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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
Ein neues, leistungsgerechtes Modell der Entlohnung
Der Leistungsträger - Teil 3
Von Herbert Tepe

Die Messung der Arbeitszeit (das Quantitative) sollte für alle Tätigkeiten so weit wie möglich vergleichbar vorgenommen werden. Derzeit ist es so, dass im Industrie- und Dienstleistungssektor die Arbeitszeiten der unteren Einkommensschichten exakt auf die Minute festgehalten werden. Es wird unterschieden in Bereitschafts- und Arbeitszeiten mit weiteren berufsspezifischen Besonderheiten. Alles mit dem Ziel, die Arbeitsleistung dieser Menschen, in Form einer 100%-Produktivitätszeit zu erfassen. Den Maschinen gleich – anstellen – abstellen.


Cartoon: Kostas Koufogiorgos
 
Im Management aber auch in der Politik dagegen bleiben die Arbeitszeiten nebulös. Nicht, dass hier in der Regel nicht ausreichend lang gearbeitet wird, vermutlich sogar mehr als in anderen Tätigkeiten, aber es wird nicht nach gleichen Regeln gemessen. Diese Gruppe, die gerne den 16-Stunden Tag für sich reklamiert, gibt auf Nachfrage an, wann sie ihre Wohnung morgens verlassen hat und wann sie abends in selbige zurück gekehrt ist. Man darf getrost spekulieren, welche Netto-Arbeitszeit wirklich geleistet wird. Ist nun ein opulentes Mahl auf Firmen- oder Staatskosten Bereitschaftszeit oder ist es gar Arbeitszeit? Hier wird ganz ohne Zweifel gemogelt.
 
Welche Kriterien werden nun für das neue Modell herangezogen: Es wird unterschieden in reagierende, weitgehend vorgegebene Arbeit und agierende, initiative Arbeit. Beispiele für reagierende, vorgegebene Arbeit sind Teile der Verwaltungsarbeit nach standardisierten Prozessen aber auch körperliche Tätigkeiten, die aus weitgehend repetitiven (sich wiederholenden) Handgriffen besteht. Als Beispiel für agierende Arbeit ist u.a. die Tätigkeit eines Journalisten zu sehen, der zwar häufig auf etwas reagiert, dieses aber kreativ und gestaltend tun muss, und diese Fähigkeiten sollen ganz allgemein für agierende Arbeit gelten.
 
Weiter soll als Kriterium das Ausmaß an Komplexitätsbewältigung in einer Tätigkeit gelten. Je höher die Komplexität desto mehr Ressourcen werden gebraucht zur Bewältigung der Aufgaben und auch verbraucht. Tätigkeiten an der Spitze großer Unternehmen und in der Politik müssen dieses leisten. Denkbar sind aber auch andere Tätigkeitsfelder, die diese Fähigkeiten erfordern.
 
Als letztes Kriterium werden besonders erschwerende Arbeits- und Rahmenbedingungen einer Tätigkeit einbezogen. Diese lassen sich in verschiedenen Bereichen ausmachen:
Tätigkeiten, die unabwendbar dem Klima, der Witterung ausgesetzt sind, oder in denen hohe Lärmbelastungen ertragen werden müssen. Tätigkeiten, in denen die physischen Belastungen die Gesundheit in erheblichem Maß beeinflussen. Der Katalog dieser Tätigkeiten wäre noch zu ergänzen. Als Beispiele mag hier die Arbeit eines Menschen im Straßen- und Tiefbau, als Fliesenleger oder Dachdecker gelten.
 
Außergewöhnliche psychische Belastungen sind da auszumachen wo Kopf und Handgriffe permanent höchste Konzentration erfordern und Fehlgriffe schnell irreversible Folgen haben. Piloten, Not- und Rettungskräfte vom Arzt bis zu Feuerwehrleuten und Polizisten, die vor Ort eingesetzt werden. Auch weiteres Fahrpersonal auf der Schiene wie auf der Straße ist diesen Belastungen ausgesetzt. Selbst die Berufskraftfahrer, die weit unten auf der Einkommens-Skala stehen, aber täglich im Straßenverkehr höchste Konzentration aufbieten müssen, verdienen hier Berücksichtigung. Hohe Präsenz in der Öffentlichkeit, die sich nicht einer Selbstinszenierung verdankt wie bei Stars und Sternchen oder dem unseligen Adelsvolk, gehören dazu.
 
Bei den Kriterien der qualitativen Leistungsmessung wird die körperliche Arbeit der geistigen Arbeit prinzipiell gleich gestellt, wobei man aber sagen kann, dass bei den meisten Tätigkeiten geistige und körperliche Arbeit als Einheit verausgabt wird; mal überwiegt das Eine, mal das Andere.
 
Einkommensstufe 1
Vorgegebene, reagierende Tätigkeiten, die ohne besondere Beanspruchung durch Arbeits-oder Rahmenbedingungen geleistet werden.
Einkommensstufe 1+
Vorgegebene, reagierende Tätigkeiten, mit besonders erschwerenden Arbeits- und Rahmenbedingungen.
Einkommensstufe 2
Wechsel von vorgegebenen, reagierenden Tätigkeiten und agierenden Tätigkeiten mit geringer Komplexität, ohne besondere Beanspruchung durch Arbeits- oder Rahmenbedingungen.
Einkommensstufe 2+
Wechsel von vorgegebenen, reagierenden Tätigkeiten und agierenden Tätigkeiten mit besonders erschwerenden Arbeits- und Rahmenbedingungen.
Einkommensstufe 3
Überwiegend agierende Tätigkeiten von mittlerer Komplexität, ohne besondere Beanspruchung durch Arbeits- oder Rahmenbedingungen.
Einkommensstufe 3+
Überwiegend agierende Tätigkeiten von mittlerer Komplexität, mit besonders erschwerenden Arbeits- oder Rahmenbedingungen.
Einkommensstufe 4
Agierende Tätigkeiten von hoher bis höchster Komplexität, ohne besondere Beanspruchung durch Arbeits- oder Rahmenbedingungen.
Einkommensstufe 4+
Agierende Tätigkeiten von hoher bis höchster Komplexität, mit besonders erschwerenden Arbeits- oder Rahmenbedingungen.
 
