muss man auch mit letzter Konsequenz diesem kontraproduktiven Treiben ein Ende setzen.
3.         Noch nicht erfasst wurden die freiberuflich Gewerbetreibenden, Künstler und alle anderen die darunter fallen. Viele von ihnen haben keine regelmäßigen Einkünfte, so dass man Einkommensvergleiche nur über einen größeren Zeitraum (Jahr) anstellen kann. Ziel muss es auch hier sein, die Einkommen nach oben zu begrenzen. Millionengagen für Stars aus allen Bereichen sind völlig inakzeptabel. Vielmehr geht es darum, auch den vielen Unbekannten ein Einkommen zu garantieren, mit dem sie mehr als nur überlebensfähig sind. Der Kunstmarkt ist ein gutes Beispiel für diese schizophrene Entwicklung. Hatte der arme Vincent van Gogh doch zu Lebzeiten nur einige Bilder verkauft, für eine noch so geringe Summe - heute zahlt man zweistellige Millionen Beträge für seine Bilder.                                                                                            
 
Die Entwicklung eines neuen Paradigmas ist ein Kraftakt, ein ungeheures Unterfangen, denn die Privilegierten werden ihre Pfründe nicht freiwillig aufgeben. Und mehr Gerechtigkeit über Besteuerung zu erzielen, ist der falsche Weg. Er suggeriert, dass die hohen Einkommen durch Leistung zustande gekommen sind.
 
In dieser Serie sollten nur einige Ideen geliefert werden, anhand derer geprüft werden kann, ob ein neues Paradigma in diese Richtung gehen kann. Damit zu beginnen wäre allemal überfällig. 

Literatur zur Serie:
 
Angelika Krebs “ Arbeit und Liebe” Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft Band 1564 
Martha C. Nussbaum “Gerechtigkeit oder das gute Leben” Edition Suhrkamp 739
Martha C. Nussbaum “Vom Nutzen der Moraltheorie für das Leben” Passagen Verlag 
Fernand Braudel “ Sozialgeschichte des 15.-18. Jahrhunderts”  3 Bände Kindler Verlag
 
Zum Abschluss, das im ersten Teil angekündigte Gedicht. Es ist während der Beschäftigung mit diesen Themen entstanden:
 
der leistungsträger
 
der leistungsträger trägt der leistung last
auf dass man ihn zum vorbild macht
nun trägt er auch noch diese bürde
man dankt es ihm mit geld und ehre
 
der lastenträger trägt nur schwere last
auf dass man ihn zum büttel macht
nun trägt er auch noch diese scham
man dankt es ihm mit not und harm
 
und fragt man nun wer leistung und
wer lastenträger sei erfährt man
das ist wirklich zweierlei
 
wir glauben`s fromm auf dieser erden
und hoffen nur dass wir nicht selber
lastenträger werden
 
allein es ist der künder dieser nachricht
der uns verrät der tücke absicht
sich selbst hat er längst eingereiht
als leistungsträger weit und breit (PK)
 
Lebenslauf des Autors:
Geb. am 4.4.1940 in Georgsmarienhütte, einer Kleinstadt bei Osnabrück
1946-1950 Volksschule, 1950-1956 Gymnasium, mehrere Handelsschulen, mehrfacher Schulabbrecher und Leistungsverweigerer
1956-1958 Getrampt durch Süd- und Westeuropa, 1958-1960 Bundeswehr, anschließend Wehrdienstverweigerer
1960-1972 Gearbeitet in Tätigkeiten mit schwerer bis schwerster körperlicher Belastung z.B. Möbelträger/Packer
1972 Umschulung zum Speditionskaufmann und bis 2005 im selben Unternehmen beschäftigt
Vom Hilfsdisponenten über mehrere Stationen zum Leiter einer Internationalen Transportabteilung, Leiter der Personalentwicklung und Ausbildungsleiter
Nach 45 Jahren sozialversicherungspflichtiger Arbeit Rente
Anschließend freiberuflicher Trainer. Spezialgebiete: Mitarbeiter/Innen auf den unteren Lohnstufen (Kraftfahrer/Lagerarbeiter u.a.), Ausbildung für DisponentInnen, lebenslanges Selbststudium, Schwerpunkte: Philosophie/Soziologie/Literatur  


Online-Flyer Nr. 392  vom 06.02.2013

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