Abgestellt auf die Situation in Deutschland und auf eine 42,5 Stunden-Woche ergeben sich folgende Einkommensfenster. Fenster statt einer fixen Summe, um individuellen Besonderheiten Rechnung zu tragen.
Stufe 1 Einkommen von 2.125,-- bis 2.500 EURO
Stufe 1+Einkommen von 2.500,-- bis 3.500 EURO
Stufe 2 Einkommen von 2.500,-- bis 4.500 EURO
Stufe 2+Einkommen von 4.500,-- bis 5.500 EURO
Stufe 3 Einkommen von 4.500,-- bis 6.500 EURO
Stufe 3+Einkommen von 6.500,-- bis 7.500 EURO
Stufe 4 Einkommen von 6.500,-- bis 8.500 EURO
Stufe 4+Einkommen von 8.500—bis 10.000 EURO
Der Kriterien-Mix, der hier in den verschiedenen Stufen zu Grunde gelegt wird, muss sicher noch verfeinert werden.
 
Höhere Einkommen gibt es nicht, weder durch Boni noch durch andere Wohltaten. Die Stufen entwickeln sich auf Grundlage der Stufe 1. Soll sich das Einkommen in einer Stufe, z.B. der höchsten verbessern, müssen die anderen proportional angepasst werden. Das Einkommen in Stufe 1 muss die Grundbedürfnisse (die noch genauer zu definieren sind) und die vollständige Bedienung der Sozialsysteme ermöglichen. Bei gleicher Arbeitszeit darf das oberste Einkommen das unterste Einkommen nicht mehr als um das 4-fache übersteigen. Gleiches gilt für die daraus resultierende Renten, Pensionen usw. Ist ein Unternehmen nicht in der Lage, die Lohnsumme für alle Mitarbeiter nach diesem Modell zu zahlen, ist wie folgt vorzugehen:
 
Die Stufe 1 darf nicht unterschritten werden und bis zur höchsten Stufe werden alle Stufen proportional so angepasst, dass die maximal zahlbare Lohnsumme nicht überschritten wird.
Das Einkommen einer Kanzlerin oder eines Kanzlers wäre nach diesem Modell abgedeckt, so wie es derzeit tatsächlich ist. Denn von einer 70-80 Stunden Woche wird man schon ausgehen müssen, und erschwerende Bedingungen sind schon durch die hohe Präsenz in der Öffentlichkeit gegeben. Das zu möglichen Utopie Vorwürfen. Und ein höheres Einkommen muss es nicht geben.
 
Entscheidend ist, dass die utopischen, in keiner Relation zur Leistung stehenden Einkommen verschwinden, und dass alle mehr zusammenrücken. Das höchste Einkommen muss mit dem untersten Einkommen korrespondieren, das meint, plausibel auf nachvollziehbare Leistung gegründet sein. Die bisher eher zur Versklavung führenden und entwürdigenden unteren Einkommen müssen verschwinden. Was sich die Entscheider in Politik und Wirtschaft da derzeit leisten, ist mit Worten kaum zu beschreiben.
 
Es wäre sicher der beste Weg, wenn die da oben denen da unten in großen Schritten entgegenkämen, statt auszutarieren, wie weit man es noch treiben kann. Und der Mittelschicht sei gesagt, wenn sie nur nach oben schielt, statt sich nach unten zu solidarisieren, wird auch sie nie aus ihrer Abhängigkeit von denen da oben heraus kommen. Eine auf Dauer friedvolle Gesellschaft kommt so nicht zustande. (PK)
 
Im vierten Teil wird es vornehmlich um die Einkommen aus selbstständiger Arbeit gehen.

Lebenslauf des Autors:
Geb. am 4.4.1940 in Georgsmarienhütte, einer Kleinstadt bei Osnabrück
1946-1950 Volksschule, 1950-1956 Gymnasium, mehrere Handelsschulen, mehrfacher Schulabbrecher und Leistungsverweigerer
1956-1958 Getrampt durch Süd- und Westeuropa, 1958-1960 Bundeswehr, anschließend Wehrdienstverweigerer
1960-1972 Gearbeitet in Tätigkeiten mit schwerer bis schwerster körperlicher Belastung z.B. Möbelträger/Packer
1972 Umschulung zum Speditionskaufmann und bis 2005 im selben Unternehmen beschäftigt
Vom Hilfsdisponenten über mehrere Stationen zum Leiter einer Internationalen Transportabteilung, Leiter der Personalentwicklung und Ausbildungsleiter
Nach 45 Jahren sozialversicherungspflichtiger Arbeit Rente
Anschließend freiberuflicher Trainer. Spezialgebiete: Mitarbeiter/Innen auf den unteren Lohnstufen (Kraftfahrer/Lagerarbeiter u.a.), Ausbildung für DisponentInnen, lebenslanges Selbststudium, Schwerpunkte: Philosophie/Soziologie/Literatur 


Online-Flyer Nr. 391  vom 30.01.2013

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